{"id":102113,"date":"2023-08-07T08:49:58","date_gmt":"2023-08-07T06:49:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102113"},"modified":"2023-08-14T14:38:45","modified_gmt":"2023-08-14T12:38:45","slug":"zinskritik-rueckkehr-eines-alten-denkfehlers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102113","title":{"rendered":"Zinskritik \u2013 R\u00fcckkehr eines alten Denkfehlers"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend der Niedrigzinsphase der letzten Jahre ist es um die Zinskritik ruhig geworden. Kaum sind die Zinsen wieder gestiegen, feiern die alten &bdquo;Argumente&ldquo; der Zinskritiker jedoch offenbar ihre Wiedergeburt. Das ist zumindest der Eindruck, den wir aus einigen Leserzuschriften gewinnen konnten. Wir selbst hatten uns zuletzt vor mehr als zehn Jahren intensiv mit dem Thema besch&auml;ftigt. Da wir seitdem sehr viele neue Leser gewinnen konnten und viele von ihnen sicher nicht im Thema sind, m&ouml;chten wir Ihnen heute zwei &auml;ltere Artikel vorstellen, die sich mit den &bdquo;Argumenten&ldquo; der Zinskritiker besch&auml;ftigen und sie im Kern widerlegen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4545\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-102113-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230807_Zinskritik_Rueckkehr_eines_alten_Denkfehlers_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230807_Zinskritik_Rueckkehr_eines_alten_Denkfehlers_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230807_Zinskritik_Rueckkehr_eines_alten_Denkfehlers_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230807_Zinskritik_Rueckkehr_eines_alten_Denkfehlers_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=102113-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230807_Zinskritik_Rueckkehr_eines_alten_Denkfehlers_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230807_Zinskritik_Rueckkehr_eines_alten_Denkfehlers_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10530\">Kritik an der Zinskritik<\/a><\/strong><br>\n<em>Erschienen am 23. August 2011<\/em><\/p><p>Die Folgen der Finanzkrise haben auch dazu gef&uuml;hrt, dass Fundamentalkritik am Geldsystem immer popul&auml;rer wird. Auch die NachDenkSeiten bekommen regelm&auml;&szlig;ig Mails von Lesern, die uns fragen, warum wir der Zinskritik auf unserer Plattform keinen Raum bieten. Die Antwort auf diese Frage ist denkbar einfach: Wir halten die Zinskritik f&uuml;r einen Irrweg, der nur von den eigentlichen Problemen ablenkt. <\/p><p>Der Zins, so liest man auf einigen Internetseiten, sei der Konstruktionsfehler, ja geradezu die &bdquo;Erbs&uuml;nde&ldquo; unseres Geld- und Finanzsystems. Er sorge nicht nur daf&uuml;r, dass die Reichen reicher und die Armen &auml;rmer werden, sondern f&uuml;hre auch ganz direkt zu einem exponentiellen Wachstumszwang der Geldmenge und zur Zinsknechtschaft der Bev&ouml;lkerung. Finanz- und Wirtschaftskrisen seien somit die direkte Folge des Zinssystems. Diese Kritik ist nicht neu. Seitdem Geld gegen Zins verliehen wird, gibt es auch Kritik am Zins. Diese Kritik war und ist jedoch meist keine &ouml;konomische Kritik, sondern vielmehr eine Kritik an der ungleichen Verteilung des Verm&ouml;gens und der Macht der Verm&ouml;genden, oft durchmischt mit einem religi&ouml;sen, v&ouml;lkischen, ja antisemitischen Grundton.