{"id":102053,"date":"2023-08-06T14:00:37","date_gmt":"2023-08-06T12:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102053"},"modified":"2023-08-07T07:52:54","modified_gmt":"2023-08-07T05:52:54","slug":"nach-zwoelf-jahren-noch-immer-aktuell-daniele-gansers-europa-im-erdoelrausch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102053","title":{"rendered":"Nach zw\u00f6lf Jahren noch immer aktuell: Daniele Gansers \u201eEuropa im Erd\u00f6lrausch\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wir befinden uns mitten in einer Energiekrise. Erd&ouml;l und Erdgas sind so teuer geworden, dass gerade die westlichen Gesellschaften zu einer Verhaltens&auml;nderung gen&ouml;tigt werden. Gerade Europa steht vor fundamentalen Umw&auml;lzungen, weil die meisten L&auml;nder des Kontinents Erd&ouml;l nicht f&ouml;rdern, sondern auf Importe angewiesen sind. Doch das &bdquo;Schwarze Gold&ldquo; geht zur Neige. Das F&ouml;rdermaximum soll Mitte der 2000er-Jahre bereits erreicht worden sein. Das ist zumindest die These des Historikers und Friedensforschers <strong>Daniele Ganser<\/strong>, der sie in seinem Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/buecher-von-fifty-fifty\/europa-im-erdoelrausch.html\">&bdquo;Europa im Erd&ouml;lrausch&ldquo;<\/a> ausf&uuml;hrlich erl&auml;utert. Eine Rezension von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Monographie erschien das erste Mal im Jahr 2012, zu einer Zeit, die sehr, sehr lange zur&uuml;ckzuliegen scheint. Die Welt hat sich seitdem gewaltig ver&auml;ndert, nicht unbedingt wegen des Erd&ouml;ls, sondern wegen der multiplen Krisen, die viele Menschen f&uuml;r den mangelnden Wahrheitscharakter offizieller Narrative sensibilisiert haben. Dazu trug auch Daniele Ganser bei, mit Recherchen und Vortr&auml;gen, in denen er die wahren Mechanismen und Vorg&auml;nge hinter den Kulissen einer breiten &Ouml;ffentlichkeit zu erl&auml;utern versuchte. Als der Historiker &bdquo;Europa im Erd&ouml;lrausch&ldquo; herausbrachte, war er allerdings noch den wenigsten bekannt. Dabei hatte er schon damals all jene Themen kritisch beleuchtet, die heute von den Leitmedien sorgf&auml;ltig abgeschirmt werden. Wer sie aufgreift, handelt sich schnell den Titel &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker&ldquo; ein &ndash; so wie Daniel Ganser selbst. &bdquo;Europa im Erd&ouml;lrausch&ldquo; l&auml;sst auch durchblicken, warum.<\/p><p><strong>Kriege im Nahen Osten<\/strong><\/p><p>Mit seinem Buch hat der Historiker die erste Gesamtdarstellung zu Europas Erd&ouml;l-Abh&auml;ngigkeit vorgelegt und dabei aufgezeigt, inwieweit das &bdquo;Schwarze Gold&ldquo; f&uuml;r stetigen Wohlstand sorgte und das Wirtschaftswachstum befeuerte. Als die F&ouml;rdermenge jedoch abzunehmen begann, musste nicht nur Europa, sondern auch die Imperialmacht USA reagieren und ein Ressourcenmanagement betreiben, das bewaffnete Auseinandersetzungen impliziert. In diesem Kontext geht Ganser auf die Kriege im Nahen Osten ein, um zu veranschaulichen, dass gerade die USA immer ihre Finger im Spiel hatten, ob es sich um den Konflikt zwischen Iran und Irak oder dem zwischen Irak und Kuwait handelte. Gleiches gilt f&uuml;r die sp&auml;teren US-Kriege gegen Irak und Libyen, f&uuml;r die der Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 als Vorwand diente, obwohl sie lange davor