{"id":102230,"date":"2023-08-09T10:48:51","date_gmt":"2023-08-09T08:48:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102230"},"modified":"2023-08-09T16:58:00","modified_gmt":"2023-08-09T14:58:00","slug":"mit-schopenhauer-politische-debatten-gewinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102230","title":{"rendered":"Mit Schopenhauer politische Debatten gewinnen"},"content":{"rendered":"<p>Der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) hat eine kleine Schrift mit dem Titel &bdquo;Die Kunst, Recht zu behalten. In 38 Kunstgriffen dargestellt&ldquo; verfasst. Unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong> hatte diese kleine Schrift in seinem B&uuml;cherregal stehen, aber schon lange nicht mehr daran gedacht &ndash; bis er den h&ouml;chst unterhaltsamen franz&ouml;sischen Film &bdquo;Die brillante Mademoiselle Ne&iuml;la&ldquo; sah, in dem Schopenhauers rhetorische Kunstgriffe eine Rolle spielen. Deshalb schaute er wieder rein in das kleine B&uuml;chlein von Schopenhauer &ndash; und entdeckte rhetorische Kniffe f&uuml;r die politische Praxis, zum Beispiel, um in Talkshows Oberwasser zu gewinnen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5384\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-102230-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230809_Mit_Schopenhauer_politische_Debatten_gewinnen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230809_Mit_Schopenhauer_politische_Debatten_gewinnen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230809_Mit_Schopenhauer_politische_Debatten_gewinnen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230809_Mit_Schopenhauer_politische_Debatten_gewinnen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=102230-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230809_Mit_Schopenhauer_politische_Debatten_gewinnen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230809_Mit_Schopenhauer_politische_Debatten_gewinnen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Ausgangslage im Film ist wie folgt: Die arabischst&auml;mmige Studentin Ne&iuml;la Salah kommt am ersten Tag ihres Studiums zu sp&auml;t zur Vorlesung von Juraprofessor Pierre Mazard. Der macht deshalb einige despektierliche Bemerkungen &uuml;ber sie. Als er auch Anspielungen auf ihre arabische Herkunft macht, werfen ihm Studenten Rassismus vor, was &uuml;ber Facebook und andere Medien schnell die Runde macht. Professor Mazard soll sich deshalb vor einem Disziplinarausschuss verantworten. Der Universit&auml;tspr&auml;sident Gr&eacute;goire Viviani will seine Entlassung verhindern und schl&auml;gt vor, dass Professor Mazard die Studentin Ne&iuml;la beim j&auml;hrlichen Rhetorikwettbewerb als Mentor unterst&uuml;tzen soll. Dies soll den Ausschuss milde stimmen. Notgedrungen stimmt Mazard zu. Nach einigem Z&ouml;gern geht auch Ne&iuml;la auf dieses Angebot ein. <\/p><p>&bdquo;<strong>Schei&szlig; was auf die Wahrheit!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Ein wichtiger Teil von Prof. Mazards Einzelunterricht sind die rhetorischen Kunstgriffe Schopenhauers. Ein Satz von ihm im Film macht deutlich, was Schopenhauers zentrale These ist: &bdquo;Schei&szlig; was auf die Wahrheit!&ldquo;, fordert der Jura-Professor seine Studentin auf. Also mit anderen Worten: Schopenhauer grenzt seine Dialektiklehre (die er &bdquo;eristrische Dialektik&ldquo; nennt) von der aristotelischen Dialektik ab. In Letzterer geht es um Logik und Erkenntnis bzw. Wahrheitsergr&uuml;ndung, in Schopenhauers &bdquo;eristrischer Dialektik&ldquo; ausschlie&szlig;lich darum, in einer Debatte als Sieger vom Platz zu gehen. Und das wiederum hei&szlig;t: Man kann mit sehr guten Argumenten und der Wahrheit in den Augen des Publikums doch im Unrecht sein und als Verlierer der