{"id":102725,"date":"2023-08-21T11:55:55","date_gmt":"2023-08-21T09:55:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102725"},"modified":"2023-08-21T14:18:34","modified_gmt":"2023-08-21T12:18:34","slug":"ein-74-jahre-alter-deutscher-wirbt-auf-fahrradtour-in-russland-fuer-frieden-und-verstaendigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102725","title":{"rendered":"Ein 74 Jahre alter Deutscher wirbt auf Fahrradtour in Russland f\u00fcr Frieden und Verst\u00e4ndigung"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt, wo es faktisch keine diplomatischen Beziehungen mehr zwischen Deutschland und Russland gibt, wird die Rolle der &bdquo;Diplomaten von unten&ldquo; &ndash; aktive Deutsche, die nach Russland fahren, um f&uuml;r Frieden und Verst&auml;ndigung zu werben &ndash; immer wichtiger. Einer dieser &bdquo;Diplomaten von unten&ldquo; ist der ehemalige Sportlehrer <strong>Alfred M&auml;hr<\/strong>, der sich mit seinem Tourenfahrrad von Helsinki aus nach Russland aufmachte. Er fuhr entlang des Finnischen Meerbusens nach St. Petersburg und von dort nach Moskau, wo ihn <strong>Ulrich Heyden<\/strong> interviewte. Er will mit dem Fahrrad noch bis nach Tatarstan fahren, wo Russen und Tataren seit mehreren hundert Jahren friedlich zusammenleben.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_33\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-102725-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230821-Russland-Fahrradtour-fuer-Frieden-Verstaendigung-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230821-Russland-Fahrradtour-fuer-Frieden-Verstaendigung-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230821-Russland-Fahrradtour-fuer-Frieden-Verstaendigung-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230821-Russland-Fahrradtour-fuer-Frieden-Verstaendigung-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=102725-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230821-Russland-Fahrradtour-fuer-Frieden-Verstaendigung-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230821-Russland-Fahrradtour-fuer-Frieden-Verstaendigung-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Alfred M&auml;hr, 74,  aus der s&uuml;ddeutschen Stadt Vogt ist das erste Mal in Russland. Auf dem Programm des Radsportlers steht jetzt der &bdquo;Goldene Ring&ldquo;, eine Kette historischer St&auml;dte rund um Moskau, und danach eine Tour bis in das 880 Kilometer &ouml;stlich von Moskau gelegene Kasan, der Hauptstadt von Tatarstan, gelegen an der Wolga.<\/p><p>Ich traf mich mit ihm in einem Cafe im Moskauer Stadtzentrum, wo der Russland-Reisende f&uuml;r ein paar Tage in einem Hotel wohnte. Ich fragte den Radsportler, warum er nach Russland gekommen ist. &bdquo;Ich will den Russen zeigen, dass die Deutschen &ndash; also Leute wie ich &ndash; nichts gegen Russland haben. Die Politik ist ein anderes Thema.&ldquo;<\/p><p><strong>&bdquo;Die Behandlung russischer Sportler ist unfair&ldquo;<\/strong><\/p><p>M&auml;hr war Sportlehrer und hatte auch eine private Sportschule. Er f&auml;hrt nicht nur Fahrrad. Er l&auml;uft auch Ski und spielte Fu&szlig;ball sowie Tennis, ist also ein Sportler von Kopf bis Fu&szlig;. &bdquo;Was mir als Sportler am Herzen liegt, ist die Behandlung der russischen Sportler. So, wie die zurzeit behandelt werden, ist das f&uuml;r mich eine Katastrophe und nicht nachvollziehbar. Sie werden bei der Olympiade oder bei Wettk&auml;mpfen nicht zugelassen. Und wir sehen das nicht nur beim Sport, sondern auch in der Kulturszene. Wie die Russen behandelt werden, das ist keine Russophobie mehr, das ist Rassismus. Und gegen sowas m&ouml;chte ich ank&auml;mpfen.