{"id":10191,"date":"2011-07-22T08:43:05","date_gmt":"2011-07-22T06:43:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10191"},"modified":"2014-09-09T11:10:23","modified_gmt":"2014-09-09T09:10:23","slug":"arbeitsmarktpolitik-mit-der-abrissbirne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10191","title":{"rendered":"Arbeitsmarktpolitik mit der Abrissbirne"},"content":{"rendered":"<p>Die Bundesregierung hat im Juni 2011 einen Gesetzentwurf mit dem sch&ouml;nen und vielversprechenden Titel: &bdquo;Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt&ldquo; auf den Weg gebracht. Das Gesetz soll zum 01.04.2012 in Kraft treten.<br>\nZutreffend ist allerdings das Gegenteil dessen, was die &Uuml;berschrift verspricht. Denn dieses Gesetz dient vor allem der Umsetzung des K&uuml;rzungspakets der Bundesregierung vom letzten Jahr. Von Daniel Kreutz<br>\n<!--more--><\/p><p>Mit diesen K&uuml;rzungen werden die Haushaltslasten der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise vorrangig auf erwerbslose und arme Bev&ouml;lkerungsgruppen abgew&auml;lzt. Mehr als ein Drittel (36 %) des gesamten K&uuml;rzungspakets entf&auml;llt auf die Arbeitsmarktpolitik. Dort sollen bis 2014 insgesamt 29,5 Milliarden &bdquo;eingespart&ldquo; werden. Im SGB II, besser bekannt als Hartz IV, wurde ein Teil dieses K&uuml;rzungskatalogs bereits umgesetzt: Abschaffung des befristeten Zuschlags beim &Uuml;bergang vom Arbeitslosengeld I in Hartz IV und Streichung der Rentenversicherungsbeitr&auml;ge bei Hartz IV. Dar&uuml;ber hinaus sollen bis 2014 weitere 20,5 Milliarden aus der Arbeitsmarktpolitik herausgeholt werden. Dazu hat man zun&auml;chst das Budget f&uuml;r die so genannten Eingliederungsleistungen bei Hartz IV f&uuml;r dieses Jahr um durchschnittlich 25 Prozent gek&uuml;rzt (von 6,20 auf 4,66 Mrd. Euro). Bis 2014 stehen hier weitere K&uuml;rzungen ins Haus, im Vergleich zu 2010 bis zu 42 Prozent. <\/p><p>Das Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt soll jetzt bei der Arbeitsf&ouml;rderung der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit K&uuml;rzungen von 7,8 Milliarden bis 2015 bringen. Nicht beziffert sind die K&uuml;rzungen, die den Bundeshaushalt entlasten, weil sie unmittelbar oder mittelbar den Hartz IV-Bereich betreffen. Die seien derzeit nicht kalkulierbar. <\/p><p>Der Paragraf 16, der im SGB II die Eingliederungsleistungen regelt, verweist ja auf eine Reihe von Arbeitsf&ouml;rderma&szlig;nahmen des SGB III, das ist das Recht der Arbeitslosenversicherung, die als Ermessensleistung auch f&uuml;r Hartz IV-Beziehende bewilligt werden k&ouml;nnen. Und wenn da im SGB III Instrumente gestrichen oder eingeschr&auml;nkt werden, wirkt sich das mittelbar auch im Hartz IV-Bereich aus. <\/p><p>Unmittelbar betroffen sind die Eingliederungsleistungen des SGB II an zwei Stellen: Zum einen werden die Arbeitsgelegenheiten in der Entgeltvariante gestrichen (&sect; 16 d SGB II). Arbeitsgelegenheiten in der Entgeltvariante unterscheiden sich von den h&ouml;chst umstrittenen &bdquo;Ein-Euro-Jobs&ldquo;, den Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentsch&auml;digung, im Wesentlichen dadurch, dass es sich dabei um entlohnte Arbeitsverh&auml;ltnisse mit Arbeitsvertrag und grunds&auml;tzlich auch