{"id":102215,"date":"2023-08-09T09:00:56","date_gmt":"2023-08-09T07:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102215"},"modified":"2023-08-09T15:24:07","modified_gmt":"2023-08-09T13:24:07","slug":"zinskritik-ist-kein-denkfehler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102215","title":{"rendered":"Zinskritik ist kein Denkfehler"},"content":{"rendered":"<p>Weil mit steigenden Zinsen die grunds&auml;tzliche Zinskritik wieder Auftrieb bekommt, hat der Chefredakteur der NachDenkSeiten, Jens Berger, seine schon 2011 erstmals erschienene Kritik an der Zinskritik <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102113\">nochmals publiziert<\/a>. Aus meiner Sicht ist seine Gegenkritik zu sehr im kapitalistischen System verhaftet und ber&uuml;cksichtigt zudem systemische Effekte nicht ausreichend. Von <strong>Norbert H&auml;ring<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_90\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-102215-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230809-Zinskritik-kein-Denkfehler-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230809-Zinskritik-kein-Denkfehler-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230809-Zinskritik-kein-Denkfehler-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230809-Zinskritik-kein-Denkfehler-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=102215-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230809-Zinskritik-kein-Denkfehler-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230809-Zinskritik-kein-Denkfehler-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em><strong>Anmerkung Jens Berger:<\/strong> Sch&ouml;nen Dank an den lieben Kollegen <a href=\"https:\/\/norberthaering.de\/\">Norbert H&auml;ring<\/a> f&uuml;r dessen Replik auf meinen Text, die zahlreiche gute Denkans&auml;tze enth&auml;lt, die zur Debatte f&ouml;rmlich einladen. Mit seinem Kernargument, ich argumentiere &bdquo;systemimmanent&ldquo;, hat er freilich recht. Sinn und Zweck des Artikels ist es ja auch, unseren kritischen Lesern das R&uuml;stzeug mit an die Hand zu geben, um die aktuellen &ouml;konomischen Debatten zu verstehen. Mir ging es auch an keiner Stelle darum, die Vergabepraxis oder s&auml;mtliche Kreditgesch&auml;fte im Finanzsystem zu verteidigen. Es ging vielmehr darum, die m.E. kontraproduktive Fundamentalkritik am Zins zu entkr&auml;ften. In den n&auml;chsten Tagen werde ich die Debatte mit einer Replik an Norbert H&auml;ring gerne fortf&uuml;hren und werde auch in einer kommentierten Leserbriefsammlung auf Ihre Zuschriften eingehen.<\/em><\/p><p>Jens Berger nimmt f&uuml;r sich in Anspruch, mit dem Artikel &bdquo;Kritik an der Zinskritik&ldquo; von August 2011 die &bdquo;Argumente&ldquo; der Zinskritiker im Kern widerlegt zu haben, wobei er &bdquo;Argumente&ldquo; sogar in Anf&uuml;hrungszeichen setzt, so als h&auml;tten die Zinskritiker gar keine richtigen Argumente. Ich finde, sie haben durchaus einen Punkt, auch wenn diejenigen, die ihre Kritik im Rahmen des kapitalistischen Systems formulieren, schnell an Grenzen sto&szlig;en. Deshalb hat Jens Berger auch recht mit der Feststellung, dass es ein Trugschluss w&auml;re zu meinen, man k&ouml;nne durch ein Zinsverbot &ndash; wie auch immer man das erreichen m&ouml;chte &ndash; die &ouml;kologischen und sozialen M&auml;ngel des derzeitigen Systems beheben.