Debatte dastehen. Umgekehrt kann man mit schlechten Argumenten bzw. der Unwahrheit eine Debatte gewinnen. Und in der Tat kann man Schopenhauers rhetorische Kunstgriffe in Talkshows sowie &uuml;berhaupt in politischen und medialen Debatten beobachten. In Schopenhauers Kunstgriff Nr. 32 hei&szlig;t es zum Beispiel:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eine uns entgegengesetzte Behauptung des Gegners k&ouml;nnen wir auf eine kurze Weise dadurch beseitigen oder wenigstens verd&auml;chtig machen, dass wir sie unter eine verhasste Kategorie bringen, wenn sie auch nur durch eine &Auml;hnlichkeit oder sonst lose mit ihr zusammenh&auml;ngt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Genau dieser rhetorische Kniff wird massenhaft insbesondere vom &bdquo;linksliberalen&ldquo; Milieu eingesetzt. Man geht nicht auf Inhalte eines Arguments oder einer Position ein, sondern ordnet das Argument oder die Position in eine Kategorie ein, die an sich inakzeptabel ist. Wer auf Probleme mit der Integration von Migranten hinweist, ist &bdquo;rechtsoffen&ldquo;, &bdquo;Rassist&ldquo;, &bdquo;Faschist&ldquo;, &bdquo;ausl&auml;nderfeindlich&ldquo; usw. Wer der Meinung ist, dass es nicht sinnvoll ist, dass man mit einem einfachen Antragsverfahren einmal j&auml;hrlich sein Geschlecht wechseln kann, ist &bdquo;transfeindlich&ldquo;. Ebenso wenn Frauen sich unbehaglich f&uuml;hlen, wenn Transfrauen, die urspr&uuml;nglich M&auml;nner waren, Frauentoiletten oder Umkleidekabinen von Frauen benutzen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Die Verrohung der Sitten bei den politisch Korrekten<\/strong><\/p><p>Ein Beispiel dazu: Die Schriftstellerin J. K. Rowling wurde wegen eines Essays und eines Romans, in dem sie die Transideologie kritisch beleuchtete, massiv angefeindet und im Netz auf &uuml;belste Weise beschimpft. Hier demaskierte sich das angeblich so politisch korrekte Milieu und zeigte sein wahres Gesicht, das von abgrundtiefem Hass, Feindseligkeit und Gewaltfantasien gepr&auml;gt ist. In einem Interview des <em>Deutschlandfunks Kultur<\/em> (<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/shitstorm-gegen-j-k-rowling-sprachrohr-einer-aeusserst-100.html\">siehe hier<\/a>) entbl&ouml;dete sich die &bdquo;Kulturjournalistin&ldquo; Sibel Schick nicht, J. K. Rowling mehrfach als &bdquo;T&auml;terin&ldquo; zu bezeichnen &ndash; &uuml;brigens ohne dass der Interviewer Massimo Maio ihr auch nur einmal widersprochen oder gesagt h&auml;tte, sie m&ouml;ge bitte solche &uuml;blen Verleumdungen unterlassen. J. K. Rowling konnte also im &ouml;ffentlich-rechtlichen <em>Deutschlandfunk<\/em> als &bdquo;T&auml;terin&ldquo; verleumdet werden. Und das hei&szlig;t: mit Verbrechern gleichgesetzt werden.<\/p><p><strong>Die scheinheilige Brandmauer-Diskussion<\/strong><\/p><p>Oder nehmen wir zum Beispiel das Sommerinterview von Friedrich Merz, das sogleich benutzt wurde, um ihn zu bezichtigen, er w&uuml;rde die &bdquo;Brandmauer&ldquo; zur AfD niederrei&szlig;en wollen. Ich bin wahrlich kein Fan von Merz, aber ich denke, er hat im Grunde nur gesagt, dass der CDU nichts anderes &uuml;brigbleibe, als auf kommunaler Ebene projektbezogen mit der AfD zu stimmen. Was die Kritiker von Merz dabei gern verschweigen: Das machen andere Parteien auch. Und es geht ja auch wohl kaum anders. Ein Beispiel: W&uuml;rden die anderen Parteien den Beschlussvorschlag eines AfD-B&uuml;rgermeisters, der vorsieht, den dringend ben&ouml;tigten neuen Kindergarten zu bauen, ablehnen &ndash; weil ein AfD-B&uuml;rgermeister ihn vorgelegt hat? Nat&uuml;rlich <em>nicht<\/em>. Und v&ouml;llig zu Recht. Denn sie w&uuml;rden ja eine kommunalpolitisch sinnvolle Entscheidung, die im Interesse aller B&uuml;rger liegt, blockieren, nur um zu beweisen, dass sie