geplant worden sein sollten. <\/p><p>Ganser geht in seinem Buch ans Eingemachte und fasst hei&szlig;e Eisen an, schildert diese Zusammenh&auml;nge aber nicht im polemischen oder demagogischen Gestus, sondern sachlich-n&uuml;chtern, indem er Zeitungsartikel, Dokumente und Politikeraussagen auswertet. Er weist auf Widerspr&uuml;che in den Narrativen hin, beschreibt die politischen Winkelz&uuml;ge und zieht logische Schlussfolgerungen, legt aber die &bdquo;verp&ouml;nten&ldquo; Thesen geschickt in die M&uuml;nder von Experten, Zeitzeugen und zentralen Akteuren, die er lediglich zitiert.<\/p><p><strong>Einfluss des Erd&ouml;ls auf die geschichtliche Entwicklung<\/strong><\/p><p>&Uuml;ber weite Strecken liest sich Gansers Monographie wie ein klassisches Geschichtsbuch, in dem der Autor historisch einschneidende Ereignisse behandelt, allerdings immer unter Ber&uuml;cksichtigung der Rolle, die das Erd&ouml;l dabei spielte. Als besonders interessant erweisen sich die Passagen zum Aufstieg des US-Unternehmers John D. Rockefeller, der mit seiner Standard Oil Company den Markt zu kontrollieren begann und so zum ersten Milliard&auml;r der Weltgeschichte wurde. Wie er diese Vorrangstelle behauptete, schildert Ganser eindrucksvoll, indem er im Stil eines Kriminalroman-Autors Rockefellers Winkelz&uuml;ge beschreibt. Die Konkurrenz in den USA wurde in der Anfangszeit sehr kreativ bek&auml;mpft, bis die Standard Oil Company an der Wende zum 20. Jahrhundert in verschiedenen europ&auml;ischen L&auml;ndern Tochterfirmen gr&uuml;ndete, die direkt der Zentrale in New York unterstanden.<\/p><p>Im Ersten Weltkrieg soll Erd&ouml;l ebenfalls ein gewichtiger Faktor gewesen sein, so Ganser, der sich unter anderem auf Historiker-Kollegen bezieht. Gerade England habe die Auseinandersetzung mit dem industriellen Rivalen Deutschland provoziert, um durch Eroberungen und territoriale Neuordnung nach dem Krieg vor allem die uneingeschr&auml;nkte Kontrolle &uuml;ber die wichtigsten Lagerst&auml;tten des strategischen Rohstoffs der Zukunft zu sichern. Dass die menschlichen Opfer am Ende so hoch ausfielen, sei ebenfalls dem Erd&ouml;l geschuldet: &bdquo;Denn es revolutionierte die Kriegsf&uuml;hrung. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs waren Pferde, durch Kohle betriebene Schiffe und Eisenbahnz&uuml;ge noch die Grundlage aller Planung. Doch im Verlauf des Krieges ver&auml;nderten das &Ouml;l und der Verbrennungsmotor die Kriegsf&uuml;hrung in jeder Hinsicht.&ldquo; Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sei es zum Einsatz von Panzern, dieselbetriebenen Unterseeboten und Milit&auml;rflugzeugen gekommen.<\/p><p>Einen entscheidenden Einfluss soll Erd&ouml;l auch auf den Zweiten Weltkrieg gehabt haben. Ganser akzentuiert vor allem die Rolle der USA, &bdquo;dem mit Abstand wichtigsten Erd&ouml;lproduzenten im Zweiten Weltkrieg&ldquo;. Wer an dessen Seite k&auml;mpfte, &bdquo;hatte gen&uuml;gend Erd&ouml;l und gewann, wer gegen die USA k&auml;mpfte, hatte zu wenig und verlor &ndash; wie das Schicksal von Japan und Deutschland zeigt&ldquo;. Doch irgendwann wurde auch in den Vereinigten Staaten das Erd&ouml;l knapp, weshalb die Imperialmacht anfing, nach neuen Quellen zu suchen und blutige Ressourcenkriege zu f&uuml;hren.