{"id":102894,"date":"2023-08-25T11:09:30","date_gmt":"2023-08-25T09:09:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102894"},"modified":"2023-10-09T12:39:00","modified_gmt":"2023-10-09T10:39:00","slug":"die-renaissance-des-freund-feind-denkens-indikator-fuer-einen-neuen-totalitarismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102894","title":{"rendered":"Die Renaissance des Freund-Feind-Denkens \u2013 Indikator f\u00fcr einen neuen Totalitarismus?"},"content":{"rendered":"<p>Immer h&auml;ufiger werden in politischen Debatten Andersdenkende massiv ausgegrenzt. Ganz zu schweigen von der seit Jahren immer schlimmer werdenden &bdquo;Cancel-Culture&ldquo;, die auf die berufliche und soziale Vernichtung Andersdenkender aus ist. Solchen Vorg&auml;ngen gemeinsam ist ein Denken, das dem &bdquo;Anderen&ldquo; kein Recht mehr auf eine Meinung zugesteht, die von der Mehrheitsmeinung oder der Meinung der Eliten abweicht. Es wird nicht mehr argumentiert, sondern radikal ausgrenzt. Dies alles erinnert an den ber&uuml;hmten Aufsatz &bdquo;Der Begriff des Politischen&ldquo; des Staatsrechtlers und politischen Philosophen Carl Schmitt. F&uuml;r diesen bestand das Politische in der Unterscheidung zwischen Freund und Feind. Er lieferte damit dem nationalsozialistischen Staat eine geradezu perfekte Legitimation f&uuml;r Terror und Krieg. Von <strong>Udo Brandes<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5341\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-102894-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230825-Renaissance-des-Freund-Feind-Denkens-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230825-Renaissance-des-Freund-Feind-Denkens-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230825-Renaissance-des-Freund-Feind-Denkens-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230825-Renaissance-des-Freund-Feind-Denkens-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=102894-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230825-Renaissance-des-Freund-Feind-Denkens-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230825-Renaissance-des-Freund-Feind-Denkens-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Wer war Carl Schmitt?<\/strong><\/p><p>Carl Schmitt (1888-1985) war vor allem eines: der Prototyp eines skrupellosen Opportunisten. Dabei aber hochintelligent. Und obwohl er ein bekennender Nazi war, sind seine Publikationen bis heute in der Politikwissenschaft relevant. Und das hat seinen Grund, den man besonders gut mit seiner Schrift &bdquo;Der Begriff des Politischen&ldquo; veranschaulichen kann. Er hat darin Politik bzw. das Politische beschrieben, wie es sich auch tats&auml;chlich in der empirischen Wirklichkeit nachweisen l&auml;sst. Und es ist gar nicht so einfach, ihn zu widerlegen. Denn Schmitt argumentiert messerscharf. Der <em>Spiegel<\/em> (Autor: Thomas Darnst&auml;dt) schrieb 2008 in einem <a href=\"https:\/\/magazin.spiegel.de\/EpubDelivery\/spiegel\/pdf\/55573687\"><em>Spiegel Special Geschichte<\/em><\/a> Folgendes &uuml;ber ihn:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Carl Schmitt, Staatsrechtler in der Weimarer Republik und im &sbquo;Dritten Reich&lsquo;, war der Prototyp des gewissenlosen Wissenschaftlers, der jeder Regierung dient, wenn es der eigenen Karriere nutzt. Wann immer die Nationalsozialisten Menschen beiseiter&auml;umen wollten, der eitle Professor aus dem Sauerland lieferte ihnen die passende rechtliche Begr&uuml;ndung.