&ldquo;<\/p><p>Wie er argumentiert, wenn gesagt wird, Russland habe die Ukraine &uuml;berfallen und t&ouml;te ukrainische Zivilisten, fragte ich. Der Russland-Reisende antwortete: &bdquo;Wenn man jeden, der einen Krieg angefangen hat, ausschlie&szlig;en w&uuml;rde von den Olympischen Spielen oder anderen Wettk&auml;mpfen, dann k&ouml;nnten Amerika und auch in Europa einige Staaten, die Kriege begonnen haben, nicht an Wettk&auml;mpfen teilnehmen. Aber nur Russland schlie&szlig;t man aus. Das finde ich als Sportler unfair.&ldquo;<\/p><p>Nat&uuml;rlich habe Russland den Krieg in der Ukraine angefangen. &bdquo;Aber man muss ja auch sehen, was seit 2014 passiert ist. Da wurde auch Krieg gef&uuml;hrt, aber nicht von Russland. Das war ein B&uuml;rgerkrieg, angefacht von rechtsextremen Leuten, und die haben in der Ukraine nach wie vor das Sagen. Und wir in Deutschland sagen, wir m&uuml;ssen eine Brandmauer bauen gegen die AfD, und in der Ukraine unterst&uuml;tzen wir die richtigen Nazis.&ldquo;<\/p><p><strong>&bdquo;Ein erhebender Moment&ldquo;<\/strong><\/p><p>&bdquo;Ich hatte nie gedacht, dass man mit dem Fahrrad auf den Roten Platz fahren kann, und zwar ziemlich entspannt&ldquo;, sagte Alfred M&auml;hr aus der s&uuml;ddeutschen Stadt Vogt, als wir zu zweit auf Fahrr&auml;dern in Richtung Kreml unterwegs waren.<\/p><p>Am Roten Platz angekommen, frage ich den Radler, wie er sich gerade f&uuml;hlt. &bdquo;Das ist ein erhebender Moment. Der gleiche Moment, wie wenn man nach 4.000 Kilometern in Panama &uuml;ber die Br&uuml;cke f&auml;hrt oder letztes Jahr nach 4.000 Kilometern &uuml;ber die Br&uuml;cke in Vancouver.&ldquo;<\/p><p>M&auml;hr hat in den letzten Jahren mit dem Fahrrad ausgedehnte Touren durch Alaska, Kanada und S&uuml;damerika gemacht. Nun wollte er unbedingt noch Russland besuchen. &bdquo;Fr&uuml;her gab es ja den Eisernen Vorhang, der es nicht m&ouml;glich gemacht hat, nach Russland zu kommen. Jetzt bef&uuml;rchte ich leider, dass es auch eine Art Eisernen Vorhang geben wird und keine Reisen mehr nach Russland m&ouml;glich sein werden. Das w&auml;re sehr schade.&ldquo;<\/p><p>In Petersburg hat M&auml;hr unter sachkundiger F&uuml;hrung einer Russin eine sechsst&uuml;ndige Stadtbesichtigung gemacht, die ihm ziemlich in die Beine ging. Langes Laufen ist er nicht gewohnt. Aber Fahrradfahren ist f&uuml;r ihn kein Problem.<\/p><p><strong>Spezielle Route &uuml;ber die D&ouml;rfer<\/strong><\/p><p>Von St. Petersburg ist er dann auf einer speziellen, verkehrsarmen Route durch D&ouml;rfer fast bis nach Moskau gefahren. Die <a href=\"https:\/\/www.velo-mapshop.com\/epages\/83892782.sf\/de_DE\/?ObjectPath=\/Shops\/83892782\/Products\/D_019\">Route<\/a> wurde von dem Deutschen Detlef Kaden konzipiert. Man kann entlang dieser Route auch bei Gastfamilien, sogenannten Homestay, unterkommen.<\/p><p>Die letzten 200 Kilometer nach Moskau hat der deutsche Radler ein Angebot angenommen und sein Fahrrad in einen Minibus gepackt, der bis nach Moskau f&auml;hrt. Der Grund war, dass die letzten 200 Kilometer auf der Route auch von vielen Kieslastern benutzt werden, welche Moskauer Baustellen beliefern und nicht besonders r&uuml;cksichtsvoll gegen&uuml;ber Fahrradfahrern sind.