{"id":102077,"date":"2023-08-04T13:27:31","date_gmt":"2023-08-04T11:27:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102077"},"modified":"2023-08-04T14:15:56","modified_gmt":"2023-08-04T12:15:56","slug":"der-korea-kompromiss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102077","title":{"rendered":"Der Korea-Kompromiss"},"content":{"rendered":"<p>Einige Ereignisse der Zeitgeschichte &uuml;berdauern oft ihr Datum, selbst wenn sie nicht in den Stand einer &bdquo;Zeitenwende&ldquo; gehoben wurden. Ihre Bedeutung ersch&ouml;pft sich dann nicht in dem blo&szlig;en Erinnern als R&uuml;ckbesinnung auf vergangene Zeiten, sondern kann zu neuen Erkenntnissen und auch Lehren f&uuml;r die Gegenwart f&uuml;hren. So k&ouml;nnte es auch mit dem Waffenstillstand im Koreakrieg vor genau 70 Jahren am 27. Juli 1953 geschehen. Ein Gedenktag, der allerdings weitgehend unbemerkt und unbefragt vor&uuml;bergegangen ist, obwohl er in der Gegenwart des Ukrainekrieges Anlass zu einigen n&uuml;tzlichen &Uuml;berlegungen sein k&ouml;nnte. Von <strong>Norman Paech<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSo unbeliebt der Gedenktag in den USA offensichtlich ist, so haben sich doch in den <em>Foreign Affairs<\/em> einige Autoren zu Wort gemeldet, die die Bedeutung des Waffenstillstandes auch f&uuml;r die heutige Diskussion erkannten. Denn beide Kriege haben mehr Gemeinsamkeiten miteinander, als es die zeitliche Distanz vermuten l&auml;sst. Sie basieren auf der gleichen Konfrontation zwischen den USA und Russland &ndash; seinerzeit die Sowjetunion &ndash;, obwohl unter ganz anderen ideologischen Vorzeichen. Und auch die Volksrepublik China ist wieder mit dabei, damals milit&auml;risch, heute eher politisch, aber auf derselben Seite. Doch ein gravierender Unterschied bleibt. Im Koreakrieg standen sich die Parteien direkt mit ihren Truppen gegen&uuml;ber, in der Ukraine bisher noch nicht. Allerdings k&ouml;nnten die USA sehr wohl die falschen Lehren aus dem Koreakrieg ziehen.<\/p><p>In den USA spielt in der Diskussion &uuml;ber den Beginn des Krieges in Korea eine Rede des damaligen US-Au&szlig;enministers Dean Acheson &uuml;ber die US-Politik in Asien, die er im Januar 1950 vor dem Nationalen Presseclub f&uuml;nf Monate vor dem Ausbruch des Krieges gehalten hat, eine gewisse Rolle. Er habe damals die Verantwortung f&uuml;r S&uuml;dkorea, wo bis Mitte 1949 noch US-Truppen stationiert waren, f&uuml;r beendet erkl&auml;rt. Sollte das Land angegriffen werden, so sei es wie jeder souver&auml;ne Staat auf sich selbst verwiesen und auf &bdquo;die Verpflichtungen der gesamten zivilisierten Welt im Rahmen der Charta der Vereinten Nationen.&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Der Kreml habe die Rede genau analysiert, und schon zwei Wochen danach Kim Il Sung zum Einmarsch erm&auml;chtigt.<\/p><p>Gleichg&uuml;ltig, ob diese Version zutrifft, eine kommunistische Invasion aus dem Norden &ndash; kurz zuvor hatte schon die Kommunistische Partei in China die Macht &uuml;bernommen &ndash; war f&uuml;r die Medien in den USA eine ungeheure Bedrohung, die eine umgehende Intervention erforderte. Verb&uuml;rgt ist der doppelte Schachzug von US-Au&szlig;enminister Dean Acheson, der den Boykott des UN-Sicherheitsrats durch die Sowjetunion nutzte. Er profitierte von der Abwesenheit der Sowjetunion und lie&szlig; den Sicherheitsrat