<\/p><p>Im Folgenden wird zur Vereinfachung von einer Situation ohne Inflation ausgegangen oder &ndash; gleichwertig &ndash;&nbsp;von einem um die Inflationsrate reduzierten &bdquo;Realzins&ldquo;. Bei einem Zins in H&ouml;he der Inflationsrate bekommt man als Kreditgeber, in Kaufkraft gerechnet, so viel zur&uuml;ck, wie man gegeben hat.<\/p><p><strong>Der Zins f&uuml;r Unternehmenskredite<\/strong><\/p><p>Die sehr systemimmanente Sichtweise Bergers wird schon deutlich, wo er zu Anfang erkl&auml;rt, was Zins aus Sicht des Kreditnehmers und Kreditgebers ist. Er schreibt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Unternehmen nutzen Kredite meist dazu, Investitionen vorzunehmen, mit deren Hilfe sie bessere wirtschaftliche Ergebnisse erzielen. Der Zins ist aus Sicht dieser Kreditnehmer eine Pr&auml;mie daf&uuml;r, mit Hilfe von Fremdkapital Investitionen vorzunehmen, um die eigene Ertragssituation zu steigern.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Das ist richtig. Wichtig zu erw&auml;hnen w&auml;re aber auch, dass der Zins ein Mittel ist, um im Sinne des kapitalistischen Systems zu steuern, wer bevorzugt auf gesamtwirtschaftliche Ressourcen zugreifen darf, um &bdquo;Investitionen vorzunehmen und die eigene Ertragssituation zu steigern&ldquo;. Es sind diejenigen, die die h&ouml;chste Zahlungsf&auml;higkeit und das gr&ouml;&szlig;te verwertbare Verm&ouml;gen (als Sicherheit) haben.<\/p><p>Es ist mitnichten garantiert, ja es ist nicht einmal wahrscheinlich, dass diejenigen, die (dank gro&szlig;er Marktmacht) den h&ouml;chsten Gewinn erwarten d&uuml;rfen und (dank verwertbarem Verm&ouml;gen) die besten Kreditsicherheiten bieten k&ouml;nnen, die aus gesamtgesellschaftlicher Sicht ertragreichsten Investitionen t&auml;tigen. Das kreditzinsgesteuerte System sorgt aber daf&uuml;r, dass sie Kredit zu g&uuml;nstigen Konditionen bekommen und andere, kleinere, weniger reiche und marktm&auml;chtige, weniger etablierte Unternehmen entweder gar nicht oder nur zu schlechteren Konditionen bedient werden.<\/p><p>Es gibt andere M&ouml;glichkeiten der Zuteilung. Stellen wir uns zum Beispiel eine Konsumgenossenschaft vor, die einen Betrieb gr&uuml;ndet, um die Produkte herzustellen, die die Mitglieder der Konsumgenossenschaft haben wollen. Die Konsumenten strecken dem Produzenten die n&ouml;tigen Betriebsmittel vor, damit er f&uuml;r sie gem&auml;&szlig; Vereinbarung Waren produziert.<\/p><p>Oder stellen wir uns ein vergesellschaftetes Kreditsystem vor, in dem Kredite nach gesellschaftlichen Kriterien vergeben werden. Der Zins muss dann vielleicht daf&uuml;r sorgen, dass die Kreditgeber keine Verluste machen, aber er w&auml;re idealerweise nicht das Hauptzuteilungsinstrument.<\/p><p>Das soll vor allem deutlich machen, dass es ganz andere Sichtweisen gibt, wenn man die Pr&auml;missen des kapitalistischen Systems verl&auml;sst. Das Pro und Kontra der skizzierten Alternativen ist ein zu weites Feld, um es hier zu beackern.