<\/p><p><strong>Zins aus Sicht des Kreditnehmers<\/strong><\/p><p>Um die Kritik am Zins einordnen zu k&ouml;nnen, muss man sich zun&auml;chst vergegenw&auml;rtigen, was Zins &uuml;berhaupt ist. Hierbei muss man auf Seiten der Kreditnehmer zwei Gruppen unterscheiden. Unternehmen nutzen Kredite meist dazu, Investitionen vorzunehmen, mit deren Hilfe sie bessere wirtschaftliche Ergebnisse erzielen. Der Zins ist aus Sicht dieser Kreditnehmer eine Pr&auml;mie daf&uuml;r, mit Hilfe von Fremdkapital Investitionen vorzunehmen, um die eigene Ertragssituation zu steigern. Privatleute ziehen mit Hilfe von Krediten meist Ausgaben vor, die ihnen einen wie auch immer gearteten Nutzen versprechen &ndash; sei es das neue Auto, f&uuml;r das man momentan noch nicht genug Geld hat oder das Eigenheim. Die Alternative zum Kredit ist das klassische Sparen.<\/p><p>Wer beispielsweise ein Haus bauen will, hat zwei M&ouml;glichkeiten &ndash; entweder er spart und kauft sich das Haus, wenn er den n&ouml;tigen Kapitalstock zusammengespart hat, oder er nimmt einen Kredit auf, mit dem er seine Investition vorzieht. &bdquo;Kaufe jetzt, zahle sp&auml;ter&ldquo;. F&uuml;r viele Privatleute ist die Kreditfinanzierung dabei die einzig realistische Variante, will man sein Eigenheim nicht erst mit Beginn des Rentenalters beziehen. Die Abzahlung einer Hypothek erstreckt sich h&auml;ufig &uuml;ber einen Zeitraum von 28 Jahren. Nat&uuml;rlich ist das Vorziehen dieser Investition nicht kostenlos, ansonsten g&auml;be es wohl niemanden, der sein Geld &uuml;ber einen langen Zeitraum f&uuml;r eine solche Investition bereitstellt. F&uuml;r die M&ouml;glichkeit, sein Eigenheim bereits zu nutzen, lange bevor man es komplett bezahlt hat, muss man &ndash; ebenso wie der Unternehmer &ndash; einen Preis bezahlen. Diese Pr&auml;mie ist jedoch keine &bdquo;Zinsknechtschaft&ldquo;, sondern die freiwillig entrichtete Zahlung f&uuml;r die den gewonnenen (vorgezogenen) Nutzen. Wer den Zins verbieten will und den Menschen somit die M&ouml;glichkeit auf einen Kredit nehmen will, nimmt ihnen auch die M&ouml;glichkeit, Investitionen, die ihnen sinnvoll erscheinen, zeitlich vorzuziehen. Der Besitz eines Eigenheims w&auml;re somit de facto ein Privileg f&uuml;r Erben und Spitzenverdiener &ndash; ein Zusammenhang, der von Zinskritikern gerne verschwiegen wird.<\/p><p><strong>Zins aus Sicht des Kreditgebers<\/strong><\/p><p>F&uuml;r den Kreditgeber stellt der Zins nicht nur einen Inflationsausgleich, sondern vor allem eine Risikopr&auml;mie und schlichtweg den Preis f&uuml;r das Warten dar. Sicherlich w&uuml;rde jeder B&uuml;rger seinen eigenen Kindern einen zinslosen Kredit geben, wenn sie dringend Geld br&auml;uchten. Die &bdquo;Bonit&auml;t&ldquo; und damit das Risiko, das Geld nicht in voller H&ouml;he zur&uuml;ck zu erhalten, sind dabei zweitrangig. Wer aber w&uuml;rde einem Unbekannten zinsfrei Geld leihen, ohne zu wissen, ob man das Geld auch wiederbekommt? Zum Wesen des Kredits geh&ouml;rt nun einmal auch der Kreditausfall. Die Investition des Unternehmers kann sich als unrentabel herausstellen, der H&auml;uslebauer kann seinen Job verlieren und den Kredit f&uuml;r das Eigenheim nicht mehr zur&uuml;ckzahlen k&ouml;nnen. Beide F&auml;lle sind keine Ausnahmen, sondern Berechnungsgrundlage des Zinses.<\/p><p>Es ist vollkommen normal, dass ein Teil der Kredite nicht bedient werden kann. Um diese Ausf&auml;lle zu kompensieren, erhebt der Kreditgeber daher einen risikoabh&auml;ngigen Aufschlag, der die Zinsh&ouml;he mitbestimmt. G&auml;be es nur einen Einheitszins oder gar keinen Zins, w&uuml;rde wohl niemand sein Geld an ein ertragsschwaches Unternehmen oder eine Person mit Zahlungsschwierigkeiten verleihen.