{"id":10213,"date":"2011-07-25T08:58:12","date_gmt":"2011-07-25T06:58:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10213"},"modified":"2014-09-09T11:19:56","modified_gmt":"2014-09-09T09:19:56","slug":"ard-presseclub-das-eingestandnis-von-kampagnenjournalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10213","title":{"rendered":"ARD-Presseclub: Das Eingest\u00e4ndnis von \u201eKampagnenjournalismus\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Das Unbehagen an der politisch-medialen Klasse&ldquo; schrieb unl&auml;ngst J&uuml;rgen Habermas: &bdquo;Die munteren Moderator(inn)en der zahlreichen Talkshows richten mit ihrem immer gleichen Personal einen Meinungsbrei an, der dem letzten Zuschauer die Hoffnung nimmt, es k&ouml;nne bei politischen Themen noch Gr&uuml;nde geben, die z&auml;hlen. <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/europapolitik-merkels-von-demoskopie-geleiteter-opportunismus-1.1082536-7\">Manchmal zeigt der ARD-Presseclub, dass es auch anders&nbsp;geht.<\/a>&ldquo;.<br>\nManchmal und leider eher dann, wenn sich diese Journalisten-Runde verplappert, m&ouml;chte man nach der gestrigen Sendung hinzuf&uuml;gen. Was ansonsten von Journalisten mit Emp&ouml;rung zur&uuml;ck gewiesen wird, best&auml;tigten der Bild-Kolumnist Hugo M&uuml;ller-Vogg und das Mitglied der Chefredaktion des Stern, Hans-Ulrich J&ouml;rges eher nebenbei, n&auml;mlich dass es in Deutschland &bdquo;Kampagnenjournalismus&ldquo; gibt. Von Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Der gestrige ARD-Presseclub zum Thema &bdquo;Der englische Skandal &ndash; Macht, Moral und Machenschaften der Boulevard-Bl&auml;tter&ldquo; lieferte das gewohnte Bild, wenn Journalisten &uuml;ber Journalismus diskutieren. Es werden individuelle (charakterliche) Fehler einger&auml;umt, die Arbeitgeber (Verleger und Chefredakteure) verteidigt und im &Uuml;brigen die Qualit&auml;t und Pluralit&auml;t der deutschen Medienlandschaft im Vergleich zu anderen L&auml;ndern als vorbildlich hervorgehoben. <\/p><p>So wiegelte Hans-Ulrich J&ouml;rges ab, Springer sei nicht Murdoch und Friede Springer &uuml;be doch politische Zur&uuml;ckhaltung. Dass die Haupterbin Axel Springers und neben Liz Mohn m&auml;chtigste Medienfrau Deutschlands h&ouml;chst freundschaftliche Beziehungen zur Kanzlerin hat und Merkel wiederum diese Beziehungen pflegt, hat er dabei allerdings unterschlagen. Friede Springer war z.B. nicht nur auf der Wahlfrauenliste der CDU bei der letzten Bundespr&auml;sidentenwahl, sie sa&szlig; auch applaudierend auf der G&auml;stetrib&uuml;ne des Bundestags als Angela Merkel zur Bundeskanzlerin <a href=\"\/?p=8146\">gew&auml;hlt wurde<\/a>. So gro&szlig;e N&auml;he gab es nicht einmal zwischen Cameron und Murdoch.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/110725_springer.jpg\" alt=\"Springer\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/politik\/deutschland\/angela-merkel-ist-kanzlerin-deutschlands-erste-damenwahl-550098.html\">stern.de<\/a><\/p><p>Hatte die Springer-Presse nicht einen wesentlichen medialen Anteil daran, dass bei der letzten Bundestagswahl Schwarz-Gelb gew&auml;hlt wurde? Genauso wie Murdoch erst die Wahl Tony Blairs und dann von David Cameron beeinflusste. Wurde nicht etwa Angela Merkel von der Bild-Zeitung im Vorfeld der letzten Wahl als <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/2009\/angela-merkel\/waehlt-sie-zur-maechtigsten-frau-der-welt-9460108.bild.html\">&bdquo;m&auml;chtigsten Frau&ldquo; bejubelt<\/a>? <\/p><p>Da emp&ouml;rte sich J&ouml;rges in der Runde, dass sich der konservative britische Premier David Cameron in 15 Monaten <a href=\"http:\/\/www.independent.co.uk\/news\/uk\/politics\/revealed-camerons-26-meetings-in-15-months-with-murdoch-chiefs-2314550.html\">26 Mal mit Murdoch-Chefs traf<\/a>. Dass sich die Kanzlerin und Friede Springer h&auml;ufig treffen oder dass Friede Springer mitsamt dem Vorstandsvorsitzenden des Axel