v&ouml;llig reinen Herzens sind und eine unbefleckte wei&szlig;e Weste haben. Oh, ich muss mich korrigieren. Ricarda Lang, die Vorsitzende der Gr&uuml;nen, w&uuml;rde es tun. Der <em>Focus<\/em> berichtete Folgendes:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Im <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/organisationen\/ard\/\">ARD<\/a>-Sommerinterview wurde Gr&uuml;nen-Chefin Ricarda Lang (29) darauf angesprochen, dass Gr&uuml;nen-Gemeinder&auml;te in ihrem Wahlkreis in Backnang (Baden-W&uuml;rttemberg) vor Monaten einem Antrag der AfD zugestimmt h&auml;tten. Es ging um Zusch&uuml;sse f&uuml;r ein Theater. Willy H&auml;rtner, Fraktionsvorsitzender der Gr&uuml;nen in Backnang, sagte laut &sbquo;<a href=\"https:\/\/www.bkz.de\/nachrichten\/schwieriges-miteinander-mit-der-afd-im-backnanger-gemeinderat-198488.html\">Backnanger Kreiszeitung<\/a>&lsquo; sogar: &sbquo;Wir sind alle per Du und gehen nach der Sitzung auch zusammen ein Bier trinken.&lsquo; Dass diese Aussage auch die beiden AfD-R&auml;te einschlie&szlig;t, ist f&uuml;r ihn nur ehrlich. &sbquo;Warum soll man da was verleugnen?&lsquo;, sagte H&auml;rtner vor wenigen Tagen gegen&uuml;ber der Lokalzeitung (Quelle: <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/der-gruene-aus-ricarda-langs-heimat-der-mit-der-afd-auch-mal-bier-trinken-geht_id_200552783.html\">focus.de<\/a>).\n<\/p><\/blockquote><p>Die Gr&uuml;nen-Vorsitzende Ricarda Lang blieb dabei. &bdquo;Keine Zusammenarbeit hei&szlig;t keine Zusammenarbeit.&ldquo; Sie werde dies parteiintern mit dem Ortsverband pr&uuml;fen. Aus den Niederungen der Partei wurde Lang klar und heftig widersprochen. Der <em>Tagesspiegel<\/em> berichtet Folgendes: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;An der Basis werden Langs Vorgaben jedoch nicht nur positiv aufgenommen. Beispielsweise in der Kleinstadt Burladingen (Zollernalbkreis) in Baden-W&uuml;rttemberg. Dort m&ouml;chte sich die Gr&uuml;nen-Fraktion &uuml;ber die Ansage aus Berlin gegebenenfalls hinwegsetzen.<\/p>\n<p>&sbquo;Einen vern&uuml;nftigen AfD-Antrag pauschal abzulehnen, ist blanker Schwachsinn&lsquo;, sagt der Burladinger Gr&uuml;nen-Fraktionschef Peter Thriemer der<a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.umgang-mit-der-afd-burladinger-gruene-widersprechen-ricarda-lang-blanker-schwachsinn.fe91756e-c2d6-4a18-b232-ddbd3d6ff7bd.html\"> &sbquo;Stuttgarter Zeitung&lsquo; (SZ)<\/a>. Der Parteilinie k&ouml;nne man folgen, m&uuml;sse man aber nicht. &sbquo;Da ist gesunder Pragmatismus gefragt&lsquo;, so Thriemer. Seine Parteikollegen und er k&ouml;nnten vor Ort selbst einsch&auml;tzen, wann man der AfD zustimme &ndash; und wann nicht, sagte er der &sbquo;SZ&lsquo;. &bdquo;Wir werden aus Parteienproporz nicht pauschal Nein sagen, das erwarten wir auch von der AfD&ldquo;. (Quelle: <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/keine-zusammenarbeit-mit-der-afd-gruner-lokalpolitiker-nennt-langs-vorgabe-blanken-schwachsinn-10253923.html\">tagesspiegel.de<\/a>).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Ehrfurcht vor Autorit&auml;ten als Argument<\/strong><\/p><p>Nun zu einem weiteren rhetorischen Kniff aus der Trickkiste von Schopenhauer. In Kunstgriff 30 schreibt Schopenhauer: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das argumentum ad verecundiam (an die Ehrfurcht gerichtetes Argument). Statt der Gr&uuml;nde brauche man Autorit&auml;ten nach Ma&szlig;gabe der Kenntnisse des Gegners.