{"id":1029,"date":"2006-01-25T14:24:27","date_gmt":"2006-01-25T12:24:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1029"},"modified":"2016-02-19T11:00:15","modified_gmt":"2016-02-19T10:00:15","slug":"hinter-dem-streit-um-die-nachfolge-von-ursula-engelen-kefer-als-dgb-vize-chefin-steht-mehr-als-eine-personalfrage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1029","title":{"rendered":"Hinter dem Streit um die Nachfolge von Ursula Engelen-Kefer als DGB-Vize-Chefin steht mehr als eine Personalfrage."},"content":{"rendered":"<p>Gerade in Zeiten einer Gro&szlig;enkoalition, wo der politische Streit eher unter den Teppich gekehrt wird, wo die kleinen Oppositionsparteien nicht mehr in die ver&ouml;ffentlichte Debatte vordringen, w&auml;ren die gro&szlig;en gesellschaftlichen Institutionen, wie die Gewerkschaften gefordert, au&szlig;erparlamentarisch die Regierung anzutreiben und die von ihr gemachte Politik, mit den eigenen Vorstellungen und Konzepten zu konfrontieren. Statt nun alle, wirklich alle Kraft darauf zu konzentrieren, auf dem Feld einer arbeitnehmerorientierten Sozial- und Wirtschaftspolitik in die Offensive zu gehen, betreiben einige <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/data\/2005\/12\/05\/813035.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.welt.de\/data\/2005\/12\/05\/813035.html\">&bdquo;hohe Gewerkschaftsfunktion&auml;re&ldquo;<\/a> eine ziemlich j&auml;mmerliche Personaldebatte, um die Nachfolge von Ursula Engelen-Kefer als stellvertretende DGB-Vorsitzende.<br>\n<!--more--><br>\nMit der Bildung einer gro&szlig;en Koalition wurde der von Schr&ouml;der mit seiner Agenda eingeleitete &bdquo;Reformkurs&ldquo; in der Wirtschafts- und Sozialpolitik stabilisiert. Die eindimensional angebotsorientierte Wirtschaftspolitik wird fortgesetzt, in der Koalitionsvereinbarung steht weiterhin die Verbesserung der Investitionsbedingungen f&uuml;r die Unternehmen mit weiteren Steuererleichterungen, erweiterte Abschreibungsbedingungen und Investitionsanreizen im Vordergrund. Das auf vier Jahre angelegte &bdquo;Investitionsprogramm&ldquo; ist eher ein Placebo.<br>\nDie Sozialpolitik, so h&ouml;rt man uni sono, soll sich auf F&uuml;rsorge f&uuml;r Bed&uuml;rftige reduzieren.<br>\nVor allem wegen dieses angestrebten, in der Koalition nicht mehr kontroversen Systemswechsels weg von einer solidarischen Absicherung gegen die Risiken des Arbeitsmarktes und weg von einer eine ausk&ouml;mmlichen umlagefinanzierten Altersvorsorge, w&auml;re es wichtig, dass die Gewerkschaften, als die Vertretung der Arbeitnehmer, die von diesem Systemwechsel unmittelbar betroffen sind, das Schweigekartell der Gro&szlig;koalition&auml;re mit ihren eigenen Vorstellungen und Konzepten des im Grundgesetz verankerten Sozialstaates konfrontieren. <\/p><p>Da Politik in einer zunehmend medial vermittelten Demokratie vor allem &uuml;ber Personen vermittelt wird, w&auml;re es wichtig, dass es im gesch&auml;ftsf&uuml;hrenden Bundesverstand des DGB kompetente, kampferfahrene und mutige Stimmen g&auml;be, die sich auf dem Feld der Sozial-, Arbeitsmarkt-, Gesundheits- oder Rentenpolitik &ouml;ffentliches und politisches Geh&ouml;r verschaffen k&ouml;nnten.<\/p><p>Die seit 16 Jahren dem DGB-Bundesvorstand angeh&ouml;rende stellvertretende Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer hat das mit all ihrer Kraft immer wieder getan. Sie hat die Positionen des DGB vehement vertreten, wo andere Gewerkschaftsvertreter schon mit der Schere des Kompromisses im Kopf in die Debatte gingen. Sie hat im &ouml;ffentlichen und medialen Streit oft genug ziemlich alleine gelassen mit ihrer Fachkompetenz gegen den Strom angek&auml;mpft.<br>\nAls zerbrechlich wirkende Frau wurde sie mit ihrer Renitenz nur allzu oft offen oder hinter vorgehaltener Hand von den politischen Platzhirschen und den machohaften Medienprofis als &bdquo;Nervens&auml;ge&ldquo; abgestempelt. Sie hat sich in Expertenkreisen Respekt verschafft, aber sich selbst unter den Gewerkschaften, aber auch im SPD-Bundesvorstand, in der Union und schon gar in der FDP nur wenige &bdquo;Freunde&ldquo; geschaffen. Sie musste deshalb viele verdeckte und offene Anfeindungen aushalten. Weil sie Prinzipientreue nicht mit Sturheit oder gar Unbelehrbarkeit verwechselt hat, war sie durchaus zu Kompromissen bereit und hat ihren Kopf daf&uuml;r hingehalten, was ihr oft wiederum Kritik von der eigenen Gewerkschaftsbasis eingetragen hat. Oft sa&szlig; sie also zwischen allen St&uuml;hlen.