<\/p><p><strong>Zins f&uuml;r Immobilienkredite<\/strong><\/p><p>Was Berger &uuml;ber den Zins f&uuml;r Kredite an private Haushalte schreibt, ist ein Beispiel f&uuml;r eine nicht ausreichend systemische Sicht. Er schreibt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Privatleute ziehen mit Hilfe von Krediten meist Ausgaben vor, die ihnen einen wie auch immer gearteten Nutzen versprechen. (&hellip;) Wer beispielsweise ein Haus bauen will, hat zwei M&ouml;glichkeiten &ndash; entweder er spart und kauft sich das Haus, wenn er den n&ouml;tigen Kapitalstock zusammengespart hat, oder er nimmt einen Kredit auf, mit dem er seine Investition vorzieht. (&hellip;) F&uuml;r die M&ouml;glichkeit, sein Eigenheim bereits zu nutzen, lange bevor man es komplett bezahlt hat, muss man einen Preis bezahlen. Diese Pr&auml;mie ist jedoch keine &bdquo;Zinsknechtschaft&ldquo;, sondern die freiwillig entrichtete Zahlung f&uuml;r die den gewonnenen (vorgezogenen) Nutzen. Wer den Zins verbieten will und den Menschen somit die M&ouml;glichkeit auf einen Kredit nehmen will, nimmt ihnen auch die M&ouml;glichkeit, Investitionen, die ihnen sinnvoll erscheinen, zeitlich vorzuziehen. Der Besitz eines Eigenheims w&auml;re somit de facto ein Privileg f&uuml;r Erben und Spitzenverdiener.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Was hier fehlt, sind die Auswirkungen massenhafter und zunehmender Vergabe von Immobilienkrediten. Diese sind inzwischen das Hauptgesch&auml;ft der privaten Gesch&auml;ftsbanken, nicht die Investitionskredite an Unternehmen. Auf dem Markt f&uuml;r bebaute oder unbebaute Grundst&uuml;cke, deren Angebot nur sehr begrenzt erweiterbar ist, kommt der zum Zug, der den h&ouml;chsten Preis bietet. Da nur wenige ohne Kredit den vollen Kaufpreis f&uuml;r Haus und Boden aufbringen k&ouml;nnen, macht der das Rennen, der den h&ouml;chsten Kredit bekommt. Das sind nicht die Eigenkapitalschwachen, die laut Berger die Hauptnutznie&szlig;er des Immobiliarkredits sind, sondern die beg&uuml;terten Privatpersonen und Institutionen.<\/p><p>Wenn &uuml;ber best&auml;ndig wachsende Immobilienkredite bei begrenztem Angebot an Grundst&uuml;cken immer mehr Geld in den Immobilienmarkt flie&szlig;t, steigen dort die Preise &uuml;berproportional. Das f&uuml;hrt dazu, dass die K&auml;ufer mehr Kredit brauchen, um ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen. Steigende Immobilienkredite schaffen dadurch die Notwendigkeit f&uuml;r weiter steigende Immobilienkredite und gleichzeitig treiben sie die Preise in die H&ouml;he. Gerade f&uuml;r eigenkapitalschwache junge Familien ist es bei den heutigen Immobilienpreisen kaum noch m&ouml;glich, das geforderte Eigenkapital f&uuml;r einen Immobilienkredit aufzubringen.<\/p><p><strong>Es gibt Alternativen<\/strong><\/p><p>Auch hier ber&uuml;cksichtigt Berger alternative Wirtschaftssysteme nicht.&nbsp;Die Alternative ist keinesfalls, dass man erst ein Eigenheim oder eine Wohnung erwerben kann, wenn man den Kaufpreis zusammengespart hat, wie Berger das darstellt. Stellen wir uns vor, privaten Banken w&uuml;rde das Immobilienkreditgesch&auml;ft ganz verboten, oder sie d&uuml;rften es (inflationsbereinigt) nicht mehr ausweiten. Was w&uuml;rde passieren?<\/p><p>Es wurden bereits verschiedene, bessere L&ouml;sungen entwickelt. Sie hei&szlig;en Bausparkasse, Kreditverein auf Gegenseitigkeit und Bau- und Vermietungsgenossenschaft. All diese alternativen Arrangements haben das Problem, dass die Banken Rosinenpicken betreiben und den attraktivsten Kreditnehmern besonders gute Angebote machen k&ouml;nnen. Kommt dann noch hinzu, dass der Zins stark schwankt, dann kommen solche Institutionen, die nicht mit einem (variablen) Zins operieren, immer dann in die