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dieser rhetorische Trick wird in den Medien massenhaft verwendet, indem Experten mit der &bdquo;richtigen&ldquo; Meinung interviewt werden. Und die m&uuml;ssen es ja wissen. Schlie&szlig;lich sind sie ja Experten. Ein Propagandatrick, der deshalb bei Medien so beliebt ist, weil er wunderbar funktioniert. Denn im Regelfall kann das Publikum ja nicht pr&uuml;fen, ob der zitierte Experte fachlich gesehen wirklich ein ernst zu nehmender Experte ist. Ganz abgesehen davon, dass auch Experten Interessen und Auftraggeber haben und man bei ihnen keineswegs selbstverst&auml;ndlich davon ausgehen kann, dass sie eine neutrale Information abliefern. Und dann gibt es nat&uuml;rlich auch noch Experten, die keine sind, aber von den Medien dazu gemacht werden (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95604\">siehe dazu den Beitrag von Florian Warweg zu den ARD-Faktencheckern hier<\/a>). <\/p><p><strong>Auch Vorurteile k&ouml;nnen als Autorit&auml;t genutzt werden<\/strong><\/p><p>Schopenhauer f&uuml;hrt in Kunstgriff 30 weiter aus, dass auch Vorurteile rhetorisch wie Autorit&auml;ten genutzt werden k&ouml;nnen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Auch sind <strong>allgemeine Vorurteile<\/strong> als Autorit&auml;ten zu gebrauchen. (&hellip;): ja, es gibt keine noch so absurde Meinung, die die Menschen nicht leicht zu der ihrigen machten, sobald man es dahin gebracht hat, sie zu &uuml;berreden, dass solche <strong>allgemein angenommen<\/strong> sei. Das Beispiel wirkt auf ihr Denken, wie auf ihr Tun. Sie sind Schafe, die dem Leithammel nachgehen, wohin er auch f&uuml;hrt: es ist ihnen leichter zu sterben, als zu denken.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Man denke zum Beispiel daran, wie in der Hochphase der Corona-Zeit auch angeblich hochintellektuelle und zivilisierte Menschen gegen sogenannte &bdquo;Ungeimpfte&ldquo; in einer so enthemmten Art und Weise gehetzt haben, wie man es sich bis dato in einem demokratischen und zivilisierten Land nicht hatte vorstellen k&ouml;nnen.<\/p><p>Aber auch in ruhigeren Zeiten werden Vorurteile in den Medien und der politischen Debatte gerne f&uuml;r Propaganda genutzt. Bevor ich dies an einem Beispiel veranschauliche, m&ouml;chte ich dazu noch aus Kunstgriff Nr. 21 von Schopenhauer zitieren. Dort beschreibt er, wie man sophistische (spitzfindige, haarspalterische) bzw. Scheinargumente abwehren soll &ndash; und kommt zu dem Schluss, dass man diese nicht inhaltlich widerlegen bzw. deren Scheinhaftigkeit beweisen sollte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Denn es kommt ja nicht auf die Wahrheit, sondern den Sieg an.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;<strong>Frau Wagenknecht, jetzt haben wir ein Problem&ldquo;<\/strong><\/p><p>Sie f&uuml;hlen sich bei Schopenhauers Empfehlung unbehaglich? Kann ich verstehen. Aber genauso funktionieren politische Debatten in der Realit&auml;t. Nehmen wir ein Beispiel aus den Medien. Sahra Wagenknecht wurde in einer Sendung von &bdquo;Hart aber fair&ldquo; von den anderen G&auml;sten und Moderator Klamroth hart angegangen, weil sie der Darstellung widersprach, dass im Ukrainekrieg nur die russische Seite Kriegsverbrechen in Form von Vergewaltigungen begehe. Der Spiegel beschreibt dies dann so:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Nach dieser Relativierung schritt Moderator Klamroth ein und hielt Wagenknecht Aussagen der Vereinten Nationen entgegen, wonach es keine Belege f&uuml;r Vergewaltigungen durch ukrainische Soldaten gebe und dass Vergewaltigungen zur russischen Kriegsstrategie geh&ouml;rten. In einem weiteren Einspieler hie&szlig; es mit Bezug auf die Uno: &sbquo;Beim Thema Vergewaltigungen geht es ohne Ausnahme immer um russische Soldaten.&lsquo; Es sei eine &sbquo;milit&auml;rische Strategie&rsquo;. Wagenknechts Reaktion: &sbquo;Das stimmt so nicht.