{"id":1018,"date":"2006-01-11T17:39:40","date_gmt":"2006-01-11T15:39:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1018"},"modified":"2016-02-21T10:31:42","modified_gmt":"2016-02-21T09:31:42","slug":"steinbruck-liest-den-deutschen-die-leviten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1018","title":{"rendered":"\u201eSteinbr\u00fcck liest den Deutschen die Leviten\u201c"},"content":{"rendered":"<p>So lautet die zusammenfassende &Uuml;berschrift eines Berichtes der Zeit &uuml;ber eine Grundsatzrede unseres neuen Bundesfinanzministers beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Frankfurt. Wer den Geist und die Praxis der gro&szlig;en Koalition erfassen will, sollte <a href=\"http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/cln_02\/nn_54\/DE\/Aktuelles\/Reden_20und_20Interviews\/017,templateId=renderPrint.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/cln_02\/nn_54\/DE\/Aktuelles\/Reden_20und_20Interviews\/017,templateId=renderPrint.html\">diese Rede<\/a> wenigstens &uuml;berfliegen. (AM\/WL)<br>\n<!--more--><br>\nZusammenfassende Berichte finden Sie in der <a href=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/hb\/1035051.xml\" title=\"Externer Link zu http:\/\/zeus.zeit.de\/hb\/1035051.xml\">Zeit<\/a> und der <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/pw\/de\/38271.html?mode=print\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.ftd.de\/pw\/de\/38271.html?mode=print\">Financial Times Deutschland<\/a>.<\/p><p><strong>Unser Kommentar:<\/strong><\/p><ol>\n<li>Steinbr&uuml;ck hat diese Rede direkt im Anschluss an die Klausur der Bundesregierung gehalten. Bei ihrem zweit&auml;gigen Treffen in Genshagen bem&uuml;hte sich die Bundesregierung sichtlich, das 25-Milliarden-Investitionsprogramm als einen positiven und optimistischen Ansto&szlig; f&uuml;r die Konjunktur darzustellen. Der Bundesfinanzminister konterkariert dieses Bem&uuml;hen um eine positivere Stimmungslage, indem er oberlehrerhaft den Deutschen die Leviten liest und weitere Schnitte ins soziale Netz ank&uuml;ndigt. Die Lage der &ouml;ffentlichen Haushalte, lie&szlig;e es nicht mehr zu, &bdquo;einen vornehmlich konsumtiv, auf Alimentation ausgerichteten Sozialstaat weiterhin im bisherigen Volumen zu finanzieren&ldquo;. Es k&ouml;nne nicht &bdquo;das alleinige Ziel des modernen Staates sein, jeden Einzelnen gegen alle Unw&auml;gbarkeiten des Marktes zu sch&uuml;tzen.&ldquo; Steinbr&uuml;ck setzt damit die Verunsicherungsstrategie gegen&uuml;ber den auf staatliche Transfers Angewiesenen und gegen&uuml;ber den um ihre Arbeitspl&auml;tze besorgten weiter fort. Gerade soziale Sicherheit ist jedoch eine elementare Voraussetzung f&uuml;r die Verbesserung des daniederliegenden Konsumklima in diesem Land. Wer in dieser Situation eines stagnierenden Binnenmarktes die Menschen weiter verunsichert, beweist damit nur seine makro&ouml;konomische Inkompetenz. Aber klar, in Kreisen von Industrie- und Handelskammern ist es popul&auml;r, den starken Mann gegen&uuml;ber den &bdquo;kleinen Leuten&ldquo; zu spielen.<\/li>\n<li>Steinbr&uuml;ck polemisierte wie &uuml;blich gegen &bdquo;&uuml;bertriebene Anspruchshaltung&ldquo; und einen angeblich &bdquo;auf Alimentation ausgerichteten Sozialstaat&ldquo;. Offenbar hat er wichtige Elemente dieses Sozialstaats nicht verstanden oder er will sie einfach abschaffen. Der Sozialstaat hat solidarische Vorsorgesysteme, zum Beispiel die gesetzliche Rente oder die Arbeitslosenversicherung. Wenn ein B&uuml;rger im Alter eine Rente beansprucht, dann tut er das in der Regel, weil er vorher Beitr&auml;ge gezahlt hat. Das hat nichts mit Anspruchshaltung zu tun und nichts mit Alimentation. Diese Art von sozialstaatlichen Regeln und Einrichtungen haben aber in Steinbr&uuml;cks &bdquo;modernem&ldquo; Staat offenbar nichts mehr verloren. Dies ist besonders realit&auml;tsblind angesichts der Tatsache, dass die Beitragszahler wesentlich zur Finanzierung einer Kernaufgabe des Staates, n&auml;mlich zur Finanzierung der Sozialleistungen im Zusammenhang mit der deutschen Einheit beigetragen haben. 