{"id":102032,"date":"2023-08-04T10:51:47","date_gmt":"2023-08-04T08:51:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102032"},"modified":"2023-08-04T13:06:40","modified_gmt":"2023-08-04T11:06:40","slug":"die-krim-geostrategischer-dreh-und-angelpunkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102032","title":{"rendered":"Die Krim \u2013 geostrategischer Dreh- und Angelpunkt"},"content":{"rendered":"<p>Die Welt wandelt sich wahrlich im Zeitraffer. Der Ukrainekrieg hat den sich seit rund zwei Jahrzehnten anbahnenden Wandel der Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse manifestiert. Und dass es sich nicht um eine rein europ&auml;ische, sondern tats&auml;chlich globale Dimension handelt, zeigt das zunehmende und selbstbewusste Aufbegehren des Globalen S&uuml;dens gegen den Westen, seitdem der Krieg in der Ukraine tobt. Russland scheint sich neben China an die Spitze dieses Emanzipationsprozesses setzen zu wollen &ndash; gewisserma&szlig;en der Nicht-Westen gegen den Westen. Die Unruhen in Afrika gegen ihre einstigen Kolonialherren nehmen zu, j&uuml;ngst der Putsch in Niger, der scheinbar von Teilen der Bev&ouml;lkerung getragen wird. Zugleich tobt der Stellvertreterkrieg in der Ukraine weiter. Beide Ph&auml;nomene sind nicht getrennt voneinander zu bewerten, da sie unter derselben &Uuml;berschrift zu fassen sind: Die multipolare Weltordnung ist im Entstehen &ndash; leider nicht in geordneten Bahnen, sondern durch Blut und Eisen. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3438\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-102032-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230804-Krim-geostrategischer-Dreh-und-Angelpunkt-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230804-Krim-geostrategischer-Dreh-und-Angelpunkt-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230804-Krim-geostrategischer-Dreh-und-Angelpunkt-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230804-Krim-geostrategischer-Dreh-und-Angelpunkt-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=102032-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230804-Krim-geostrategischer-Dreh-und-Angelpunkt-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230804-Krim-geostrategischer-Dreh-und-Angelpunkt-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Neuvermessung der Welt, mithin die Kr&auml;fteverschiebungen, hat einen Namen: Geopolitik und Geostrategie. Im Kontext geostrategischer Analysen stehen immer wieder geostrategisch interessante Dreh- und Angelpunkte, um die Begriffe des Geostrategen Zbigniew Brzezinski zu verwenden. Hierzu z&auml;hlen im &ouml;stlichen Europa zwei Binnenmeere, die Ostsee und das Schwarze Meer mit ihren jeweiligen Zug&auml;ngen und der Krim im Schwarzen Meer.<\/p><p>Beide Meere wurden zu Zeiten der UdSSR und dem von ihr dominierten Warschauer Pakt in den Zeiten des Kalten Krieges im Wesentlichen von Moskau kontrolliert. Die Ostsee-Anrainer waren die damalige DDR, das sozialistische Polen, die UdSSR, die neutralen L&auml;nder Finnland und Schweden. Demgegen&uuml;ber standen lediglich die beiden NATO-Staaten, die BRD und D&auml;nemark am &auml;u&szlig;ersten Westrand der Ostsee. Mit dem Ende des Kalten Krieges, der Aufl&ouml;sung des Warschauer Paktes und der UdSSR sowie dem Hin&uuml;berwechseln der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten und der baltischen Staaten, j&uuml;ngst auch Finnland und demn&auml;chst wohl auch Schweden ist der Anteil Moskaus an der Ostsee auf ein Minimum geschrumpft (Region Kaliningrad sowie der &ouml;stlichste Teil des Finnischen Meerbusens).