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Und doch schaffte es nicht einmal der US-Chefankl&auml;ger bei den N&uuml;rnberger Kriegsverbrecherprozessen, Robert Kempner, Schmitt als Mitverantwortlichen des Nazi-Regimes anzuklagen. Schmitt war einfach &bdquo;nicht zu fassen&ldquo;:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ganz am Ende, als alles vorbei war, haben die amerikanischen Besatzer den Mann verhaftet und ins N&uuml;rnberger Kriegsverbrechergef&auml;ngnis gesteckt. Da haben sie den Gelehrten, der von Anfang an dabei war, immer wieder verh&ouml;rt. Ohne Ergebnis. Schlie&szlig;lich schickten sie ihn nach Hause. &sbquo;Wegen was h&auml;tte ich den Mann anklagen sollen?&lsquo;, begr&uuml;ndete der US-Ankl&auml;ger Robert Kempner den &uuml;berraschenden Schritt: &sbquo;Er hat keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, keine Kriegsgefangenen get&ouml;tet und keine Angriffskriege vorbereitet.&lsquo; Carl Schmitt war nicht zu fassen. Der Staatsrechtsprofessor aus dem Sauerland hat die Weimarer Republik kaputtgeschrieben, den Nazis das passende Staatsrecht erfunden. Er hat seine Wissenschaft in den Dienst menschenverachtender Gesetze gestellt, die Feinde Hitlers entrechtet und den Krieg als Zweck der Politik verherrlicht. Na und? War das etwa verboten? Bis heute beurteilen manche Kollegen den 1985 verstorbenen Rechtslehrer nicht als Nazi-Verbrecher, sondern als Genie.&ldquo; (Quelle siehe oben).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Schmitts Begriff des Politischen<\/strong><\/p><p>Was ist das &bdquo;Politische&ldquo; nach Carl Schmitt? Worauf lassen sich politische Handlungen und Entscheidungen ihm zufolge zur&uuml;ckf&uuml;hren? Schmitt hat daf&uuml;r ein Kriterium:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die spezifisch politische Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen und Motive zur&uuml;ckf&uuml;hren lassen, ist die Unterscheidung von <strong>Freund<\/strong> und <strong>Feind.<\/strong>&ldquo; (Carl Schmitt: Der Begriff des Politischen, S. 25).\n<\/p><\/blockquote><p>Bei dieser Definition spielt das Anderssein eine gro&szlig;e Rolle:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der politische Feind braucht nicht moralisch b&ouml;se, er braucht nicht &auml;sthetisch h&auml;sslich zu sein; er muss nicht als wirtschaftlicher Konkurrent auftreten, und es kann vielleicht sogar vorteilhaft scheinen, mit ihm Gesch&auml;fte zu machen. Er ist eben der andere, der Fremde, und es gen&uuml;gt zu seinem Wesen, dass er in einem besonders intensiven Sinne existentiell etwas Anderes und Fremdes ist, so dass im extremen Fall Konflikte mit ihm m&ouml;glich sind, die weder durch eine im Voraus getroffene generelle Normierung, noch durch den Spruch eines &sbquo;unbeteiligten&lsquo; und daher &sbquo;unparteiischen&lsquo; Dritten entschieden werden k&ouml;nnen.&ldquo; (S. 26).\n<\/p><\/blockquote><p>Schmitt betont immer wieder, dass diese Unterscheidung etwas &bdquo;Seinsm&auml;&szlig;iges&ldquo; sei, dass quasi durch sich selbst existiere. Oder anders formuliert: Das Politische (in der Form der Unterscheidung zwischen Freund und Feind) sei etwas Selbstst&auml;ndiges, das nicht von Eigenschaften wie &bdquo;gut&ldquo; oder &bdquo;b&ouml;se&ldquo; oder anderen Eigenschaften abh&auml;nge. Deshalb gelte auch umgekehrt,<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;was moralisch b&ouml;se, &auml;sthetisch h&auml;sslich oder &ouml;konomisch sch&auml;dlich ist, braucht deshalb noch nicht Feind zu sein; was moralisch gut, &auml;sthetisch sch&ouml;n, und &ouml;konomisch n&uuml;tzlich ist, wird noch nicht zum Freund in dem spezifischen d. h. politischen Sinn des Wortes&ldquo; (S. 26).