{"id":1023,"date":"2006-01-17T13:53:33","date_gmt":"2006-01-17T11:53:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1023"},"modified":"2016-02-19T11:27:20","modified_gmt":"2016-02-19T10:27:20","slug":"die-neue-programmatik-der-spd-zielt-auf-die-linke-mitte-allerdings-nur-noch-der-oberen-zwei-drittel-der-gesellschaft-fur-das-untere-drittel-bleibt-allenfalls-die-notfallhil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1023","title":{"rendered":"Die neue Programmatik der SPD zielt auf die \u201elinke Mitte\u201c \u2013 allerdings nur noch der oberen zwei Drittel der Gesellschaft. F\u00fcr das untere Drittel bleibt allenfalls die Notfallhilfe."},"content":{"rendered":"<p>Weil man nicht auf die nahe liegende Idee kommen darf, dass es an der praktischen Politik der SPD liegt, dass diese Partei von immer weniger Menschen als H&uuml;terin der &bdquo;sozialen Gerechtigkeit&ldquo; wahrgenommen wird, macht ihr Vorsitzender Platzeck nun umgekehrt den Versuch diesen sozialdemokratischen Kernbegriff der praktizierten Politik der SPD anzupassen. Nach dem Motto: Wenn wir schon unsere fr&uuml;heren programmatischen Vorstellungen von &bdquo;sozialer Gerechtigkeit&ldquo; nicht mehr in praktische Politik umsetzen wollen, m&uuml;ssen wir wenigstens diesen Grundwert so umdeuten, dass er wieder mit unserem politischen Handeln einigerma&szlig;en zusammenpasst. Kurz: Man hat den Topf schon l&auml;ngst gewechselt und sucht nun den passenden Deckel.<br>\n<!--more--><br>\nDie Deutschen wollen in ihrer gro&szlig;en Mehrheit, dass &bdquo;soziale Gerechtigkeit&ldquo; herrscht und sie wollen in einem Sozialstaat leben. Das hat nicht zuletzt die Bundestagswahl bewiesen. Die W&auml;hler haben der Union ein unerwartet schlechtes Wahlergebnis beschert, weil es der SPD vor allem mit ihren Attacken auf Paul Kirchhof gelungen war, der CDU das Etikett einer sozial ungerechten Partei anzuheften. Die SPD kam aus ihrem Umfragetief wieder etwas heraus, weil sich der damals noch amtierende Kanzler auf eine seine Agenda-Politik kaschierende soziale Rhetorik besann. Die CDU zog aus diesem Denkzettel der W&auml;hler die Konsequenz, den Begriff der Gerechtigkeit neu zu besetzen. Selbst die neoliberale FDP schm&uuml;ckt sich mit dem Tarnwort <a href=\"?p=303\">&bdquo;neosozial&ldquo;<\/a>.<br>\nBei so viel Sozial- und Gerechtigkeits-Politrhetorik von CDU und FDP darf die SPD nat&uuml;rlich nicht zur&uuml;ckstehen: &bdquo;Von sozialer Gerechtigkeit verstehen Sozialdemokraten ganz einfach mehr&ldquo;, schreibt ihr neuer Parteivorsitzender in der <a href=\"http:\/\/www.wams.de\/data\/2006\/01\/15\/831643.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.wams.de\/data\/2006\/01\/15\/831643.html\">&bdquo;Welt am Sonntag&ldquo;<\/a>.<\/p><p>Hinter der &bdquo;neuen Gerechtigkeit&ldquo; verbirgt sich in der Mainzer Erkl&auml;rung der CDU das, was Angela Merkel sagt und was die Union schon immer gefordert hat. Nichts Neues also in Sachen Gerechtigkeit.<br>\nBei der FDP wei&szlig; man ohnehin, dass &bdquo;neosozial&ldquo; das ist, was Markt und Wettbewerb hervorbringen.