Klemme, wenn der Marktzins besonders niedrig und damit das Angebot der Banken besonders g&uuml;nstig ist. Da Bausparkassen und Co. auf eine langfristig stabile Mitglieder- bzw. Kundenentwicklung angewiesen sind, tun sie sich sehr schwer, wenn es daneben Gesch&auml;ftsbanken mit Immobiliengesch&auml;ft gibt. W&uuml;rde das unterbunden, m&uuml;ssten die Leute nicht den ganzen Kaufpreis ansparen, sondern sie bek&auml;men alternative Angebote, um einen vermutlich niedrigeren Kaufpreis teilweise vorzufinanzieren. Das kann auch mit sehr niedrigen oder ganz ohne Zinsen funktionieren.<\/p><p><strong>Zins aus Sicht des Kreditgebers<\/strong><\/p><p>Als Rechtfertigung f&uuml;r den Zins aus Sicht des Kreditgebers hat Berger die Standarderkl&auml;rung der &Ouml;konomielehrb&uuml;cher parat, die Wartepr&auml;mie und die Risikopr&auml;mie:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;F&uuml;r den Kreditgeber stellt der Zins nicht nur einen Inflationsausgleich, sondern vor allem eine Risikopr&auml;mie und schlichtweg den Preis f&uuml;r das Warten dar. (&hellip;) Wer&nbsp; w&uuml;rde einem Unbekannten zinsfrei Geld leihen, ohne zu wissen, ob man das Geld auch wiederbekommt? Zum Wesen des Kredits geh&ouml;rt nun einmal auch der Kreditausfall. (&hellip;)&nbsp;G&auml;be es nur einen Einheitszins oder gar keinen Zins, w&uuml;rde wohl niemand sein Geld an ein ertragsschwaches Unternehmen oder eine Person mit Zahlungsschwierigkeiten verleihen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Hier wird wie selbstverst&auml;ndlich davon ausgegangen, dass derjenige, der etwas angespart hat oder Verm&ouml;gen vererbt oder geschenkt bekommen hat, eine kostenlose M&ouml;glichkeit hat, dieses Verm&ouml;gen werterhaltend aufzubewahren. Das ist aber keine realistische Referenzsituation.<\/p><p>Das sieht man besonders leicht, wenn man sich in eine geldfreie Welt begibt. Wer Getreide &uuml;brig hat und einlagert, hat daf&uuml;r mit Kosten und betr&auml;chtlichem Schwund zu rechnen. Wenn er Gl&uuml;ck hat, findet er stattdessen einen vertrauensw&uuml;rdigen Menschen, der das Getreide heute braucht und ihm f&uuml;r die Zukunft glaubw&uuml;rdig etwas von Wert versprechen kann. Im Zweifel wird diese Person sich diesen Dienst durch einen Rabatt bei der R&uuml;ckgabemenge bezahlen lassen. Jedenfalls gibt es nichts, was von vorneherein daf&uuml;r sorgen w&uuml;rde, dass der Besitzer des &Uuml;berschusses f&uuml;r &bdquo;das Warten&ldquo; (welches Warten) bezahlt wird und nicht der Abnehmer f&uuml;r seinen wertvollen Dienst am Besitzer.<\/p><p>Warum sollen wir in der Geldwelt demjenigen, der einen &Uuml;berschuss hat, ein Grundrecht auf kostenlosen Transfer dieses &Uuml;berschusses in die Zukunft zubilligen? Das mit dem Warten ist ja nicht wirklich der typische Fall, jedenfalls mengenm&auml;&szlig;ig nicht. M&uuml;hsam angesparte Geldverm&ouml;gen sind in der Regel klein. Das mit Abstand gr&ouml;&szlig;te Volumen an Geldverm&ouml;gen geh&ouml;rt Menschen, die geerbt haben oder so viel verdienen, dass sie das viele Geld nicht sinnvoll konsumtiv ausgeben k&ouml;nnen.<\/p><p>Geld ist ein Anspruch an die Gesellschaft. Ob die Gesellschaft sich daf&uuml;r bezahlen l&auml;sst, diesen Anspruch in die Zukunft zu transferieren, oder ob man daf&uuml;r bezahlt wird, den Anspruch erst sp&auml;ter geltend zu machen, h&auml;ngt von gesellschaftlichen Konventionen ab und den Machtverh&auml;ltnissen, die diese Konventionen hervorgebracht haben.