{"id":103058,"date":"2023-08-30T11:00:47","date_gmt":"2023-08-30T09:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103058"},"modified":"2023-08-30T14:34:31","modified_gmt":"2023-08-30T12:34:31","slug":"im-treibsand-oder-noch-immer-kein-endgame-in-sicht-fuer-afghanische-ortskraefte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103058","title":{"rendered":"Im Treibsand &#8211; oder: Noch immer kein \u201eEndgame\u201c in Sicht f\u00fcr afghanische Ortskr\u00e4fte"},"content":{"rendered":"<p>In der Nacht vom 30. auf den 31. August 2021 senkte sich auch der Vorhang f&uuml;r die US-Truppen am Hindukusch. &bdquo;Ich bin hier, um die Vollendung unseres Abzugs aus Afghanistan zu verk&uuml;nden&ldquo;, sagte US-General Kenneth McKenzie, der das US-Zentralkommando <em>Centcom<\/em> f&uuml;hrte, in einer Videoschalte mit Journalisten im Pentagon. An Bord des letzten US-Milit&auml;rflugzeugs, das vom Kabuler Flughafen abhob, befand sich mit Generalmajor Christopher Donahue auch der letzte GI, der das Land nach 20-j&auml;hrigem Krieg verlie&szlig;. Einen sicheren Abzug dieser Art h&auml;tten sich sehnlichst auch und gerade die afghanischen Ortskr&auml;fte der westlichen Truppenverb&auml;nde gew&uuml;nscht. Ein R&uuml;ck- und Ausblick von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7942\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-103058-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230830-Afghanistan-im-Treibsand-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230830-Afghanistan-im-Treibsand-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230830-Afghanistan-im-Treibsand-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230830-Afghanistan-im-Treibsand-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=103058-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230830-Afghanistan-im-Treibsand-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230830-Afghanistan-im-Treibsand-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>&bdquo;<strong>Die deutsche Schande von Kabul&ldquo;<\/strong><\/p><p>Ortskr&auml;fte, das waren jene afghanischen Frauen und M&auml;nner, die bis vor zwei Jahren als Dolmetscher, &Uuml;bersetzer u.&auml;. t&auml;tig waren, ohne deren Hilfe ausl&auml;ndische Milit&auml;rs, Botschaftsangeh&ouml;rige, Mitarbeiter von entwicklungspolitischen und Hilfsorganisationen sowie Nicht-Regierungsorganisationen (NRO) wie orientierungslose Pfadfinder durchs Land getappt w&auml;ren. Bereits w&auml;hrend der aufw&uuml;hlenden Szenen, die sich in der zweiten Augusth&auml;lfte 2021 abspielten, mussten diese Ortskr&auml;fte die bittere Erfahrung machen, vampiristisch ausgesaugt worden zu sein.<\/p><p>In der Novemberausgabe 2021 der Monatszeitschrift <em>Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik<\/em> beschrieb Erik Marquardt, Fotojournalist und Mitglied des Europ&auml;ischen Parlaments (Greens\/EFA), in einem mit &bdquo;<em>Die deutsche Schande von Kabul&ldquo;<\/em> betitelten Beitrag wenig Schmeichelhaftes &uuml;ber die bundesdeutschen Evakuierungsma&szlig;nahmen am Kabuler Flughafen drei Monate zuvor:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Bei der &sbquo;Kabul Luftbr&uuml;cke&lsquo; erleben wir t&auml;glich, wie die Rettung von Menschen verhindert wird, weil Verfahren aus b&uuml;rokratischen Gr&uuml;nden verschleppt werden oder niemand zust&auml;ndig sein m&ouml;chte. Das hat fatale Folgen: Mehrere Menschen, die auf deutschen Evakuierungslisten stehen, wurden bereits von den Taliban hingerichtet. Obwohl deutsche Stellen &ouml;ffentlich behauptet haben, dass alle diese Menschen ausgeflogen werden sollen, wurde ihre Rettung praktisch verhindert: Listen wurden nicht weitergeleitet, Busse konnten nicht bezahlt werden, Flugkapazit&auml;ten wurden nicht ausgeweitet und die Abstimmung verschiedener Beh&ouml;rden lief so schlecht, dass wir in zahlreichen Gespr&auml;chen Informationen von einem ins andere Ministerium tragen mussten.