{"id":101724,"date":"2023-07-27T15:30:12","date_gmt":"2023-07-27T13:30:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101724"},"modified":"2023-07-27T16:54:00","modified_gmt":"2023-07-27T14:54:00","slug":"sommerkino-bei-3-sat-die-drei-tage-des-condor-ein-film-der-die-skrupellosigkeit-der-maechtigen-der-usa-anklagt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101724","title":{"rendered":"Sommerkino bei 3sat: Die drei Tage des Condor \u2013 ein Film, der die Skrupellosigkeit der M\u00e4chtigen der USA anklagt"},"content":{"rendered":"<p>Der Kinofilm &bdquo;Die drei Tage des Condor&ldquo; geh&ouml;rt zu meinen liebsten US-amerikanischen Werken. Regisseur und Schauspieler Sydney Pollack schuf den schockierenden Streifen in den Jahren 1974\/ 75 und klagte darin &uuml;beraus kunstvoll den uners&auml;ttlichen, ungebremsten, schamlosen und straffreien Machtmissbrauch der Geheimdienste im Dienst der Regierung an. Immer mal wieder wird dieser beeindruckende, nachdenklich stimmende Film auch bei uns im &bdquo;&Ouml;ffentlich-Rechtlichen&ldquo; gezeigt. Mir wirkt die aktuelle Platzierung <a href=\"https:\/\/www.3sat.de\/film\/spielfilm\/die-drei-tage-des-condor-100.html\">bei <em>3sat<\/em><\/a> vor dem Hintergrund des regen Treibens der USA hier, in Europa und weltweit wie ein Seitenhieb seitens wom&ouml;glich kritischer Programmmacher, die statt Rambo I, II oder III mit dem regierungskritischen Agentenfilm beim kritischen Publikum punkten. Ein Zwischenruf von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Der hat ja gar nichts an&ldquo;, sagt einzig der kleine Junge im M&auml;rchen &bdquo;Des Kaisers neue Kleider&ldquo; beim Anblick des am Volk vorbeistolzierenden, beinah nackten Herrschers. Und ja, die Gro&szlig;en sehen es auch und sagen nichts. In &bdquo;Die drei Tage des Condor&ldquo; sieht das Publikum ebenfalls, dass der im Film gezeigte Missbrauch von Macht durch das Establishment und die Gefolgschaft offensichtlich und doch f&uuml;r die T&auml;ter folgenlos ist. Der Film erinnert mich an die Jungenaussage im M&auml;rchen. Auf der Hand Liegendes wie das Treiben der M&auml;chtigen bleibt im &Ouml;ffentlichen verborgen, die Macht beh&auml;lt eine &bdquo;reine wei&szlig;e Weste&ldquo;. Und doch wei&szlig; jeder Bescheid, was gespielt wird.<\/p><p><strong>Die gro&szlig;e Schn&uuml;ffelei, getarnt als Literaturinstitut<\/strong><\/p><p>Im wahren Leben kommt es mir &auml;hnlich wie im Film vor, wir befinden uns in einer schizophrenen Situation. Im Film kommt die gr&ouml;&szlig;te Macht der Welt schlecht weg, vor und nach dem Film sieht das Leben um uns dagegen aus, als w&auml;re die USA das beste Land der Welt, die Regierung die beste und so weiter, so wird es gerade durch meinungsf&uuml;hrende Medien und wichtige Politiker immer und immer wieder vorgekaut. Die M&auml;chtigen k&ouml;nnen sich sogar erlauben, solche kritischen Filme nicht auf den Index zu setzen, herrscht doch schlie&szlig;lich Meinungsfreiheit.<\/p><p>Man k&ouml;nnte meinen &ndash; der Film stammt aus dem Jahr 1975 &ndash;, darin Erz&auml;hltes sei Schnee von gestern. Die Geschichte, sicher f&uuml;r den Film frei erfunden (und nach einem Roman bildlich umgesetzt), l&auml;sst einen indes den Atem anhalten, was in einer zivilisierten Gesellschaft alles m&ouml;glich ist. Gut getarnt als Team eines Literaturinstituts durchforsten Agenten eines amerikanischen Geheimdienstes die schriftliche Welt weltweit. M&auml;rchen, Geschichten Ideen, Konzepte, Briefe, Texte rund um den Globus suchen, durchforsten, auswerten, um darin gefundene potenzielle Ans&auml;tze f&uuml;r die Macht, die Interessen, die Strategien der USA, f&uuml;r deren Kriege, f&uuml;r deren Aktionen gegen den Feind zu verwenden, darauf muss man erstmal kommen.