{"id":10263,"date":"2011-07-29T08:54:27","date_gmt":"2011-07-29T06:54:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10263"},"modified":"2014-09-09T11:27:56","modified_gmt":"2014-09-09T09:27:56","slug":"us-schuldenstreit-das-spiel-mit-dem-feuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10263","title":{"rendered":"US-Schuldenstreit \u2013 Das Spiel mit dem Feuer"},"content":{"rendered":"<p>Das unw&uuml;rdige Blockadepoker des parlamentarischen Arms der Tea-Party-Bewegung erreicht an diesem Wochenende seinen bisherigen H&ouml;hepunkt. Sollte es zu keinem &uuml;berparteilichen Kompromiss bei der Anhebung der Schuldengrenze kommen, wird US-Pr&auml;sident Obama wohl dazu gezwungen, mit &bdquo;Notstandsvollmachten&ldquo; am Kongress vorbei zu regieren. Andererseits w&uuml;rde nicht nur den USA, sondern der gesamten Welt ein wohl irreparabler Schaden drohen. Der ideologische Fundamentalismus der Tea-Party-Bewegung treibt bereits heute ein gef&auml;hrliches Spiel mit dem Feuer und es besteht kein Grund zur Hoffnung, dass sich die Krise im Pr&auml;sidentschaftswahljahr 2012 entspannen k&ouml;nnte.<br>\nVon Jens Berger.<br>\n<!--more--><br>\nDer aktuelle Streit um die Neuaufnahme von Schulden in den USA zeigt, zu welch abstrusen Folgen eine gesetzlich verankerte Schuldenbremse f&uuml;hren kann. Die US-Regierung darf laut Gesetz keine neuen Anleihen platzieren, wenn dadurch die Gesamtverschuldung der USA die Marke von 14.300 Milliarden US$ &uuml;bersteigen w&uuml;rde. Ohne frisches Fremdkapital sind die USA jedoch &ndash; <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/geld\/haushaltskrise-in-den-usa-obama-droht-mit-veto-1.1125005\">je nach Angaben<\/a> &ndash; zwischen dem 2. und dem 15. August zahlungsunf&auml;hig. Diese Insolvenz ist keinesfalls mit der Verschuldung europ&auml;ischer Staaten wie Griechenland oder Irland zu vergleichen. Die USA k&ouml;nnten ohne weitere Probleme zu einem der g&uuml;nstigsten Zinss&auml;tze der Welt Anleihen auf dem Kapitalmarkt platzieren und w&uuml;rden daf&uuml;r auch K&auml;ufer finden. <\/p><p>Das System der Checks &amp; Balances zwischen Senat und Repr&auml;sentantenhaus im Kapitol hat dazu gef&uuml;hrt, dass die USA den Gro&szlig;teil ihrer Geschichte de facto von einer Gro&szlig;en Koalition regiert wurden. Das funktionierte so lange relativ gut, bis mit dem Tea-Party-Fl&uuml;gel der Republikaner Abgeordnete in die Parlamente einzogen, die sich in ihrem Antietatismus jedem Kompromiss verweigern. Die drohende Zahlungsunf&auml;higkeit der USA hat &uuml;berhaupt nichts mit volkswirtschaftlichen oder finanzwirtschaftlichen Fragen zu tun &ndash; die aktuelle Schuldenkrise ist eine rein politische Krise.<\/p><p>Was verspricht sich die Tea-Party-Bewegung eigentlich von ihrer Totalblockade? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich zun&auml;chst vergegenw&auml;rtigen, welchen ideologischen Hintergrund diese Bewegung hat. Weltanschaulich ist die Tea-Party-Bewegung am ultrakonservativen Rand zu verordnen &ndash; sie ist fundamentalchristlich gepr&auml;gt, fremdenfeindlich und gesellschaftspolitisch reaktion&auml;r. Von klassischen rechten Bewegungen unterscheidet sie sich jedoch diametral, wenn es um die Rolle des Staates geht. Hier ist die Tea-Party-Bewegung libert&auml;r, sie fordert einen Minimalstaat, der m&ouml;glichst wenig Steuern erhebt und sich aus fast allen Bereichen, die &uuml;ber die administrativen Kernaufgaben hinausgehen, zur&uuml;ckzieht. Bereits die rudiment&auml;ren sozialstaatlichen Errungenschaften der USA sind f&uuml;r sie &bdquo;Sozialismus in Reinkultur&ldquo;. Dabei kn&uuml;pft die Bewegung an die Gr&uuml;ndungszeit der USA an, in der die Einwanderer vor den ihre Vorfahren oft (religi&ouml;s) unterdr&uuml;ckenden &bdquo;starken Staaten&ldquo; der alten Welt flohen und in der neuen Welt ihr Gl&uuml;ck suchten, wobei sie sich nicht auf den Staat, sondern auf ihr Gottvertrauen verlie&szlig;en. Die Tea-Party-Bewegung stellt ein buntes Sammelbecken dar, dass von ultrarechten Milizbewegungen, konservative &bdquo;Wutb&uuml;rger&ldquo; bis zu den radikalen Anarchokapitalisten der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%96sterreichische_Schule\">&ouml;sterreichischen Schule<\/a> reicht. Da es in Europa keine entsprechenden politischen Bewegungen gibt, existiert auch in der deutschen Sprache kein passender Begriff f&uuml;r die politische Ausrichtung der Tea-Party-Bewegung &ndash; passender als der h&auml;ufig verwendete Begriff &bdquo;rechtsextrem&ldquo; erscheint hier jedoch der Begriff &bdquo;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pal%C3%A4olibertarismus\">pal&auml;olibert&auml;r<\/a>&ldquo;.<\/p><p>W&auml;hrend die Welt den Schuldenstreit sorgenvoll betrachtet, reibt sich die Tea-Party-Bewegung die H&auml;nde. Sie kann durch den Streit nur gewinnen und daf&uuml;r nimmt sie sogar maximale &bdquo;Kollateralsch&auml;den&ldquo; in Kauf. Sollte &ndash; wovon keinesfalls auszugehen ist &ndash; Obama tats&auml;chlich gezwungen sein, die Zahlungsunf&auml;higkeit zu erkl&auml;ren, m&uuml;sste er genau die Ma&szlig;nahmen einleiten, die zur politischen Agenda der Tea-Party-Bewegung z&auml;hlen &ndash; er m&uuml;sste Staatsbedienstete entlassen, die staatlichen Wohlfahrtsprogramme streichen, den rudiment&auml;ren Sozialstaat privatisieren und &ldquo;sein&rdquo; Medicare-Programm endg&uuml;ltig beerdigen. Die Tea-Party-Bewegung w&uuml;rde dies als politischen Sieg verkaufen. Dass sie damit die Armen, Alten und Schwachen der Gesellschaft auf ihrem weltanschaulichem Altar opfert, stellt f&uuml;r sie dabei kein Problem dar. Eine echte Krise &ndash; so die perfide Berechnung &ndash; treibt den Extremisten weitere Anh&auml;nger zu.<\/p><p>Durchaus m&ouml;glich ist jedoch, dass die politische Blockade der Tea-Party-Bewegung zu einer Spaltung der Republikanischen Partei f&uuml;hren k&ouml;nnte. Schon heute wedelt bei den Republikanern der Schwanz mit dem Hund. Auch wenn die radikalen Thesen der Bewegung bei den gem&auml;&szlig;igten Republikanern keineswegs auf Gegenliebe sto&szlig;en, w&uuml;rde ein staatstragender Kompromiss des gem&auml;&szlig;igten Parteifl&uuml;gels von der Tea-Party-Bewegung als Verrat empfunden werden. Dies w&auml;re dann wohl der Zusammenbruch der &bdquo;Grand Old Party&ldquo;. Sollten die gem&auml;&szlig;igten Republikaner die Tea-Party-Bewegung nicht  zu einem Kompromiss bewegen k&ouml;nnen, droht die Fortsetzung der Totalblockade und damit die Zahlungsunf&auml;higkeit der amerikanischen Administration.