<\/p><p>Das Interesse russischer Medien an der Tour von Alfred M&auml;hr ist enorm. <a href=\"https:\/\/novgorod-tv.ru\/news\/nemeczkij-puteshestvennik-alfred-mer-sdelal-ostanovku-v-velikom-novgorode\/\">Hier<\/a> ein Interview, welches M&auml;hr in Weliki Nowgorod einem &ouml;rtlichen Fernsehkanal gab.<\/p><p>Das gro&szlig;e Interesse russischer Medien h&auml;ngt wohl damit zusammen, dass die Zahl westlicher Touristen in den letzten Jahren stark abgenommen hat. &bdquo;Noch vor St. Petersburg wurde ich von Zeitungen und Fernsehsendern angesprochen. Ich wei&szlig; nicht, woher die von meiner Fahrt wussten. Vielleicht hatte Nathalie aus Ulm, welche meine Reise mitorganisiert hat, die Medien informiert.&ldquo; Neben Nathalie hilft auch noch Elena aus St. Petersburg bei der Organisation der Tour. Die Organisatorinnen assistierten auch bei der Beschaffung einer russischen Kreditkarte, denn westliche Karten werden in Russland seit letztem Jahr nicht mehr akzeptiert.<\/p><p><strong>&bdquo;Alfred, du bist mein Held!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Auf die Frage, wie er auf die Idee f&uuml;r die Russland-Reise gekommen ist, antwortet M&auml;hr, dass er Rad-Freunde habe, die von ihren Russland-Touren erz&auml;hlten und begeistert waren. &bdquo;Eigentlich wollte ich die Russland-Tour schon vor drei Jahren machen. Aber da kam Corona dazwischen. Eine Anreise &uuml;ber Land war damals nicht m&ouml;glich. Als ich mich dann felsenfest entschlossen hatte, die Reise zu machen, kam die russische Intervention in der Ukraine dazwischen. Aber dann habe ich wieder Mut gefasst. Und mit 74 Jahren kann man so eine Reise nicht unendlich schieben.&ldquo;<\/p><p>Als M&auml;hr jetzt seinen Freunden erz&auml;hlte, dass er nach Russland fahre, h&auml;tten alle in seiner Umgebung gesagt: &bdquo;Du bist wahnsinnig, jetzt nach Russland zu fahren. Wir haben doch Panzer geliefert. Die werden dich ganz sch&ouml;n fertig machen. In Deutschland wird es bei manchen auch so wahrgenommen, dass wir mit Russland im Krieg sind. Wir liefern ja Waffen und bilden f&uuml;r den Krieg Leute aus. Einer hat sogar gesagt, pass auf, dass sie dich nicht als Geisel nehmen.&ldquo;<\/p><p>Aber es gab auch andere Reaktionen. &bdquo;Ich war ja Lehrer, und ein Lehrerkollege hat jetzt <a href=\"https:\/\/pedalfredo.com\/\">meine Internetseite<\/a> gesehen und hat mir einen ganz kurzen Kommentar geschrieben: &sbquo;Alfred, Du bist mein Held.&lsquo; Das baut auf und schafft Kraft f&uuml;r die n&auml;chsten Kilometer.&ldquo;<\/p><p><strong>Sanktionen &ndash; welche Auswirkungen?<\/strong><\/p><p>Ich fragte den Russland-Reisenden, wie er die Versorgungslage in Russland einsch&auml;tzt. &bdquo;Ich wei&szlig; nicht, wie es vor den Sanktionen war, aber ich sehe keine Einschr&auml;nkungen irgendwelcher Art. Man kann alles kaufen. Die Leute verhalten sich ganz normal. Einschr&auml;nkungen gibt es meines Erachtens keine. Ich habe sogar ein &bdquo;Spaten&ldquo;-Bier getrunken. Ich wei&szlig; nat&uuml;rlich nicht, ob das aus Deutschland kam oder in Russland gemacht wurde.&ldquo;<\/p><p>Seine Frau habe Angst gehabt, als er ihr von seinen Russland-Pl&auml;nen erz&auml;hlte. &bdquo;Sie fragte, willst du das unbedingt machen? Wir haben dann einen Kompromiss gefunden. Sie sagte: Du f&auml;hrst nicht alleine. Schau, dass du jemanden dabei hast.