<\/p><p><strong>Irrt&uuml;mer der Zinskritiker<\/strong><\/p><p>Die meisten Argumente und Anekdoten, die von Seiten der Zinskritiker kommen, fallen bei n&auml;herer Betrachtung wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Sehr beliebt ist beispielsweise die Anekdote vom &bdquo;Jesuspfennig&ldquo; bzw. &bdquo;Josephspfennig&ldquo;. In dieser Anekdote, die auf den englischen Moralphilosophen Richard Price zur&uuml;ckgeht, legt Joseph f&uuml;r seinen Sohn Jesus einen Penny bei der Bank an. Durch Zins und Zinseszins w&auml;chst das Konto &uuml;ber die folgenden Jahre nat&uuml;rlich bis ins Unermessliche &ndash; eine Exponentialfunktion wie aus dem Lehrbuch. Diese Anekdote mag unterhaltsam sein, &ouml;konomisch betrachtet ist sie blanker Unfug. Beim &bdquo;Josephspfennig&ldquo; gibt es kein Risiko, keine politischen und wirtschaftlichen Krisen und keine Geldreformen. In der Realit&auml;t w&auml;re zumindest ein Teil des verliehenen Geldes durch Kreditausf&auml;lle &bdquo;vernichtet&ldquo; worden und was noch &uuml;brigbliebe, w&auml;re teilweise durch Inflation, W&auml;hrungsreformen oder politische Verwerfungen entwertet oder umverteilt worden. Und wenn die Nachkommen Jesu&acute; gesetzestreue B&uuml;rger gewesen w&auml;ren, h&auml;tten sie auf ihre Zinsertr&auml;ge selbstverst&auml;ndlich auch Steuern zahlen m&uuml;ssen. Die Geschichte vom &bdquo;Josephspfennig&ldquo; ist eben dies &ndash; eine Geschichte, nicht mehr und auch nicht weniger.<\/p><p>Ein weiteres beliebtes &bdquo;Argument&ldquo; der Zinskritiker ist, dass der Zins zu einer exponentiellen Steigerung der Geldmenge f&uuml;hrt. Dabei wird unterstellt, dass die durch Kredit gesch&ouml;pfte Geldmenge zwar nach der Tilgung wieder verschwindet, der Zins aber in der Welt bleibt und da Geld bekanntlich &uuml;ber Kredite gesch&ouml;pft wird, nur &uuml;ber neue Kredite bedient werden kann. So einfach und so popul&auml;r dieser Gedanke ist, so falsch ist er auch, da er gleich zwei elementare Faktoren unterschl&auml;gt. Die Geldmenge, die zur Bedienung der Zinsen ben&ouml;tigt wird, muss nicht gesch&ouml;pft werden &ndash; sie ist vielmehr bereits vorhanden. Die Zinskritiker gehen implizit davon aus, dass die kreditvergebenden Banken die Zinseinnahmen horten. Das ist aber nicht der Fall. Ein Teil der Zinseinahmen flie&szlig;t zum Beispiel in die L&ouml;hne und Geh&auml;lter der Bankmitarbeiter, ein Teil landet auf den Sparb&uuml;chern der Sparer, die der Bank ihr Eigenkapital zur Verf&uuml;gung stellen, ein weiterer Teil flie&szlig;t als Steuern an den Staat und die Gewinne werden entweder als Dividende an die Aktion&auml;re ausgesch&uuml;ttet oder reinvestiert. Aus volkswirtschaftlicher Sicht kreist das Geld &ndash; die Zinskosten des Kreditnehmers werden somit aus dem regul&auml;ren Geldkreislauf gedeckt. Es besteht keine Notwendigkeit, Zinsen und Zinseszinsen durch immer neue Kredite zu bedienen und die Geldmenge bleibt durch den Zins weitestgehend unber&uuml;hrt.<\/p><p><strong>Wachstumszwang?<\/strong><\/p><p>Ein weiterer popul&auml;rer Irrtum der Zinskritiker besagt, dass Zinsen zu einem &bdquo;Wachstumszwang&ldquo; f&uuml;hren und die Wirtschaft &bdquo;unnat&uuml;rlich&ldquo; aufbl&auml;hen. Der Denkfehler hinter dieser Annahme l&auml;sst sich bereits mit einem oberfl&auml;chlichen Blick auf die Zinspolitik der Notenbanken ausr&auml;umen. Nicht hohe, sondern niedrige Zinsen kurbeln die Konjunktur an. Wenn eine Notenbank den Leitzins senkt, werden vermehrt Kredite nachgefragt, was nicht nur die Geldmenge, sondern auch die Investitionssummen steigen l&auml;sst. Erh&ouml;ht eine Notenbank den Leitzins, wirkt dies wie eine Konjunkturbremse.