&lsquo; Die Uno habe eindeutig gesagt, dass Kriegsverbrechen in jedem Krieg passierten. Es sei &sbquo;m&uuml;&szlig;ig&lsquo; dar&uuml;ber zu sprechen, &sbquo;welche Seite mehr Kriegsverbrechen begeht&lsquo;&ldquo; (Quelle: <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/tv\/sahra-wagenknecht-irritiert-bei-hart-aber-fair-mit-aussagen-zum-russland-ukraine-krieg-a-52c716d3-7eec-45dc-bf27-4989b77adcd8\">spiegel.de<\/a>)\n<\/p><\/blockquote><p>Moderator Klamroth nutzte diesen Disput, um Wagenknecht zu unterstellen, sie verbreite Falschinformationen. Der Spiegel beschreibt dies so:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;&sbquo;Frau Wagenknecht, jetzt haben wir ein Problem.&lsquo; Es sei seine Verantwortung als Moderator, &sbquo;keine Falschmeldung stehen zu lassen.&lsquo; Er habe ihr gezeigt, was die Uno wirklich zu Vergewaltigungen sage.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dann wurde ein Film eingespielt, in dem es unter anderem hie&szlig;:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Belege f&uuml;r Vergewaltigungen durch ukrainische Soldaten liegen der UN demnach nicht vor.&ldquo;<br>\n(Quelle: <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/medien\/nach-hart-aber-fair-sendung-mit-wagenknecht-wdr-korrigiert-falschaussage-zu-vergewaltigungen-im-ukrainekrieg-9438518.html\">tagesspiegel.de<\/a>)\n<\/p><\/blockquote><p>Klamroth wie die anderen Medien haben hier Kunstgriff Nr. 30 von Schopenhauer angewendet: die Ehrfurcht vor Autorit&auml;ten (in diesem Fall die UN) und das allgemeine Vorurteil, dass die russische Regierung und die russische Armee die B&ouml;sen sind. Das Ergebnis: In der Diskussionssendung &bdquo;Hart aber fair&ldquo; stand Sahra Wagenknecht als b&ouml;se russische Propagandistin da. Denn sie konnte ja nicht wie die Redaktion der Sendung einen Film mit Zitaten der UNO, die ihre Aussage best&auml;tigt h&auml;tten, einspielen. Damit war sie eindeutig die Verliererin der Debatte und ihre Integrit&auml;t infrage gestellt. Ich vermute, diese Attacke gegen Sahra Wagenknecht war von der Redaktion sorgf&auml;ltig vorbereitet worden, da diese annehmen konnte, dass Sahra Wagenknecht widersprechen w&uuml;rde. Man darf den Machern von &bdquo;Hart aber fair&ldquo; wohl unterstellen, dass es ihnen mit dem Einspieler nicht um Information oder echte Diskussion ging, sondern einzig und allein darum, Sahra Wagenknecht blo&szlig;zustellen.<\/p><p>Dass diese aber tats&auml;chlich recht hatte und der <em>WDR<\/em> sich nach der Sendung korrigieren musste (sich aber nicht entschuldigte), ist zwar im Nachhinein ein Sieg f&uuml;r Sahra Wagenknecht. Aber wer von den Zuschauern bekam dies noch mit? H&auml;tte sie also anders reagieren k&ouml;nnen und sollen? Nach Schopenhauer ja:<\/p><blockquote><p>\nDenn es kommt ja nicht auf die Wahrheit, sondern auf den Sieg an.&ldquo; (Kunstgriff Nr. 21)\n<\/p><\/blockquote><p><strong>B&ouml;sartige Angriffe ins Leere laufen lassen<\/strong><\/p><p>Nach meiner Einsch&auml;tzung w&auml;re es kl&uuml;ger gewesen, Sahra Wagenknecht h&auml;tte diesen Versuch ins Leere laufen lassen. Wie das gehen soll? Indem sie sich gar nicht auf das Thema eingelassen h&auml;tte oder, wenn man sie auf das Thema angesprochen h&auml;tte, einfach gesagt h&auml;tte, &bdquo;Wenn das so stimmt, ist es wirklich schlimm&ldquo;. Denn Vergewaltigungen sind immer schlimm und ein Verbrechen, und da braucht man, genau wie Sahra Wagenknecht das sagte, nichts aufrechnen. Aber wahrscheinlich h&auml;tte Moderator Klamroth weiter nachgehakt und versucht, ihr zu unterstellen, dass sie die Vergewaltigungen durch russische Soldaten leugnen oder relativieren wolle. Was dann? Meiner Meinung nach h&auml;tte sie dann eiskalt sagen sollen: &bdquo;Ich stimme Ihnen zu, das sind schlimme Kriegsverbrechen.