die Invasion offiziell verurteilen. Sodann erwirkte er die ber&uuml;hmte Resolution 377 Uniting for Peace, mit der die Aufgabe der Friedenssicherung auf die Generalversammlung &uuml;bertragen werden konnte, wenn der Sicherheitsrat durch ein Mitglied blockiert wird. Der Kreml sch&auml;umte. Er hatte aus Protest gegen die Weigerung, die VR China statt Taiwan in die UNO aufzunehmen, das Gremium verlassen, korrigierte aber seinen Fehler sogleich und wandte die Resolution sp&auml;ter selbst in der Suezkrise 1956 gegen Frankreich und Gro&szlig;britannien an. Schlie&szlig;lich gelang es Acheson, die als &bdquo;Polizeiaktion&ldquo; bezeichnete US-Intervention unter das Dach der UNO zu stellen und unter ihrem Namen laufen zu lassen.<\/p><p>Die USA waren schlecht vorbereitet. Die Milit&auml;rausgaben, die 1945 noch 40 Prozent des BIP umfassten, waren 1950 auf 5 Prozent gefallen. Sie erlitten hohe Verluste gegen die nordkoreanischen Truppen, die Ende November 1950 durch 300.000 chinesische Soldaten verst&auml;rkt wurden. Erst allm&auml;hlich konnten sie mit einem gewaltigen Einsatz von Luft- und Seestreitkr&auml;ften die eingedrungenen Truppen aus Nordkorea &uuml;ber den 38. Breitengrad zur&uuml;ckdr&auml;ngen. Doch trotz des milit&auml;rischen Umschwungs war die Truman-Regierung schon im Dezember 1950 zu einem Waffenstillstand bereit. Offenbar hatte sie die verlustreichen Schlachten so kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von einer Siegstrategie abgehalten. Gemeinsam mit dem britischen Premierminister Clement Attlee ver&ouml;ffentlichte Truman ein Kommuniqu&eacute;, in dem sie zu Waffenstillstandsverhandlungen aufforderten und auf den Einsatz von Atomwaffen verzichteten. Der sowjetische Vertreter bei der UNO, Jakob Malik, forderte schlie&szlig;lich nach Gespr&auml;chen mit dem US-Diplomaten George F. Kennan am 23. Juni 1951 einen Waffenstillstand.<\/p><p>Dennoch sollte es noch zwei Jahre dauern, bis ein Waffenstillstand im Juli 1953 unterzeichnet wurde. Die Opferzahlen waren gewaltig. Nach gegenw&auml;rtigen Berechnungen haben die Amerikaner damals 26.574 Soldaten verloren, 102.284 wurden verletzt. China soll demgegen&uuml;ber eine Million Menschen geopfert haben, die Koreaner gar vier Millionen &ndash; etwa 10 Prozent der Gesamtbev&ouml;lkerung. Die Gespr&auml;che begannen am 10. Juli 1951 und drehten sich vor allem um die Festlegung der Waffenstillstandslinie, die &Uuml;berwachung der Ma&szlig;nahmen zu ihrer Einhaltung und den Gefangenenaustausch.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Im Hintergrund dieser komplizierten und mit vielen Schachz&uuml;gen gef&uuml;hrten Verhandlungen stand jedoch die grunds&auml;tzliche Entscheidung &uuml;ber die Fortf&uuml;hrung der Kampfhandlungen, die Frage der Eskalation oder Zur&uuml;ckhaltung.<\/p><p>F&uuml;r den Oberkommandierenden der US-Truppen in UNO-Uniform, General Douglas MacArthur, war die Entscheidung klar, als die Chinesen, was er nicht vorausgesehen hatte, in die Schlacht eingriffen. Er pl&auml;dierte f&uuml;r einen direkten Angriff auf die Volksrepublik, notfalls auch mit Atomwaffen. Das h&auml;tte den 3. Weltkrieg bedeutet, aber Pr&auml;sident Truman ersetzte ihn im April 1951 durch General Mathew Ridgeway. Dieser stand hinter der Entscheidung Trumans, auf den Einsatz von Kernwaffen zu verzichten und den Krieg auf Korea zu begrenzen. Doch schon ein Jahr sp&auml;ter &auml;nderte sich die Strategie wieder. General Dwight D. Eisenhower hatte die Pr&auml;sidentschaftswahlen 1952 gegen Adlay Stevenson gewonnen und war f&uuml;r einen harten Kurs gegen die kommunistischen Gegner. Er erwog M&ouml;glichkeiten der Eskalation sogar unter Einsatz von Atomwaffen. Dar&uuml;ber informierte Au&szlig;enminister John Foster Dulles im Mai 1953 den indischen Premierminister Jawaharlal Nehru.