{"id":10197,"date":"2011-07-22T15:14:44","date_gmt":"2011-07-22T13:14:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10197"},"modified":"2019-07-05T11:31:35","modified_gmt":"2019-07-05T09:31:35","slug":"das-rettungspaket-des-eu-gipfels-aus-griechischer-sicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10197","title":{"rendered":"Das Rettungspaket des EU-Gipfels aus griechischer Sicht"},"content":{"rendered":"<p>Eine abschlie&szlig;ende Bewertung der Br&uuml;sseler Beschl&uuml;sse vom 21. Juli ist beim derzeitigen Informationsstand kaum m&ouml;glich. Dennoch lassen sich im Blick auf die griechischen Entwicklungen einige vorl&auml;ufige Anmerkungen machen, die man je nach Stimmung sarkastisch, ironisch oder verbittert formulieren kann. Von Niels Kadritzke<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li>Der griechische Finanzminister Venizelos hat die Beschl&uuml;sse vom 21. Juli als &bdquo;gro&szlig;e Erleichterung f&uuml;r die griechische Wirtschaft&ldquo; begr&uuml;&szlig;t. Was er nicht gesagt hat, ist dieses: W&auml;re ein Programm mit den Parametern des gestern beschlossenen (neue Kredite mit Laufzeiten bis 30 Jahren und deutlich reduzierten Zinsen) bereits im Mai 2010 beschlossen worden, w&auml;re es zu der dramatischen Lage im Juli 2011 wahrscheinlich gar nicht gekommen. Das urspr&uuml;ngliche &bdquo;Rettungsprogramm&ldquo; der Troika aus EU-Kommission, EZB und IWF hat nicht nur nicht funktioniert, sondern es hat sich selbst versenkt. Dass es sich als &bdquo;self-destructive&ldquo; erwiesen hat (wie man auf Englisch sagen w&uuml;rde) lag dabei nicht nur an seinen eigenen Konditionen und &uuml;ber-ehrgeizigen Sparzielen, sondern auch daran, dass es keinerlei Wachstumsimpulse vorsah.<\/li>\n<li>Dass dies jetzt nachgeholt wird, ist der Aspekt der Br&uuml;sseler Beschl&uuml;sse, der immerhin eine gewisse Hoffnung weckt. Wenn diese Initiative ernsthaft umgesetzt wird, k&ouml;nnten daraus jene &bdquo;Zukunftsinvestitionen&ldquo; entspringen, die das Land so dringend braucht. Und zwar aus finanziellen Mitteln der EU, die den Griechen verloren zu gehen drohten, weil sie krisenbedingt den erforderlichen Eigenanteil an solchen Projekten nicht aufbringen konnten und weil die B&uuml;rokraten im zust&auml;ndigen Ministerium au&szlig;erstande waren, &uuml;berhaupt entsprechende Projekte zu entwickeln.<\/li>\n<li>Theoretisch k&ouml;nnte Griechenland bis 2013 aus den bestehenden EU-Programmen bis zu 18 Milliarden Euro in Anspruch nehmen. Angesichts der Arbeitsweise der griechischen Beh&ouml;rde ESPA, deren triumphaler Name Ethniko Stratijiko Plaisio Anaforas ( Nationaler Strategischer Bezugsrahmen) in beklagenswertem Gegensatz zu ihrer Ineffektivit&auml;t steht, schien dies bislang aussichtslos zu sein. Dem sollen jetzt Berater aus Br&uuml;ssel abhelfen, die schon im August in Athen beginnen werden, zusammen mit griechischen Experten einen neuen ESPA-Gesamtplan zu entwickeln, der die Absorptionsrate f&uuml;r die EU-Mittel durchschlagend erh&ouml;hen soll.<\/li>\n<li>Als kurzfristiges Ziel will man bis Ende September konkrete Projekte ausarbeiten, um bis Jahresende europ&auml;ische Gelder in H&ouml;he von 5,5 Milliarden Euro absorbieren zu k&ouml;nnen. Dabei muss auch entschieden werden, wie der griechische Finanzierungsanteil zu behandeln ist. Denkbar ist eine Finanzierung durch Kredite der Europ&auml;ische Investitionsbank (EIB) in Luxemburg, oder man findet eine Sonderregelung, wonach nur ein sehr geringer oder gar kein griechischer Anteil erforderlich ist.<\/li>\n<li>Nat&uuml;rlich kann sich ein &bdquo;Marshall-Plan&ldquo; f&uuml;r Griechenland, der inzwischen von weitsichtigeren &Ouml;konomen und Politikern gefordert wird, nicht allein auf diese Initiative beschr&auml;nken. Aber sie w&auml;re wenigstens ein Anfang, der unmittelbare Wirksamkeit entfalten k&ouml;nnte. Ganz im Gegensatz zu den angek&uuml;ndigten  Privatisierungen, die nur kurzfristig Haushaltsl&ouml;cher stopfen sollten, aber bislang offenbar nur wenige &bdquo;strategischen Investoren&ldquo; anziehen konnten.