<\/p><p>&Auml;hnlich verh&auml;lt es sich mit Blick auf das Schwarze Meer: Zu Zeiten des Kalten Krieges bildete lediglich das NATO-Mitgliedsland T&uuml;rkei einen Gegenpol zur Moskauer Einflusssph&auml;re. Neben der UdSSR waren Rum&auml;nien und Bulgarien Moskau-treue Anrainer-Staaten. Mit dem Zerfall des Warschauer Paktes und der UdSSR sowie dem Hin&uuml;berwechseln Rum&auml;niens und Bulgariens in die NATO und den durch farbige Revolutionen bef&ouml;rderten Wunsch Georgiens und der Ukraine, in die NATO zu wollen, verlor Moskau um die 70 Prozent (einschlie&szlig;lich der Krim) der K&uuml;stenlinie an die von den USA gef&uuml;hrte NATO. Allein der Verlust dieser beiden maritimen Einflussr&auml;ume zeigt, wie weit Russland sich aus Osteuropa verabschiedet hatte bzw. auch verdr&auml;ngt wurde und wie weit die USA in den osteurop&auml;ischen Raum via NATO-Erweiterungen vorgedrungen sind. Moskaus Ausdehnungen zur Ostsee und zum Schwarzen Meer wurden nach 1991 wieder auf die R&auml;ume des 18.\/19. Jahrhunderts zusammengeschrumpft &ndash; wohlgemerkt haupts&auml;chlich selbstverschuldet durch das aktive Mitwirken des russischen Pr&auml;sidenten Boris Jelzin an der Aufl&ouml;sungsinitiative der Sowjetunion (&bdquo;Belowescher Vereinbarungen&ldquo; getragen von Russland, Wei&szlig;russland und der Ukraine am 8. Dezember 1991) sowie der Erkl&auml;rung von Alma-Ata am 21. Dezember 1991, in der sich die meisten Sowjetrepubliken der Aufl&ouml;sungsinitiative vom 8. Dezember anschlossen.<\/p><p>Hinzu kommt &ndash; mit Ausnahme Wei&szlig;russlands und Russlands &ndash; die geopolitische Verschiebung der Landmassen nach Osten und somit das faktische Rausdr&auml;ngen Russlands aus Europa angesichts der NATO-Osterweiterungen. Erinnert man sich an die Zusagen Washingtons und Bonns gegen&uuml;ber Moskau 1990, die NATO <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=F2iOAtNlleg\">nicht &uuml;ber die Grenzen des wiedervereinten Deutschlands auszudehnen<\/a>, so wird deutlich, wie sehr doch das kurzfristige machtpolitische Denken der Sieger des Kalten Krieges &uuml;ber das sinnvolle langfristige, auf Stabilit&auml;t und ungeteilte Sicherheit orientierte Konzept eines &bdquo;Gemeinsamen europ&auml;ischen Hauses&ldquo; dominierte. Ob die NATO-Osterweiterung, statt des &bdquo;Gemeinsamen europ&auml;ischen Hauses&ldquo;, sicherheitspolitisch im Sinne europ&auml;ischer Friedensordnung und Stabilit&auml;t klug war, dar&uuml;ber gibt es erstaunlicherweise unterschiedliche Auffassungen. Meiner Auffassung nach h&auml;tte es bei einer ernsthaften Umsetzung des europ&auml;ischen Sicherheitsraumes mit ungeteilter Sicherheit von Lissabon bis Wladiwostok durch die Europ&auml;er weder den Krieg in Jugoslawien noch den gegenw&auml;rtigen (Stellvertreter-)Krieg in der Ukraine und somit nicht Hundertausende von Toten und zerst&ouml;rte Infrastruktur gegeben. Ja, selbst der Krieg in Jugoslawien war bei genauer Betrachtung bereits ein Stellvertreterkrieg zwischen der siegreichen NATO und dem dahinsiechenden Jelzin-Russland der 1990er Jahre, bei dem Jugoslawien als begrenzt sowjetisch-russische Einflusszone in Einzelteile zerlegt wurde und an den Westen fiel.