{"id":102059,"date":"2023-08-04T14:30:25","date_gmt":"2023-08-04T12:30:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102059"},"modified":"2023-08-04T16:40:54","modified_gmt":"2023-08-04T14:40:54","slug":"rechtsoffen-die-nebelkerze-der-kriegsunterstuetzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102059","title":{"rendered":"\u201eRechtsoffen\u201c \u2013 Die Nebelkerze der Kriegsunterst\u00fctzer"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland ist faktisch l&auml;ngst Kriegspartei im Ukrainekrieg. Deshalb tobt auch an der &bdquo;Heimatfront&ldquo; in Deutschland ein gnadenloser Kampf um Meinungsf&uuml;hrerschaften und Deutungshoheiten. Vor dem Hintergrund des immer weiter eskalierenden Krieges &ndash; gerade wieder milliardenschwere Waffenlieferungen, rund f&uuml;nfhundert tote ukrainische und russische Soldaten jeden Tag, Einsatz von Uranmunition und Streubomben, Sprengung der Krim-Br&uuml;cke und die drohende Gefahr eines baldigen Eintritts in einen 3. Weltkrieg (<a href=\"https:\/\/www.jeffsachs.org\/interviewsandmedia\/3xelgfrf8b9aewxydgeagm3e5b8dtz\">Jeffrey Sachs<\/a>) &ndash; wird auch an der &bdquo;Heimatfront&ldquo; in Deutschland in und im Umfeld der Friedensbewegung eine erbitterte Auseinandersetzung gef&uuml;hrt. Erstaunlicherweise geht es dabei nicht um den besten und schnellsten Weg aus dem Krieg hin zum Frieden, sondern um die Frage, mit wem man demonstrieren und von welchen Friedenskr&auml;ften man sich fernhalten sollte, um nicht &bdquo;mit den Falschen&ldquo; zu demonstrieren. Von <strong>J&uuml;rgen Sch&uuml;tte<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4635\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-102059-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230804_Rechtsoffen_Die_Nebelkerze_der_Kriegsunterstuetzer_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230804_Rechtsoffen_Die_Nebelkerze_der_Kriegsunterstuetzer_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230804_Rechtsoffen_Die_Nebelkerze_der_Kriegsunterstuetzer_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230804_Rechtsoffen_Die_Nebelkerze_der_Kriegsunterstuetzer_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=102059-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230804_Rechtsoffen_Die_Nebelkerze_der_Kriegsunterstuetzer_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230804_Rechtsoffen_Die_Nebelkerze_der_Kriegsunterstuetzer_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Der Begriff der &bdquo;Rechtsoffenheit&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die &bdquo;Falschen&ldquo;, das sind unter dem Gebot des &bdquo;antifaschistischen Grundkonsenses&ldquo; der Friedensbewegung Akteure und Gruppen, die als &bdquo;rechtsoffen&ldquo;, &bdquo;rechts&ldquo;, &bdquo;extrem rechts&ldquo;, &bdquo;AfD-nah&ldquo;, &bdquo;Nazis&ldquo;, oder gar &bdquo;faschistisch&ldquo; identifiziert werden. Insbesondere der inflation&auml;r gebrauchte Begriff der &bdquo;Rechtsoffenheit&ldquo; steht dabei im Zentrum der Ab- und Ausgrenzungsdebatte. Jedoch schon seine Unbestimmtheit l&auml;sst den Begriff und seine Verwendung fragw&uuml;rdig erscheinen. &bdquo;Rechts&ldquo; ist nicht gleichbedeutend mit AfD-nah, Nazi oder faschistisch; &bdquo;rechts&ldquo; ist auch die CDU im Parteienspektrum angesiedelt. Es kommt im &Uuml;brigen auch darauf an, wo man sich selbst im politischen Spektrum verortet. Wenn man sich extrem links positioniert, steht praktisch der ganze Rest der Gesellschaft &bdquo;rechts&ldquo; davon.