{"id":102615,"date":"2023-08-20T15:00:53","date_gmt":"2023-08-20T13:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102615"},"modified":"2023-08-21T09:39:49","modified_gmt":"2023-08-21T07:39:49","slug":"stimmen-aus-lateinamerika-die-rueckkehr-einer-selbstbewussten-dritten-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102615","title":{"rendered":"Stimmen aus Lateinamerika: Die R\u00fcckkehr einer selbstbewussten Dritten Welt"},"content":{"rendered":"<p>Die Grunds&auml;tze der Souver&auml;nit&auml;t und Unabh&auml;ngigkeit werden heute in einer multipolaren Welt erneuert. Afrika ist ein riesiger Kontinent mit 54 souver&auml;nen Staaten. Lateinamerika und die Karibik haben die gleiche Anzahl von Staaten, wenn man die vielen Inseln in der Region ber&uuml;cksichtigt. Auf beiden Kontinenten gibt es jedoch noch Gebiete, die von den fr&uuml;heren Kolonialm&auml;chten abh&auml;ngig sind. Von <strong>Juan J. Paz y Mi&ntilde;o Cepeda<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2566\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-102615-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230818-Rueckkehr-einer-selbstbewussten-Dritten-Welt-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230818-Rueckkehr-einer-selbstbewussten-Dritten-Welt-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230818-Rueckkehr-einer-selbstbewussten-Dritten-Welt-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230818-Rueckkehr-einer-selbstbewussten-Dritten-Welt-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=102615-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230818-Rueckkehr-einer-selbstbewussten-Dritten-Welt-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230818-Rueckkehr-einer-selbstbewussten-Dritten-Welt-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Unabh&auml;ngigkeitskriege in Lateinamerika begannen Anfang des 19. Jahrhunderts, und die neuen Staaten wurden schlie&szlig;lich zu Pr&auml;sidialrepubliken (Brasilien war zeitweise ein Kaiserreich und Mexiko hatte zwei kaiserliche Phasen). Kuba erlangte seine Unabh&auml;ngigkeit erst 1898, aber&nbsp;<a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/195647\/puerto-rico-treibende-insel\">Puerto Rico<\/a>, das ebenfalls befreit wurde, geriet in die Abh&auml;ngigkeit von den USA und wurde zu ihrem &bdquo;frei assoziierten Staat&rdquo;.<\/p><p>Afrika hingegen war ein riesiges Territorium mit einer versklavten Bev&ouml;lkerung aus einer langen Geschichte. Im kapitalistischen Zeitalter weckte es das gro&szlig;e Interesse Europas, sodass auf der Berliner Konferenz (1884-1885) seine Aufteilung beschlossen und damit die imperialistische Expansion Europas eingeleitet wurde.<\/p><p>Die Unabh&auml;ngigkeit der afrikanischen Kolonien erfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg, und die Dekolonisierung dauerte bis Mitte der 1970er-Jahre.<\/p><p>Lateinamerika\/Karibik behielt seine formale Unabh&auml;ngigkeit. Die im 19. Jahrhundert entstandene wirtschaftliche Abh&auml;ngigkeit von Europa und insbesondere von England ging im 20. Jahrhundert auf der Grundlage der&nbsp;<a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/239008\/monroe-doktrin-totgesagte-leben-laenger\">Monroe-Doktrin<\/a>&nbsp;an die USA &uuml;ber.<\/p><p>Lateinamerika\/Karibik und vor allem Afrika sind Regionen, in denen der europ&auml;ische Kolonialismus die historischen Strukturen der Unterentwicklung, der Armut, der Abh&auml;ngigkeit und der tiefen sozialen Spaltung gepr&auml;gt hat, die durch die Dominanz privilegierter und wohlhabender Eliten im Innern charakterisiert ist, w&auml;hrend die Mehrheit der Einwohner in Armut und Ausgrenzung lebt.