mit Sozialversicherung handelt, allerdings ohne Arbeitslosenversicherung. Das lehnt sich an die Regelungen von ABM an, als den Arbeitsbeschaffungsma&szlig;nahmen nach dem SGB III. Diese &bdquo;bessere&ldquo; Variante der Arbeitsgelegenheiten spielte zahlenm&auml;&szlig;ig schon bisher nur eine ganz untergeordnete Rolle (2009: 13 % aller Arbeitsgelegenheiten), und jetzt f&auml;llt sie ganz weg. <\/p><p>Als so genannte &bdquo;Besch&auml;ftigung schaffende Ma&szlig;nahme&ldquo; des SGB II bleibt hier nur Ein-Euro-Pflichtarbeit &uuml;brig, die allerdings aus K&uuml;rzungsgr&uuml;nden auch derzeit schon zur&uuml;ckgefahren wird. Dabei werden die Ma&szlig;nahmepauschalen, die die Tr&auml;ger erhalten, jetzt gesetzlich gek&uuml;rzt und gedeckelt. Tr&auml;ger, die die Pauschalen nicht im Wesentlichen als Profitmarge der Hartz IV-Industrie verstehen, sondern die sich noch um qualitativ halbwegs vern&uuml;nftige Rahmenbedingungen bem&uuml;hen &ndash; solche soll&rsquo;s ja auch geben &ndash;, gerade die werden ihre Arbeit so nicht fortsetzen k&ouml;nnen. <\/p><p>Eine zweite wesentliche &Auml;nderung im SGB II betrifft den Besch&auml;ftigungszuschuss (&sect; 16 e SGB II). Damit war bisher auch eine unbefristete F&ouml;rderung von regul&auml;rer Besch&auml;ftigung f&uuml;r besonders Betroffene m&ouml;glich. Jetzt wird die F&ouml;rderung auf maximal zwei Jahre begrenzt. Und insgesamt auf h&ouml;chstens 5 Prozent der Eingliederungsmittel, bei denen ja ohnehin drastisch gek&uuml;rzt wird. Zweitens wird eine Zugangsvoraussetzung daf&uuml;r versch&auml;rft. Statt erfolgloser Vermittlungsbem&uuml;hungen &uuml;ber mindestens sechs Monate hinweg m&uuml;ssen es k&uuml;nftig erfolglose &bdquo;verst&auml;rkte&ldquo; Vermittlungsversuche sein. Und drittens wird die Bedingung einer tariflichen oder orts&uuml;blichen Entlohnung gestrichen. Zuk&uuml;nftig k&ouml;nnen sich Arbeitgeber also auch Armutsl&ouml;hne noch direkt bezuschussen lassen &ndash; mit bis zu drei Vierteln der Bruttolohnkosten. <\/p><p>Im SGB III werden die Arbeitsbeschaffungsma&szlig;nahmen, die ABM-Stellen, jetzt ganz gestrichen, nachdem man dies Instrument in den vergangenen Jahren schon bis zur Bedeutungslosigkeit in den Keller gefahren hat. <\/p><p>Die mit Abstand gr&ouml;&szlig;te Einzelk&uuml;rzung entf&auml;llt mit gut f&uuml;nf Milliarden (2012-2015) auf den Gr&uuml;ndungszuschuss zum Aufbau einer selbst&auml;ndigen Existenz. Dazu wird der Gr&uuml;ndungszuschuss erstens vollst&auml;ndig zur Ermessensleistung. Da gibt&rsquo;s keinerlei Rechtsanspruch mehr, sondern der zust&auml;ndige Sachbearbeiter bei der Arbeitsagentur entscheidet, wer den dann noch bekommt. Zweitens werden die Zugangsvoraussetzungen versch&auml;rft (Restlaufzeit ALG I 150 statt 90 Tage), und drittens wird die F&ouml;rderung durch den Gr&uuml;ndungszuschuss deutlich verschlechtert (Verk&uuml;rzung der h&ouml;her gef&ouml;rderten ersten F&ouml;rderphase von 9 auf 6 Monate, Verl&auml;ngerung der zweiten von 6 auf 9 Monate). <\/p><p>Noch st&auml;rker als bisher betont das Gesetz die so genannte Vermittlungsorientierung der Arbeitsmarktpolitik. Es soll noch vorrangiger als bisher in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden auf Teufel kommt raus &ndash; nat&uuml;rlich auch in