&ldquo; Sie h&auml;tte lediglich darauf verzichten m&uuml;ssen zu sagen, dass es nach UN-Angaben auch Vergewaltigungen durch ukrainische Soldaten gebe. Es setzt allerdings voraus, dass man es aushalten kann, auch mal die eigene Meinung, selbst wenn diese durch Fakten belegbar ist, f&uuml;r sich zu behalten &ndash; im Interesse eines politischen Erfolges. Das mag manchem vielleicht unzumutbar vorkommen, aber wenn man ehrlich ist: So gut wie jeder hat schon mal im Leben seine Meinung f&uuml;r sich behalten, weil es vorteilhaft f&uuml;r ihn war. Warum sollte es dann ausgerechnet in der Politik und im &ouml;ffentlichen Leben anders sein?<\/p><p>Wie dem auch sei: Die Lekt&uuml;re des kleinen B&auml;ndchens von Schopenhauer ist lohnenswert, um die rhetorischen Strategien in politischen und medialen Debatten zu durchschauen. Allerdings muss ich darauf hinweisen: Der Sprachstil ist naturgem&auml;&szlig; deutlich anders als bei Texten von heute und seine Beispiele wahrscheinlich f&uuml;r den modernen Leser nicht besonders anschaulich. Aber genau dies regt zum Nachdenken und Suchen nach aktuellen Beispielen an. Deshalb kann ich die Lekt&uuml;re nur empfehlen. Mademoiselle Ne&iuml;la jedenfalls hat im oben genannten Film erheblich von Schopenhauers Kunstgriffen profitiert.<\/p><p><em>Arthur Schopenhauer: Die Kunst, Recht zu behalten. In achtunddrei&szlig;ig Kunstgriffen dargestellt, Hrsg. von Franco Volpi, Insel Taschenbuch 1995, 127 Seiten, 9,00 Euro.<\/em><\/p><p><em>Udo Brandes ist Diplom-Politologe, Journalist und Buchautor. Im Juli erschien sein Buch &bdquo;Wenn die Jagd nach Erfolg das Leben zur H&ouml;lle macht&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Wenn-Erfolg-Leben-H%C3%B6lle-macht\/dp\/B0C9SGWTT4\/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;crid=30IMSDO6ZCB7P&amp;keywords=udo+brandes+erfolg&amp;qid=1691240048&amp;s=books&amp;sprefix=udo+brandes+erfolg%2Cstripbooks%2C155&amp;sr=1-1\">das &uuml;ber Amazon bestellt werden kann<\/a>. Das erste Kapitel k&ouml;nnen Sie auch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100521\">hier auf den NachDenkSeiten lesen<\/a>. Zurzeit arbeitet er an einem Buch &uuml;ber das Thema &bdquo;Macht&ldquo;.<\/em><\/p><p>Titelbild: travelview\/shutterstock.com<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/4ac0d287e1384ae7855e0342835f2323\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) hat eine kleine Schrift mit dem Titel &bdquo;Die Kunst, Recht zu behalten. In 38 Kunstgriffen dargestellt&ldquo; verfasst. Unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong> hatte diese kleine Schrift in seinem B&uuml;cherregal stehen, aber schon lange nicht mehr daran gedacht &ndash; bis er den h&ouml;chst unterhaltsamen franz&ouml;sischen Film &bdquo;Die brillante Mademoiselle Ne&iuml;la&ldquo; sah, in<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102230\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":102231,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,183,11],"tags":[2472,2817,3351,2247,2507,632],"class_list":["post-102230","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-expertokratie","tag-hart-aber-fair","tag-klamroth-louis","tag-political-correctness","tag-streitkultur","tag-wagenknecht-sahra"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Shutterstock_1306809928.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102230","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=102230"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102230\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102251,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102230\/revisions\/102251"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/102231"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=102230"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=102230"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=102230"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}