<\/p><p>Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Pr&auml;sident Obama sein Land sehenden Auges in den Abgrund st&uuml;rzen l&auml;sst. Die US-Verfassung <a href=\"http:\/\/www.fas.org\/sgp\/crs\/RS21024.pdf\">sieht vor [PDF &ndash; 35.9 KB]<\/a> , dass der Pr&auml;sident im Ernstfall mit einer Notstandsregelung am Kongress vorbei regieren kann.  Es w&auml;re noch nicht einmal ungew&ouml;hnlich, dass ein US-Pr&auml;sident von dieser M&ouml;glichkeit Gebrauch macht. Zwischen 1976 und 2001 wurde <a href=\"http:\/\/fpc.state.gov\/documents\/organization\/6216.pdf\">insgesamt 32-mal der Staats- bzw. Verfassungsnotstand [PDF &ndash; 146 KB]<\/a> erkl&auml;rt. Auch Obama machte bereits mehrfach von dieser M&ouml;glichkeit Gebrauch, als er z.B. die Notstandsgesetze, die von George W. Bush 2001 als Reaktion auf die 9\/11-Terroranschl&auml;ge umgesetzt wurden, verl&auml;ngerte. Es ist jedoch umstritten, ob Obama einen drohenden Zahlungsausfall als Begr&uuml;ndung f&uuml;r einen Verfassungsnotstand anf&uuml;hren kann. Dar&uuml;ber m&uuml;sste dann der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten entscheiden. Eine solches Gerichtsverfahren k&auml;me mitten im Pr&auml;sidentschaftswahljahr 2012 jedoch vor allem der Tea-Party-Bewegung zu gute, vertritt sie doch ohnehin die Position, dass die Politik des derzeitigen Pr&auml;sidenten  nicht verfassungskonform sei. <\/p><p>Der &bdquo;m&auml;chtigste Mann der Welt&ldquo; steckt in einer Zwickm&uuml;hle. Entweder er beugt sich einmal mehr der immer weiter nach rechts driftenden Kongressmehrheit oder er regiert am Kongress vorbei und muss ich dann wom&ouml;glich mitten im Wahlkampf  einen Verfassungsbruch f&uuml;r schuldig vorhalten lassen. Die dritte Option, die Zahlungsunf&auml;higkeit zu erkl&auml;ren, ist nach allen Regeln der Vernunft keine ernsthafte Wahlm&ouml;glichkeit. Es kann jedoch auch sein, dass Obama mit Hilfe der Fed eine vierte Option findet, die momentan noch kein Beobachter so richtig auf dem Schirm hat. Wenn man der FED eine Sache nicht vorwerfen kann, dann ist dies mangelnde Kreativit&auml;t. <\/p><p>Der Schuldenstreit verdeutlicht einmal mehr die Machtlosigkeit des Pr&auml;sidenten. Seit seiner Inauguration lie&szlig; sich Obama von den Republikanern treiben. Nach den Kongresswahlen im November 2010, in denen die republikanische Mehrheit auch noch mit zahlreichen Tea-Party-Kandidaten angereichert wurde, ist Obama nur mehr ein Getriebener, der das Heft des Handelns schon lange aus der Hand geben musste. Er konnte noch nicht einmal die angek&uuml;ndigte Streichung der Steuergeschenke f&uuml;r Spitzenverdiener, die in der &Auml;ra Bush gemacht wurden, umsetzen. Wenn Obama sich auf einen Kompromiss mit den Republikanern einlassen w&uuml;rde, m&uuml;sste er m&ouml;glicherweise sogar den Spitzensteuersatz von 35% auf &ndash; historisch einmalig niedrige &ndash; 25% senken. Wie man die Verschuldung mittels einer Senkung der Steuern abbauen will, &bdquo;wissen&ldquo; wahrscheinlich nur die &Ouml;konomen der Tea-Party-Bewegung. Dass die Steuergeschenke Bushs die amerikanische Wirtschaft vorangebracht h&auml;tten, ist jedenfalls nicht bekannt.