<\/p><p><strong>Geostrategischer Wert des Schwarzen Meeres<\/strong><\/p><p>Neben der geographisch h&ouml;chst interessanten Lage des Schwarzen Meeres zur Kontrolle des s&uuml;dlichen Osteuropas bis hin zum Kaukasus und der T&uuml;rkei gibt es zwei besondere Dreh- und Angelpunkte zur Kontrolle ebenjenes Schwarzen Meeres: Erstens, der Zugang vom Mittelmeer zum Schwarzen Meer durch den Bosporus. Dieser ist Bestandteil des t&uuml;rkischen Staatsgebietes und wird somit vollst&auml;ndig auch von der T&uuml;rkei kontrolliert. Das heutige Istanbul (fr&uuml;heres Konstantinopel) ist vermutlich unter geostrategischem Aspekt die wichtigste Stadt Europas. Und zweitens, die Krim-Halbinsel im Norden des Schwarzen Meeres. Die Krim ist mit rund 27.000 Quadratkilometern etwas gr&ouml;&szlig;er als die ehemalige jugoslawische Teilrepublik Makedonien. Die Halbinsel verf&uuml;gt &uuml;ber keine direkte Landverbindung nach Russland. Zwar wurde nach 2018 eine Br&uuml;cke &uuml;ber die Meerenge, die Stra&szlig;e von Kertsch, zum russischen Festland er&ouml;ffnet &ndash; wie anf&auml;llig diese Landverbindung jedoch f&uuml;r St&ouml;rungen durch ukrainische Angriffe ist, wurde in den letzten Monaten sehr deutlich. Zwar hat die russische Armee die Landbr&uuml;cke zur Krim erobert, aber es ist derweil nicht abzusch&auml;tzen, mit welchem Ergebnis auch f&uuml;r die Krim der Ukraine-Krieg irgendwann enden wird.<\/p><p>Jedenfalls kommt es nicht von ungef&auml;hr, dass Moskau 2014 die Krim v&ouml;lkerrechtswidrig in die Russische F&ouml;deration integrierte, die &bdquo;Volksrepubliken&ldquo; jedoch im Rahmen der Minsk-Abkommen weiterhin im Bestand des ukrainischen Staates sehen wollte. Die Wiedererlangung der Kontrolle &uuml;ber die Krim und die milit&auml;risch &auml;u&szlig;erst wichtige Hafenstadt Sewastopol mit dem Sitz der Schwarzmeerflotte war f&uuml;r Russland aus sicherheitspolitischer Perspektive so wichtig, dass es daf&uuml;r sogar den Bruch mit dem Westen bereit war, in Kauf zu nehmen. Und umgekehrt, der Verlust der Krim &ndash; diese w&auml;re bei erfolgreicher Aufnahme der Ukraine in die NATO faktisch unter die Kontrolle der USA gefallen &ndash; ist f&uuml;r die NATO so gravierend, dass nach 2014 die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland einen dauerhaften Tiefpunkt erlitten, der nur noch durch den Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 getoppt wird.<\/p><p><strong>Wer die Krim beherrscht, kontrolliert im Wesentlichen das Schwarze Meer<\/strong><\/p><p>Von 1991 bis 2014 besa&szlig; Russland nur einen kleinen und wenig bedeutsamen K&uuml;stenabschnitt am Schwarzen Meer, womit eine tats&auml;chlich maritim basierte Machtprojektion kaum m&ouml;glich war, h&auml;tte man den Hafen von Sewastopol nicht gepachtet. Aber dieser kurz zuvor verl&auml;ngerte Pachtvertrag w&auml;re bei einem NATO-Beitritt der Ukraine mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit seitens der Ukraine und faktisch der NATO einseitig aufgek&uuml;ndigt worden. Mit der &Uuml;bernahme der Krim hingegen konnte Russland seinen K&uuml;stenabschnitt nicht nur mehr als verdoppeln und die NATO auf Distanz halten, sondern mit der zentralen Lage im Norden des Schwarzen Meeres tief in das Schwarze Meer vordringen &ndash; mit einem unsinkbaren Flugzeugtr&auml;ger, der Krim. Die Nord-S&uuml;d-Ausdehnung der Krim umfasst knapp 200 km, d.h. dass die Krim sich 200 km in das Schwarze Meer hinein exponiert. Von der S&uuml;dspitze der Krim bis zur t&uuml;rkischen K&uuml;ste sind es nur noch rund 250 Kilometer Luftlinie. Die Entfernungen Russlands zu den beiden NATO-Mitgliedsstaaten Rum&auml;nien und Bulgarien wurden durch die Krim-&Uuml;bernahme geradezu halbiert: Von der S&uuml;dwest-K&uuml;ste der Krim bis zur rum&auml;nischen K&uuml;ste sind es knapp 300 Kilometer (ohne die Krim waren es fast 650 Kilometer). &Auml;hnlich die Entfernung zur bulgarischen K&uuml;ste &ndash; von 750 Kilometer auf 400 Kilometer. Ironischerweise ist so Russland n&auml;her an die zuvor nach Osten erweiterte NATO heranger&uuml;ckt.