den Niedriglohnsektor und andere prek&auml;re Besch&auml;ftigungsformen. F&uuml;r diejenigen, bei denen Vermittlung nicht funktioniert, und das sind in erster Linie Menschen in Hartz IV, gibt&rsquo;s k&uuml;nftig noch weniger Arbeitsf&ouml;rderung als schon bisher. <\/p><p>Man tut nach &uuml;ber 30 Jahren Massenerwerbslosigkeit immer noch so, als w&uuml;sste man nicht, dass Vermittlungsanstrengungen da sinnlos werden, wo keine Arbeitspl&auml;tze vorhanden sind, in die vermittelt werden k&ouml;nnte. Nat&uuml;rlich wei&szlig; man das, aber wenn man das zugeben w&uuml;rde, m&uuml;sste man ja auch einr&auml;umen, dass das Problem nicht in mangelnder Aktivierung von Erwerbslosen, sondern im Mangel an ordentlichen Arbeitspl&auml;tzen besteht. <\/p><p>Stattdessen bedient das Gesetz noch eine weitere neoliberale Modernisierungsstrategie, n&auml;mlich die Privatisierung der Arbeitsmarktpolitik und die Vollendung eines wirtschaftlichen Wettbewerbsmarktes f&uuml;r alle Anbieter von arbeitsmarktpolitischen Ma&szlig;nahmen. Dazu ersetzt man erstens den bisherigen Rechtsanspruch auf eine Arbeitsf&ouml;rderma&szlig;nahme &ndash; nach sechs Monaten Erwerbslosigkeit (&sect; 46 SGB III) &ndash; durch den Anspruch auf einen &bdquo;Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein&ldquo;. Ob man k&uuml;nftig noch eine konkrete Ma&szlig;nahme bekommt oder ob man mit dem Gutschein auf den Markt geschickt wird, entscheidet die Arbeitsagentur. Zweitens wird die bislang befristete Regelung, wonach diejenigen, die innerhalb von sechs Monaten mindestes zw&ouml;lf Wochen arbeitslos sind, einen Rechtsanspruch auf Einschaltung eines privaten Arbeitsvermittlers haben, jetzt entfristet, also zur dauerhaften Regelung. Und drittens soll es k&uuml;nftig f&uuml;r alle Anbieter von arbeitsmarktpolitischen Ma&szlig;nahmen und auch f&uuml;r die Ma&szlig;nahmen selbst ein Zulassungsverfahren nach bundeseinheitlichen Standards geben. Ein vergleichbares Verfahren gab es bislang nur im Bereich der beruflichen Weiterbildung. Zust&auml;ndig f&uuml;r die Zulassungen wird die Deutsche Akkreditierungsstelle GmbH &ndash; ein privates Unternehmen unter staatlicher Aufsicht, dass nach dem europ&auml;ischen Wettbewerbsrecht geschaffen wurde. Dabei sorgen die Standards nicht zuletzt daf&uuml;r, dass die Ma&szlig;nahmen m&ouml;glichst billig bleiben. Als Richtwert f&uuml;r die Ma&szlig;nahmekosten gelten k&uuml;nftig n&auml;mlich in der Regel die bundesweit ermittelten durchschnittlichen Kosten f&uuml;r gleichartige Ma&szlig;nahmen. Diese d&uuml;rfen &bdquo;nicht unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig&ldquo; &uuml;berschritten werden. <\/p><p>Mit diesen Regelungen wird die Erbringung von Arbeitsmarktdienstleistungen mehr denn je zu einem Gesch&auml;ft am Wettbewerbsmarkt, auf dem sich die Anbieter vor allem als Wirtschaftsunternehmen zu behaupten haben, also betriebswirtschaftlich rentabel sein m&uuml;ssen. Das Gesetz tr&auml;gt so dazu bei, den Systemwechsel vom Sozialstaat zum neoliberalen Wettbewerbsstaat, der auch das Soziale der Gesch&auml;ftemacherei am Markt unterwirft, weiter voranzutreiben. Die gleiche Entwicklung haben wir ja auch in vielen anderen Bereichen des Sozialwesens. Auch das d&uuml;rfte zur Verfestigung und