<\/p><p>Die Vize-Chefin des DGB ist nun 63 Jahre alt, und in diesem Alter w&auml;re es ihr zu g&ouml;nnen, wenn sie sich aus der vordersten Front der Gewerkschaftsarbeit etwas zur&uuml;ckziehen k&ouml;nnte. Nichts dagegen zu sagen also, wenn sich die Findungskommission der verschiedenen Einzelgewerkschaften Gedanken &uuml;ber eine Nachfolge macht. F&uuml;r eine Organisation, die ihren Bundeskongress unter das Motto stellt &bdquo;Die W&uuml;rde des Menschen ist unser Ma&szlig;stab&ldquo;, ist allerdings die Form, in der diese Nachfolgedebatte gef&uuml;hrt wird, alles andere als angemessen. Da wird argumentiert, man k&ouml;nne nicht glaubhaft gegen die Rente mit 67 Jahren mobilisieren, wenn man jemand im Alter von 63 nochmals w&auml;hlen w&uuml;rde, da wird &uuml;ber die Bande der Medien gespielt, es wird anonym Boshaftes kolportiert, sie wird in die linke Ecke gestellt und vor allem wird sie als Traditionalistin, als Vertreterin des &bdquo;alten&ldquo; oder nostalgischen Sozialstaatsdenkens abgetan.<\/p><p>Sp&auml;testens hier geht die Personaldebatte &uuml;ber die Personen weit hinaus und trifft das Kernanliegen der Gewerkschaftsbewegung, n&auml;mlich die Zukunft einer arbeitnehmerorientierten Sozialpolitik. Haben sich nicht schon allzuviele in den Spitzen der Einzelgewerkschaften und im DGB entgegen der Beschlusslage und entgegen mancher Reden auf Gewerkschaftstagen mit der &bdquo;gr&uuml;ndlichen Umgestaltung des Sozialstaates&ldquo; und mit einer Reduktion der Sozialsysteme auf eine &bdquo;Grundversorgung&ldquo; abgefunden? Wird von Gewerkschaften wie der IG BCE oder von Transnet nicht schon ganz offen mit einer Spaltung der Gewerkschaftsbewegung gedroht? Hat nicht ein gro&szlig;er Teil der Funktion&auml;re trotz verbaler Attacken die &bdquo;Hartz-Reformen&ldquo;, die Privatisierung der Rente oder die Gesundheitsreform vor allem auf dem R&uuml;cken der Patienten schon l&auml;ngst geschluckt? Hat man sich nicht schon die Tolerierung des &bdquo;Agenda-Kurses&ldquo; dadurch abkaufen lassen, dass (jedenfalls vorl&auml;ufig und auf der gesetzlichen Ebene) nicht weiter in die Tarifautonomie eingeschnitten werden soll? Hat man nicht auch in der Gewerkschaftsbewegung &ndash; &auml;hnlich wie in der SPD &ndash; schon l&auml;ngst unausgesprochen und unausdiskutiert einen Kurswechsel &bdquo;von oben&ldquo; vollzogen?<\/p><p>Das w&auml;ren die Themen, die vor einer personellen Neuaufstellung des DGB-Bundesvorstandes an- und ausgesprochen werden m&uuml;ssten. Und auf diesem Feld m&uuml;ssten sich m&ouml;gliche Nachfolgerinnen oder Nachfolger profilieren und sich mit Engelen-Kefer streiten und messen, damit die Delegierten eine politische Wahl- und Personalentscheidung treffen k&ouml;nnten.<br>\nDie zentrale Frage f&uuml;r den gewerkschaftlichen Dachverband m&uuml;sste sein, wer w&auml;re in der Lage und wer h&auml;tte die Statur gerade in einer Phase, in der die gewerkschaftliche Programmatik und die Interessen der Arbeitnehmer auf dem Feld der Sozialpolitik v&ouml;llig in die Defensive geraten sind, Ursula Engelen-Kefer zu ersetzen und ihre Rolle besser auszuf&uuml;llen.<\/p><p>Stattdessen wird hinter verschlossenen T&uuml;ren und bei Pressegespr&auml;chen allenfalls mit geschlossenem Visier &uuml;ber &Auml;u&szlig;erlichkeiten der langj&auml;hrigen DGB-Vorsitzenden gel&auml;stert. Das ist eine Form des Streits, der weder solidarisch, geschweige denn der schwierigen und schwach geworden Position der Gewerkschaften in der politischen Auseinandersetzung angemessen ist. Zum Schaden f&uuml;r den DGB und f&uuml;r die von ihm vertretenen Arbeitnehmer. Die Arbeitgeberseite und vor allem die Versicherungswirtschaft, mit der Engelen-Kefer wegen des sog. R&uuml;ckholfaktors bei der &bdquo;Riester-Rente&ldquo; in heftigem Streit lag, d&uuml;rften erleichtert aufatmen.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade in Zeiten einer Gro&szlig;enkoalition, wo der politische Streit eher unter den Teppich gekehrt wird, wo die kleinen Oppositionsparteien nicht mehr in die ver&ouml;ffentlichte Debatte vordringen, w&auml;ren die gro&szlig;en gesellschaftlichen Institutionen, wie die Gewerkschaften gefordert, au&szlig;erparlamentarisch die Regierung anzutreiben und die von ihr gemachte Politik, mit den eigenen Vorstellungen und Konzepten zu konfrontieren. 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