<\/p><p>Es ist unter Historikern in den USA nach wie vor strittig, ob diese Eskalationsstrategie f&uuml;r die Beendigung des Krieges und den Waffenstillstand entscheidend war und ob Nehru diese Drohung &uuml;berhaupt an die Sowjets weitergegeben hat. Ebenso entscheidend k&ouml;nnte der Tod Stalins im M&auml;rz 1953 gewesen sein. Auch die erfolgreiche Vermittlung Indiens in der UNO, in der Krishna Menon eine Resolution einbrachte, um durch eine R&uuml;ckf&uuml;hrungskommission aus neutralen Staaten die R&uuml;ckkehr von Gefangenen nach einem Waffenstillstandsabkommen zu erleichtern, hat zweifelsfrei zu der Entspannung beigetragen. Auf jeden Fall wurde der Waffenstillstand am 27. Juli 1953 von allen beteiligten Seiten unterschrieben.<\/p><p>Welche Lehren aus diesem langen Krieg und seiner Beendigung ohne Friedensvertrag f&uuml;r den gegenw&auml;rtigen Krieg auch zu ziehen sind, bemerkenswert ist, dass die Zeitschrift <em>Foreign Affairs<\/em>, die &bdquo;Strategiezeitschrift der US-amerikanischen Au&szlig;enpolitik&ldquo;, den Gedenktag nutzt, den Waffenstillstand als politische Option in die aktuelle Ukraine-Debatte zu stellen, wo sie bisher an der angeblich kategorischen Weigerung Putins aufgeh&auml;ngt wird. Gallagher und MacLean, die davon &uuml;berzeugt sind, dass &bdquo;nur die Vereinigten Staaten die freie Welt mobilisieren (k&ouml;nnen), um einen Krieg zu verhindern &ndash; und wenn n&ouml;tig, zu gewinnen&ldquo; &ndash;, schreiben: &bdquo;Die Demonstration einer glaubw&uuml;rdigen Bereitschaft zur Eskalation und zur F&auml;higkeit der Beherrschung, wenn eine solche Eskalation erforderlich ist, kann den Frieden f&ouml;rdern. Auf dieses Paradoxon hinzuweisen, bedeutet nicht, den Dritten Weltkrieg zu w&uuml;nschen, sondern einen Weg zu seiner Verhinderung vorzuschreiben.&ldquo; Dieser Ratschlag zielt insbesondere in Richtung auf die f&uuml;r beide Autoren erwiesene Aggressivit&auml;t Xi Jinpings und den zuk&uuml;nftigen Kampf um Taiwan.<\/p><p>Carter Malkasian hingegen setzt st&auml;rker auf den Weg der Verhandlungen, die jedoch eng mit dem Einsatz milit&auml;rischer Gewalt verkn&uuml;pft werden sollten: &bdquo;Es geht darum, zu k&auml;mpfen und zu reden.&ldquo; &bdquo;Die Vereinigten Staaten, die NATO und die Ukraine sollten die Aufnahme von Verhandlungen anbieten, aber den Druck auf dem Schlachtfeld und an anderen Fronten &ndash; beispielweise durch Sanktionen &ndash; aufrechterhalten. Sie sollten die Vereinten Nationen in die Verhandlungen mit einbeziehen und sich mit Zelensky eng abstimmen. Der Autor betrachtet seine Vorschl&auml;ge selbst mit einer gewissen Skepsis. &bdquo;Doch wenn die Fortsetzung der Verhandlungen ein Wagnis ist, dann eines mit geringen Risiken und hohen potentiellen Gewinnen. Ein Scheitern w&uuml;rde lediglich zu demselben Ergebnis f&uuml;hren wie ein Nichtstun.