{"id":101933,"date":"2023-08-02T09:00:20","date_gmt":"2023-08-02T07:00:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101933"},"modified":"2023-08-03T07:41:36","modified_gmt":"2023-08-03T05:41:36","slug":"pennys-wahre-kosten-zynismus-in-reinkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101933","title":{"rendered":"Pennys \u201ewahre Kosten\u201c \u2013 Zynismus in Reinkultur"},"content":{"rendered":"<p>Der zur Rewe-Gruppe geh&ouml;rende Einzelhandelsgigant &bdquo;Penny&ldquo; erh&ouml;ht f&uuml;r eine Woche f&uuml;r neun ausgesuchte Produkte <a href=\"https:\/\/www.penny.de\/aktionen\/wahrekosten\">die Preise<\/a>. Die nun eingepreisten &bdquo;wahren Kosten&ldquo;, so die Werbebotschaft, sollen den Verbraucher auf die &bdquo;sozialen und &ouml;kologischen Auswirkungen&ldquo; der Produkte aufmerksam machen, die sich sonst nicht im Verkaufspreis widerspiegeln. Das ist blanker Hohn, tragen doch die marktbeherrschenden vier Konzerne des deutschen Lebensmitteleinzelhandels durch ihre Dumpingpreise und Erpressung der Bauern zu genau den nun kritisierten Bedingungen bei. Zynisch ist zudem, dass wieder einmal indirekt die Schuld auf den Verbraucher ausgelagert wird. Der solle sich &ndash; so die Botschaft &ndash; besser bio oder noch besser vegan ern&auml;hren. Das sei dann gut f&uuml;r die Gesellschaft, die Umwelt und das Klima. Wie sich der Verbraucher das erst recht angesichts der massiv gestiegenen Lebensmittelpreise leisten soll, verr&auml;t Penny freilich nicht. Und dass Penny mit Bio- und veganen Produkten h&ouml;here Margen realisieren kann, steht nat&uuml;rlich auch nicht in der Werbung. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2652\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-101933-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230802_Pennys_wahre_Kosten_Zynismus_in_Reinkultur_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230802_Pennys_wahre_Kosten_Zynismus_in_Reinkultur_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230802_Pennys_wahre_Kosten_Zynismus_in_Reinkultur_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230802_Pennys_wahre_Kosten_Zynismus_in_Reinkultur_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=101933-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230802_Pennys_wahre_Kosten_Zynismus_in_Reinkultur_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230802_Pennys_wahre_Kosten_Zynismus_in_Reinkultur_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Debatte um &bdquo;zu billige Lebensmittel&ldquo; ist keineswegs neu und in der Tat verzwickt. Auf der einen Seite sind immer mehr Menschen auf bezahlbare Lebensmittel angewiesen, aber auf der anderen Seite sind die meisten Lebensmittel nat&uuml;rlich in der Tat &bdquo;zu billig&ldquo;. Die Kollateralsch&auml;den der aufgerufenen Dumpingpreise f&uuml;r Fleisch und Molkereiprodukte sind Umweltsch&auml;den, Nitrate im Grundwasser, schlechte L&ouml;hne und nat&uuml;rlich nur noch katastrophal zu nennende Tierwohlbedingungen. All dies ist Fakt, jedoch w&uuml;rde ein h&ouml;herer Preis an diesen negativen Rahmenbedingungen monokausal auch nichts &auml;ndern.