Verst&auml;rkung der Spaltung des Arbeitsmarkts beitragen. Denn lohnende Gesch&auml;fte werden sich da zum einen mit so genannten &bdquo;marktnahen&ldquo; KlientInnen machen lassen, die keine so genannten Vermittlungshemmnisse oder sonstige Einschr&auml;nkungen aufweisen. Und zum anderen, indem man die Qualit&auml;t absenkt, um unter dem Kostendeckel noch rentabel zu sein. Vor allem f&uuml;r Langzeiterwerbslose d&uuml;rften sich damit die Chancen weiter verschlechtern, hochwertige und n&uuml;tzliche Arbeitsf&ouml;rderma&szlig;nahmen zu bekommen. <\/p><p>Ich teile die Kritik des Parit&auml;tischen Wohlfahrtsverbands, dass mit dem Gesetz ein &bdquo;Vier-Klassen-Arbeitsmarkt&ldquo; zementiert wird. Erstens die erwerbst&auml;tigen Normal- und Gutverdiener, zweitens die gut vermittelbaren Arbeitslosen, auf die sich alle arbeitsmarktpolitischen F&ouml;rderangebote konzentrieren, drittens die zunehmende Masse der working poor, der Aufstocker, und viertens hunderttausende Langzeitarbeitslose, die staatlicherseits schlicht abgeschrieben werden. Zu alledem passen die Meldungen, wonach die Bundesagentur bis 2015 bis zu 17.000 Stellen abbauen will. <\/p><p>Das Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt bringt im &Uuml;brigen noch eine weitreichende Neuordnung der Paragrafen im SGB III, eine Ver&auml;nderung der Gesetzessystematik. Zwar sind damit nach meiner bisherigen Kenntnis keine weiteren substanziellen Verschlechterungen verbunden. Aber wenn man mit dem SGB III arbeitet, zum Beispiel in der Arbeitslosenberatung, dann wird man viele Regelungen nicht mehr an der gewohnten Stelle finden, sondern man wird erstmal suchen m&uuml;ssen, wo sich das jetzt wiederfindet. <\/p><p>Der eigentliche Sinn der Ma&szlig;nahmen besteht meines Erachtens nicht zuletzt darin, den Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung niedrig zu halten bzw. noch weiter zu senken. Seit 2006 wurde der schon mehr als halbiert (von 6,5 auf 3 % 2011). Von Beitragssenkungen in der Sozialversicherung, die durch Leistungsabbau und Privatisierung herbeigef&uuml;hrt werden, profitieren aber letztlich allein die Arbeitgeber. Denn die Versicherten bezahlen ihre Beitragsentlastung mit Verlusten bei ihrer sozialen Sicherung, die im konkreten Fall in keinem Verh&auml;ltnis zu ein paar Euro weniger Beitrag stehen. <\/p><p>Zusammenfassend kann man sagen, dass das neue Gesetz die Zerst&ouml;rung der Arbeitslosenversicherung fortsetzt. Manche Insider bef&uuml;rchten, dass man am Ende die &ouml;ffentliche Arbeitsverwaltung als Tr&auml;ger der Arbeitslosenversicherung ganz abschafft. Der Umschlag von einem graduellen Abbau der Arbeitslosenversicherung zu ihrer Zerst&ouml;rung hat mit den Hartz-Reformen unter Rot-Gr&uuml;n stattgefunden. Seither ist die gro&szlig;e Mehrheit der Erwerbslosen &ndash; zwischen zwei Dritteln und drei Vierteln &ndash; auf die repressive Armenf&uuml;rsorge von Hartz IV verwiesen &ndash; noch dazu mit Leistungen auf unterstem, verfassungswidrig niedrigem Niveau. Hartz IV hat damit die Arbeitslosenversicherung als Regelsystem f&uuml;r das Risiko der Erwerbslosigkeit abgel&ouml;st. <\/p><p>Zugleich wurde die zentrale sozialstaatliche Funktion der Arbeitslosenversicherung ins Gegenteil verkehrt. Fr&uuml;her sollte die