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Solche Erfahrungen zeigten laut Marquardt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>(&hellip;), dass die Bundesregierung mit dem entsprechenden politischen Willen viel mehr Menschen h&auml;tte retten k&ouml;nnen. Doch stattdessen entschied sie sich, die Evakuierung abzubrechen. Wie diese Verschleppung durch deutsche Beh&ouml;rden funktioniert, zeigt sich auch an der Familienzusammenf&uuml;hrung: 4.000 Menschen aus Afghanistan stehen laut Recherchen des Magazins &sbquo;Panorama&lsquo; und nach Auskunft des Ausw&auml;rtigen Amts seit bis zu zwei Jahren auf der Warteliste f&uuml;r einen Termin, um &uuml;berhaupt die ben&ouml;tigten Unterlagen einreichen zu k&ouml;nnen. Aufgrund dieser Verz&ouml;gerungstaktik sind viele Menschen nun unter Taliban-Herrschaft geraten, obwohl sie das Recht auf eine Familienzusammenf&uuml;hrung in Deutschland haben. Inzwischen landen auch regelrecht absurde F&auml;lle in unseren Postf&auml;chern: So bekam ein allein reisender 10-j&auml;hriger Junge im afghanischen Herat die Nachricht, dass er nun nach Deutschland evakuiert werden k&ouml;nnte. Er m&uuml;sse dazu allerdings zur deutschen Botschaft ins Nachbarland Pakistan gehen. Dass die Grenzen geschlossen sind und man dort nicht hinkommt, sagte ihm jedoch niemand.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Eineinhalb Jahre sp&auml;ter hei&szlig;t es zu diesem Themenkomplex in einem am 11. Mai 2023 vom <em>Evangelischen Pressedienst (epd) <\/em>publizierten Bericht:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Bei der Evakuierungsaktion aus Afghanistan im Sommer 2021 sind nach Angaben eines Zeugen im Bundestags-Untersuchungsausschuss aus ungekl&auml;rten Gr&uuml;nden nur wenige afghanische Ortskr&auml;fte der Bundeswehr ausgeflogen worden. Wie der damals f&uuml;r das Ortskr&auml;fteverfahren zust&auml;ndig Oberstleutnant am Donnerstag (11. Mai 2023 &ndash; RW) in Berlin sagte, konnte von allen Beteiligten ihm bis heute niemand stichhaltig erkl&auml;ren, warum nicht mehr Ortskr&auml;fte ausgeflogen wurden. Diese Episode lasse ihn &sbquo;ratlos zur&uuml;ck&lsquo;.<\/em><\/p>\n<p><em>Unter den mehr als 5.000 ausgeflogenen Menschen seien lediglich 30 Ortskr&auml;fte mit ihren Familien gewesen. Dass viele andere Ortskr&auml;fte trotz gro&szlig;er Bem&uuml;hungen aus Deutschland nicht auf das Flughafengel&auml;nde in Kabul gelangt seien, habe f&uuml;r &sbquo;deutlichen Unmut&lsquo; auf der Leitungsebene des Verteidigungsministeriums gef&uuml;hrt. Der Zeuge, dessen Name ungenannt bleiben sollte, war nach eigenen Angaben fast zehn Jahre mit dem Schutz von Ortskr&auml;ften der Bundeswehr befasst. (&hellip;)<\/em><\/p>\n<p><em>Die Bundeswehr sei sich der besonderen Verantwortung f&uuml;r ihre Ortskr&auml;fte bewusst, betonte der Oberstleutnant. Doch habe das Verteidigungsministerium die Rolle des &sbquo;Bittstellers&lsquo; gegen&uuml;ber dem Bundesinnenministerium und dem Au&szlig;enministerium innegehabt, wenn es um Visa f&uuml;r die Ausreise der afghanischen Mitarbeiter gegangen sei.