<\/li>\n<li>Eine Entwicklungsperspektive f&uuml;r die griechische Wirtschaft ist umso dringlicher, als die neuesten Zahlen &uuml;ber das Haushaltsdefizit im ersten Halbjahr 2011 das erwartet d&uuml;stere Bild zeichnen. Nach einem detaillierten Bericht in der Kathimerini vom 20. Juli offenbart die Bilanz der Einnahmen- und Ausgabenentwicklung, dass die geplante R&uuml;ckf&uuml;hrung des Haushaltsdefizits 2011 auf 7,5 Prozent des BIP v&ouml;llig utopisch ist. Vielmehr klafft schon im ersten Halbjahr 2011 gegen&uuml;ber dem offiziellen Konsolidierungsprogramm eine L&uuml;cke von 4,5 Milliarden Euro. Dieses &bdquo;schwarze Loch&ldquo; (wie es die Kathimerini nennt) erkl&auml;rt sich zum einen aus zu geringen Steuereinnahmen, die um 3,26 Mrd. Euro (oder 18,3 Prozent) hinter den Planungen zur&uuml;ckgeblieben sind; zum anderen aus den h&ouml;heren Ausgaben, die um 1,27 Mrd. Euro &uuml;ber den Ans&auml;tzen liegen.<\/li>\n<li>Diese Ausgaben&uuml;berschreitungen sind aus zwei Gr&uuml;nden besonders beunruhigend. Erstens w&auml;ren sie ohne die betr&auml;chtliche K&uuml;rzung der R&uuml;stungsausgaben (um etwa 500 Mio. Euro) noch h&ouml;her ausgefallen. Und zweitens liegen auch die Ausgaben f&uuml;r den Prim&auml;rhaushalt (also ohne Schuldendienst) im ersten Halbjahr 2011 um 1,7 Mrd. Euro &uuml;ber der Planung. Diese erh&ouml;hten Ausgaben gehen vor allem zur&uuml;ck:\n<ul>\n<li>auf die nicht eingeplanten staatlichen Zusch&uuml;sse an die Rentenkassen, bei denen Einnahmendefizite von 1,28 Mrd. Euro aufgelaufen sind, vor allem bei der IKA (der griechischen AOK) und bei der Kasse der Freiberufler;<\/li>\n<li>auf die erh&ouml;hten Kosten der Arbeitslosenversicherung, die um 348 Mio. Euro &uuml;ber die Ans&auml;tze gestiegen sind. Was angesichts der auf knapp 16 Prozent angestiegenen Arbeitslosenquote nicht &uuml;berraschend ist.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Da diese erh&ouml;hten Ausgaben in gleicher Weise eine unvermeidliche Folge des Konjunktureinbruchs darstellen wie die verminderten Steuereinnahmen, dokumentiert das &bdquo;schwarze Halbjahresloch&ldquo; von 4,5 Mrd. Euro, es belegt schon jetzt die Vergeblichkeit des zweiten &bdquo;Sparprogramms&ldquo;, das erst im Juni nach harten K&auml;mpfen beschlossen wurde. Schreibt man die Zahlen aus dem ersten Halbjahr fort, wird das Haushaltsdefizit 2011 am Ende nicht bei den geplanten 7,5 Prozent des BIP liegen, sondern sogar &uuml;ber 10 Prozent, meint der Kommentator der Kathimerini.<\/li>\n<li>Dem widerspricht das Athener Wirtschaftsministerium mit dem Argument, die im Juni verabschiedeten Steuererh&ouml;hungen w&uuml;rden erst im zweiten Halbjahr greifen und die Einnahmen bis zum Jahresende deutlich aufbessern. Aber diese Hoffnung setzte eine Wirtschaftsbelebung voraus, mit der dieses Jahr kaum zu rechnen ist. Im Gegenteil: Wirtschaftsminister Venizelos hat vor drei Wochen f&uuml;r 2011 ein Minus-Wachstum von 3,9 Prozent prognostiziert und war damit noch pessimistischer als die EU-Kommission, die von minus 3,5 Prozent ausgeht. Und wenn der Tourismus im Sommer und Herbst um weniger zulegt als die kalkulierten 8 bis 10 Prozent, k&ouml;nnte die griechische Wirtschaft sogar um mehr als 4 Prozent schrumpfen. Das hei&szlig;t: Ohne starke und rasch wirksame Wachstumsimpulse ist es praktisch ausgeschlossen, dass sich die griechische Wirtschaft im Jahr 2012 wie geplant aus der Depression heraus arbeitet.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine abschlie&szlig;ende Bewertung der Br&uuml;sseler Beschl&uuml;sse vom 21. Juli ist beim derzeitigen Informationsstand kaum m&ouml;glich. Dennoch lassen sich im Blick auf die griechischen Entwicklungen einige vorl&auml;ufige Anmerkungen machen, die man je nach Stimmung sarkastisch, ironisch oder verbittert formulieren kann. 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