<\/p><p>Bei soviel &bdquo;Sozialem&ldquo; und &bdquo;Gerechtem&ldquo; bei der politischen Konkurrenz kommt die SPD in einer Gro&szlig;en Koalition in Erkl&auml;rungsnot, denn zu Recht fragen sich ihre potentiellen W&auml;hler, die sie aufgrund der sozialen T&ouml;ne im Wahlprogramm und wegen des sozialen Pathos von Schr&ouml;der noch einmal gew&auml;hlt haben &ndash; sofern sie sich nicht ohnehin resigniert in die Wahlenthaltung zur&uuml;ckgezogen oder lieber gleich die Linkspartei gew&auml;hlt haben &ndash; was denn an der Fortsetzung oder genauer an der Intensivierung der Agenda-Politik durch Schwarz-Rot eigentlich noch &bdquo;sozial gerecht&ldquo; sein soll. Kein Wunder also, dass die SPD in den Umfragen schon wieder abgesackt ist.<\/p><p>Nachdem die Union neben 11 von 16 Ministerpr&auml;sidenten nun auch noch die Kanzlerin stellt, will man jedes Risiko vermeiden, dass bei der im M&auml;rz anstehenden Landtagswahl in Rheinland-Pfalz der achte ehemals von der SPD gestellte Ministerpr&auml;sidentenposten in Folge, n&auml;mlich der SPD-Vize-Chef Kurt Beck, auf dem Altar der &bdquo;Reformpolitik&ldquo; geopfert wird.<\/p><p>Weil man nicht auf die nahe liegende Idee kommen darf, dass es an der praktischen Politik der SPD liegt, dass diese Partei von immer weniger Menschen als H&uuml;terin der &bdquo;sozialen Gerechtigkeit&ldquo; wahrgenommen wird, macht ihr Vorsitzender Platzeck nun umgekehrt den Versuch diesen sozialdemokratischen Kernbegriff der praktizierten Politik der SPD anzupassen. Nach dem Motto: Wenn wir schon unsere fr&uuml;heren programmatischenVorstellungen von &bdquo;sozialer Gerechtigkeit&ldquo; nicht mehr in praktische Politik umsetzen wollen, m&uuml;ssen wir wenigstens diesen Grundwert so umdeuten, dass er wieder mit unserem politischen Handeln einigerma&szlig;en zusammenpasst.<\/p><p>Nach dem im Jahre 2003 kl&auml;glich gescheiterten Versuch des damaligen Generalsekret&auml;rs der SPD, Olaf Scholz, die &bdquo;soziale Gerechtigkeit&ldquo; ganz aus der Programmatik zu streichen und durch einen &bdquo;umfassenderen Begriff von Gerechtigkeit&ldquo; zu ersetzen, will Platzeck nun &bdquo;die Idee der sozialen Demokratie grundlegend erneuern&ldquo;.<\/p><p>Es w&uuml;rde hier zu weit f&uuml;hren, aus den programmatischen Quellen der Sozialdemokratie herauszudestillieren, was bisher mit dem Grundwert &bdquo;sozialer Gerechtigkeit&ldquo; gemeint war, man w&uuml;rde damit ohnehin nur als &bdquo;Traditionalist&ldquo; oder als &bdquo;sozialnostalgisch&ldquo; (Platzeck), also als jemand, der Heimweh oder eine Sehnsucht nach einem vergangenen sozialen Denken hat, abgestempelt.<\/p><p>Gehen wir also umgekehrt vor und fragen, was Platzeck als neue Inhalte der SPD ausmacht:<\/p><p>Heute gehe es &ndash; sagt er in einem Interview der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/,tt1l1\/deutschland\/artikel\/109\/68041\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.sueddeutsche.de\/,tt1l1\/deutschland\/artikel\/109\/68041\/\">S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/a> &ndash; um Probleme, die in den 50er, 60er, 70er Jahren weniger Gewicht hatten. &bdquo;Damals war eine unserer vorrangigen Aufgaben, f&uuml;r Gerechtigkeit am Arbeitsplatz zu sorgen, f&uuml;r angemessene Entlohnung, anst&auml;ndige Arbeitsbedingungen. Das ist nach wie vor sehr wichtig. Heute geht es aber auch um den gerechten Zugang zu M&ouml;glichkeiten der Selbstentfaltung.