<\/p><p>Mit der exponierten Stellung der Krim k&ouml;nnen russische konventionelle Waffensysteme den gr&ouml;&szlig;ten Teil, manche Systeme sogar das gesamte Schwarze Meer abdecken, was f&uuml;r Russland einen milit&auml;rstrategisch riesigen Vorteil darstellt. Somit teilen sich Russland und die T&uuml;rkei die beiden Dreh- und Angelpunkte des Schwarzen Meeres, die Krim und den Bosporus.<\/p><p>Kurzum: In der Abw&auml;gung zwischen sicherheitspolitischen, geostrategischen und milit&auml;rstrategischen Aspekten einerseits und der Respektierung des V&ouml;lkerrechts andererseits hat sich Russland offenkundig f&uuml;r die Wahrung seiner unmittelbaren Sicherheitsinteressen entschieden. Diese Entscheidung liegt ganz im Erkl&auml;rungsmodell der politikwissenschaftlichen Denkschule der (Neo-)Realisten.<\/p><p><strong>Krim &ndash; ein dauernder Kampf um die Kontrolle der Halbinsel<\/strong><\/p><p>Angesichts des geostrategischen Wertes der Krim nimmt es sich nicht verwunderlich aus, dass die Halbinsel in der Geschichte ein Objekt der Begierde der Anrainer-Staaten und auch raumferner M&auml;chte war.<\/p><p>Im Jahre 1783 wurde die Krim in das russische Zarenreich integriert. Der ber&uuml;hmte Krim-Krieg von 1853-1856 endete mit der Niederlage Russlands, das sich mit dem Osmanischen Reich, Frankreich und Gro&szlig;britannien im Rahmen einer der vielen Orientkrisen im Krieg wiederfand. Entgegen der Bezeichnung Krim-Krieg begrenzte sich der Krieg nicht auf die Krim. Jedoch fanden im Schwarzmeerraum und auf der Krim die Schwerpunktk&auml;mpfe statt. Russland konnte trotz Niederlage seine Souver&auml;nit&auml;t &uuml;ber die Krim aufrechterhalten.<\/p><p>Auch im Zweiten Weltkrieg wurde die Krim Objekt milit&auml;rischer Auseinandersetzungen. Die Wehrmacht besetzte von 1941 bis 1944 die Halbinsel.<\/p><p>Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Krim zun&auml;chst Bestandteil der Russischen Sozialistischen F&ouml;derativen Sowjetrepublik (RSFSR) &ndash; einem F&ouml;derationssubjekt der Sowjetunion. Die milit&auml;risch wichtige Hafenstadt Sewastopol wurde hingegen direkt dem sowjetischen Gesamtstaat unterstellt. 1954 verabschiedete der Oberste Sowjet der Sowjetunion in Abstimmung mit der RSFSR und der Ukrainischen SSR ein Dekret, in dem die Krim an die Ukrainische SSR &uuml;bergeben wurde. Dieser administrative Schritt hatte keinerlei v&ouml;lkerrechtliche Dimensionen oder Konsequenzen, da es sich um eine &Uuml;bergabe innerhalb des sowjetischen Gesamtstaates zwischen zwei sowjetischen Republiken handelte. Erst mit der Aufl&ouml;sung der Sowjetunion im Dezember 1991 wurde aus einem administrativen und symbolischen Akt eine v&ouml;lkerrechtliche Problematik, n&auml;mlich mit der &Uuml;bernahme der Krim in die Russische F&ouml;deration. In einem Referendum stimmten laut Moskau &uuml;ber 95 Prozent der abgegebenen Stimmen zu Gunsten der Wiedervereinigung mit Russland. Die Wahlbeteiligung wurde mit etwa 82 Prozent angegeben.<\/p><p><strong>* Exkurs *<\/strong><\/p><p>&Uuml;ber die v&ouml;lkerrechtliche Dimension der Integration der Krim in die Russische F&ouml;deration habe ich in der Vergangenheit bereits geschrieben. Ich vermeide den Begriff der &bdquo;Annexion&ldquo;, da die Frage der milit&auml;rischen Gewaltanwendung zur &Uuml;bernahme der Krim zumindest nicht eindeutig zu beantworten ist &ndash; im Gegensatz zu der tats&auml;chlichen Annexion anderer Gebiete der Ukraine seit dem 24. Februar 2022. Siehe hierzu auch den <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/die-krim-und-das-voelkerrecht-kuehle-ironie-der-geschichte-12884464.html\">Beitrag des Rechtsphilosophen Reinhard Merkel<\/a>.