<\/p><p>Die isolierte Forderung nach h&ouml;heren Lebensmittelpreisen ist grotesk. Edeka, Rewe, Lidl und Aldi k&ouml;nnten auch die Preise erh&ouml;hen, ohne dass dies direkte Auswirkungen auf die Produktionsbedingungen hat. Schon heute sind die Margen bei diesen Produkten oftmals verschwindend gering. Discounter und Superm&auml;rkte verzichten bei diesen Produkten sogar h&auml;ufig auf Margen und nutzen Aktionsangebote, um die Kunden in den Markt zu locken und dann &uuml;ber die h&ouml;heren Margen der anderen verkauften Produkte Renditen zu erzielen. Leidtragende dieser Entwicklung sind vor allem die Bauern, die von der Einkaufsmacht der vier Handelskonzerne, die zusammen 85 Prozent des deutschen Lebensmittelmarktes unter sich ausmachen, die Einkaufspreise diktiert bekommen. <\/p><p>Dass die Reduzierung der nicht eingepreisten &bdquo;sozialen und &ouml;kologischen Auswirkungen&ldquo; bei der Einkaufspolitik der Handelsketten eine Rolle spielen w&uuml;rde, kann getrost als &bdquo;Greenwashing&ldquo; bezeichnet werden. Auch die Penny-Gruppe, die nun aus Werbezwecken die Kollateralsch&auml;den dieser Praxis beklagt, ist f&uuml;r ebendiese Kollateralsch&auml;den im hohen Ma&szlig;e mitverantwortlich. Wie soll der Bauer beispielsweise bessere &ndash; und damit teurere &ndash; Umweltstandards implementieren, wenn Penny seine Produkte am liebsten verramscht und die Einkaufspreise dr&uuml;ckt? Milchpreise, die oft unter dem Einkaufspreis liegen, und Nackensteaks, die zur Grillsaison in Sonderaktionen f&uuml;r ein Euro das St&uuml;ck feilgeboten werden, k&ouml;nnen nun einmal zu diesen Preisen nicht nachhaltig produziert werden. Und es sind nicht die Bauern, die f&uuml;r diese Dumpingpreise verantwortlich sind, sondern der Einzelhandel. Nun auf die Tr&auml;nendr&uuml;se zu dr&uuml;cken und sich implizit selbst als Opfer der Umst&auml;nde darzustellen, ist zynisch.<\/p><p>Ebenfalls zynisch ist es jedoch, wenn der Handel nun die Armut instrumentalisiert. Gerade die steigenden Lebensmittelpreise haben im letzten Jahr dazu gef&uuml;hrt, dass sich immer mehr Menschen &uuml;berhaupt keine nachhaltigen Lebensmittel mehr leisten k&ouml;nnen. Wenn das Konto leer ist, hat man keine Alternative und ist den Discountern am Ende sogar noch dankbar, wenn Lebensmittel dank der Dumpingpreise kein allzu gro&szlig;es Loch in die Budgetplanung rei&szlig;en. Damit verteidigt der Einzelhandel auch immer wieder seine Einkaufspolitik. Zynismus. Man instrumentalisiert Armut als Ausrede f&uuml;r den Missbrauch der Marktmacht der gro&szlig;en Handelskonzerne, die ihrerseits den Bauern Dumpingpreise abpressen, zu denen nun einmal &ouml;konomisch gar keine verantwortungsbewusste Produktion der Lebensmittel m&ouml;glich ist.<\/p><p>Und nun sollen weniger finanzstarke Kunden auch noch indirekt f&uuml;r die Kollateralsch&auml;den, die mit der Produktion dieser Nahrungsmittel verbunden sind, verantwortlich gemacht werden. So lernen sie bei Penny beispielsweise, dass der preiswerte Maasdamer, der normalerweise 2,49 Euro in der 300g-Packung kostet, eigentlich 4,84 Euro kosten m&uuml;sste &ndash; allein 84 Cent &bdquo;wahre Kosten&ldquo; gehen dabei auf das Konto &bdquo;Klima&ldquo;. Aber was n&uuml;tzt diese Erkenntnis, wenn der sicherlich klimafreundlicher produzierte Biok&auml;se so teuer ist, dass ihn sich viele Geringverdiener ohnehin nicht leisten k&ouml;nnen? Muss nun etwa die Rentnerin mit ihrem Penny-Maasdamer ein schlechtes Gewissen haben? Und der Besserverdiener mit seinem Biok&auml;se ist fein raus? Prima, dann sei ihm ja der neue Audi Q8, die wohlverdiente Auszeit auf den Malediven und der Business-Trip nach New York vergeben. Und was h&auml;lt Penny eigentlich davon, Erdbeeren aus Marokko oder &Auml;pfel aus S&uuml;dafrika aus dem Sortiment zu nehmen? Sind die etwa gut f&uuml;r das Klima? <\/p><p>Folgt man Penny, w&auml;re es ohnehin am besten, man w&uuml;rde sich vom hauseigenen veganen &bdquo;Schnitzel&ldquo; ern&auml;hren. Hier f&auml;llt der Aufschlag durch die &bdquo;wahren Kosten&ldquo; mit f&uuml;nf Prozent am geringsten aus. Das ist interessant, besteht das Produkt laut <a