<\/p><p>&bdquo;Rechts&ldquo; wird in dieser Debatte niemals wirklich an den Inhalten von Politik festgemacht. M&uuml;ssten nicht diejenigen Parteien wie Gr&uuml;ne und SPD, die Waffenlieferungen in Kriegsgebiete fordern und f&uuml;r Wirtschaftssanktionen eintreten, die Russland ruinieren wollen, per se als &bdquo;rechts&ldquo; eingeordnet werden? Und was bedeutet denn &bdquo;Offenheit&ldquo;? Erfordert dies ein Tolerieren, ein billigendes Akzeptieren, einen Kontakt oder eine Gespr&auml;chsbereitschaft? Der Begriff der &bdquo;Rechtsoffenheit&ldquo; ist f&uuml;r eine seri&ouml;se politische Auseinandersetzung offensichtlich unbrauchbar. Seine Verwendung suggeriert jedoch eine N&auml;he zu au&szlig;erhalb des demokratischen Spektrums liegenden Positionen und hat deshalb diskriminierenden Charakter. Um die Ausgrenzung noch zu vertiefen, werden bei seiner Verwendung h&auml;ufig auch bewusst weitere Begriffe wie &bdquo;rechts&ldquo;, &bdquo;extrem rechts&ldquo;, &bdquo;rechtsesoterisch&ldquo; oder &bdquo;Nazi&ldquo; ohne irgendeinen Anhaltspunkt oder Beweis in einem Atemzug genannt.<\/p><p>Bei den sachlichen Grundlagen f&uuml;r die Einordnung als &bdquo;rechtsoffen&ldquo; werden geltende Beweisregeln stets missachtet. Musterbeispiel daf&uuml;r ist der Artikel in der <em>Terz<\/em> D&uuml;sseldorf (Nr. 6.23) <a href=\"https:\/\/terz.org\/2023\/06\/friedensbuendnis-nrw.html\">&bdquo;Das &bdquo;Friedensb&uuml;ndnis NRW&ldquo; &bdquo;Querfront&ldquo;-Bestrebungen in D&uuml;sseldorf?&ldquo;<\/a>. Zentrales Argument f&uuml;r eine Verbindung nach &bdquo;rechts&ldquo; sind stets Kontaktschuldvorw&uuml;rfe (&bdquo;er ist dort gesehen worden&ldquo; &hellip; &bdquo;hatte dazu Kontakt&ldquo;), negativ verst&auml;rkt durch Attribute wie &bdquo;extrem rechts&ldquo;, &bdquo;rechtsesoterisch&ldquo;. Beweise f&uuml;r eine rechte politische Bet&auml;tigung werden niemals vorgelegt.<\/p><p>Der Autor des Artikels, ein Tom Burkhardt, agiert als Anonymus. Die <em>Terz<\/em>-Redaktion weigerte sich auf Aufforderung, seine wahre Identit&auml;t preiszugeben, behauptet gar, diese nicht zu kennen, obwohl dies ein Versto&szlig; gegen geltendes Presserecht w&auml;re. Dem Duktus nach erscheint der Artikel wie eine Aneinanderreihung von Verfassungsschutzdossiers. Dies liegt auch deswegen nahe, weil die unterstellten Kontakte &uuml;berhaupt erst durch eine professionelle Dauerbeobachtung von Einzelpersonen zustande gekommen sein k&ouml;nnten.<\/p><p>In der publizistischen Praxis nimmt der evidenzlose Artikel der <em>Terz<\/em> allerdings eine zentrale Stellung ein. Die meisten Stellungnahmen, die mit der &bdquo;Rechtsoffenheit&ldquo; argumentieren, verwenden immer wieder Teile dieses Artikels, sozusagen als &bdquo;Fundgrube&ldquo;. Dies und seine vermeintliche Herkunft aus tr&uuml;ben Quellen sprechen f&uuml;r sich. Bei der Zuschreibung einer &bdquo;Rechtsoffenheit&ldquo; werden neben nebul&ouml;sen Kontaktschuldvorw&uuml;rfen auch echte Falschbehauptungen und L&uuml;gen verwendet. Dies hat die Initiative &bdquo;Frieden Links&ldquo; in ihrer <a href=\"https:\/\/frieden-links.de\/2023\/07\/stellungnahme-zu-verleumdungen-der-vvn-bda-vorsitzenden\/\">Stellungnahme zu Verleumdungen durch die Bundesvorsitzenden des antifaschistischen Vereins VVN-BdA<\/a> vom Juli 2023 belegt.