&ldquo;<\/p><p>Auf der Strecke bis Moskau seien die geplanten russischen Begleiter alle abgesprungen, erz&auml;hlt der Russland-Reisende. Doch er rechnet damit, dass er auf seiner n&auml;chsten Tour auf dem &bdquo;Goldenen Ring&ldquo;, das sind kleine, historische D&ouml;rfer und St&auml;dte rund um Moskau, von <a href=\"https:\/\/vk.com\/ant_sazonov\">Anton Sasonow<\/a>, dem Vorsitzenden des Verbandes &bdquo;Velo Russia&ldquo;, begleitet wird. F&uuml;r die Strecke von Moskau nach Kasan hat sich <a href=\"https:\/\/kazan.aif.ru\/society\/persona\/mne_pomogala_vselennaya_kazanec_sovershil_krugosvetku_na_velosipede\">Ildus Janischew<\/a> angek&uuml;ndigt. Janischew ist ein bekannter russischer Radsportler, der mit dem Zweirad schon einmal die Welt umrundet hat.<\/p><p><strong>Der Stadt-und-Land-Unterschied<\/strong><\/p><p>Alfred erz&auml;hlt, dass es zwischen Stadt und Land in Russland gro&szlig;e Unterschiede gibt. In den kleinen D&ouml;rfern s&auml;he man vor allem die alten Holzh&auml;user. &bdquo;Die sind gro&szlig;teils verlassen, einige sind restauriert.&ldquo; Es seien schon &bdquo;zwei Welten&ldquo;. Man m&uuml;sse immer froh sein, dass man auf den D&ouml;rfern einen Laden findet, wo man Wasser kaufen kann. Ein sogenanntes &bdquo;Magazin&ldquo; g&auml;be es eigentlich in jedem Ort. Aber einmal gab es Probleme. &bdquo;Ich hatte nur noch ein paar Tropfen Wasser. Es war in der Ortschaft Zaluche. Ich fuhr durch die ganze Ortschaft. Irgendwann habe ich dann dort das &bdquo;Magazin&ldquo; gefunden.&ldquo;<\/p><p>Der Zustand der Stra&szlig;en ist sehr unterschiedlich, wie der Radler aus Deutschland feststellte. &bdquo;Innerhalb der Ortschaften sind die Stra&szlig;en eine Katastrophe. Wenn man aus der Ortschaft rauskommt, ist der Stra&szlig;enbelag gut.&ldquo; Man habe ihm erz&auml;hlt, dass das damit zu tun habe, dass in den Ortschaften die Kommune und au&szlig;erhalb der Ortschaften die f&ouml;derale Regierung f&uuml;r den Stra&szlig;enbau verantwortlich ist.<\/p><p>Eine weitere Beschwernis, auf die M&auml;hr stie&szlig;, war, dass es in den D&ouml;rfern und St&auml;dten im Unterschied zu Moskau keine Fahrradwege gibt. Man m&uuml;sse auf den Fu&szlig;g&auml;ngerwegen fahren. Die Fu&szlig;g&auml;nger n&auml;hmen das gelassen, aber weil die Fu&szlig;wege hohe Kanten haben, m&uuml;sse man beim Verlassen des Fu&szlig;g&auml;ngerweges vom Fahrrad absteigen. &bdquo;Wenn Du das in einer Stadt 20-, 30-mal machen musst, dann ist das nervig.&ldquo;<\/p><p><strong>Der Vater k&auml;mpfte auf Kreta<\/strong><\/p><p>Ich fragte M&auml;hr, ob sein Vater im Krieg in Russland gek&auml;mpft hat. &bdquo;Nein. Mein Vater war von Beruf Zimmermann. Er war Fallschirmj&auml;ger und ist &uuml;ber Kreta abgesprungen. Dann war er in Frankreich. Dort wurde er schwer an der Brust verwundet. Damit war der Krieg f&uuml;r ihn beendet.&ldquo;<\/p><p>Ob er mit seinem Vater &uuml;ber den Krieg gesprochen habe, wollte ich wissen. &bdquo;Ja, ich habe mit ihm dar&uuml;ber gesprochen, aber im Nachhinein muss ich sagen, viel zu wenig. Es war damals so: Viele wollten vom Krieg nichts mehr wissen und haben das beiseitegeschoben. Ich wei&szlig;, dass mein Vater gerne mehr erz&auml;hlt h&auml;tte, aber es hat ihm damals niemand zugeh&ouml;rt.