<\/p><p>W&auml;hrend die genannten Irrt&uuml;mer lediglich auf simplen Denkfehlern beruhen, werden bei anderen Fragen munter Ursache und Wirkung vertauscht und Kausalit&auml;ten unterstellt, die bei n&auml;herer Betrachtung nicht vorhanden sind. So wird beispielsweise die Umverteilung von unten nach oben und die damit verbundene Verm&ouml;genskonzentration von den Zinskritikern urs&auml;chlich dem Zins zugeschrieben. Eine kausale Erkl&auml;rung f&uuml;r diese korrekt beobachtete Entwicklung liefern die Zinskritiker jedoch nicht. Empirisch l&auml;sst sich der Zusammenhang von Zins und Verm&ouml;genskonzentration jedoch relativ einfach widerlegen, wenn man sich die Periode von 1945 bis 1980 anschaut. Diese Periode wird auch als &bdquo;gro&szlig;e Kompression&ldquo; bezeichnet und zeichnete sich dadurch aus, dass sich nicht nur die Einkommens-, sondern auch die Verm&ouml;gensschere in allen westlichen Industriel&auml;ndern immer weiter geschlossen hat. W&auml;hrend dieser Periode hat sich jedoch kaum etwas am Geld- oder Zinssystem ver&auml;ndert. Was diese Periode auszeichnete, war vielmehr ein klares Bekenntnis seitens der Politik, mittels Gesetzen und des Steuersystems f&uuml;r eine Angleichung der Lebensverh&auml;ltnisse zu sorgen.<\/p><p>Erst die neoliberale Politik, die von Reagan und Thatcher in den 80ern eingef&uuml;hrt und in den Folgejahren von fast allen westlichen Industriel&auml;ndern kopiert wurde, f&uuml;hrte zum Ende der &bdquo;gro&szlig;en Kompression&ldquo; und zur erneuten &Ouml;ffnung der Einkommens- und Verm&ouml;gensschere. Am Geld- und Zinssystem hat sich jedoch seit Beginn der neoliberalen &Auml;ra ebenfalls relativ wenig ver&auml;ndert. Der Zins war immer da, die Einkommens- und Verm&ouml;gensentwicklungen, die zur heutigen Konzentration am oberen Ende gef&uuml;hrt haben, sind eine direkte Folge der neoliberalen Politik &ndash; vor allem der Steuerpolitik. Wer sich einmal die Entwicklung des Spitzensteuersatzes in den Vereinigten Staaten vor Auge f&uuml;hrt, findet die Erkl&auml;rung, warum sich die Einkommens- und Verm&ouml;gensschere seit 1980 &ouml;ffnet, von ganz allein. Um diese Entwicklung zu analysieren, braucht man keine Zinskritik &ndash; es reicht der gesunde Menschenverstand.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/Spitzensteuersatz-USA.gif\" alt=\"Abbildung: Spitzensteuersatz in den USA\" title=\"Abbildung: Spitzensteuersatz in den USA\"><br>\n<em>Abbildung: Spitzensteuersatz in den USA &ndash; Quelle: Wikimedia Commons<\/em><\/p><p><strong>Verunglimpfung der Kritiker<\/strong><\/p><p>Wer die Zinskritik kritisiert, wird von den Vertretern dieser Ideologie gerne in einen Topf mit den Verteidigern des momentanen Banken- und Finanzsystems geworfen. Ganz nach dem Motto: Wer den Zins nicht kritisiert, hei&szlig;t damit automatisch den Casino-Kapitalismus gut. Nichts k&ouml;nnte falscher sein. Das globale Finanzcasino nutzt zwar Zinseffekte und Kredite bei seinen Spekulationen &ndash; Zins und Kredit sind jedoch auch f&uuml;r jeden H&auml;uslebauer, f&uuml;r seri&ouml;se Wirtschaftsunternehmen und Kleinsparer wichtig. Wer das Finanzcasino durch ein Zinsverbot schlie&szlig;en will, bek&auml;mpft damit ein Symptom aber nicht die Krankheit. Es gibt viele Mittel und Wege, Spekulationen zu unterbinden und die Banken wieder ihrer eigentlichen Aufgabe zuzuf&uuml;hren &ndash; ein Zinsverbot geh&ouml;rt jedoch ganz sicher nicht dazu.