<\/p><p><strong>Irrt&uuml;mer der Zinskritiker und ihres Kritikers<\/strong><\/p><p>Der laut Berger &bdquo;blanke Unsinn&ldquo; der Geschichte des Jesuspfennigs, der sich &uuml;ber 2.000 Jahre durch Zins und Zinseszins zu einem unermesslichen Verm&ouml;gen mehren w&uuml;rde, illustriert in diesem Lichte nicht nur, was die Zinskritiker &uuml;bersehen, dass n&auml;mlich der Kredit, f&uuml;r den man Zins bekommt, risikobehaftet ist und das Verm&ouml;gen wegen Kreditausf&auml;llen eben nicht unendlich gro&szlig; wird. Sie illustriert auch, was Berger &uuml;bersieht, dass es n&auml;mlich in der realen Welt keine sichere Alternative zur Kreditvergabe gibt, die einem erm&ouml;glichen w&uuml;rde, reale Werte kostenlos und garantiert in die ferne Zukunft zu &uuml;bertragen.<\/p><p><strong>Keine automatische Geldmengenaufbl&auml;hung<\/strong><\/p><p>Recht hat Berger, wenn er argumentiert, dass der Zins nicht zu einer exponentiellen Steigerung der Geldmenge f&uuml;hre, auch wenn seine Begr&uuml;ndung nicht ganz korrekt ist, oder mir nicht richtig verst&auml;ndlich.<\/p><p>Der Zinszahler muss einen &Uuml;berschuss erwirtschaften und auf sein Konto einzahlen. Dieses Guthaben in H&ouml;he der Zinsschuld streicht die Bank. Es wird nicht auf ein anderes Konto gebucht, denn die Bank hat kein Konto bei sich selbst. Die Geldmenge sinkt also im ersten Schritt. Durch die Guthabenstreichung erzielt die Bank einen Betriebs&uuml;berschuss, Dieser erm&ouml;glicht es ihr zum Beispiel, ohne Verlust eine Mitarbeiterin im Kreditgesch&auml;ft zu bezahlen. Dies geschieht normalerweise im Wege der Geldsch&ouml;pfung, indem die Bank den entsprechenden Betrag auf dem Konto ihrer Mitarbeiterin gutschreibt. Die Geldmenge sinkt also zuerst und steigt dann wieder um den Betrag der Zinszahlung. Die Zinszahlung hat keine Auswirkung auf die Geldmenge.<\/p><p><strong>Indirekter Wachstumszwang<\/strong><\/p><p>Komplizierter ist es mit dem Vorwurf, dass Zinsen zu einem &bdquo;Wachstumszwang&ldquo; f&uuml;hrten. Berger meint den Denkfehler dahinter mit dem Hinweis zu enttarnen, dass nicht hohe, sondern niedrige Zinsen die Konjunktur ankurbeln, also das Wachstum erh&ouml;hen. Ich w&uuml;rde hier einwenden, dass es hier vor allem auf die Zins&auml;nderung ankommt, nicht so sehr auf das Niveau, aber das will ich hier nicht vertiefen.<\/p><p>Auf einer grundlegenderen, weniger systemimmanenten Ebene kann man dem Zins durchaus diese Wirkung zuschreiben. Zuvor sei allerdings noch der letzte Irrtum erw&auml;hnt, den Berger zu entkr&auml;ften meint, der Vorwurf, dass der Zins zu Umverteilung von unten nach oben f&uuml;hre. Den er h&auml;ngt mit dem Wachstumszwang-Argument zusammen. Diesem begegnet Berger mit dem Argument:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Empirisch l&auml;sst sich der Zusammenhang von Zins und Verm&ouml;genskonzentration jedoch relativ einfach widerlegen, wenn man sich die Periode von 1945 bis 1980 anschaut. Diese Periode wird auch als &bdquo;gro&szlig;e Kompression&ldquo; bezeichnet. Sie zeichnete sich dadurch aus, dass sich nicht nur die Einkommens-, sondern auch die Verm&ouml;gensschere in allen westlichen Industriel&auml;ndern immer weiter geschlossen hat. W&auml;hrend dieser Periode hat sich jedoch kaum etwas am Geld- oder