<\/p><p><strong>Das Fehlen von alternativen Friedensprotesten<\/strong><\/p><p>Ginge es im Zusammenhang mit den vorgeblichen &bdquo;rechtsoffenen Protesten&ldquo; allein um die Frage, dass nicht &bdquo;mit den Falschen&ldquo; protestiert werden soll, so m&uuml;ssten die Kr&auml;fte, die die Aus- und Abgrenzungsdiskussion befeuern &ndash; also die Funktion&auml;re der VVN und der DFG-VK in NRW, die Redakteure der <em>Terz<\/em> D&uuml;sseldorf und des <a href=\"https:\/\/www.friedenskooperative.de\/friedensforum\/artikel\/friedensbuendnis-nrw\">Netzwerks Friedenskooperative<\/a> und andere) &ndash; selbst aktiv werden und Friedensproteste ohne diese inkriminierten &bdquo;rechtsoffenen&ldquo; Kr&auml;fte durchf&uuml;hren. Insofern ist jedoch nur Fehlanzeige zu vermelden. Die VVN hat bislang keinerlei Antikriegsprotest gefordert, angeboten oder durchgef&uuml;hrt. Die DFG-VK erledigt, zumindest in NRW, ihr j&auml;hrliches Pflichtprogramm &ndash; Ostermarsch im April, im Sommer Mini-Protest vor Rheinmetall anl&auml;sslich der Aktion&auml;rsversammlung, im Oktober dann der Anti-NATO-Protest im abgelegenen niederrheinischen Ort Kalkar &ndash; ohne die eskalierende Kriegspolitik der Bundesregierung mit h&ouml;r- und sichtbarem Protest auf zentralen &ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen zu begleiten.<\/p><p>Es gibt schlicht keinen nennenswerten Protest etablierter zivilgesellschaftlicher Organisationen gegen die Kriegspolitik der Bundesregierung. In D&uuml;sseldorf tritt gar bei jeder Friedensdemo eine St&ouml;rtruppe unter der Flagge der &bdquo;Antifa&ldquo; auf, um den Friedensprotest des Friedensb&uuml;ndnisses NRW zu behindern und zu st&ouml;ren. Mit Flaggen der Ukraine und der EU sprechen sich die St&ouml;rer offiziell f&uuml;r die Waffenlieferungen der Bundesregierung und die Kriegspolitik der EU aus. Die Demonstranten des Friedensb&uuml;ndnisses NRW werden von den unter der Flagge der &bdquo;Antifa&ldquo; agierenden St&ouml;rern als Nazis beschimpft. Eine offenbar der Antifa nahestehende <a href=\"https:\/\/www.ddorf-aktuell.de\/2023\/02\/12\/duesseldorf-friedensbewegung-und-querdenken-gruppen-demonstrieren-gemeinsam-gegen-waffenlieferungen\/\">Online-Zeitung<\/a> diffamierte sogar namentlich Mitglieder der VVN, die sich in D&uuml;sseldorf an Friedensdemos beteiligen.<\/p><p><strong>Der &bdquo;Rechtsoffen-Vorwurf&ldquo; f&uuml;hrt also nicht zu einem alternativen, &bdquo;nicht rechtsoffenen&ldquo; Protest gegen die Kriegspolitik der Bundesregierung, sondern zur Warnung vor Friedensprotesten (DFG-VK), zum Nicht-Protest, zur friedenspolitischen Passivit&auml;t, zur Diffamierung und Delegitimierung laufender Proteste und gar zu deren massiver Behinderung und St&ouml;rung.<\/strong><\/p><p><strong>Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Antikriegsproteste<\/strong><\/p><p>Die mit dem Vorwurf der &bdquo;Rechtsoffenheit&ldquo; agierenden Kr&auml;fte der Friedensbewegung geben vor, die &bdquo;Rechtsoffenheit&ldquo; sei die zentrale H&uuml;rde f&uuml;r einen gemeinsamen Protest aller Kr&auml;fte der Friedensbewegung. Dass es auch, oder insbesondere, zur Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit von Antikriegsprotesten inhaltliche Differenzen gibt, wird von ihnen nicht offen thematisiert. Doch bei genauem Hinsehen liegt genau hier die entscheidende Trennlinie.<\/p><p>Antikriegsproteste, die sich gegen die eskalierende Politik der Bundesregierung richten, m&uuml;ssten sich nach den bisherigen Ma&szlig;st&auml;ben der Friedensbewegung gegen die Lieferung von Waffen, insbesondere schweren Waffen, die Verh&auml;ngung von Wirtschaftssanktionen gegen Russland, den einstweiligen Ausschluss von Verhandlungen mit Russland, die Ablehnung eines Waffenstillstands richten. Die VVN (bzw. deren Bundesvorsitzende Cornelia Kerth und Florian Gutsche) macht jedoch in ihrer Ver&ouml;ffentlichung vom 12.7.2023 <a