<\/em><\/p>\n<p><em>Am 16. Juni 2021 hatte die gro&szlig;e Koalition aus Union und SPD sich darauf verst&auml;ndigt, in einem vereinfachten Verfahren allen Ortskr&auml;ften von Bundeswehr und Polizei, die ab 2013 ein Visum f&uuml;r Deutschland angestrebt hatten, dieses zu bewilligen. Da allerdings die Visastelle der deutschen Botschaft in Kabul geschlossen war, mussten Ortskr&auml;fte mit ihren Familien f&uuml;r die Visaverfahren zu den deutschen Botschaften nach Pakistan oder Indien reisen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;<strong>Verteidigungs&ldquo;bereitschaft allerorten &ndash; allseits defensiv vis-&agrave;-vis Ortskr&auml;ften<\/strong><\/p><p>Und das auf eigene Kosten. Das Verteidigungsministerium als &bdquo;Bittsteller&ldquo;? Waren es nicht ausgerechnet zwei fr&uuml;here Bundesminister, Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) sowie Au&szlig;enminister Guido Westerwelle (FDP), die jeweils im weihevollen Brustton der &Uuml;berzeugung am 11. M&auml;rz 2004 beziehungsweise am 12. April 2013 im Deutschen Bundestag w&ouml;rtlich erkl&auml;rt hatten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt&ldquo; (Struck)<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>und<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>In Mali wird auch Europas Freiheit verteidigt&ldquo; (Westerwelle)<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Mittlerweile gilt Gleiches auch mit Blick auf die Ukraine. Bei so viel &bdquo;Verteidigungs&ldquo;bereitschaft allerorten war auff&auml;llig, dass insbesondere der f&uuml;r die eigenst&auml;ndige nationale Sicherheit Afghanistans mitverantwortliche Apparat &ndash; in diesem Falle die Polizei samt Ortskr&auml;fte &ndash; die offensichtlich h&ouml;chsten H&uuml;rden zu &uuml;berwinden hatte. Das betraf vor allem das sogenannte <em>Police Cooperation Project (PCP)<\/em> der bundeseigenen <em>Gesellschaft f&uuml;r Internationale Zusammenarbeit (GIZ<\/em> &ndash; Bonn\/Eschborn). In diesem ehemaligen Projekt zur Polizeiausbildung in Afghanistan waren zum Zeitpunkt der neuerlichen Macht&uuml;bernahme durch die Taliban am 15. August 2021 noch &uuml;ber 1.500 Menschen im Auftrag der GIZ t&auml;tig. Diese PCP-Mitarbeiter galten GIZ-intern als &bdquo;besonders gef&auml;hrdet durch ihre Sichtbarkeit in der &Ouml;ffentlichkeit und Zusammenarbeit mit der Polizei.&ldquo;<\/p><p>Die Crux: Just diese Mitarbeiter verf&uuml;gten allerdings nur &uuml;ber sogenannte Werkvertr&auml;ge mit der GIZ oder waren von Subunternehmen angeheuert worden. Zwar teilte das <em>Bundesministerium f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) <\/em>mit, f&uuml;r ehemalige Mitarbeiter im PCP-Projekt &bdquo;gelten dieselben Regelungen wie f&uuml;r andere Ortskr&auml;fte und Werkvertragsnehmende&ldquo;. Aus vertraulichen Regierungsdokumenten ging jedoch hervor, dass Beamte bei der Pr&uuml;fung von Werkvertragsnehmern eine &bdquo;restriktive Handhabung&ldquo; anwenden sollen. In der Folge wurde von mehr als 1.300 PCP-Mitarbeitern, die eine Gef&auml;hrdung angezeigt hatten, lediglich 56 eine Aufnahmezusage erteilt. Mehr als 1.000 wurden abgelehnt.<\/p><p>Seit August 2021 kamen &uuml;ber 30.000 Menschen aus Afghanistan nach Deutschland &ndash; darunter mehr als 4.000 Ortskr&auml;fte sowie etwa 2.500 gef&auml;hrdete Personen und deren Familienangeh&ouml;rige. Laut BMZ sind bis dato von 6.600 Gef&auml;hrdungsanzeigen rund 3.400 F&auml;lle positiv beschieden worden. 