Zinssystem ver&auml;ndert. Was diese Periode auszeichnete, war vielmehr ein klares Bekenntnis seitens der Politik, mittels Gesetzen und des Steuersystems f&uuml;r eine Angleichung der Lebensverh&auml;ltnisse zu sorgen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dass es in der Nachkriegszeit Zinsen gab, stimmt ja. Aber sie waren stark reguliert, mit dem Ziel, sie niedrig zu halten. Man nennt das, was damals stattfand, unter &Ouml;konomen heute &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.wirtschaftsdienst.eu\/inhalt\/jahr\/2013\/heft\/11\/beitrag\/finanzielle-repression-ein-instrument-zur-bewaeltigung-der-krisenfolgen.html\">finanzielle Repression<\/a>&ldquo;. Am Beispiel der Regulation Q in den USA l&auml;sst sich das besonders leicht zeigen. Die 1933 erlassene Vorschrift legte H&ouml;chstgrenzen f&uuml;r Zinsen von verschiedenen Arten Bankguthaben fest. Ab Mitte der 70er Jahre wurden Umgehungen der Regulierung zunehmend legalisiert und die Zinsobergrenzen au&szlig;er f&uuml;r Girokonten bis 1986 nach und nach aufgehoben.<\/p><p>Wegen des dollarbasierten Festkurssystems der Nachkriegszeit wirkte sich Regulation Q auch in Deutschland zinssenkend aus. Aber auch in Deutschland selbst galten in der von Berger angef&uuml;hrten Periode Zinsobergrenzen und andere Regulierungen, die mit finanzieller Repression bezeichnet werden, darunter Goldbesitzverbot, Kapitalverkehrskontrollen, Zwangsanleihen und der Betrieb von Staatsbanken.<\/p><p>Abgesehen davon entstehen Wachstumszwang und Verm&ouml;genskonzentration durch den Zins auf einer anderen Ebene. Der Zins ist das Schl&uuml;sselelement des kapitalistischen Finanzsystems. Der vermeintlich risikolose Zins von Staatsanleihen ist sein Dreh- und Angelpunkt. &Uuml;ber das &bdquo;Abzinsen&ldquo; kann der Finanzsektor allem, was sich in Geld bewerten l&auml;sst, auch wenn es weit in der Zukunft stattfindet, einen heutigen Wert, einen &bdquo;Barwert&ldquo;, geben und es so handelbar machen und handeln. Der risikolose Zins ist die wichtigste Zutat in den imagin&auml;ren &bdquo;Kapitalkosten&ldquo;, mit denen die Zunft der Unternehmensberater und Buchhalter eine Untergrenze f&uuml;r den kurzfristigen Unternehmensgewinn setzt, den das Management jedes Unternehmens erzielen muss. Einen niedrigeren Gewinn definieren sie auf diese Weise in einen Verlust um. Die Finanzbranche setzt diese Gewinnuntergrenze in der Breite durch, indem Unternehmen, die sie nicht erreichen, zum Beispiel wegen einer zu gro&szlig;en Betonung langfristiger Stabilit&auml;t und Nachhaltigkeit, feindlich &uuml;bernommen oder anderweitig ausgeschlachtet werden, wenn sie nicht rechtzeitig ihr Management austauschen.<\/p><p>G&auml;be es keinen Zins, g&auml;be es auch keinen aufgebl&auml;hten Finanzsektor dieser Art. W&uuml;rde das n&ouml;tige Kapital auf andere Weise zugeteilt, wie oben bereits angedeutet, ohne dass die Verm&ouml;genszuw&auml;chse einer immer reicher werdenden Schicht mit den Ertr&auml;gen finanziert werden m&uuml;ssten, dann k&ouml;nnte und w&uuml;rde die Gesellschaft mit erheblich weniger Wirtschaftswachstum auskommen. Sehr vieles, was zwar Gewinn bringt, aber keine origin&auml;ren Bed&uuml;rfnisse der Menschen befriedigt, w&uuml;rde nicht stattfinden.