href=\"https:\/\/vvn-bda.de\/falsche-frontstellung\/#more-5232\">&bdquo;Falsche Frontstellung&ldquo;<\/a> das Gegenteil deutlich. Die VVN-Funktion&auml;re sehen in den Protesten gegen Waffenlieferungen und Sanktionen &bdquo;das Konzept einer Friedensbewegung, die den russischen Angriffskrieg und die notwendigen Konsequenzen daraus aus der Perspektive und ihren Debatten ausblendet&ldquo;. Mit den &bdquo;notwendigen Konsequenzen&ldquo; sind selbstredend jene Konsequenzen gemeint, die die deutsche Bundesregierung mit ihrem Kriegskurs seit M&auml;rz 2022 gezogen hat, n&auml;mlich die immer weitere Lieferung von schweren Waffen, die Verh&auml;ngung von Wirtschaftssanktionen (de facto ein Wirtschaftskrieg gegen Russland), der Ausschluss von Verhandlungen und die Ablehnung eines Waffenstillstands. Damit stellt sich die VVN faktisch an die Seite der Bundesregierung, die mit ihrer weiteren Kriegseskalation alles daf&uuml;r tut, dass dieser Krieg fortgef&uuml;hrt wird.<\/p><p>Auch in den bekannten Ver&ouml;ffentlichungen der DFG-VK kommt eine Kritik an der konkreten eskalierenden Kriegsscharfmacherei der Bundesregierung nicht vor. Immer wieder wird der &bdquo;Gessler-Hut&ldquo; in der Kriegsschuldfrage (&bdquo;v&ouml;lkerrechtswidriger Krieg Russlands gegen die Ukraine&ldquo;) einseitig zulasten Russlands zu gezogen. Auf Dr&auml;ngen der DFG-VK NRW gr&uuml;&szlig;te auch der <a href=\"http:\/\/s9y.ostermarsch-ruhr.de\/uploads\/OMAAufruf23_ULmEU.pdf\">Ostermarschaufruf Rheinland 2023<\/a> den geschichtsvergessenen Gesslerhut der russischen Alleinschuld. Die Entwicklung zum Krieg, insbesondere seit dem Putsch im Jahr 2014 und dem Beschuss des Donbass mit vierzehntausend toten Zivilisten, blendet der Aufruf aus, ebenso, dass Deutschland durch die Waffenlieferungen l&auml;ngst Kriegspartei geworden ist. Konsequent wird auch nicht ber&uuml;cksichtigt, dass nicht nur derjenige das Elend eines Krieges zu verantworten hat, der den ersten Schuss abgibt, sondern auch derjenige, der alles daf&uuml;r tut, dass der Krieg nicht beendet wird. Gerade dies trifft auf die Politik der Bundesregierung zu.<\/p><p>Die sogenannte Antifa steht vollst&auml;ndig hinter der Kriegspolitik der Bundesregierung, indem sie Waffenlieferungen und Wirtschaftssanktionen begr&uuml;&szlig;t, den R&uuml;ckzug Russlands von der Krim und aus dem Donbass fordert, und bis zur Erf&uuml;llung dieser einseitigen Forderungen alle Friedensverhandlungen ablehnt. Seine olivgr&uuml;nen Ansichten ehrlich und direkt zu formulieren, traut sich der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des bundesweiten Netzwerks Friedenskooperative, Kristian Golla, in der taz: &bdquo;Wer als Pazifist gegen Waffenlieferungen ist, macht sich schuldig durch Unterlassen, weil dann auch Menschen ums Leben kommen.&ldquo; (<a href=\"https:\/\/taz.de\/Friedensbewegung-und-Ostermaersche\/!5923326\/\">taz, 7. April 2023<\/a>)<\/p><p><strong>Das Dilemma der &bdquo;Kriegskuschler&ldquo; wie VVN und DFG-VK<\/strong><\/p><p>In der Friedensbewegung der Nachkriegszeit in Deutschland gab und gibt es friedenspolitische Positionen, die bislang als unumst&ouml;&szlig;lich galten. Dazu geh&ouml;rten die Selbstverst&auml;ndlichkeiten, dass man Waffenlieferungen (in Kriegsgebiete) ebenso ablehnte wie Wirtschaftssanktionen bzw. Wirtschaftskriege. Ebenso galt das Primat des Verhandelns gegen&uuml;ber der kriegerischen Auseinandersetzung, dem Schie&szlig;en, als gesetzt. Und schlie&szlig;lich wurden Waffenstillst&auml;nde immer gefordert, um damit in Verhandlungen einzutreten. Diese &bdquo;friedenspolitischen Grunds&auml;tze&ldquo; wurden von niemandem infrage gestellt, wollte er oder sie sich nicht selbst aus der Friedensbewegung ausschlie&szlig;en.