Arbeitslosenversicherung mit angemessenen Lohnersatzleistungen und mit einer am tariflich und sozial regulierten Normalarbeitsverh&auml;ltnis ausgerichtete Arbeitsmarktpolitik verhindern, dass Arbeitgeber die Notlage der Erwerbslosigkeit zur Verschlechterung der Arbeits- und Entgeltbedingungen ausnutzen. Oder positiv ausgedr&uuml;ckt: sie sollte ein tarif- und sozialrechtlich reguliertes Besch&auml;ftigungssystem stabilisieren, in dem Arbeitskr&auml;fte mit und ohne Arbeit nicht blo&szlig; Waren sind, sondern auch B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger mit sozialen Rechten. <\/p><p>Hartz IV hat diese Funktion ins Gegenteil verkehrt, wie wir wissen. Mittels der sogenannten &bdquo;neuen Zumutbarkeit&ldquo; und der sanktionsbewehrten Arbeitspflicht &ndash; bis hin zur Ein-Euro-Pflichtarbeit ohne Lohn &ndash; hat Hartz IV ma&szlig;geblich zu dem beispiellosen Boom bei den Niedrig- und Armutsl&ouml;hnen und bei der prek&auml;ren Besch&auml;ftigung mit Leiharbeit und Minijobs beigetragen. <\/p><p>Der Ausschuss der Vereinten Nationen, der den v&ouml;lkerrechtlichen Pakt &uuml;ber wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte &uuml;berwacht, hat Deutschland k&uuml;rzlich unter anderem wegen m&ouml;glicher Menschenrechtsverletzungen durch die Zumutbarkeit und die Ein-Euro-Jobs kritisiert. Die UNO schreibt w&ouml;rtlich: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Der Ausschuss stellt mit Besorgnis fest, dass Regelungen des Vertragsstaates im Rahmen der Arbeitslosenhilfe und der Sozialhilfe, einschlie&szlig;lich der Auflage f&uuml;r Empf&auml;nger von Arbeitslosengeld, jede &bdquo;zumutbare Arbeit&ldquo; anzunehmen, was in der Praxis als nahezu &bdquo;jede Arbeit&ldquo; ausgelegt werden kann, und der Einsatz von Langzeitarbeitslosen f&uuml;r unbezahlte gemeinn&uuml;tzige Arbeit zu Verst&ouml;&szlig;en gegen die Artikel 6 und 7 des Pakts f&uuml;hren kann.<br>\nDer Ausschuss fordert den Vertragsstaat nachdr&uuml;cklich auf, daf&uuml;r zu sorgen, dass seine Arbeitslosenunterst&uuml;tzungssysteme das Recht des Einzelnen, frei eine Besch&auml;ftigung seiner Wahl anzunehmen, sowie das Recht auf gerechtes Entgelt achten.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><strong>Nat&uuml;rlich hat die Bundesregierung keinerlei Verst&auml;ndnis f&uuml;r diese Kritik.<\/strong> <\/p><p>Hartz IV und die Zerst&ouml;rung der Arbeitslosenversicherung zielen aber nicht nur auf die Erwerbslosen, sondern letztlich auf die Besch&auml;ftigten. Denn wenn der Schrecken der Erwerbslosigkeit f&uuml;r die Besch&auml;ftigten erheblich zunimmt, dann f&auml;llt es Arbeitgebern leichter, ihnen Zugest&auml;ndnisse und den Verzicht auf die Wahrnehmung eigener Rechte abzupressen. Es gibt kaum noch eine &bdquo;Zumutung&ldquo; des Arbeitgebers, der man sich heute nicht beugen mag, wenn man blo&szlig; den Arbeitsplatz beh&auml;lt und m&ouml;glichst Abstand zum Abgrund von Hartz IV wahrt. <\/p><p>Dabei ist die derart gef&ouml;rderte Ausbreitung von Untertanengeist in den Betrieben und Verwaltungen Gift f&uuml;r die Demokratie und Mitbestimmung. Aber die Schw&auml;chung der Widerstandsf&auml;higkeit der Besch&auml;ftigten und ihrer Gewerkschaften ist halt eine wesentliche Voraussetzung daf&uuml;r, dass der Abbau des