<\/p><p>Ich sehe jedoch den V&ouml;lkerrechtsbruch Russlands, da angesichts der Integration der Krim in die Russische F&ouml;deration gegen das Interventionsverbot und die Souver&auml;nit&auml;t der Ukraine versto&szlig;en wurde. Allerdings muss in dieser Bewertung der Umstand Beachtung finden, dass auch hier der Westen entsprechende Pr&auml;zedenzf&auml;lle geschaffen hat: Die einseitigen und v&ouml;lkerrechtswidrigen diplomatischen Anerkennungspolitiken gegen&uuml;ber den jugoslawischen Teilrepubliken 1992 und der serbischen Provinz Kosovo 2008 versto&szlig;en ebenfalls gegen die Interventions- und Souver&auml;nit&auml;tsnorm der UNO-Charta. Im innerstaatlichen Recht gibt es die Auffassung, es d&uuml;rfe keine Gleichheit im Unrecht geben. Im internationalen Recht jedoch sehe ich das anders. Wenn ein Staat oder eine Staatengruppe bewusst Unrecht begeht, zum Beispiel, um machtpolitische Vorteile zu erlangen, k&uuml;ndigt der Staat oder die Staatengruppe faktisch den internationalen Konsens &uuml;ber das gemeinsam ausgehandelte internationale Recht auf. Denn internationales Recht ist Konsensrecht, verabschiedet durch die Staaten. Und Staaten, die sp&auml;ter dem Vertragswerk beitreten, akzeptieren den rechtlichen Status quo. Wenn Staaten diesen Konsens aufbrechen, k&ouml;nnen sie von den &uuml;brigen, bis dahin rechtstreuen Teilnehmerstaaten keine fortgesetzte Rechtstreue erwarten. Sie schaffen mithin sogenannte Pr&auml;zedenzf&auml;lle, also richtungsweisende Ver&auml;nderungen im Staatenverkehr. Kurzum, die Causa Jugoslawien wirkt faktisch bis heute nach. Kurzfristiges machtpolitisches Agieren des Westens in der Phase der unipolaren Weltordnung f&auml;llt demselben nun gewaltig auf die F&uuml;&szlig;e.<\/p><p><strong>* Exkurs Ende *<\/strong><\/p><p>Der geopolitische Dreh- und Angelpunkt im Schwarzen Meer, die Meerenge des Bosporus als auch die Halbinsel Krim sind und bleiben unter machtpolitischen Gesichtspunkten Streitobjekte, die bis zu Kriegen f&uuml;hrten und weiterhin f&uuml;hren k&ouml;nnen. Ob die Ukraine ihr deklariertes Ziel, auch die Krim zur&uuml;ckzuerobern, tats&auml;chlich erreichen wird, vermag niemand seri&ouml;s zu beantworten. Was aber angesichts der geostrategischen Relevanz deutlich geworden sein sollte und auch von der russischen F&uuml;hrung mehrmals ge&auml;u&szlig;ert wurde, ist, dass die Krim unantastbar sei. Es geht bei der Krim um mehr als um 27.000 Quadratkilometer und 2,3 Mio. Einwohner. Es geht um Russlands Gro&szlig;machtstatus im gesamten Schwarzmeerraum bis in das &ouml;stliche Mittelmeer hinein. Mehr noch, es geht auch um das unmittelbare Sicherheitsempfinden Russlands mit Blick auf die Ausdehnung der NATO. NATO- und US-Flaggen auf der Krim sind f&uuml;r Russland unvorstellbar.<\/p><p>Weitere geostrategische Dreh- und Angelpunkte in europ&auml;ischen Meeren sind die Insel Bornholm sowie die russische Exklave Kaliningrad an der Ostsee. Insbesondere die Exklave k&ouml;nnte im Falle einer weiteren Eskalation im Stellvertreterkrieg demn&auml;chst die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.<\/p><p>Titelbild: Gaulois_s\/shutterstock.com<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/a4a62e80f25c4c8d9d1a44e077603dab\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt wandelt sich wahrlich im Zeitraffer. Der Ukrainekrieg hat den sich seit rund zwei Jahrzehnten anbahnenden Wandel der Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse manifestiert. Und dass es sich nicht um eine rein europ&auml;ische, sondern tats&auml;chlich globale Dimension handelt, zeigt das zunehmende und selbstbewusste Aufbegehren des Globalen S&uuml;dens gegen den Westen, seitdem der Krieg in der Ukraine tobt. 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