<\/p><p>Erstmals in der Vorbereitung zu einer bundesweiten zentralen Friedenskundgebung zum 1. Oktober 2022 &auml;u&szlig;erte jedoch ein Vertreter der IPPNW (Internationale &Auml;rzte f&uuml;r die Verh&uuml;tung eines Atomkriegs) im Rahmen einer ZOOM-Konferenz, dass seine Organisation gar nicht eindeutig gegen Waffenlieferungen an die Ukraine und Wirtschaftssanktionen gegen Russland sei. Der hier eingeleitete &bdquo;Tabubruch&ldquo; setzte sich mit dann in Positionen von VVN und DFG-VK zum Erstaunen und zum Entsetzen gro&szlig;er Teile der Friedensbewegung fort. Die IPPNW verbot dann auch ihrem langj&auml;hrigen Mitglied Dr. med. Ingrid Pfanzelt, auf der M&uuml;nchner Demonstration gegen die NATO-Sicherheitskonferenz im Namen der IPPNW zu sprechen. Dr. Pfanzelt sprach als friedensbewegte Privatperson vor &uuml;ber zwanzigtausend Menschen auf dem K&ouml;nigsplatz &uuml;ber die aktuelle Gefahr eines Atomkriegs auf europ&auml;ischem Boden. Die IPPNW blieb bei dem Massenprotest gegen die bundesdeutsche Kriegspolitik auf eigenen Wunsch au&szlig;en vor.<\/p><p>Die traditionellen Organisationen der Friedensbewegung wie VVN, DFG-VK, Netzwerk Friedenskooperative oder IPPNW m&uuml;ssten nun eigentlich den staunenden Aktiven der traditionellen deutschen Friedensbewegung erkl&auml;ren, warum sie gerade in der schlimmsten den Weltfrieden bedrohenden Situation von den selbstverst&auml;ndlichen Grundforderungen der Friedensbewegung &ndash; die nie in Zweifel standen &ndash; abr&uuml;cken und sich hinter dem Kriegseskalationskurs der Bundesregierung versammeln. Dies tun sie jedoch bis heute nicht!<\/p><p><strong>Die Keule der &bdquo;Rechtsoffenheit&ldquo;<\/strong><\/p><p>Statt defensiver Erkl&auml;rungen liefern die Kriegskuschler eine offensive Kampagne unter dem Kampfbegriff der &bdquo;Rechtsoffenheit&ldquo; gegen jene Organisationen, Initiativen und Einzelne, welche die friedenspolitischen Grundforderungen weiter hochhalten. Die aktiven Friedensaktivisten werden von den passiven Kriegskuschlern als nicht kompatibel ausgegrenzt, weil sie eben &bdquo;rechtsoffen&ldquo;, &bdquo;rechts&ldquo; oder gar &bdquo;rechtsesoterisch&ldquo; seien. Ob in Berlin, M&uuml;nchen, Hamburg oder D&uuml;sseldorf: &Uuml;berall entstanden Friedensgruppen oder -b&uuml;ndnisse, die sich die einfachen und selbstverst&auml;ndlichen Forderungen der Friedensbewegung auf ihre Fahnen schrieben: Keine Waffenlieferungen, kein Wirtschaftskrieg (gegen Russland), Verhandeln statt Schie&szlig;en und Waffenstillstand sofort.<\/p><p>Deutlich wird, dass es in dieser Auseinandersetzung in Wirklichkeit nicht um &bdquo;rechts&ldquo; oder &bdquo;links&ldquo; geht, sondern darum, das eigene Aufgeben der friedenspolitischen Grundpositionen der Friedensbewegung zu kaschieren. Mit einer aggressiven Kampagne, die nat&uuml;rlich von der herrschenden Politik und deren Medien (insbesondere der olivgr&uuml;nen <a href=\"https:\/\/taz.de\/Friedensbewegung-und-Ostermaersche\/!5923326\/\">taz<\/a>) nachdr&uuml;cklich unterst&uuml;tzt wird, z&uuml;ndet man die <em>Nebelkerze der &bdquo;Rechtsoffenheit in der Friedensbewegung&ldquo;<\/em>, um davon abzulenken, dass man selbst &ndash; als vermeintliches Mitglied der Friedensbewegung &ndash; vor der herrschenden Kriegspolitik kapituliert bzw. sich dieser unterworfen hat. Die Funktion&auml;re nutzen ein g&auml;ngiges Mittel der Propaganda: Um von der eigenen Kriegszustimmung abzulenken, stellt man diejenigen, die sich der Kriegsunterst&uuml;tzung verweigern, weil sie die guten Grunds&auml;tze, Prinzipien und Politiken beibehalten, als die &bdquo;Vaterlandsverr&auml;ter&ldquo;, &bdquo;ferngesteuerte Gesellen&ldquo; oder eben &bdquo;Rechte&ldquo; dar. Geschichtliche Parallelen zur Abstimmung &uuml;ber die Kriegskredite 1914 oder zur Wiederbewaffnung 1956 sind insofern nicht fernliegend. Auch damals schuf man sich das entsprechende &bdquo;absolute Feindbild&ldquo;.