Springer Verlages, Mathias D&ouml;pfner, und Bild-Chefredakteur Kai Diekmann zur von der Kanzlerin f&uuml;r Josef Ackermann veranstalteten <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/2009\/ackermann-josef\/geburtstagsfeier-von-ackermann-im-kanzleramt-9519616.bild.html\">Geburtstagsparty eingeladen wurde<\/a> ist ihm allerdings keiner Erw&auml;hnung wert. Dass der nicht ohne Grund in Berliner Journalistenkreisen als &bdquo;Kanzlerinnen-Z&auml;pfchen&ldquo; besp&ouml;ttelte Hugo M&uuml;ller-Vogg, wie Albrecht M&uuml;ller nicht zu Unrecht schrieb, wohl &bdquo;der von Friede Springer pers&ouml;nlich beauftragte Reinwascher von Angela Merkel in allen Lebenslagen&ldquo; ist (Vgl. z.B. &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bild.de\/news\/standards\/berlin\/berlin-intern-6098132.bild.html\">Die Kanzlerin hat schon lange gewarnt&ldquo;<\/a>), durfte der gleichfalls zur Sendung eingeladene Bild-Kolumnist und Verfasser eines <a href=\"http:\/\/www.hoffmann-und-campe.de\/go\/f45264e9-508b-af43-915dadd9db4633b5\">Gespr&auml;chsbandes mit Angela Merkel &bdquo;Mein Weg<\/a>&ldquo; unwidersprochen dementieren. Und J&ouml;rges half ihm sogar noch dabei, indem er meinte, M&uuml;ller-Vogg sei wohl kein Lieblingsjournalist der Kanzlerin und dass es eine Menge Meinungsunterschiede gebe. Die mag es schon geben, aber allenfalls dann, wenn die Kanzlerin in seltenen F&auml;llen mal nicht der politischen Linie der Bild-Zeitung folgt. <\/p><p>Kritische Eingest&auml;ndnisse gegen&uuml;ber der Verfilzung von Journalismus und Politik gab es eher am Rande oder indirekt:<\/p><p>J&ouml;rges hat wenigstens auf die &bdquo;private Versippung&ldquo; zwischen Journalisten und Politikern hingewiesen und erw&auml;hnt, dass auch Gerhard Schr&ouml;der sich mit vielen Chefredakteuren duzte und man sich sogar gegenseitig im Urlaub besuchte. Er nannte diese N&auml;he zur Macht &bdquo;im Prinzip korrupt&ldquo;. M&uuml;ller-Vogg gestand zumindest ein, dass die &bdquo;Versuchung gro&szlig;&ldquo; sei und auch schon mal die Grenzen &uuml;berschritten w&uuml;rden, um Gef&auml;lligkeit gegen &bdquo;privilegierte Information&ldquo; einzutauschen. J&ouml;rges schilderte, dass es derzeit geradezu ein &bdquo;Wettrennen der Chefredakteure&ldquo; gebe, Peer Steinbr&uuml;ck zum Essen einzuladen, um an ihm &bdquo;dran zu sein&ldquo;, falls er denn Kanzler werden sollte. Es gebe eben das Prinzip solche &bdquo;K&ouml;pfe hochzuziehen&ldquo;, mit denen man lange arbeiten k&ouml;nne. <\/p><p>Zwar wurde in dem Sonntags-Stammtisch bestritten, dass es in Deutschland vergleichbare Abh&ouml;raktionen der Medien wie durch die Murdoch-Presse gegeben habe, aber die Londoner FAZ-Korrespondentin Gina Thomas, wies zurecht darauf hin, dass auch bei uns das Privatleben von Politikern, wie etwa von Franz M&uuml;ntefering oder von Oskar Lafontaine, ausgeforscht worden sei. Es gebe auch hierzulande Dosiers mit intimen Informationen &uuml;ber Politiker, war die einhellige Meinung. Solche Intimit&auml;ten w&uuml;rden nur deshalb nicht ausgebreitet, weil die deutschen Gesetze und die Justiz strenger seien als anderswo. Was ja wohl nicht gerade f&uuml;r die freiwillige Selbstbeschr&auml;nkung des Journalismus spricht. <\/p><p>Offenbar selbst zur &Uuml;berraschung des Moderators, dem ARD-Programmdirektor Volker Herres, wurde so ganz nebenbei erw&auml;hnt, dass es auch bei uns &bdquo;Kampagne-Journalismus&ldquo; gebe. J&ouml;rges behauptete &ndash; wohl eher um den Kampagnenjournalismus herunterzuspielen -, die &bdquo;Kampagnen, die die Bild-Zeitung versucht hat, sind alle gescheitert&ldquo;. Er verwies dabei auf die Griechenland-, die zu Guttenberg- oder die Sarrazin-Kampagnen. <\/p><p>Dass die Stimmungsmache gerade auch der <a href=\"http:\/\/www.otto-brenner-stiftung.de\/fileadmin\/user_data\/kompakt\/dokumente\/bild_studie\/AH_Bild_TeilIV_punkt5.pdf\">Bild-Zeitung gegen die Griechen [PDF &ndash; 166 KB]<\/a> jedoch erfolgreich