2.500 F&auml;lle seien hingegen abgelehnt worden und 700 bef&auml;nden sich noch in der Pr&uuml;fung. Insgesamt &uuml;ber 40.000 Personen hat die Bundesregierung eine Aufnahme allein im Rahmen ihres <em>Bundesaufnahmeprogramms Afghanistan (BAP) <\/em>in Aussicht gestellt, wenngleich dieses seit dem Fr&uuml;hjahr stockt. Es werden vorerst nur Personen ber&uuml;cksichtigt, die bereits eine Aufnahmezusage haben oder die schon von einer meldeberechtigten Stelle an die Bundesregierung gemeldet wurden.<\/p><p><strong>Schleppende staatliche Aufkl&auml;rung<\/strong><\/p><p>Ein Afghanistan-Untersuchungsausschuss des Bundestages sowie eine eigens von diesem vor einem Jahr eingesetzte Enquete-Kommission sind damit befasst, Lehren aus dem Krieg am Hindukusch f&uuml;r die deutsche Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik zu ziehen, der vielfach noch immer nur als &bdquo;Einsatz&ldquo; beschrieben wird. Der Leiter der Enquete-Kommission, der SPD-Au&szlig;enpolitiker Michael M&uuml;ller, r&auml;umte gegen&uuml;ber Medienvertretern ein, dass Deutschland die Entscheidungsstrukturen in Afghanistan nie wirklich verstanden habe:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Wir sind ja in Afghanistan nicht auf ein Staatsgebilde gesto&szlig;en, wie wir es kennen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Die Menschen in den l&auml;ndlichen Regionen Afghanistans h&auml;tten sich gar nicht um das gek&uuml;mmert, was in den gro&szlig;en St&auml;dten passiert. Stattdessen h&auml;tten dort die Dorf&auml;ltesten entschieden, konstatierte M&uuml;ller:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Und wenn man in einem Land etwas aufbauen will, muss man ja die Bev&ouml;lkerung gewinnen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Dazu z&auml;hlten zuv&ouml;rderst die wichtigsten Entscheidungstr&auml;ger vor Ort, was aber nicht gelungen sei. Weitere Probleme, so M&uuml;ller, resultierten aus der mangelnden Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Bundesministerien. Diese h&auml;tten sich zwar ausgetauscht, aber letztlich gab es kein koordiniertes Vorgehen aller Beteiligten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Das waren sechs oder sieben Ressorts, die gefordert waren. Und weder hier in Berlin noch dann in Afghanistan vor Ort wurde es ein koordinierter Einsatz, wo alle an einem Strang gezogen haben.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Stattdessen habe man der Bundeswehr Aufgaben &uuml;bertragen, f&uuml;r die sie mitnichten zust&auml;ndig war &ndash; beispielsweise den &uuml;beraus komplexen Bereich <em>&bdquo;nation building&ldquo;.<\/em><\/p><p>Dem vom Bundestag am 8. Juli 2022 eingesetzten Afghanistan-Untersuchungsausschuss unter dem Vorsitz von Ralf Stegner (SPD) obliegt die Aufgabe, die Geschehnisse im Zusammenhang mit dem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan und der Evakuierung des deutschen Personals, der Ortskr&auml;fte und anderer betroffener Personen zu analysieren. Betrachtet wird der Zeitraum vom 29. Februar 2020 &ndash; dem Abschluss des sogenannten Doha-Abkommens zwischen der US-Regierung unter Ex-Pr&auml;sident Donald Trump und Vertretern der Taliban &ndash; bis zum Ende des Mandats zur milit&auml;rischen Evakuierung aus Afghanistan am 30. September 2021.