<\/p><p>Der Schuldenstreit wird wohl nicht an diesem Wochenende beigelegt werden k&ouml;nnen &ndash; egal ob es zu einem Kompromiss kommen wird oder nicht. Ziel der Republikaner ist es, die Schuldengrenze gegen Konzessionen der Demokraten nur so weit zu erh&ouml;hen, dass es im n&auml;chsten Sommer &ndash; in der hei&szlig;en Wahlkampfphase &ndash; zu einer Neuauflage des Schuldenstreits kommt. Als Folge der aktuellen Zuspitzung ist es &ndash; v&ouml;llig unabh&auml;ngig davon, wie der Streit gel&ouml;st wird &ndash; sogar m&ouml;glich, dass die Ratingagenturen den USA ihr AAA-Rating entziehen werden. Welche Auswirkungen diese Neubewertung haben wird, ist ungewiss. Anders als Griechenland oder Irland k&ouml;nnen die USA, die in ihrer eigenen Dollar-W&auml;hrung verschuldet sind, auch ganz einfach die Druckerpressen in den Kellern der FED anwerfen und das Geld sch&ouml;pfen, was sie zur Tilgung ihrer Schulden ben&ouml;tigen. US-Anleihen <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/politik\/meinung\/laecherliches-rating\/-\/1472602\/8359416\/-\/index.html\">sind und bleiben<\/a> die sichersten Schuldverschreibungen, die es im modernen Finanzkapitalismus gibt, nicht weil die amerikanische Wirtschaft so stark w&auml;re und die Wirtschaftsdaten solide w&auml;ren,  sondern weil bei einem Staatsbankrott der USA auch alle anderen weltweit ausgestellten Anleihen ausfallsbedroht w&auml;ren. <\/p><p>Dass die Einsch&auml;tzungen der Ratingagenturen in einer solchen Situation kaum Bedeutung haben, beweist das Beispiel Japan. Moodys und Standard and Poors entzogen <a href=\"http:\/\/krugman.blogs.nytimes.com\/2010\/08\/22\/whos-afraid-of-the-ratings-agencies\/\">Japan im Jahre 2002 das hei&szlig;begehrte AAA<\/a> und ordneten die Bonit&auml;t somit zwischen der Botswanas und der Estlands ein. Neun  Jahre sp&auml;ter kann sich Japan immer noch f&uuml;r weniger als 1% refinanzieren. Es gibt keinen Grund anzunehmen, warum dies bei den USA anders sein sollte.  <\/p><p>Eine b&ouml;se &Uuml;berraschung k&ouml;nnten jedoch Anleger erleben, die den Schuldenstreit ausnutzen, um mit Gold Spekulationsgewinne einzufahren. Um sich Zeit zu erkaufen k&ouml;nnte Obama auch einen Teil der 8.133 Tonnen Gold verkaufen, die in den Kellern von Fort Knox und unter Manhattan lagern. Der damit verbundene Kurssturz w&uuml;rde besonders den Anh&auml;ngern der Tea-Party-Bewegung gar nicht gefallen, die von ihren Idolen in die Goldfalle <a href=\"http:\/\/www.ritholtz.com\/blog\/2010\/07\/glenn-beck-goldline\/\">gelockt wurden<\/a>. Wie hei&szlig;t es so sch&ouml;n &ndash; Rache ist s&uuml;&szlig;.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/59861a1b2d3a43448413c0ced4ddc430\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das unw&uuml;rdige Blockadepoker des parlamentarischen Arms der Tea-Party-Bewegung erreicht an diesem Wochenende seinen bisherigen H&ouml;hepunkt. Sollte es zu keinem &uuml;berparteilichen Kompromiss bei der Anhebung der Schuldengrenze kommen, wird US-Pr&auml;sident Obama wohl dazu gezwungen, mit &bdquo;Notstandsvollmachten&ldquo; am Kongress vorbei zu regieren. 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