href=\"https:\/\/de.openfoodfacts.org\/produkt\/24655156\/vegane-mini-schnitzel-penny\">Zutatenlisten<\/a> doch vor allem aus Wasser und Raps&ouml;l, dem dann 20 weitere, oft chemische Zus&auml;tze hinzugegeben wurden. Man darf vermuten, dass bei diesem &bdquo;hochverarbeiteten Lebensmittel&ldquo; die Zutatenkosten so gering sind, dass Penny &ndash; anders als bei nat&uuml;rlichen Lebensmitteln wie beispielsweise einem Schweine- oder Kalbsschnitzel &ndash; eine gewaltige Marge erzielen kann. Ob man die Welt mit diesem Chemieprodukt rettet, sei dahingestellt; f&uuml;r Penny d&uuml;rfte es sich jedoch finanziell lohnen, wenn der Kunde statt zum margenschwachen &bdquo;Dumping-Schweineschnitzel&ldquo; zum margenstarken veganen &bdquo;Schnitzel&ldquo; greift. Und selbst der empfohlene Umstieg von konventionellen Produkten auf Bioprodukte ist f&uuml;r den Einzelhandel alles andere als Altruismus. <\/p><p>&bdquo;Bio schafft Marge&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/handel-konsumgueter\/einzelhandel-der-kampf-um-die-lukrative-bio-kundschaft-ist-entbrannt\/24237332.html\">titelte vor einiger Zeit das Handelsblatt<\/a>. W&auml;hrend der Lebensmitteleinzelhandel mit konventionellen Lebensmitteln aufgrund der eigenen Dumpingpreise bestenfalls sehr geringe Margen realisieren kann, ist dies bei Bioprodukten anders. So gesehen macht Pennys Werbekampagne durchaus Sinn &ndash; nicht f&uuml;r den Kunden und nicht f&uuml;r das Klima, daf&uuml;r aber umso mehr f&uuml;r Penny selbst. Auch das ist Zynismus in Reinkultur.<\/p><p>Das scheinen auch die Verbraucher zu vermuten. So schaffte es die Tagesschau anscheinend bei einem &bdquo;Ortstermin&ldquo; in einem Penny nicht einmal, einen Kunden zu finden, der vor der Kamera etwas Positives zu Pennys Aktion sagen wollte. Was machte man? Man lie&szlig; eine Produktionsassistentin Penny loben &ndash; freilich ohne dies transparent zu machen. <\/p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"X (Twitter)\" data-provider-slug=\"twitter\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Tweets werden Daten an X (ehemals Twitter) &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von X (Twitter) zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><blockquote class=\"external-2click-target twitter-tweet\" data-two-click-embeds-script=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\">\n<p lang=\"de\" dir=\"ltr\">Liebe <a href=\"https:\/\/twitter.com\/tagesschau?ref_src=twsrc%5Etfw\">@tagesschau<\/a>,<br>Lieber <a href=\"https:\/\/twitter.com\/WDR?ref_src=twsrc%5Etfw\">@WDR<\/a>,<\/p>\n<p>es ist sicher nur mal wieder eines dieser &ouml;ffentlich-rechtlichen \"Missgeschicke\", da&szlig; eine Produktionsassistentin als zuf&auml;llige Supermarktkundin, die Klima-Preisaufschl&auml;ge gut findet, mit leicht verf&auml;lschtem Namen pr&auml;sentiert wurde? <a href=\"https:\/\/t.co\/v6Xrlj9zNl\">pic.twitter.com\/v6Xrlj9zNl<\/a><\/p>\n<p>&mdash; Argo Nerd (@argonerd) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/argonerd\/status\/1686221531888971776?ref_src=twsrc%5Etfw\">August 1, 2023<\/a><\/p><\/blockquote><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"twitter\">Inhalte von X (Twitter) nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><p> <\/p><p>Titelbild: Screenshot Penny<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/e270932be5584b19a8962cbecf8a60c3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der zur Rewe-Gruppe geh&ouml;rende Einzelhandelsgigant &bdquo;Penny&ldquo; erh&ouml;ht f&uuml;r eine Woche f&uuml;r neun ausgesuchte Produkte <a href=\"https:\/\/www.penny.de\/aktionen\/wahrekosten\">die Preise<\/a>. 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