<\/p><p>Was immer auch das Fazit dieses Ausschusses sowie das der Enquete-Kommission ausfallen wird, es bleibt zu bezweifeln, ob jemals ernsthaft das Hauptproblem zur Sprache kommt: Ob nun in Afghanistan, im Irak, in Libyen, Niger, Sudan oder anderswo &ndash; die dorthin entsandten milit&auml;rischen Truppenkontingente samt &bdquo;entwicklungs&ldquo;politischem Tross wurden in den jeweiligen L&auml;ndern letztlich als <em>Besatzer<\/em> wahrgenommen! Milit&auml;rische Interventionen, massive politische Einmischungen und &bdquo;demokratische Transformationen&ldquo; von au&szlig;en funktionier(t)en nicht nur nicht, im Gegenteil: Sie sch&uuml;r(t)en interne Unruhen und f&uuml;hrten geradewegs zu gr&ouml;&szlig;eren Katastrophen!<\/p><p><strong>Goodwill-Geste mit kargem Resultat &amp; private Hilfsinitiativen<\/strong><\/p><p>Vor einem Jahr, am 6. September 2022, fand in der Evangelischen Akademie zu Berlin ein erster Kongress zu und mit afghanischen Ortskr&auml;ften statt, auf dem die <em>Beauftragte der Bundesregierung f&uuml;r Menschenrechtspolitik und Humanit&auml;re Hilfe im Ausw&auml;rtigen Amt<\/em>, Luise Amtsberg, eine bemerkenswerte Rede hielt. Dort n&auml;mlich erkl&auml;rte sie immerhin:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Es reicht nicht aus, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Es ist n&ouml;tig, dass wir uns aus der Lehre des Geschehenen heraus auch bei Ihnen entschuldigen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Frau Amtsberg &auml;u&szlig;erte sich bei der Gelegenheit &uuml;ber die noch etwa 14.000 gef&auml;hrdeten afghanischen Ortskr&auml;fte und deren Familien, die aktuell in Afghanistan verharren und nur noch auf Hilfe der Bundesregierung hoffen k&ouml;nnen. An deren Adresse gerichtet, forderte sie ein f&uuml;r alle Bundesl&auml;nder zu &uuml;berarbeitendes Ortskr&auml;fteverfahren, das folgende vier Eckpunkte beinhalten soll:<\/p><ol>\n<li><em>Eine erweiterte Definition des Begriffs Ortskr&auml;fte<\/em><\/li>\n<li><em>Erleichterte Antragsverfahren<\/em><\/li>\n<li><em>Die Erweiterung des bisherigen Familienbegriffs<\/em><\/li>\n<li><em>Die dauerhafte finanzielle F&ouml;rderung der Arbeit der Zivilgesellschaft<\/em><\/li>\n<\/ol><p>In diesem Zusammenhang wies Frau Amtsberg auch darauf hin:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Wenn Deutschland kein zuverl&auml;ssiger Arbeitgeber, kein zuverl&auml;ssiger Partner ist, dann laufen all diese Bem&uuml;hungen zwangsl&auml;ufig ins Leere.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Eben. Um wenigstens da gegenzusteuern, haben sich zwischenzeitlich mehrere private Initiativen gebildet, um wirklich unb&uuml;rokratische Direkthilfen f&uuml;r afghanische Ortskr&auml;fte und ihre Familienangeh&ouml;rigen zu organisieren. So zum Beispiel das <em>Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskr&auml;fte e.V.<\/em>, das u.a. die oben genannte Tagung in der Evangelischen Akademie ausrichtete.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Wir sind den Menschen gegen&uuml;ber verantwortlich, die uns in Afghanistan unterst&uuml;tzt, geholfen und vertraut haben&ldquo;,<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>lautet denn auch das Motto dieses <em>Patenschaftsnetzwerks<\/em>, das eng mit dem <em>F&ouml;rderverein PRO ASYL, Stiftung PRO ASYL <\/em>und dem<em> Deutschen BundeswehrVerband e.V. <\/em>kooperiert. Anstatt von Regierungsseite tatkr&auml;ftige Unterst&uuml;tzung zu erhalten, deutet momentan leider vieles darauf hin, dass die Ortskr&auml;fte-Debatte ins R&auml;derwerk parteipolitischer Kalk&uuml;le &ndash; zumal in Wahlkampfzeiten &ndash; ger&auml;t und im Rahmen eines aufgeheizten Streits &uuml;ber den k&uuml;nftigen Asyl- und Migrationskurs schn&ouml;de instrumentalisiert wird.