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Es geht nicht um etwas Privates<\/strong><\/p><p>Diese Freund-Feind-Unterscheidung im politischen Sinne d&uuml;rfe auch nicht metaphorisch und im privaten Sinne verstanden werden, wenn man etwa einen beruflichen Konkurrenten, der versucht, einen auszustechen, als Feind ansieht oder einstuft:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Begriffe Freund und Feind sind in ihrem konkreten, existentiellen Sinn zu nehmen, nicht als Metaphern oder Symbole, nicht vermischt und abgeschw&auml;cht durch &ouml;konomische, moralische und andere Vorstellungen, am wenigsten in einem privat-individualistischen Sinne psychologisch als Ausdruck privater Gef&uuml;hle und Tendenzen&ldquo; (S.27).\n<\/p><\/blockquote><p>Und deshalb gelte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Feind ist also nicht der Konkurrent oder der Gegner im Allgemeinen. Feind ist auch nicht der private Gegner, den man unter Antipathiegef&uuml;hlen hasst. Feind ist nur eine wenigstens eventuell, d. h. der realen M&ouml;glichkeit nach <strong>k&auml;mpfende <\/strong>Gesamtheit von Menschen, die einer ebensolchen Gesamtheit gegen&uuml;bersteht. Feind ist nur der <strong>&ouml;ffentliche<\/strong> Feind, weil alles, was auf eine solche Gesamtheit von Menschen, insbesondere auf ein ganzes Volk Bezug hat, dadurch <strong>&ouml;ffentlich<\/strong> wird. Feind ist hostis (= Fremder, Feind, Landesfeind; UB), nicht inimicus (= feindseilg, unbeliebt, verhasst; UB)&ldquo; (S. 27).\n<\/p><\/blockquote><p>Mit anderen Worten: Wenn ein Volk, ein Staat oder eine Gruppe als Feind im politischen Sinne gilt, dann ist die Haltung dazu &ndash; nach Schmitts Deutung des Politischen &ndash; keine private Angelegenheit mehr. Genau dies lie&szlig; sich in der j&uuml;ngsten Zeit beobachten: Gerichte verurteilten B&uuml;rger zu Strafen, weil sie auf einer Veranstaltung, also &ouml;ffentlich, das offizielle Narrativ zum Ukrainekrieg angezweifelt haben (siehe dazu den Bericht von Florian Warweg <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92952\">auf den NachDenkSeiten<\/a>).<\/p><p>Auch dies ist wieder ein Beleg daf&uuml;r, dass Schmitts Begriff des Politischen, so zuwider einem dieser als Demokrat auch sein mag, keine reine Theorie ist, sondern dass ein derartiges Verst&auml;ndnis von Politik tats&auml;chlich in der real existierenden Politik immer wieder empirisch nachweisbar ist. &Uuml;brigens nach Schmitt nicht nur im Verh&auml;ltnis zwischen Staaten und V&ouml;lkern, sondern auch in den politischen Innenverh&auml;ltnissen eines Staates. Man denke zum Beispiel an den Begriff des &bdquo;Klassenfeindes&ldquo; oder des &bdquo;Verfassungsfeindes&ldquo;.<\/p><p>Die Frage ist nun: Was muss man daraus f&uuml;r Schl&uuml;sse ziehen? Ist Schmitts Begriff des Politischen tats&auml;chlich so etwas wie eine Naturgesetzm&auml;&szlig;igkeit? L&auml;uft Politik also tats&auml;chlich zwangsl&auml;ufig immer wieder auf die Unterscheidung zwischen Freund und Feind hinaus? Dazu sp&auml;ter eine Antwort. Zun&auml;chst noch ein paar Erg&auml;nzungen zu Schmitts Theorie.