<\/p><p>Eine Hauptursache der Finanzkrise liegt &uuml;brigens in einem Denkfehler, den die Zinskritiker und die Finanzalchimisten der gro&szlig;en Investmentbanken teilen. Geradeso als h&auml;tten die Zinskritiker mit ihrer Geschichte vom &bdquo;Josephspfennig&ldquo; doch recht, versuchten die Mathematiker der Investmentbanken, synthetische Papiere zu entwickeln, die einen risikolosen Zinsertrag versprechen sollten. Risiko und Zins lassen sich jedoch nicht trennen, mit &bdquo;m&uuml;ndelsicheren&ldquo; Kreditverbriefungen kann man trotz AAA-Ratings keine garantierte Traumrendite erzielen. Um diese bittere Erfahrung zu machen, rissen die Finanzalchimisten das gesamte Finanzsystem in eine der schwersten Krisen seit Menschengedenken.<\/p><p><strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10660\">Stellungnahme zum Artikel &bdquo;Kritik an der Zinskritik&ldquo;<\/a><\/strong><br>\n<em>Erschienen am 7. September 2011<\/em><\/p><p>Wie kaum anders zu erwarten, hat der Artikel&nbsp;&bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10530\">Kritik an der Zinskritik<\/a>&ldquo;&nbsp;bei einigen unserer Leser hohe Wellen geschlagen. Auf viele Mails bin ich direkt eingegangen, leider fehlt mir jedoch die Zeit, jede Mail einzeln zu beantworten. Daher habe ich mich entschlossen, noch einmal auf die am h&auml;ufigsten genannten Punkte einzugehen. Von Jens Berger.<\/p><p><strong>Charakter des Zinses<\/strong><\/p><p>Aus vielen Mails geht hervor, dass der Zins immer noch oft als etwas &bdquo;mystisches&ldquo; gesehen wird, das sich der konkreten Betrachtung entzieht. Dem ist nicht so. Pragmatisch gesehen ist der Zins nichts anderes als eine Geb&uuml;hr, deren H&ouml;he sich an bestimmten Faktoren ausrichtet. In diesem Punkt unterscheidet er sich kaum von der Miete (auch Mietzins genannt) oder der Leihgeb&uuml;hr f&uuml;r ein Auto. Auch bei der Miete zahlt man demjenigen, der einem etwas f&uuml;r einen bestimmten Zeitraum &uuml;berl&auml;sst, eine zuvor ausgehandelte Geb&uuml;hr. Niemand k&auml;me auf die Idee, Vermietern zu unterstellen, sie w&uuml;rden die Mieteinnahmen nicht dem Wirtschaftskreislauf hinzuf&uuml;gen. Es k&auml;me auch niemand auf die Idee, dass die Miete nicht aus dem eigenen Geld gezahlt werden kann, sondern zwingend zur Verschuldung f&uuml;hrt. Warum sollte das beim Kredit anders aussehen als bei der Miete? Immer wieder taucht in den Lesermails die Vorstellung auf, dass der Zinsabtrag entweder durch neue Kredite finanziert werden m&uuml;sse oder aber vom Kreditgeber dem Wirtschaftskreislauf entzogen w&uuml;rde. Beides ist jedoch bei n&auml;herer Betrachtung nicht haltbar. (Siehe weiter unten.)<\/p><p><strong>Zinseszins<\/strong><\/p><p>In vielen Mails wurde mir der Vorwurf gemacht, ich sei in meinem Artikel nicht hinreichend auf das &bdquo;Problem des Zinseszinses&ldquo; eingegangen. Dieses &bdquo;Problem&ldquo; ist jedoch nur dann ein &bdquo;Problem&ldquo;, wenn man sich die Argumentationsmuster der Zinseszinskritiker zu eigen macht. Auf Seite des Kreditgebers lie&szlig;e sich nur dann eine relevanter Zinseszinseffekt erzielen, wenn man bestimmte Faktoren wie das Ausfallrisiko, die Inflation und die Steuern komplett ausblendet und ferner unterstelle, dass der Kreditgeber, bzw. der Sparer, nie Kapital aus seinem Kreditvolumen abzieht. Das w&auml;re dann ein Pendant zum &bdquo;Josephspfennig&ldquo;, auf den ich schon in meinem Artikel ausf&uuml;hrlich eingegangen bin. Die Zins- bzw. Zinseszinskritiker blenden hierbei elegant den Faktor &bdquo;Risiko&ldquo; aus. Ist ein Kreditgeber risikoscheu, liegt sein Zinsgewinn ohnehin nur knapp &uuml;ber der Inflation, weshalb sich auch kein nennenswerter Zinseszinseffekt einstellen kann. Ist er risikofreudig, liegen seine Zinsgewinne im Erfolgsfall zwar weit &uuml;ber der Inflation &ndash; die Ausfallwahrscheinlichkeit ist jedoch ebenfalls erheblich gr&ouml;&szlig;er, weshalb es hier unredlich w&auml;re, dieses Risiko ganz einfach bei Seite zu wischen.