<\/p><p>Politisch geht es darum, an der &bdquo;Heimatfront&ldquo; jeden Widerstand gegen den Kriegskurs der Bundesregierung und ihrer Helfer &ndash; auch in der Friedensbewegung &ndash; zu diskreditieren und unwirksam zu machen. War die Friedensbewegung davon zun&auml;chst &uuml;berrascht, wenn nicht gar &uuml;berrumpelt, in vielen F&auml;llen gar vor Emp&ouml;rung gel&auml;hmt angesichts langj&auml;hriger eigener Mitgliedschaft in den Organisationen der angreifenden Funktion&auml;re, so gelingt die Diffamierungskampagne zunehmend immer weniger. Die wirklichen Kr&auml;fte des Friedens &ndash; in der Tradition der alten Friedensbewegung &ndash; begreifen diese Situation und lassen sich immer weniger von den Verleumdungen und Diffamierungen beeindrucken. Sie werden zunehmend aktiv und wehren sich, z.B. &bdquo;alte Fahrensleute der Friedensbewegung&ldquo; in der Initiative <a href=\"https:\/\/frieden-links.de\/2023\/07\/stellungnahme-zu-verleumdungen-der-vvn-bda-vorsitzenden\/\">Frieden links<\/a>.<\/p><p><em><strong>J&uuml;rgen Sch&uuml;tte<\/strong> ist Sprecher des Friedensb&uuml;ndnisses M&ouml;nchengladbach und Mit-Koordinator des Friedensb&uuml;ndnisses NRW.<\/em><\/p><p>Titelbild: Zaie\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland ist faktisch l&auml;ngst Kriegspartei im Ukrainekrieg. Deshalb tobt auch an der &bdquo;Heimatfront&ldquo; in Deutschland ein gnadenloser Kampf um Meinungsf&uuml;hrerschaften und Deutungshoheiten. Vor dem Hintergrund des immer weiter eskalierenden Krieges &ndash; gerade wieder milliardenschwere Waffenlieferungen, rund f&uuml;nfhundert tote ukrainische und russische Soldaten jeden Tag, Einsatz von Uranmunition und Streubomben, Sprengung der Krim-Br&uuml;cke und die drohende<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102059\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":102061,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,170,123,171],"tags":[2890,3293,3058,3240,1120,1829,259,827,2813,2377,2376,1019],"class_list":["post-102059","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-friedenspolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-militaereinsaetzekriege","tag-antifa","tag-bellizismus","tag-diffamierung","tag-diplomatische-verhandlungen","tag-friedensbewegung","tag-ippnw","tag-russland","tag-stigmatisierung","tag-vvn-bda","tag-waffenlieferungen","tag-waffenstillstandsabkommen","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Shutterstock_2202128367.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102059","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=102059"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102059\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102097,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102059\/revisions\/102097"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/102061"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=102059"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=102059"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=102059"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}