Sozialstaats, der Systemwechsel zugunsten des neoliberal gepr&auml;gten Kapitalismus, Bestand haben kann. <\/p><p>Zum Schluss m&ouml;chte ich wenigstens noch kurz einige Alternativen andeuten, die in der Arbeitsmarktpolitik n&ouml;tig w&auml;ren, um einen Richtungswechsel zur Rettung des Sozialstaats und wieder zu mehr sozialer Gerechtigkeit herbeizuf&uuml;hren. <\/p><p>Um die Massenerwerbslosigkeit &uuml;berwinden zu k&ouml;nnen, brauchen wir erstens eine durchgreifende Neubelebung des Themas Arbeitszeitverk&uuml;rzung mit Lohnausgleich in der gewerkschaftlichen Tarifpolitik. Ohne massive Arbeitszeitverk&uuml;rzungen ist Massenerwerbslosigkeit nicht &uuml;berwindbar. (Jedenfalls so lange keine Wirtschaftspolitik betrieben wird, die gleichzeitig auch eine aktive Besch&auml;ftigungspolitik ist. (WL))<\/p><p>Zweitens brauchen wir erheblich mehr regul&auml;re (auch &ouml;ffentliche) Besch&auml;ftigung f&uuml;r Umwelt, Soziales, Bildung und Kultur. Da bleibt bislang ein Haufen notwendiger Arbeit liegen, weil sich der Markt nicht daf&uuml;r interessiert, und weil der &ouml;ffentlichen Hand das Geld daf&uuml;r fehlt, nachdem sie durch den Steuersenkungswahn vor allem im letzten Jahrzehnt die Kapital- und Verm&ouml;gensbesitzer immer st&auml;rker aus der Verantwortung entlassen hat. <\/p><p><strong>Nat&uuml;rlich brauchen wir den fl&auml;chendeckenden und armutsfesten gesetzlichen Mindestlohn, und die Abschaffung der Minijobs. <\/strong><\/p><p>Und die Arbeitslosenversicherung muss wieder in ihre absichernde Funktion gesetzt werden. Dazu braucht es neben einer Verl&auml;ngerung des Arbeitslosengelds I auch eine unbefristete Lohnersatzleistung, die einen bei Langzeiterwerbslosigkeit in der Regel oberhalb des F&uuml;rsorgeniveaus &uuml;ber Wasser h&auml;lt &ndash; also gewisserma&szlig;en eine neue Arbeitslosenhilfe. Die Zumutbarkeit muss strikt an Kriterien &bdquo;guter Arbeit&ldquo; ausgerichtet werden. Und sie muss die Qualifikation der Betroffenen sch&uuml;tzen, damit die Rutschbahn vom Ingenieur zum als ungelernt geltenden &bdquo;Bed&uuml;rftigen&ldquo; abgestellt wird. Also mit anderen Worten: Hartz IV muss weg. <\/p><p>In der aktiven Arbeitsmarktpolitik brauchen wir einen Ausbau insbesondere von Ma&szlig;nahmen, die zu Berufsabschl&uuml;ssen f&uuml;hren oder die individuellen Voraussetzungen zum Erwerb von Berufsabschl&uuml;ssen verbessern. Also Umschulung, Fortbildung und Nachholen von Schulabschl&uuml;ssen etc. Und nicht zuletzt brauchen wir Angebote, mit denen wir diejenigen, die wegen Perspektivlosigkeit resigniert haben, erreichen k&ouml;nnen, indem man ihnen reelle Perspektiven bietet, statt sie mit Ein-Euro-Jobs und (meist unsinnigen) Bewerbungstrainings aus der Statistik zu streichen. <\/p><p>All das kostet nat&uuml;rlich Geld. Unter anderem brauchen wir auch einen h&ouml;heren Beitragssatz f&uuml;r die Arbeitslosenversicherung, damit diese wieder angemessen finanziert werden kann. Aber wenn wir in Deutschland ein Problem nicht haben, dann das, dass unsere Gesellschaft insgesamt zu arm w&auml;re, um sich einen leistungsf&auml;higen Sozialstaat zu leisten. Was wir uns dagegen nicht leisten k&ouml;nnen, sind Parallelgesellschaften von Reichen und Superreichen, die den Gro&szlig;teil unseres gesellschaftlichen