<\/p><p>Dagegen kann man nicht &ndash; wie Berger es tut &ndash; anf&uuml;hren, dass in ausgepr&auml;gten Niedrigzinsphasen das Wachstum typischerweise gering ist. Das ist eine Folge der Krisenanf&auml;lligkeit des Systems, das nach &uuml;bersteigertem Wachstum gern in den Krisenmodus &uuml;bergeht und dann mit stark gesenkten Zinsen wieder aufgep&auml;ppelt werden muss. Auf die Zins&auml;nderung kommt es dabei an, nicht auf das Zinsniveau.<\/p><p>Auch &uuml;ber die massive Verteuerung von Boden und damit des Wohnens sorgt der Zins indirekt f&uuml;r Wachstumszwang. Denn indem es die Wohnkosten &uuml;berproportional steigen l&auml;sst, sorgt das zinsgetriebene Immobilienkreditgesch&auml;ft daf&uuml;r, dass die Menschen bei steigendem Wohlstand nicht aufh&ouml;ren, mehr Geld verdienen zu wollen. Ein Durchschnittshaushalt mit Kindern wird auch in einem reichen Land aufgrund der Kosten einer Wohnung im Mittelschichtstandard gen&ouml;tigt, mit vollem Einsatz an der Steigerung des Bruttoinlandsprodukts mitzuarbeiten.<\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Ja, viele der Argumente der Zinskritiker &uuml;berzeugen nicht, wenn diese versuchen, sie systemimmanent vorzutragen. Kapitalismus ohne Zins kann tats&auml;chlich kaum funktionieren. Aber wenn man den Rahmen erweitert und andere Wirtschaftsmodelle zul&auml;sst, kann man sehr gut zu dem Ergebnis kommen, dass solche ohne Zins vorzuziehen w&auml;ren. <\/p><p>Wirtschaftsmodelle, die ohne oder mit sehr niedrigem Zins auskommen, sind Elemente einer Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des Kapitalismus. Ein Zinsverbot als Allheilmittel w&auml;re dagegen eine unrealistische Wunschvorstellung. Mit einem Federstrich l&auml;sst sich der Kapitalismus nicht abschaffen.<\/p><p>Titelbild: TippaPatt\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weil mit steigenden Zinsen die grunds&auml;tzliche Zinskritik wieder Auftrieb bekommt, hat der Chefredakteur der NachDenkSeiten, Jens Berger, seine schon 2011 erstmals erschienene Kritik an der Zinskritik <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102113\">nochmals publiziert<\/a>. Aus meiner Sicht ist seine Gegenkritik zu sehr im kapitalistischen System verhaftet und ber&uuml;cksichtigt zudem systemische Effekte nicht ausreichend. Von <strong>Norbert H&auml;ring<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102215\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":102216,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,136,156,204],"tags":[1030,2268,2052,909,402],"class_list":["post-102215","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-banken-boerse-spekulation","category-schulden-sparen","category-zinskritik","tag-geldmenge","tag-immobilienmarkt","tag-investitionen","tag-kapitalismus","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Shutterstock_2212529837-Kopie.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102215","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=102215"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102215\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102245,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102215\/revisions\/102245"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/102216"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=102215"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=102215"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=102215"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}