4 bis 5% Beitragsbelastung resultieren aus dieser falschen Finanzierung. Wer angesichts dieser solidarischen Leistung der Beitragszahler von Anspruchshaltung und Alimentation spricht, will offenbar diese Sachlage nicht zur Kenntnis nehmen.<\/li>\n<li>Steinbr&uuml;ck redet davon, die Leistungen des Staates m&uuml;ssten &bdquo;strikt an die Art ihrer Wirkungen gebunden werden: was aktivierend wirkt, muss bleiben, und es kann sogar ausgebaut werden, wenn zugleich alles das abgebaut wird, was zu Passivit&auml;t und &uuml;bertriebener Anspruchshaltung f&uuml;hrt.&ldquo; Der Finanzminister hat offenbar das nahezu komplette Scheitern der Hartz-Gesetze immer noch nicht zur Kenntnis genommen, er verweigert die Wirklichkeit, dass vom &bdquo;Fordern und F&ouml;rdern&ldquo; angesichts der Arbeitsmarktlage nur das Fordern &uuml;brig geblieben ist. Er m&uuml;sste dar&uuml;ber hinaus auch wissen, dass es in diesem Land eine gro&szlig;e Zahl von Menschen gibt, denen die Solidargemeinschaft helfen muss, ohne dass das Kriterium des Aktivierens zur Begr&uuml;ndung allein ausreicht. Manche Leute sind krank und arbeitsunf&auml;hig, &auml;ltere Arbeitnehmer haben kaum eine Chance , dass sie wieder aktiv werden k&ouml;nnen, die psychischen Krankheiten nehmen zu, auch unter dem Druck der Arbeitslosigkeit, manche sind alt und brauchen Hilfe, manche Alleinerziehenden haben Kinder und brauchen Hilfe. Was soll angesichts dieser Realit&auml;t die Lehrbuchweisheit der neoliberalen und sozialdemokratischen Moderne?<\/li>\n<li>Die CDU fabuliert von der &bdquo;neuen Gerechtigkeit&ldquo;, Steinbr&uuml;ck sorgt daf&uuml;r, dass die &bdquo;soziale Gerechtigkeit&ldquo; aus dem Denken verschwindet. Chancengerechtigkeit sei das Grundprinzip eines modernen Sozialstaates, dessen erstes Ziel es sein m&uuml;sse, den Einzelnen zur Teilnahme und Teilhabe auf den M&auml;rkten zu bef&auml;higen. Das wirkt schon ziemlich makaber, angesichts der Befunde von Pisa oder anderer Studien zur zunehmenden Chancenungerechtigkeit gerade beim Zugang zu Bildung und Ausbildung und damit beim Zugang auf den Arbeitsmarkt.<\/li>\n<li>Immerhin tritt er f&uuml;r den starken Staat ein, f&uuml;r einen leistungsf&auml;higen Staat, der seinen Preis habe. Dann erw&auml;hnt Steinbr&uuml;ck auch die Tatsache, dass wir in Deutschland mit einer Steuerquote von unter 20% weit unter dem Niveau des EU-Durchschnitts von 29% und auch unter der Steuerquote Gro&szlig;britanniens von 29,4% liegen. Und dass selbst unter Einschluss der &ldquo;der relativ hohen Sozialabgaben &bdquo;Deutschland mit 34,6% Abgabenquote im unteren Mittelfeld positioniert&ldquo; sei. Und all dies, trotz der 4% f&uuml;r den innerstaatlichen Transfer von West nach Ost. Eigentlich m&uuml;sste ein Finanzminister angesichts dieser Zahlen auf die Idee kommen, dass dieses Herunterfahren der Einnahmen des Staates durch Steuersenkungen und der damit verbundene Niedergang der &ouml;ffentlichen Investitionen seit vielen Jahren gerade eine der Ursachen f&uuml;r den Niedergang unserer Wirtschaftsentwicklung sein k&ouml;nnte. Er kommt auf diese Idee nicht. Statt dessen weist er daraufhin, was Steuererh&ouml;hungen bei der hohen Mobilit&auml;t von Kapital und der Konkurrenz internationaler Steuersysteme bedeuten w&uuml;rden. Da ist sie wieder die &ndash; angelernte &ndash; Drohung mit der Abwanderung des Kapitals. Wieso gilt das eigentlich nicht f&uuml;r das von Steinbr&uuml;ck selbst erw&auml;hnte Gro&szlig;britannien oder f&uuml;r die noch h&ouml;heren Steuers&auml;tze in Schweden und D&auml;nemark?<\/li>\n<li>Zur Steuerpolitik der fr&uuml;heren und jetzigen Regierung hat sich Prof. Lorenz Jarass am 6.1.2006 mit einem <a href=\"http:\/\/www.jarass.com\/Steuer\/C\/Steuer-%20und%20Finanzpolitik.pdf\" title=\"Externer Link [PDF - 160 KB] zu http:\/\/www.jarass.com\/Steuer\/C\/Steuer-%20und%20Finanzpolitik.pdf\">Papier [PDF &ndash; 160 KB]<\/a> zu grunds&auml;tzlichen und aktuellen Fragen der Steuer- und Finanzpolitik ge&auml;u&szlig;ert. Das passt zu der Rede von Steinbr&uuml;ck.