&ldquo; <\/p><p>Man kann es Platzeck vielleicht gar nicht &uuml;bel nehmen, denn er hat ja gar nicht selbst mit erfahren k&ouml;nnen, worum es der SPD in bis zur Einheit Deutschlands ging.<br>\nSonst h&auml;tte er wissen m&uuml;ssen, dass noch nicht einmal f&uuml;r die Gewerkschaften &bdquo;Gerechtigkeit am Arbeitsplatz&ldquo; ein Selbstzweck, sie war vielmehr &ndash; wie es Willy Brandt gesagt hat &ndash; immer nur ein vermittelndes Element, in dem Sinne, dass die materiellen Grundlagen des Einzelnen ma&szlig;geblich sind f&uuml;r die Wahrnehmung von Chancen in der Gesellschaft und Teilhabe am demokratischen Leben.<\/p><p>In einer Zeit, in der sich Armut sogar in normale Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse einschleicht (&bdquo;working poor&ldquo;) und zugleich die Einkommen der Manager explodieren, stellt sich die Frage nach (Verteilungs-)Gerechtigkeit am Arbeitsplatz mehr denn je. In einer Zeit, wo erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik die realen L&ouml;hne seit zehn Jahren sinken, wo jeder F&uuml;nfte schon f&uuml;r Niedriglohn arbeiten muss, wo Mini- und Ein-Euro-Jobs massenhaft um sich greifen und wo Millionen ganz ohne Arbeit sind, demgegen&uuml;ber den &bdquo;Zugang zu M&ouml;glichkeiten der Selbstentfaltung&ldquo; als vorrangiges Ziel zu propagieren, ist &ndash; ganz freundlich gesagt &ndash; Realit&auml;tsflucht oder bestenfalls ein Ablenkungsman&ouml;ver.<\/p><p>Was versteht Matthias Platzeck eigentlich unter einem polemisch und abgrenzend gemeinten Festhalten an &bdquo;sozialnostalgisch uneinl&ouml;sbar gewordenen Sicherheitsversprechungen von vorgestern&ldquo;? Etwa dass man einen (relativ) sicheren Arbeitsplatz mit K&uuml;ndigungsschutz hat, dass man von seiner Arbeit ausk&ouml;mmlich leben kann, dass man, wenn man arbeitslos wird, nicht in Armut f&auml;llt oder dass man von seiner Rente einen angemessenen Lebensabend verbringen kann?<br>\nSind das etwa nicht mehr die&bdquo;Sicherheitsversprechen&ldquo;, die eine &bdquo;Selbstentfaltung&ldquo; jedenfalls f&uuml;r Arbeitnehmer erst erm&ouml;glichen?<br>\nWer die Bedingungen der M&ouml;glichkeiten hintanstellt und nur noch vom &bdquo;gerechten Zugang&ldquo; zu den M&ouml;glichkeiten der Selbstentfaltung spricht, der ger&auml;t in Gefahr, ja sogar in den Verdacht, dass er sich um die bestehenden materiellen Voraussetzungen f&uuml;r Selbstentfaltung nicht mehr k&uuml;mmert und nur noch &uuml;ber zuk&uuml;nftige &bdquo;gerechte&ldquo; Chancen redet. Von &bdquo;Gerechtigkeit als Chance&ldquo; bis zum &bdquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied&ldquo; ist dann nur noch ein semantischer Unterschied. Soziale Unsicherheit, Arbeitslosigkeit oder Armut sind dann nicht mehr Ergebnis von Politikversagen sondern Ergebnis von pers&ouml;nlichem Versagen. Wer