<\/p><p><strong>Gefahr der Ressourcenkriege w&auml;chst<\/strong><\/p><p>Diese Passagen geh&ouml;ren in Gansers Buch zu den interessantesten, weil sie vor Augen f&uuml;hren, dass sich die Ressourcenkriege wohl intensivieren, je knapper das Erd&ouml;l wird. Daran kann selbst die zunehmende Aufmerksamkeitsverschiebung auf unkonventionelles Erd&ouml;l nichts &auml;ndern. Gewonnen werde es unter anderem aus gro&szlig;en Meerestiefen. &bdquo;Dieses Erd&ouml;l ist zwar fl&uuml;ssig, aber technisch sehr schwierig zu erschlie&szlig;en&ldquo;, so Ganser. Zum unkonventionellen Erd&ouml;l geh&ouml;re auch das Polar&ouml;l aus der Arktis oder der Teersand, wie er zum Beispiel in der kanadischen Provinz Alberta abgebaut werde. Diese Arten von Erd&ouml;l seien jedoch &bdquo;teuer, langsam und aufwendig in der F&ouml;rderung&ldquo;, weil viel Energie ben&ouml;tigt werde. Somit verschlechtere sich das Verh&auml;ltnis zwischen Energieaufwand und Energieertrag.<\/p><p>Angesichts der zunehmenden Ressourcenkriege zeigt sich Ganser im Buch besorgt: &bdquo;Der Kampf der Superm&auml;chte um das knapper werdende Erd&ouml;l ist gef&auml;hrlich&ldquo;, schreibt er an einer Stelle und thematisiert dabei unter anderem die Rolle der NATO, die sich vor diesem Hintergrund von einem Verteidigungs- zu einem Angriffsb&uuml;ndnis wandle. Um Ressourcenkriege zu verhindern, setzt der Historiker auf erneuerbare Energien. Seine Ausf&uuml;hrungen zu diesem Komplex am Ende des Buches lesen sich jedoch wie die gegenw&auml;rtigen Narrative der gr&uuml;nen Politikagenda, die mit autorit&auml;rem Gestus aufgedr&auml;ngt wird. Es w&auml;re interessant zu erfahren, ob Ganser heute die gleichen Ansichten vertritt; ob er den erneuerbaren Energien kritischer gegen&uuml;bersteht, zumal sich immer deutlicher abzeichnet, dass um sie herum ein neuer lukrativer Markt entsteht und es den Akteuren weniger um die Umwelt als um wirtschaftliche Interessen geht. Einige Widerspr&uuml;che sah Ganser bereits 2012. Und knapp zw&ouml;lf Jahre sp&auml;ter sind sie aktueller denn je: &bdquo;Die Verteidigungsausgaben werden hochgefahren &ndash; und fehlen bei der Energiewende.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Europa im Erd&ouml;lrausch&ldquo; erschien zun&auml;chst beim Verlag Orell F&uuml;ssli. Nachdem dort die Sachbuchsparte eingestellt worden war, &uuml;bernahm der Westend Verlag die Rechte an der Monographie und hat sie neu aufgelegt. Sie ist noch immer sehr lesenswert, insbesondere vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges, in dem die Europ&auml;ische Union, die NATO und die USA keine unwesentliche Rolle spielen. Ob es auch hierbei um Ressourcen wie Erd&ouml;l und Erdgas geht, dar&uuml;ber regt Gansers Buch zumindest zum Nachdenken an.<\/p><p><em>Daniele Ganser, <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/buecher-von-fifty-fifty\/europa-im-erdoelrausch.html\">&bdquo;Europa im Erd&ouml;lrausch&ldquo;<\/a>, Westend Verlag, Frankfurt, 414 Seiten, 24,95 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir befinden uns mitten in einer Energiekrise. Erd&ouml;l und Erdgas sind so teuer geworden, dass gerade die westlichen Gesellschaften zu einer Verhaltens&auml;nderung gen&ouml;tigt werden. Gerade Europa steht vor fundamentalen Umw&auml;lzungen, weil die meisten L&auml;nder des Kontinents Erd&ouml;l nicht f&ouml;rdern, sondern auf Importe angewiesen sind. 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