&ldquo; Und in einem letzten hoffnungsvollen Aufschwung preist er das Korea-Modell, welches auch schon bei Henry Kissinger angeklungen ist: &bdquo;Die Art von stabilem, dauerhaftem Frieden, die der koreanische Waffenstillstand hervorgebracht hat, w&auml;re nicht nur ein Sieg f&uuml;r die Ukraine und ihre Unterst&uuml;tzer, sondern auch f&uuml;r die ganze Welt.&ldquo;<\/p><p>Darin hat der Autor zweifellos recht. Doch gibt es weder bei den USA noch bei der NATO hinreichende Anzeichen, dass sie von ihrem offiziellen, mit Zelensky abgestimmten Kriegsziel der R&uuml;ckeroberung der Krim und der Donbas-Oblasten abr&uuml;cken w&uuml;rden. Es gibt allerdings derzeit auch keine Anzeichen daf&uuml;r, dass Russland auf der Basis des Status quo zu einem Waffenstillstand bereit w&auml;re. Alles l&auml;uft auf die Verl&auml;ngerung des Krieges mit dem Einsatz immer problematischerer Waffen von Streumunition bis zu weitreichenden Cruises Missiles, Raketen und Kampfjets getreu den Worten von US-Pr&auml;sident Johnson auf der H&ouml;he des Vietnam-Krieges: &bdquo;Es muss alles noch viel schlimmer werden, ehe es besser wird.&ldquo;<\/p><p>Da offensichtlich milit&auml;risch nichts daf&uuml;r spricht, dass Zelenskiy und die NATO ihr Kriegsziel erreichen werden, wird sich ein Korea-Kompromiss letztlich am Minsk-II-Entwurf orientieren. Die Ukraine wird ihre territoriale Souver&auml;nit&auml;t zwar bewahren k&ouml;nnen, nun aber unter Verlust der von Russland besetzten Gebiete, f&uuml;r die Minsk II noch Autonomie und Selbstverwaltung in den Grenzen der Ukraine vorgesehen hatte. Daf&uuml;r wird sie wohl die ersehnte Mitgliedschaft in der NATO erhalten. Putin m&uuml;sste auf die &bdquo;Entmilitarisierung&ldquo;, &bdquo;Neutralisierung&ldquo; und &bdquo;Entnazifizierung&ldquo; der Ukraine verzichten und sich mit den derzeit besetzten Ostgebieten der Ukraine als Puffer gegen den Westen und die NATO begn&uuml;gen. Daneben g&auml;be es zahlreiche Fragen, die die Verhandlungen in die L&auml;nge ziehen k&ouml;nnen: Gefangenenaustausch, R&uuml;ckf&uuml;hrung Gefl&uuml;chteter, Grenzziehung, Entsch&auml;digung etc. In Korea ben&ouml;tigte man dazu zwei Jahre.<\/p><p>Nichts spricht daf&uuml;r, dass Russland den Gebietsgewinn der NATO &ndash; Finnland, Schweden, Rest-Ukraine &ndash; wird zur&uuml;ckdrehen k&ouml;nnen, aber auch nichts, dass die Ukraine ihre Ostgebiete zur&uuml;ckerobern kann: eine loss-loss-Situation, ganz abgesehen von den furchtbaren menschlichen Verlusten und Zerst&ouml;rungen. Da w&auml;re ein Korea-Kompromiss der einzige Weg f&uuml;r eine humanit&auml;re L&ouml;sung des Konfliktes.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Vgl. Mike Gallagher, Aaron MacLean, Why America Forgets &ndash; and China Remembers the Korean War, Foreign Affairs, July 26 2023.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Vgl. Carter Malkasian, The Korea Model Why an Armistice Offers the Best Hope for Peace in Ukraine, Foreign Affairs, July\/August 2023, June 20, 2023.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einige Ereignisse der Zeitgeschichte &uuml;berdauern oft ihr Datum, selbst wenn sie nicht in den Stand einer &bdquo;Zeitenwende&ldquo; gehoben wurden. Ihre Bedeutung ersch&ouml;pft sich dann nicht in dem blo&szlig;en Erinnern als R&uuml;ckbesinnung auf vergangene Zeiten, sondern kann zu neuen Erkenntnissen und auch Lehren f&uuml;r die Gegenwart f&uuml;hren. 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