<\/p><p>Afrika ist der Kontinent mit der gr&ouml;&szlig;ten Ungleichheit und Armut\/Elend in der Welt, Lateinamerika\/Karibik die Region mit der gr&ouml;&szlig;ten Ungleichheit auf der Welt. Die Auspl&uuml;nderung der Ressourcen, die direkten Interventionen der M&auml;chte zur Durchsetzung ihrer Interessen, das brutale Eindringen ausl&auml;ndischer Unternehmen, die nach den Minen und vielen anderen reichen Ressourcen der verschiedenen Regionen gieren, die politische Unterordnung oder die unmenschliche Ausbeutung ihrer Bewohner waren gemeinsame Merkmale in der Geschichte Lateinamerikas\/der Karibik und Afrikas unter dem Kolonialismus und w&auml;hrend der &Auml;ra des industriellen und imperialistischen Kapitalismus Europas und der USA.<\/p><p>Diese widrigen Umst&auml;nde begannen sich ab der Nachkriegszeit zwischen Fortschritten, Stagnation und R&uuml;ckschl&auml;gen zu &auml;ndern. Die&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60434\">Konferenz von Bandung<\/a>&nbsp;(1955) kann als Ausgangspunkt f&uuml;r die Entstehung der sogenannten Dritten Welt angesehen werden, die nicht nur Unabh&auml;ngigkeit und Souver&auml;nit&auml;t, sondern auch die Nichtanbindung an einen der beiden damaligen Weltbl&ouml;cke forderte &ndash; den Kapitalismus mit den USA als Hegemon und den Sozialismus mit der UdSSR an der Spitze.<\/p><p>Afrika z&auml;hlte jedoch stets auf die Unterst&uuml;tzung und Verteidigung seitens der UdSSR bei den Entkolonialisierungsprozessen.<\/p><p>Die kapitalistische und transnationale Globalisierung der Welt nach dem Zusammenbruch des Sozialismus sowjetischer Pr&auml;gung brachte eine komplexe &Auml;ra mit vielf&auml;ltigen wirtschaftlichen Auswirkungen f&uuml;r Lateinamerika\/Karibik und auch f&uuml;r Afrika, wo eine regelrechte Rekolonisierung stattfand. In Lateinamerika erwiesen sich seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts das Eindringen des Neoliberalismus und die Rolle des IWF als katastrophal. Es wuchsen aber auch die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland, China und anderen L&auml;ndern und Regionen langsam an, einschlie&szlig;lich der noch sp&auml;rlichen Verbindungen zwischen Lateinamerika\/Karibik und Afrika.<\/p><p>Inmitten der Globalisierung hat dies unweigerlich den antiimperialistischen, antikolonialistischen und souver&auml;nen Aufstieg Afrikas und Lateinamerikas\/der Karibik ausgel&ouml;st.<\/p><p>Unter den gegenw&auml;rtigen Bedingungen, in denen der historische Aufstieg Russlands und vor allem Chinas sowie regionaler Gruppierungen und B&uuml;ndnisse wie Brics unaufhaltsam geworden ist, musste sich die westliche Hegemonie &auml;ndern und eine multipolare Welt nimmt Gestalt an.<\/p><p>Die &bdquo;alten&rdquo; M&auml;chte bemerken das Ph&auml;nomen. Die USA versuchen, auf den Pfad der Monroe-Doktrin zur&uuml;ckzukehren, w&auml;hrend Europa versucht, sowohl mit Lateinamerika\/Karibik als auch mit Afrika wieder eine Ann&auml;herung zu erreichen. In der Zwischenzeit ist es Russland gelungen, seinen Einfluss insbesondere in Afrika auszuweiten, w&auml;hrend China seinen Einfluss dort und in Lateinamerika rasch ausbaut.<\/p><p>Auf dem j&uuml;ngsten Gipfeltreffen der Gemeinschaft lateinamerikanischer und karibischer Staaten (Celac) und der Europ&auml;ischen Union (EU) am 17. und 18. Juli 2023 wurde eine <a href=\"https:\/\/rb.gy\/pifqn\">Abschlusserkl&auml;rung<\/a> vereinbart, in der Sklaverei und Sklavenhandel, einschlie&szlig;lich des transatlantischen Sklavenhandels, als &bdquo;abscheuliche Trag&ouml;dien&rdquo; und &bdquo;Verbrechen gegen die Menschheit&rdquo; verurteilt werden.