<\/li>\n<li>Wie &uuml;blich baut Steinbr&uuml;ck Popanze auf. Schon der Hinweis auf die &bdquo;Alimentation&ldquo; und &bdquo;Anspruchshaltung&ldquo; ist ja beileibe keine zutreffende Beschreibung der bundesdeutschen Realit&auml;t. Auch das Gegeneinanderstellen von Chancengerechtigkeit und Ergebnisgleichheit folgt diesem Muster etwas als Abschreckung darzustellen, was es gar nicht gibt. Wer hat je &bdquo;Ergebnisgleichheit&ldquo; gefordert oder angestrebt? Das ist doch ein reines Ablenkungsman&ouml;ver angesichts der immer mehr auseinander driftenden Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung und der zunehmenden sozialen Selektion bei Bildung und Berufschancen in unserem Land. Wer will denn das Gehalt von Herrn Ackermann dem der Verk&auml;uferin anpassen? Wer dar&uuml;ber nur ein bisschen nachdenkt, der m&uuml;sste, statt die Gefahr von Gleichmacherei zu wittern, auf das extreme und unanst&auml;ndige Auseinanderdriften von Arm und Reich in unserer Gesellschaft hinweisen.<\/li>\n<li>Steinbr&uuml;ck verspricht den Ausbau und die St&auml;rkung des Private-Equity-Bereichs, aber er sagt &uuml;berhaupt nichts &uuml;ber die Steuerbefreiung f&uuml;r die Gewinne beim Verkauf von Unternehmen oder Unternehmensteilen. Diese von Schr&ouml;der und Eichel eingef&uuml;hrte Subvention l&auml;sst er genau so unerw&auml;hnt wie das Ehegattensplitting, die F&ouml;rderung der Minijobs zulasten der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsvertr&auml;ge und die F&ouml;rderung der Privatvorsorge. Den Ausbau der Riester-Rente, lobt er sogar noch ausdr&uuml;cklich.<\/li>\n<li>Steinbr&uuml;ck setzt sich massiv f&uuml;r die Fortsetzung der Privatisierung staatlicher Aufgaben ein, also der Public Private Partnerships (Wir haben auf den NachDenkSeiten die Folgen der PPPs schon h&auml;ufig analysiertet und kritisiert). Ihr Anteil soll von heute 4% an den &ouml;ffentlichen Investitionen auf das Niveau anderer Industriel&auml;nder, 15%, angehoben werden. Klar, dass auch hier der Bundesfinanzminister nur nachvollzieht, was andere neoliberale gepr&auml;gte L&auml;nder vorgemacht haben. Das Nachdenken, etwa dar&uuml;ber, dass die k&uuml;nftigen B&uuml;rger f&uuml;r diese Art von Privatisierung teuer bezahlen m&uuml;ssen, l&auml;sst Steinbr&uuml;ck str&auml;flich vermissen.<\/li>\n<\/ol><p>Wie Steinbr&uuml;ck mit dieser Grundsatzrede &bdquo;Vertrauen wecken&ldquo; will, bleibt sein Geheimnis.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So lautet die zusammenfassende &Uuml;berschrift eines Berichtes der Zeit &uuml;ber eine Grundsatzrede unseres neuen Bundesfinanzministers beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Frankfurt. Wer den Geist und die Praxis der gro&szlig;en Koalition erfassen will, sollte <a href=\"http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/cln_02\/nn_54\/DE\/Aktuelles\/Reden_20und_20Interviews\/017,templateId=renderPrint.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/cln_02\/nn_54\/DE\/Aktuelles\/Reden_20und_20Interviews\/017,templateId=renderPrint.html\">diese Rede<\/a> wenigstens &uuml;berfliegen. (AM\/WL) <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[206,198,144,145],"tags":[1455,253,1265,291],"class_list":["post-1018","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-chancengerechtigkeit","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-private-public-partnership","category-sozialstaat","tag-private-equity","tag-steinbrueck-peer","tag-steuerbefreiung","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1018","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1018"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1018\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31445,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1018\/revisions\/31445"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1018"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1018"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1018"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}