seine Chancen nicht wahrnimmt oder wer seine Chancen verpasst hat, wird dann eben zum Notfall. Und in diesem &bdquo;modernen&ldquo; Sozialstaat gibt es dann eben keine solidarisch gest&uuml;tzten und gesch&uuml;tzten Anspr&uuml;che auf soziale Sicherheit mehr, sondern allenfalls noch &bdquo;verl&auml;ssliche Sicherungen f&uuml;r Notf&auml;lle&ldquo;. Das bedeutet einen R&uuml;ckfall im Verst&auml;ndnis des Sozialstaates nicht nur hinter Konrad Adenauer, sondern auch hinter den patriarchalischen Sozialstaatsbegriff eines Bismarck, zur&uuml;ck zur &bdquo;F&uuml;rsorge&ldquo; oder zur &bdquo;Caritas&ldquo; n&auml;mlich.<\/p><p>Wie Platzeck dazu kommt, die &bdquo;Gesellschaften Skandinaviens&ldquo; als Vorbild heranzuziehen, beweist nur, wie wenig er vom Modell des skandinavischen Wohlfahrtsstaats verstanden hat. Dort herrscht n&auml;mlich ein Konsens, dass der Staat und die Gesellschaft sozial gerecht zu sein haben und dem B&uuml;rger steht ein subjektives &bdquo;soziales B&uuml;rgerrecht&ldquo; (Nida-R&uuml;melin) zu (Vgl. auch <a href=\"?p=965\">NachDenkSeiten vom 28.11.2005<\/a>)<br>\nWie fragte doch der (fr&uuml;here) Erhard Eppler so treffend: &bdquo;Wenn Chancen statt sozialer Gerechtigkeit das Ziel dieser Partei ist &ndash; wozu braucht es dann noch diese Partei?&ldquo;<\/p><p>Eine ganz &auml;hnliche Verschiebung von Voraussetzung und Chance findet sich auch im neuen Verst&auml;ndnis sozialdemokratischer Bildungspolitik.<br>\nUm kein Missverst&auml;ndnis aufkommen zu lassen: Ich finde die Verbesserung der Kinderbetreuung und den kostenlosen Kindergarten eine bildungspolitisch richtige Zielsetzung.<br>\nDass &bdquo;Bildung der Schl&uuml;ssel schlechthin&ldquo; ist, &bdquo;um sp&auml;ter am Leben teilnehmen zu k&ouml;nnen&ldquo; m&ouml;chte man auch gerne unterschreiben. Hat aber nicht die Pisa Studie empirisch erh&auml;rtet, dass die soziale und famili&auml;re Herkunft einen gr&ouml;&szlig;eren Einfluss auf die Bildungs-&bdquo;Chancen&ldquo; hat, als F&auml;higkeit und Leistung? Hat Platzeck nichts von der j&uuml;ngsten <a href=\"http:\/\/www.oppt.de\/psk\/rmo\/rmo_content\/powerslave,id,2265,nodeid,65.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.oppt.de\/psk\/rmo\/rmo_content\/powerslave,id,2265,nodeid,65.html\">Studie der Kreditanstalt f&uuml;r Wiederaufbau (KfW)<\/a> geh&ouml;rt, wonach die famili&auml;re und soziale Herkunft von Studierenden im Hinblick auf die Hochschulbildung von entscheidender Bedeutung ist und die Berufschancen junger Menschen massiv beeinflusst?<br>\nWenn Platzeck pathetisch formuliert: Es sei &bdquo;die&ldquo; soziale Gerechtigkeitsfrage des 21. Jahrhunderts, &bdquo;ob es uns gelingt, gute und gleiche Bildungschancen f&uuml;r alle zu organisieren&ldquo;, dann sagt er zwar einen wahren Satz, h&auml;tte er es nicht als &bdquo;nostalgisch&ldquo; abgetan, sondern sich nur ein wenig mit der Geschichte der SPD im Westen Deutschlands besch&auml;ftigt, dann h&auml;tte er und schon gar seine aus der alten Bundesrepublik kommenden Mitarbeiter wissen m&uuml;ssen, dass die Sozialdemokratie in den 60er\/70er Jahren