<\/p><p>Im Film wird gezeigt, was passiert, wenn &ndash; wehe dem &ndash; jemand wie die lesenden Agenten (wenn auch unbeabsichtigt) seinen Auftraggebern auf die Spur kommt: Es wird kurzer Prozess gemacht, die Literaturagenten werden mit Unterst&uuml;tzung bestellter Killer umgebracht. Der Einfluss der Dienste reicht weit, die Medien von New York berichten &uuml;ber einen Anschlag auf der Stra&szlig;e ganz anders als tats&auml;chlich geschehen. Und die Reinigungskolonne der T&auml;ter macht den Tatort sauber. Nur einer kommt dank eines gl&uuml;cklichen Zufalls zun&auml;chst lebend davon: Condor, gespielt vom legend&auml;ren Robert Redford. Doch ist er nun Gejagter, Ausgesto&szlig;ener. Seine Chefs haben ihn im Visier und machen aus ihm, dem Opfer, einen T&auml;ter. Turner, Codename Condor, wird diffamiert, in der Lagebesprechung mit Vertretern der Regierung und der Dienste wird die pers&ouml;nliche W&uuml;rde des bisher gelobten Agenten voller Zynismus in den Dreck gezogen &ndash; seine Tage sind gez&auml;hlt.  <\/p><p><strong>Kritiker werden verfolgt &ndash; im Film werden Mitwisser neutralisiert<\/strong><\/p><p>Im wahren Leben, also gerade jetzt, werden Leute, die den Machthabern in die Quere kommen, in Einzelhaft genommen &ndash; siehe Julian Assange, f&auml;llt mir ein. Im Film m&auml;ht ein Killerkommando die zu viel Wissenden &uuml;ber den Haufen. In der Realit&auml;t erledigen solche &bdquo;M&auml;hjobs&ldquo; schon mal Helikopter-Besatzungen, deren Treiben aber durch Journalisten in die &Ouml;ffentlichkeit ger&auml;t. Der Ver&ouml;ffentlicher wird, weil die Staatsr&auml;son, die nationale Sicherheit bedroht ist, zum Staatsfeind erkl&auml;rt. Nicht nur in den USA, sondern weltweit: Julian Assange. Man bedenke, er handelt als Journalist, ein Beruf, der weltweit in allen Demokratien und in vielen Verfassungen verbrieft gesch&uuml;tzt ist. Statt ihn aber zu sch&uuml;tzen, um unser aller Willen, um unser aller Demokratien, f&uuml;r Meinungsfreiheit, f&uuml;r Pressefreiheit &ndash; missachten westliche L&auml;nder von den USA, Schweden, Gro&szlig;britannien bis Deutschland diese Rechte, die Errungenschaften, die Vierte Gewalt.   <\/p><p>In Literaturtexten zu suchen, ist eine Spielart, was wird nicht alles im Auftrag der Regierungen anderes erforscht, im Verborgenen getrieben? Moderne Foltermethoden, Verh&ouml;rmethoden, Verfolgungstaktiken, die totale &Uuml;berwachung, digital, medial, analog, deren Verschleierung und Verharmlosung mittels PR-Kampagnen, die st&auml;ndige Beeinflussung der B&uuml;rger auf allen Kan&auml;len, m&auml;chtiger Lobbyismus f&uuml;r Wenige zum Nutzen, Thinktanks, Denkfabriken, wohin das Auge blickt.<\/p><p>Und der engste Freund h&ouml;rt mit. Zur Erinnerung, weil die Geschichte wundersam vergessen scheint: Vor ein paar Jahren meinte die damalige Kanzlerin, dass das gar nicht ginge, als sie erfuhr, dass ihr Mobiltelefon von befreundeten amerikanischen Diensten abgeh&ouml;rt wurde. Doch, Frau Altkanzlerin, das geht. Von den endlosen M&ouml;glichkeiten der Macht zeugt auch der Film von Sydney Pollack.   <\/p><p>In &bdquo;Die drei Tage des Condor&ldquo; &bdquo;entdeckt&ldquo; Agent und Literaturexperte Turner, dass in Arabien und in Lateinamerika was am Laufen ist. Ohne die Folgen zu ahnen, was er da &bdquo;entdeckt&ldquo; hat, wird er zur Gefahr. Der Zuschauer erf&auml;hrt: Turner alias Robert Redford (und seine Kollegen) stehen Pl&auml;nen einer m&ouml;glichen Invasion der USA im Nahen Osten und in Venezuela im Weg. Die angestellten, kleinen Agenten wissen zu viel&hellip; 1975.<\/p><p><strong>Solche Filme braucht es auch heute<\/strong><\/p><p>Wir schreiben das Jahr 2023. Irgendwie kommt einem das Treiben rund um &Ouml;l und Macht bekannt vor. Ich bedauere, dass kein Sydney Pollack weit und breit zu sehen ist, gerade jetzt br&auml;uchte es Filme seines Kalibers, mit k&uuml;nstlerischen, dokumentarischen, b&uuml;rgerschaftlich engagierten Mitteln den M&auml;chtigen auf die Finger zu schauen und ihrem Treiben Einhalt zu gebieten. Gut, es gibt sehr wohl engagierte, unbequeme, nicht auf Quote und Einnahmen schielende K&uuml;nstler. Dagegen gibt es viele, zu viele (?), die den Trott der Mittelm&auml;&szlig;igkeit, Angepasstheit, Bequemlichkeit, des Opportunismus mitmachen &ndash; und lieber die pinke Geschichte von Barbie verfilmen.<\/p><p>Der grandiose, alte Film &uuml;ber Condor ger&auml;t erfreulicherweise immer mal wieder auf den Schirm, gerade eben bei <em>3sat<\/em>. Als Filmfreund kommt man auf Gedanken, was in neuen Filmen so alles zu besprechen w&auml;re: geheime Operationen in der Ostsee, in Syrien, in Afrika, weltweit. &Uuml;berall brennt es &ndash; nicht nur in W&auml;ldern. N&auml;chsten Monat j&auml;hrt sich der Putsch gegen Salvadore Allende in Chile zum 50. Mal. F&uuml;r US-Regisseur Sydney Pollack ist die Geschichte von Condor sicher eine spannende, lohnende, auch gef&auml;hrliche gewesen &ndash; wie denn die Geheimdienste seines Landes, die Denker und Lenker aus Washington oder aus den damals noch stehenden Twin Towers in New York heraus Strategien entwickeln und umsetzen lie&szlig;en, um die Spitzenstellung, den Anspruch der F&uuml;hrung als das Heilige R&ouml;mische, pardon, Amerikanische Reich der Welt zu erhalten.<\/p><p><strong>Pressefreiheit? Selbst die ber&uuml;hmte <em>New York Times<\/em> ist nicht frei  <\/strong><\/p><p>Agent Turner &uuml;berlebt seit dem Anschlag auf seine Kollegen den dritten Tag. Er schafft es, vor dem Hauptgeb&auml;ude der Zeitung <em>New York Times<\/em> zu stehen und sich mit seinem Widersacher, einem m&auml;chtigem Geheimdienstboss zu treffen. Turner droht diesem, seine Geschichte der Redaktion der <em>NYT<\/em> vorzulegen. Der Geheimdienstboss fragt mit einem feinen, entlarvend h&auml;mischen L&auml;cheln: Ob die das auch ver&ouml;ffentlichen?<\/p><p><em>Der Film ist bis zum 28. Juli in der <a href=\"https:\/\/www.3sat.de\/film\/spielfilm\/die-drei-tage-des-condor-100.html\">3sat-Mediathek<\/a> verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kinofilm &bdquo;Die drei Tage des Condor&ldquo; geh&ouml;rt zu meinen liebsten US-amerikanischen Werken. Regisseur und Schauspieler Sydney Pollack schuf den schockierenden Streifen in den Jahren 1974\/ 75 und klagte darin &uuml;beraus kunstvoll den uners&auml;ttlichen, ungebremsten, schamlosen und straffreien Machtmissbrauch der Geheimdienste im Dienst der Regierung an. 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