<\/p><p>Aber auch auf dem zweiten Russland-Afrika-Gipfel, der am 27. und 28. Juli stattfand, hei&szlig;t es in der <a href=\"https:\/\/shorturl.at\/yKUY9\">Abschlusserkl&auml;rung<\/a> eindringlich: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Vollendung des Prozesses der Entkolonialisierung Afrikas f&ouml;rdern und eine Entsch&auml;digung f&uuml;r die wirtschaftlichen und menschlichen Sch&auml;den anstreben, die den afrikanischen Staaten infolge der Kolonialpolitik zugef&uuml;gt wurden, einschlie&szlig;lich der R&uuml;ckgabe von Kulturg&uuml;tern, die ihnen im Zuge der kolonialen Enteignung geraubt wurden&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Auf dem Celac-EU-Gipfel wurde keine Einigung hinsichtlich der Verurteilung Russlands f&uuml;r den Krieg in der Ukraine erreicht. Der Afrika-Gipfel erkannte die historische Unterst&uuml;tzung Russlands f&uuml;r die antikoloniale Sache an, dr&auml;ngte aber auf einen konkreten Plan zur Vermittlung des Friedens in der Ukraine. Die Kritiken mehrerer afrikanischer Staats- und Regierungschefs am Westen waren deutlich und sogar radikal. Die afrikanischen, aber auch die lateinamerikanischen und karibischen L&auml;nder sind nicht einverstanden mit der Fortsetzung einseitiger Sanktionen.<\/p><p>Die Celac konnte durchsetzen, dass in der Erkl&auml;rung die Blockade Kubas abgelehnt wird.<\/p><p>F&uuml;r Afrika und auch f&uuml;r Lateinamerika\/Karibik sind sowohl Russland als auch China keine &bdquo;feindlichen&rdquo; M&auml;chte, sondern bieten sinnvolle M&ouml;glichkeiten und wirtschaftliche Instrumente zur F&ouml;rderung der Entwicklung, wie etwa mit den Abkommen &uuml;ber Energie, Kommunikation, Infrastruktur, Kredite und Investitionen, die in Zukunft verst&auml;rkt werden sollen und die in den beiden Kontinenten, die den Globalen S&uuml;den repr&auml;sentieren, in unterschiedlicher Auspr&auml;gung bereits vorhanden sind.<\/p><p>Diese Prozesse des globalen Wandels werden in den politischen Debatten noch nicht stark ber&uuml;cksichtigt. L&auml;nder wie Ecuador, deren R&uuml;ckschritte in diesem Bereich bemerkenswert sind, haben eine Regierung, die immer noch an die neoliberale und libert&auml;re Ideologie sowie an Freihandelsabkommen zum Wohle der Wirtschaftseliten glaubt, ohne sich um die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bev&ouml;lkerung zu k&uuml;mmern, die sich in den letzten sechs Jahren verschlechtert haben. Im Vorfeld der Pr&auml;sidentschaftswahlen in mehreren lateinamerikanischen L&auml;ndern wurden diese Themen nicht angesprochen.<\/p><p>Die St&auml;rkung der Dritten Welt auf der Grundlage von Ann&auml;herungen zwischen Lateinamerika\/Karibik und Afrika sollte angegangen und gef&ouml;rdert werden, um die Konsolidierung der Grunds&auml;tze der Souver&auml;nit&auml;t und Unabh&auml;ngigkeit zu gew&auml;hrleisten, die heute in einer multipolaren Welt erneuert worden sind.<\/p><p><em>Juan Jos&eacute; Paz y Mi&ntilde;o Cepeda kommt aus Ecuador und ist Historiker und Autor.<\/em><\/p><p>&Uuml;bersetzung: &Uuml;bersetzung: Klaus E. Lehmann, <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/265359\/rueckkehr-der-dritten-welt\">Amerika21<\/a><\/p><p>Titelbild: Shutterstock \/ Inked Pixels<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60434\">Das Fanal von Bandung<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90727\">Was Washington am meisten an Pr&auml;sident Lula da Silva f&uuml;rchtet: Blockfreiheit und Losl&ouml;sung vom US-Dollar<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97248\">US-Milit&auml;rbasen in Lateinamerika: Washingtons Hauptinteresse liegt in den Bodensch&auml;tzen und S&uuml;&szlig;wasserressourcen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95827\">Welche Rolle spielte die Bundesregierung bei der Ermordung von Hunderttausenden Kommunisten in Indonesien ab 1965?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86833\">Streit um Umgang mit Russland: S&uuml;dafrikanische Au&szlig;enministerin verwahrt sich gegen &bdquo;Bevormundung und Einsch&uuml;chterungsversuche&ldquo; durch USA und EU<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/b6d8f07db471433ea9cef71154ebb97f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Grunds&auml;tze der Souver&auml;nit&auml;t und Unabh&auml;ngigkeit werden heute in einer multipolaren Welt erneuert. 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