schon viel weiter war. Worum ging es denn bei den Anstrengungen, den &bdquo;Bildungsnotstand&ldquo; zu &uuml;berwinden? Worum ging es denn bei den damaligen Bildungsreformen, beim Ausbau der Hochschulen und bei den weiterf&uuml;hrende Schulen, bei der Bildungswerbung gerade f&uuml;r Arbeiterkinder? Die Sozialdemokraten in Hessen haben schon in der zweiten H&auml;lfte der vierziger Jahre die Schulgeldfreiheit deshalb eingef&uuml;hrt, damit Kinder aus Arbeiterfamilien mehr Chancen haben sollten. In Nordrhein-Westfalen ist die SPD gro&szlig; geworden, in dem sie die Hochschulen &bdquo;vor Ort&ldquo; gebracht hat und die Gesamtschulen eingef&uuml;hrt hat gerade f&uuml;r die bildungsferneren Schichten.<br>\nPlatzeck Bildungs-Pathos kl&auml;nge glaubw&uuml;rdiger, wenn er statt von &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; wenigstens bei der Bildung vom Versuch der Herstellung von &bdquo;Chancengleichheit&ldquo; gesprochen h&auml;tte und wenigstens angedeutet h&auml;tte, welche Hindernisse und H&uuml;rden den Menschen heute die Lebenschancen nehmen oder schm&auml;lern und welche Voraussetzungen geschaffen werden m&uuml;ssten &bdquo;um sp&auml;ter am Leben teilnehmen zu k&ouml;nnen&ldquo;.<br>\nSolange das nicht geschieht, bleibt die neue Chancengerechtigkeit &bdquo;wei&szlig;e Salbe&ldquo; mit der ein weiterer Sozialabbau und damit gerade die Verringerung von Bildungschancen von sozial schw&auml;cher Werdenden verdeckt wird.<br>\nMit Willy Brandt k&ouml;nnte man nostalgisch fragen: &bdquo;Wie h&auml;lt man es mit dem B&uuml;rgerecht auf Bildung; ist man bereit, die Anstrengungen zu unternehmen, ohne die dieses B&uuml;rgerrecht nicht verwirklicht werden kann?&ldquo;<\/p><p>Neben der &bdquo;Bildungspartei&ldquo; will die SPD nach den Vorstellungen von Matthias Platzeck k&uuml;nftig auch <a href=\"http:\/\/www.wams.de\/data\/2006\/01\/15\/831643.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.wams.de\/data\/2006\/01\/15\/831643.html\">&bdquo;die Kinder- und Familienpartei in Deutschland sein&ldquo;<\/a>.<br>\n&bdquo;Nur eine kinderfreundliche Gesellschaft kann eine dynamische und wachstumsstarke Gesellschaft sein&ldquo; hei&szlig;t es im Vorstandsentwurf f&uuml;r das Mainzer SPD-Papier. Die Politik m&uuml;sse es Frauen und M&auml;nnern erleichtern, Kinderw&uuml;nsche zu erf&uuml;llen, ohne berufliche W&uuml;nsche zu gef&auml;hrden.<\/p><p>Die SPD soll Lust machen, mehr Kinder zu zeugen. Da ist Platzeck Fachmann, denn &bdquo;als Ministerpr&auml;sident in Brandenburg habe ich schon seit Jahren mit diesem Thema zu tun, weil wir massive Einbr&uuml;che bis zu 50 Prozent bei den Geburtenzahlen haben. Die demographische Entwicklung geht an die Substanz unserer Gesellschaft. Alle Analysen zeigen, dass wir die finanziellen Einbu&szlig;en abfedern m&uuml;ssen, die Eltern nach der Geburt eines Kindes haben.&ldquo;<\/p><p>An diesem Satz ist bemerkenswert, dass die sonst immer als Hebel f&uuml;r den Umbau der Sozialsysteme angef&uuml;hrte &bdquo;demographische Entwicklung&ldquo; nicht als ein Naturereignis, sondern als etwas politisch Gestaltbares angesehen wird.