<br>\nNoch geringer ist der Zusammenhang mit dem Zinseszins auf Seite des Kreditnehmers. Nur wenn man in die argumentative Trickkiste greift und unterstellt, dass Kredite a) nicht zur&uuml;ckgezahlt werden und b) die Zinskosten &uuml;ber neue Kredite bedient werden, die c) ebenfalls nicht zur&uuml;ckgezahlt werden, kommt &uuml;berhaupt erst in die Gelegenheit, aus Seite des Kreditnehmers so etwas wie einen Zinseszins auszumachen. F&uuml;r eine unterstellte &bdquo;Gesetzm&auml;&szlig;igkeit&ldquo; sind dies jedoch zu viele und vor allem zu realit&auml;tsferne Annahmen.<\/p><p><strong>Horten<\/strong><\/p><p>In vielen Antworten und Kommentaren zum meinem Artikel kam immer wieder das Argument vor, Geld, das nicht ausgegeben, sondern gespart w&uuml;rde, w&uuml;rde &bdquo;gehortet&ldquo; und damit der Volkswirtschaft entzogen. Dieses Argument l&auml;sst sich bereits bei der Betrachtung der regul&auml;ren Kreditvergabe widerlegen. Es ist zwar richtig, dass Banken ihre Kredite nicht ausschlie&szlig;lich aus den Kundeneinlagen vergeben &ndash; wenn man sich die&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/download\/statistik\/bankenstatistik\/S131ATIMB2425.PDF\">Statistiken der Bundesbank [PDF &ndash; 25 KB]<\/a>&nbsp;anschaut, erkennt man jedoch, dass der Kreditsumme von 3.963 Milliarden Euro, die der deutsche Bankensektor an den Privat- und Unternehmenssektor vergeben hat, immerhin 3.206 Milliarden Euro an Einlagen aus diesen beiden Sektoren gegen&uuml;berstehen.<\/p><p>So berechtigt die Kritik an den zu laschen Mindestreserve- und Mindesteigenkapitalanforderungen auch sein mag &ndash; ein Blick auf die Zahlen der Bundesbank zeigt, dass auch heute noch die Kreditvergabe im Wesentlichen aus den Einlagen der Bankkunden vorgenommen wird. Wer seine Ersparnisse also nicht unter dem Kopfkissen versteckt, &bdquo;hortet&ldquo; sie auch nicht, sondern stellt sie &ndash; indirekt &uuml;ber den Bankensektor &ndash; Kreditnehmern und somit der Volkswirtschaft zur Verf&uuml;gung.<\/p><p><strong>Geld versus Verm&ouml;gen<\/strong><\/p><p>Sehr viele Einw&auml;nde der Kritiker beruhen auf dem simplen Denkfehler, Geld und Verm&ouml;gen gleichzusetzen. So wird oftmals die Geldmenge f&auml;lschlicherweise mit dem Volksverm&ouml;gen gleichgesetzt. Dieser Denkfehler l&auml;sst sich jedoch mit einem simplen Beispiel widerlegen. Wer ein komplett abgezahltes und nicht belastetes Haus besitzt, ist zweifelsohne im Besitz eines Verm&ouml;gensgegenstands. Dieses Haus findet sich jedoch in keiner Geldmengenberechnung wieder &ndash; es ist f&uuml;r die Notenbanken schlichtweg nicht existent. Erst wenn man dieses Haus beispielsweise als Sicherheit f&uuml;r einen Hypothekenkredit belastet, taucht sein Wert pl&ouml;tzlich auch in der Geldmengenstatistik auf. Am n&auml;chsten Tag ist dann die Geldmenge um den Betrag dieses Kredites gewachsen. Selbstverst&auml;ndlich hat diese Transaktion jedoch nichts am Verm&ouml;gen ge&auml;ndert.<\/p><p><strong>Umlaufgeb&uuml;hr<\/strong><\/p><p>Einige Leser, die offensichtlich Anh&auml;nger der &bdquo;Freiwirtschaft&ldquo; sind, wiesen mich darauf hin, dass nicht der Zins, sondern die positive Zinsrate &bdquo;das Problem&ldquo; sei. Abhilfe w&uuml;rde demnach eine Umlaufgeb&uuml;hr schaffen, die das &bdquo;Horten&ldquo; von Geld durch eine periodische Abwertung bestraft.