&ldquo;<\/p><p>Ob er Angst gehabt habe, seinen Vater nach den Kriegserlebnissen zu fragen? &bdquo;Ich hatte schon eine gewisse Angst, ihn zu fragen. Ich war zu dem Zeitpunkt nicht neugierig genug. Er hat auch ein Tagebuch &uuml;ber den Einsatz in Kreta geschrieben. Es ist in altdeutscher Schrift. Das hat mir jemand &uuml;bersetzt. Das habe ich dann immer wieder gelesen, und als mein Vater tot war, habe ich eigentlich erst das Ganze begriffen, was er mitgemacht hat.&ldquo;<\/p><p>Was war der st&auml;rkste Eindruck beim Lesen des Tagebuchs? &bdquo;Ich denke, dass er gerne zum Milit&auml;r ging. Er ging mit Enthusiasmus in den Krieg, wurde dann aber doch mit der Zeit eines anderen belehrt, dass das nicht ganz so einfach ist. Es ging ihm wie vielen Soldaten damals. Irgendwie hatten sie psychisch einen Knacks. Sie sind nicht damit fertig geworden, anderen Menschen den Tod zu bringen und zu sehen, wie die Kameraden links und rechts erschossen wurden. Das kann ein Mensch nicht so einfach verdauen.&ldquo;<\/p><p><strong>Sechs Massengr&auml;ber auf einer Strecke von 60 Kilometern<\/strong><\/p><p>Ich fragte den Reisenden, ob er w&auml;hrend seiner Tour an seinen Vater denkt. M&auml;hr antwortete, er denke an seinen Vater jetzt &bdquo;mehr als sonst&ldquo;. Das h&auml;nge auch mit den Massengr&auml;bern zusammen, deren Schilder er im Vorbeifahren zwischen St. Petersburg und Moskau gesehen habe. Das war im Raum Demjansk, wo im Zweiten Weltkrieg eine Hauptkampflinie war.<\/p><p>&bdquo;Ein Mann hat mich dort 60 Kilometer in seinem Bus Richtung Moskau mitgenommen, weil die Strecke wegen vieler L&ouml;cher mit dem Fahrrad unbefahrbar war. Und auf diesen 60 Kilometern gab es sechs Hinweisschilder &bdquo;mass war grave&ldquo; (Massengr&auml;ber). Ich habe mich gefragt, was denkt Sergej, mein Fahrer, jetzt. Es sind ja auch viele russische Soldaten und Zivilisten ums Leben gekommen in der Region. Nun hat er 80 Jahre sp&auml;ter einen Deutschen bei sich im Auto sitzen. Die Deutschen haben damals den Krieg gebracht. Und ich habe gedacht, ist es nicht toll, dass es sich nach dem Krieg so entwickelt hat, dass ein Russe, der etwas j&uuml;nger war als ich, innerhalb weniger Stunden mein Freund wurde. Wir hatten ein tolles Gespr&auml;ch. Er hat relativ gut Englisch gesprochen. Er h&auml;tte doch allen Grund gehabt zu sagen, mit einem Deutschen fahre ich doch nicht durch diese Gegend.&ldquo;<\/p><p><strong>In Kanada und Alaska vom Campingplatz verwiesen<\/strong><\/p><p>Die Begegnung mit den einfachen Russen hat den Radler aus Deutschland beeindruckt. &bdquo;Nach 14 Tagen in Russland m&ouml;chte ich ein Zwischenfazit ziehen. Die Russen, die ich bisher kennengelernt habe, waren sowas von gastfreundlich und hilfsbereit, wie ich es in keinem anderen Land bisher so erlebt habe.&ldquo; In Alaska und Canada sei er mehrmals von Campingpl&auml;tzen abgewiesen worden. So musste M&auml;hr mit seinem Compagnon in der freien Wildbahn schlafen, obwohl dort wilde Tiere unterwegs waren. &bdquo;Es w&auml;re genug Platz gewesen. Aber wir durften das Zelt nicht aufstellen. Das kann ich mir hier in Russland nicht vorstellen.&ldquo;<\/p><p>Titelbild: &copy; Ulrich Heyden<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/ec28713b83c149e591b5929e0d2bc980\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt, wo es faktisch keine diplomatischen Beziehungen mehr zwischen Deutschland und Russland gibt, wird die Rolle der &bdquo;Diplomaten von unten&ldquo; &ndash; aktive Deutsche, die nach Russland fahren, um f&uuml;r Frieden und Verst&auml;ndigung zu werben &ndash; immer wichtiger. 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