<br>\nDen drastischen R&uuml;ckgang in den Neuen L&auml;ndern gegen&uuml;ber der fr&uuml;heren DDR-Zeit auf die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf zu reduzieren, geht jedoch an der Wirklichkeit weitgehend vorbei.<br>\nIn den Jahren nach der Wende ist in den neuen L&auml;ndern die Zahl der Arbeitspl&auml;tze von 10 Millionen auf 6 Millionen zur&uuml;ckgegangen. In Brandenburg, wo es zwar immerhin noch 516.000 erwerbst&auml;tige Frauen gibt, stellen Frauen einen &uuml;berproportional hohen Anteil an den Arbeitslosen. 110.000 Frauen suchen Arbeit und die Quote der arbeitsuchenden Frauen liegt bei 20%. Es gibt dar&uuml;ber hinaus knapp 115.000 ALG II- Bezieherinnen.<br>\nFrauen haben geringere Chancen, ein Angebot auf Umschulung bzw. f&uuml;r einen Job auf dem zweiten Arbeitsmarkt zu bekommen und noch schwieriger ist f&uuml;r Frauen ein Wiedereinstieg in einen Beruf.<br>\nGlaubt Platzeck wirklich, der Geburtenr&uuml;ckgang im Osten Deutschlands h&auml;tte vor allem mit &bdquo;finanziellen Einbu&szlig;en&ldquo; bei der Geburt eines Kindes zu tun und nicht viel mehr mit der katastrophalen Arbeitsmarktsituation und mit der zunehmenden Armut und der &ouml;konomischen Unsicherheit f&uuml;r die Gr&uuml;ndung einer Familie. <\/p><p>In der Familienpolitik wird &ndash; mehr noch als in den anderen Politikfeldern &ndash; deutlich, welche Zielgruppe in der Bev&ouml;lkerung die SPD mit ihrem neuen Politikangebot ansprechen will: Es sind nicht mehr die schon an den Rand gedr&auml;ngten, sondern die etablierten, im Erwerbsleben stehenden Frauen und M&auml;nner. Bezeichnenderweise profitieren sie vom Elterngeld als Lohnersatzleistung gestaffelt nach Einkommen am meisten und sie k&ouml;nnen auch den steuerlichen Betreuungsfreibetrag in H&ouml;he von 4000 Euro am ehesten aussch&ouml;pfen. Welche arbeitslose Frau oder welche alleinerziehende Mutter k&ouml;nnte denn f&uuml;r die Betreuung ihres Kindes oder gar mehrerer Kinder &uuml;berhaupt einen so hohen Betrag ausgeben?<\/p><p>Die SPD entwickelt sich mit ihrer &bdquo;bewegungsfreudigen, aufgekl&auml;rten und weltoffene Politik der linken Mitte&ldquo; zu einer Klientelpartei f&uuml;r Selbst&auml;ndige und f&uuml;r die Besitzer von Normalarbeitsverh&auml;ltnissen, von berufst&auml;tigen Frauen, von &bdquo;zupackenden und optimistischen Menschen&ldquo;, f&uuml;r die Menschen, die &bdquo;nicht so unzufrieden sind mit dem, was sie erleben&ldquo;. Denjenigen, denen das gemeinsame Zupacken verwehrt ist, weil sie nicht &bdquo;gebraucht werden&ldquo; und deswegen in Pessimismus verfallen, wird gerade noch eine &bdquo;verl&auml;ssliche Sicherung f&uuml;r Notf&auml;lle garantiert&ldquo; (Platzeck in der SZ). F&uuml;r die Verbesserung der Lebenssituation gerade dieser an den Rand gedr&auml;ngten Menschen kann der moderne Sozialstaat aber sonst keine Verantwortung mehr &uuml;bernehmen. Denn das w&auml;re dann wohl ein &bdquo;sozialnostalgisch uneinl&ouml;sbar gewordenes Sicherheitsversprechen von vorgestern&ldquo;. <\/p><p>Diese Klientelpolitik zeigte sich auch schon bei der Riester-Rente. Diese wird von circa 12% der Besch&auml;ftigten wahrgenommen. Das sind vor allem jene, die sich diese zus&auml;tzliche private Altersvorsorge finanziell leisten k&ouml;nnen. Die anderen, die Schw&auml;cheren, gehen leer aus. Sie k&ouml;nnen sich die Pr&auml;mie nicht leisten und bekommen vom Staat auch kein Geld. Ist das die neue Gerechtigkeit?