<\/p><p>Ich gebe gerne zu, dass ich derlei Argumentation noch nicht einmal im Ansatz nachvollziehen kann. Worin besteht der Unterschied einer solchen Umlaufsicherung zu der vorhandenen Inflation? Warum soll eine Umlaufsicherung die Menschen davon abhalten, Geld zu &bdquo;horten&ldquo;? Wer sein Geld dem Kreislauf entzieht, muss auch heute mit einer Entwertung dieses Geldes rechnen &ndash; nur halt nicht absolut, sondern relativ. In die gleiche Kategorie sind Leseranmerkungen einzuordnen, die den Zins deshalb verbieten wollen, weil eine konstante Geldmenge und ein konstanter Wert des Geldes anzustreben sei. Warum sollte so etwas anzustreben sein? Wenn eine konstante Geldmenge einer wachsenden G&uuml;termenge gegen&uuml;bersteht, f&uuml;hrt dies zwangsl&auml;ufig zu Deflation mit all ihren negativen Folgen, die sich vor allem negativ auf die Kreditvergabe auswirken w&uuml;rden, weil das Risiko, dass die Kredite sich nicht amortisieren gr&ouml;&szlig;er w&uuml;rde. G&auml;be es Deflation und keine Zinsen, w&auml;re es n&auml;mlich tats&auml;chlich vorteilhafter, sein Geld zu &bdquo;horten&ldquo;.<\/p><p><strong>Antisemitismusvorwurf<\/strong><\/p><p>Es ist nicht der Fall, dass ich meinem Artikel Zinskritiker pauschal in eine antisemitische Ecke stelle. Im Artikel schreibe ich &ndash; in einem einzigen kleinen Nebensatz -, dass Zinskritik oft mit einem antisemitischen Grundton durchmischt sei. Ich wundere mich, dass sich einige Leser an dieser Aussage reiben, ist es doch kein gro&szlig;es Geheimnis, dass antisemitische Machwerke wie Gottfried Feders &bdquo;Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft&ldquo; sich auch heute noch in vielen Foren gro&szlig;er Beliebtheit erfreuen.<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102441\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: TippaPatt\/shutterstock.com<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/561d9d013fda49adbfa6a74f2630b42c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend der Niedrigzinsphase der letzten Jahre ist es um die Zinskritik ruhig geworden. Kaum sind die Zinsen wieder gestiegen, feiern die alten &bdquo;Argumente&ldquo; der Zinskritiker jedoch offenbar ihre Wiedergeburt. Das ist zumindest der Eindruck, den wir aus einigen Leserzuschriften gewinnen konnten. Wir selbst hatten uns zuletzt vor mehr als zehn Jahren intensiv mit dem Thema<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102113\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":102114,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,136,13,156,132,204],"tags":[1187,292,1030,365,279,687,2029],"class_list":["post-102113","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-banken-boerse-spekulation","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-schulden-sparen","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-zinskritik","tag-deflation","tag-finanzkasino","tag-geldmenge","tag-inflation","tag-spitzensteuersatz","tag-ungleichheit","tag-zinspolitik"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Shutterstock_2212529837.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102113","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=102113"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102113\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102446,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102113\/revisions\/102446"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/102114"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=102113"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=102113"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=102113"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}