<\/p><p><strong>Die Freund-Feind-Unterscheidung kann zu irrationalem Verhalten f&uuml;hren<\/strong><\/p><p>Ein weiteres Detail aus Schmitts Schrift ist sehr interessant &ndash; weil man auch diese Behauptung Schmitts in der Realit&auml;t, also der politischen Praxis, wiederfinden kann. Schmitt schreibt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die reale Freund-Feindgruppierung ist seinsm&auml;&szlig;ig so stark und ausschlaggebend, dass der nichtpolitische Gegensatz in demselben Augenblick, in dem er diese Gruppierung bewirkt, seine bisherigen &sbquo;rein&lsquo; religi&ouml;sen, &sbquo;rein&lsquo; wirtschaftlichen, &sbquo;rein&lsquo; kulturellen Kriterien und Motive zur&uuml;ckstellt und den v&ouml;llig neuen, eigenartigen und von jenem &sbquo;rein&lsquo; religi&ouml;sen, &sbquo;rein&lsquo; wirtschaftlichen und andern &sbquo;reinen&lsquo; Ausgangspunkt gesehen oft sehr inkonsequenten und &sbquo;irrationalen&lsquo; Bedingungen und Folgerungen der nunmehr politischen Situation unterworfen wird&ldquo; (S. 36).\n<\/p><\/blockquote><p>F&auml;llt Ihnen dabei etwas aus der j&uuml;ngeren Vergangenheit ein? Mir fiel sofort die Sanktionspolitik der EU ein, die insbesondere in Deutschland zu erheblichen Sch&auml;den der Wirtschaft f&uuml;hrte, mit der Konsequenz einer hohen Inflation, einer wirtschaftlichen Rezession und f&uuml;r viele B&uuml;rger wegen der stark gestiegenen Energiepreise zu wirtschaftlich existentiellen Bedrohungen f&uuml;hrte. Umgekehrt wandelte sich Saudi-Arabien aus Sicht der Ampel-Regierung und dabei insbesondere f&uuml;r den Gr&uuml;nen-Politiker Robert Habeck zu einem politischen Freund. Menschenrechte waren pl&ouml;tzlich kein Thema mehr. Kann einem da nicht der Verdacht kommen, dass Carl Schmitt recht haben k&ouml;nnte?<\/p><p>Nehmen wir ein paar weitere Beispiele aus der j&uuml;ngeren und j&uuml;ngsten Zeitgeschichte: Ich beginne mal auf der internationalen Ebene. Nach den Terroranschl&auml;gen vom 11. September 2001 gab George Bush, damals Pr&auml;sident der USA, die Devise aus, &bdquo;Wer nicht f&uuml;r uns ist, ist gegen uns&ldquo;. Das ist exakt die Unterscheidung zwischen Freund und Feind a` la Carl Schmitt. In dieser Unterscheidung bzw. dieser Form des politischen Denkens ist kein Platz f&uuml;r f&uuml;r differenzierte Sichtweisen, unterschiedliche Interessen, Bewertungen oder Handlungsalternativen. Es gibt nur Freund oder Feind. Dementsprechend wandelte sich auch das innenpolitische Klima in den USA damals. Kritik an der Regierung wurde gef&auml;hrlich. Und bis heute werden in Guantamano &bdquo;Feinde der USA&ldquo; inhaftiert und sogar gefoltert. Ohne irgendeine Rechtsgrundlage, ohne Gerichtsprozess. Das ist die Schmitt&rsquo;sche Auffassung des Politischen in Reinkultur.<\/p><p>Kommen wir nach Deutschland. Schon seit Jahren &bdquo;bl&uuml;ht&ldquo; hier die Cancel-Culture, die darauf abzielt, Menschen, die eine andere Meinung als die herrschende Elite oder die Mehrheit vertreten, aus der Gesellschaft auszuschlie&szlig;en und als Feind zu betrachten, den man zwar nicht physisch, aber sozial und beruflich vernichten will. Auch wenn die Meinung der Andersdenkenden v&ouml;llig im Rahmen unserer Verfassung bleibt. Ein Beispiel f&uuml;r dieses radikale Denken nach dem Freund-Feind-Muster ist das Mobbing von Medien, der Bonner Universit&auml;t und Studenten gegen die Politologin Ulrike Gu&eacute;rot. Ihr &bdquo;Verbrechen&ldquo;: eine abweichende Meinung zur Corona-Politik der Bundesregierung und dem Ukrainekrieg. Das Interessante dabei: Ausgerechnet diejenigen, die st&auml;ndig &bdquo;Diversit&auml;t&ldquo; einfordern, beweisen immer wieder, dass sie einem Homogenit&auml;tswahn verfallen sind und abweichende politische Meinungen oder sonstige abweichende Haltungen nicht ertragen k&ouml;nnen. Man k&ouml;nnte auch sagen: Sie haben ein Problem mit Pluralismus und Meinungsfreiheit. Und das hei&szlig;t letztlich: mit Demokratie. Weil sie einem Verst&auml;ndnis des Politischen anh&auml;ngen, wie es Carl Schmitt formuliert hat: der Unterscheidung zwischen Freund und Feind.