<\/p><p>Man kann dieses neue Programm auch so lesen: Wer im Markt ist, soll soziale Chancen haben, ansonsten ist der Staat allenfalls noch zust&auml;ndig f&uuml;r die Absicherung von Notf&auml;llen. Eine so verstandene &bdquo;soziale Gerechtigkeit&ldquo; geht auch mit der &bdquo;Verantwortung f&uuml;r wirtschaftliche Dynamik&ldquo; zwanglos Hand in Hand.<br>\nPeer Steinbr&uuml;ck der die Wahl zum Ministerpr&auml;sidenten in NRW grandios verloren hat und der jetzt zum Finanzminister aufgestiegen ist, hat dieses neue Verst&auml;ndnis von &bdquo;sozialer Gerechtigkeit&ldquo; im Jahre 2003 in einem <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2003\/47\/Steinbr_9fck?page=6\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.zeit.de\/2003\/47\/Steinbr_9fck?page=6\">ZEIT-Interview<\/a> in der ihm eigenen Klarheit einmal so beschrieben: &bdquo;Soziale Gerechtigkeit muss k&uuml;nftig hei&szlig;en, eine Politik f&uuml;r jene zu machen, die etwas f&uuml;r die Zukunft unseres Landes tun: die lernen und sich qualifizieren, die arbeiten, die Kinder bekommen und erziehen, die etwas unternehmen und Arbeitspl&auml;tze schaffen, kurzum, die Leistung f&uuml;r sich und unsere Gesellschaft erbringen. Um die &ndash; und nur um sie &ndash; muss sich Politik k&uuml;mmern.&ldquo;<\/p><p>Das k&ouml;nnte dann die Gruppe in der Gesellschaft sein auf die die SPD abzielt, n&auml;mlich auf die &bdquo;linke Mitte&ldquo; aber nur der oberen zweit Drittel in der Gesellschaft. Das untere Drittel bleibt au&szlig;en vor. Wie dazu das Gerede vom &bdquo;Zusammenhalt&ldquo; in der Gesellschaft passen soll, bleibt ein Geheimnis.<\/p><p>Hinweis:<br>\nIch habe mich bei diesem Beitrag ausschlie&szlig;lich auf genannten Interviews des SPD-Vorsitzenden im unmittelbaren Vorfeld der Mainzer Vorstandsklausur bezogen. Der Beschluss des SPD-Parteivorstandes &bdquo;Mehr Kinder. Bessere Bildung. Starke Familien.&ldquo; lag mir noch nicht vor.<br>\nDer Beschluss ist erheblich differenzierter als die Aussagen Platzecks. Vieles darin k&ouml;nnte man nur unterstreichen. Dennoch sehe ich darin keinen Grund, an meinen Thesen Abstriche zu machen.<\/p><p>Quelle: <a href=\"upload\/pdf\/kt_060117.pdf\" title=\"PDF - 51 KB\">Beschluss des SPD-Parteivorstandes vom 16. Januar 2006 [PDF &ndash; 51 KB]<\/a> \t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weil man nicht auf die nahe liegende Idee kommen darf, dass es an der praktischen Politik der SPD liegt, dass diese Partei von immer weniger Menschen als H&uuml;terin der &bdquo;sozialen Gerechtigkeit&ldquo; wahrgenommen wird, macht ihr Vorsitzender Platzeck nun umgekehrt den Versuch diesen sozialdemokratischen Kernbegriff der praktizierten Politik der SPD anzupassen. 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