war, beweisen selbst Umfragen der Bl&auml;tter des <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/finanzen\/news\/staatsverschuldung\/euro-krise-mehrheit-gegen-schuldenerlass-fuer-athen_aid_648546.html\">Springer Verlages<\/a>. M&uuml;ller-Vogg verplapperte sich und r&auml;umte in einem Nebensatz ein,  dass &bdquo;zu Guttenbergs Aufstieg&hellip;ohne die Begleitung (durch die Bild-Zeitung (WL)) nicht m&ouml;glich gewesen&ldquo; w&auml;re. Und dass Sarrazins <a href=\"\/wp-print.php?p=6608\">rassistische Thesen<\/a> vor allem durch die wochenlange <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/33\/33301\/1.html\">Kampagne der Bild-Zeitung<\/a> durchgedrungen sind, wird auch nicht dadurch relativiert, dass M&uuml;ller-Vogg abwiegelnd darauf verwies, dass auch der SPIEGEL mit einem Vorabdruck dessen Buch zum Bestseller mitverholfen habe. M&uuml;ller-Vogg hat wohl gar nicht bemerkt, dass er die Rolle der Bild-Zeitung bei der Popularisierung von Sarrazins Hetzparolen vor allem gegen die hier lebenden T&uuml;rken und Araber geradezu best&auml;tigte, indem er sagte, dass ein &bdquo;typischer Bildzeitungsleser&ldquo; die &bdquo;600 Seiten&ldquo; des Buches &bdquo;Deutschland schafft sich ab&ldquo; sicherlich nicht lese. Gerade weil er damit v&ouml;llig Recht hat, m&uuml;ssen die Millionen Bild-Leser sich doch wohl ihre Meinung vor allem durch die Bild-Zeitung und die dieses Boulevard-Blatt nachplappernden anderen Medien &bdquo;gebildet&ldquo; haben. <\/p><p>M&uuml;ller-Vogg meinte die BILD-Kampagnen damit verteidigen zu k&ouml;nnen, indem er offen zugab, dass alle Medien mit &bdquo;gewisser Relevanz&ldquo; versuchten &bdquo;Themen zu setzen&ldquo;. So kann man Kampagnenjournalismus auch umschreiben.<\/p><p>Immerhin wurde im gestrigen Presseclub, zwar eher weil sie sich verplappert haben, aber endlich einmal auch aus dem Munde von Journalisten best&auml;tigt, was uns gegen&uuml;ber in vielen <a href=\"\/?p=5538\">Diskussionen mit Medienvertretern<\/a> immer als Gespinst von Verschw&ouml;rungstheoretikern zur&uuml;ckgewiesen wurde, n&auml;mlich dass in Deutschland<br>\n&bdquo;Kampagnenjournalismus&ldquo; weit verbreitet ist. Zahllose Belege daf&uuml;r finden Sie, wenn Sie in der Suchfunktion der NachDenkSeiten einmal das Suchwort &bdquo;<a href=\"\/?s=Kampagnenjournalismus&amp;Submit.x=40&amp;Submit.y=8\">Kampagnenjournalismus<\/a>&ldquo; eingeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Das Unbehagen an der politisch-medialen Klasse&ldquo; schrieb unl&auml;ngst J&uuml;rgen Habermas: &bdquo;Die munteren Moderator(inn)en der zahlreichen Talkshows richten mit ihrem immer gleichen Personal einen Meinungsbrei an, der dem letzten Zuschauer die Hoffnung nimmt, es k&ouml;nne bei politischen Themen noch Gr&uuml;nde geben, die z&auml;hlen. <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/europapolitik-merkels-von-demoskopie-geleiteter-opportunismus-1.1082536-7\">Manchmal zeigt der ARD-Presseclub, dass es auch anders&nbsp;geht.<\/a>&ldquo;.<br \/> Manchmal<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10213\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,41,11],"tags":[406,1063,314,1551,271],"class_list":["post-10213","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienanalyse","category-strategien-der-meinungsmache","tag-joerges-hans-ulrich","tag-mueller-vogg-hugo","tag-murdoch-rupert","tag-presseclub","tag-springer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10213","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10213"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10213\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10215,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10213\/revisions\/10215"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10213"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10213"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10213"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}