<\/p><p><strong>Welche Schlussfolgerungen muss man daraus ziehen?<\/strong><\/p><p>Hat Carl Schmitt also recht? Bedeutet Politik die Unterscheidung zwischen Freund und Feind? Er hat in dem Sinne recht, dass ganz offensichtlich Menschen immer wieder Politik so verstehen, so denken und so politisch handeln. Aber: Das ist kein Naturgesetz. Sondern das ist eine Frage der politischen Kultur.<\/p><p>Carl Schmitts Begriff des Politischen ist die (politik)philosophische Entsprechung eines faschistischen Homogenit&auml;tswahnes und der Unf&auml;higkeit, Interessengegens&auml;tze und Widerspr&uuml;che auszuhalten. Demokratie aber hei&szlig;t genau dies: Widerspr&uuml;che, Gegens&auml;tze und Fremdes aushalten zu k&ouml;nnen. Das ist eine F&auml;higkeit, die nicht vom Himmel f&auml;llt und gesellschaftlich immer wieder neu einge&uuml;bt werden muss. Und die um so schwerer f&auml;llt, je mehr eine Gesellschaft von Krisen bedroht ist. Und davon hat unsere Gesellschaft ja nun wahrlich genug.<\/p><p>Was aber bedeutet es, dass sich in unserer Gesellschaft ein Freund-Feind-Denken immer mehr ausbreitet? Es bedeutet leider, dass sich eine antiplurale Haltung in der Gesellschaft ausbreitet. Und das wiederum bedeutet, dass die Gesellschaft empf&auml;nglich geworden ist f&uuml;r antidemokratisches und totalit&auml;res Denken. Und das gilt keineswegs nur f&uuml;r die &uuml;blichen Verd&auml;chtigen, also f&uuml;r Rechtsextremisten. Auch in den Milieus, die sich selbst als &bdquo;linksliberal&ldquo; oder &bdquo;liberal&ldquo; verorten, aber auch in staatlichen Institutionen, kann man immer h&auml;ufiger ein Verst&auml;ndnis von Politik erkennen, das nach dem Schmitt&rsquo;schen Muster der Unterscheidung von Freund und Feind funktioniert. Und das ist brandgef&auml;hrlich f&uuml;r eine Demokratie. Deshalb ist eines wichtig: Dass die Destruktivit&auml;t und der totalit&auml;re Charakter des Freund-Feind-Denkens immer wieder benannt wird. Egal, aus welcher Ecke oder von welchem politischen Akteur es kommt.<\/p><p><strong>Quelle<\/strong><br>\n<em>Carl Schmitt: Der Begriff des Politischen, 9. Auflage 2015, Berlin, Verlag Duncker &amp; Humblot.<\/em><\/p><p><em><strong>Udo Brandes<\/strong> ist Diplom-Politologe, Journalist und Buchautor. Im Juli erschien sein Buch &bdquo;Wenn die Jagd nach Erfolg das Leben zur H&ouml;lle macht&ldquo;, das <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Wenn-Erfolg-Leben-H%C3%B6lle-macht\/dp\/B0C9SGWTT4\/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;crid=30IMSDO6ZCB7P&amp;keywords=udo+brandes+erfolg&amp;qid=1691240048&amp;s=books&amp;sprefix=udo+brandes+erfolg%2Cstripbooks%2C155&amp;sr=1-1\">&uuml;ber Amazon bestellt werden kann<\/a>. Das erste Kapitel k&ouml;nnen Sie auch hier <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100521\">auf den NachDenkSeiten lesen<\/a>. Zurzeit arbeitet er an einem Buch &uuml;ber das Thema &bdquo;Macht&ldquo;.<\/em><\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103130\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: tete_escape \/ Shutterstock<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/46a1c4c0c70445859e952b24a4b3f499\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer h&auml;ufiger werden in politischen Debatten Andersdenkende massiv ausgegrenzt. Ganz zu schweigen von der seit Jahren immer schlimmer werdenden &bdquo;Cancel-Culture&ldquo;, die auf die berufliche und soziale Vernichtung Andersdenkender aus ist. 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