Reichtums an sich ziehen und sich der Verantwortung gegen&uuml;ber der Allgemeinheit (z.B. auch durch Steuerflucht und Steuerhinterziehung) entziehen. Wenn wir die Entwicklung von privatem Reichtum und armem Staat umkehren und zu einer solidarischen und gerechteren Steuer- und Abgabenpolitik zur&uuml;ckkehrten, wie es nach dem Verfassungsgrundsatz von Sozialpflichtigkeit des Eigentums eigentlich geboten w&auml;re, dann w&auml;re finanzierbar, was heute als utopisch abgetan wird. <\/p><p>Der Text basiert auf einem Vortrag des Autors im Leverkusener Arbeitslosen-Zentrum &amp; mehr, am 20.7.2011.<\/p><p><strong>Im Nachgang:<\/strong><\/p><p>Die Bundesregierung erl&auml;uterte die Hintergr&uuml;nde f&uuml;r die Reform der Arbeitsmarktinstrumente wie folg:<\/p><blockquote><p>Mit dem Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt soll die eigenverantwortliche Gestaltungsfreiheit der Beratungs- und Vermittlungsfachkr&auml;fte vor Ort und dadurch die dezentrale Entscheidungskompetenz gest&auml;rkt werden. Gleichzeitig sollen eine h&ouml;here Flexibilit&auml;t und eine gr&ouml;&szlig;ere Individualit&auml;t erm&ouml;glicht werden. Der mit der Einf&uuml;hrung des Vermittlungsbudgets eingeschlagene Weg wird daher konsequent fortgesetzt: Einfache, &uuml;berschaubar geregelte Instrumente als Orientierungsrahmen verbunden mit einem zweckm&auml;&szlig;igen Controlling. Die gesetzlichen Regelungen werden auf Kerninhalte und Rahmenbedingungen beschr&auml;nkt, die<br>\nzu einer einheitlichen Anwendung des Rechts unbedingt notwendig &ndash; aber auch ausreichend &ndash; sind. Damit wird auch den Belangen des B&uuml;rokratieabbaus Rechnung getragen.<\/p><\/blockquote><p>Vgl. im Einzelnen die <a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/062\/1706239.pdf\">Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE &ndash; Drucksache 17\/6239 [PDF &ndash; 101 KB]<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bundesregierung hat im Juni 2011 einen Gesetzentwurf mit dem sch&ouml;nen und vielversprechenden Titel: &bdquo;Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt&ldquo; auf den Weg gebracht. Das Gesetz soll zum 01.04.2012 in Kraft treten.<br \/> Zutreffend ist allerdings das Gegenteil dessen, was die &Uuml;berschrift verspricht. Denn dieses Gesetz dient vor allem der Umsetzung des K&uuml;rzungspakets der Bundesregierung<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10191\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,139,140],"tags":[423,288],"class_list":["post-10191","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-euro-und-eurokrise","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","tag-austeritaetspolitik","tag-prekaere-beschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10191","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10191"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10191\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10193,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10191\/revisions\/10193"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10191"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10191"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10191"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}