<\/p><p><strong>Exorbitante Kosten &amp; grassierendes Elend<\/strong><\/p><p>Das renommierte <em>Costs of War<\/em>-Projekt der US-amerikanischen <em>Brown University<\/em> errechnete, dass allein die USA seit dem Einmarsch in Afghanistan im Jahr 2001 2,313 Billionen Dollar f&uuml;r den Krieg am Hindukusch ausgegeben haben. In dieser Summe sind weder die Mittel enthalten, die Washington f&uuml;r die lebenslange Versorgung der eigenen Kriegsveteranen aufwenden muss, noch die k&uuml;nftigen Zinszahlungen f&uuml;r die zur Finanzierung des Krieges aufgenommenen Gelder. Und: Die 2,313 Billionen Dollar sind nur Teil der insgesamt gesch&auml;tzten Gesamtkosten in H&ouml;he von acht Billionen US-Dollar f&uuml;r Washingtons Kriege nach 9\/11. Acht Billionen US-Dollar &ndash; das entspricht der Summe des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der BRD f&uuml;r die Jahre 2021 und 2022!<\/p><p>S&auml;mtliche Sozialindikatoren (Armut, Mangel- und Unterern&auml;hrung, Arbeitslosigkeit und Unterbesch&auml;ftigung, Kindersterblichkeit u.&auml;.) weisen das Land am Hindukusch gegenw&auml;rtig als ein Land aus, das weitaus schlechter dasteht als zu Beginn des US-gef&uuml;hrten <em>&bdquo;war on terror&ldquo;<\/em>! Vor allem in den St&auml;dten seien in den vergangenen zwei Jahren immer mehr Menschen in die Armut getrieben worden, berichtete j&uuml;ngst die Sprecherin der Hilfsorganisation <em>International Rescue Committee (IRC),<\/em> Samira Sayed Rahman, dem <em>Evangelischen Pressedienst (epd).<\/em> In Kabul habe sie vor B&auml;ckereien noch nie so viele bettelende Menschen gesehen wie zuletzt, sagte Rahman. Nach Angaben des IRC ben&ouml;tigen 30 Millionen Menschen &ndash; drei Viertel der Bev&ouml;lkerung &ndash; dringend humanit&auml;re Hilfe. Die Vereinten Nationen melden, dass vier Millionen Menschen akut unterern&auml;hrt seien, darunter 3,2 Millionen Kinder unter f&uuml;nf Jahren.<\/p><p><strong>Deutsche Bringschuld<\/strong><\/p><p>Eingedenk einer solch desolaten Lage mehren sich die Stimmen, die auf verst&auml;rktes humanit&auml;res Engagement in Afghanistan und dabei auf m&ouml;gliche partielle Kooperationen mit den Taliban &ndash; zumindest Teilen derselben &ndash; unterhalb der Ebene einer diplomatischen Anerkennung setzen. Nur wer sich daf&uuml;r einsetze, so beispielsweise die Argumentation der <em>Deutschen Welthungerhilfe e.V. <\/em>(Bonn), wenigstens einen Spaltbreit der T&uuml;r nach Afghanistan und zu seinen Menschen ge&ouml;ffnet zu halten, verf&uuml;ge wenigstens &uuml;ber einen &ndash; wie eng auch immer bemessenen &ndash; Handlungsspielraum. Ein solcher ist gegenw&auml;rtig freilich nur seitens engagierter NRO mit Empathie und politisch-diplomatischer Sensibilit&auml;t zu realisieren. Mit gesinnungsethischem Rigorismus und &bdquo;feministischer Au&szlig;enpolitik&ldquo;, wodurch einzig auf Sanktionismus gepocht und nur innerhalb vom U.S. State Department gesetzter Parameter agiert wird, verharrt man kauernd am Ende einer olivgr&uuml;nen Sackgasse.<\/p><p>In einer Presseinformation des <em>Bundesausschusses Friedensratschlag<\/em> vom 25. August, die mit <em>Afghanistan zwei Jahre nach Abzug der NATO &ndash; gegen die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln<\/em> betitelt ist, hei&szlig;t es dazu:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Die im Bundesausschuss Friedensratschlag vertretenen Gruppierungen wenden sich entschieden gegen die Politik von Au&szlig;enministerin Baerbock, die selbst humanit&auml;re Hilfen f&uuml;r Afghanistan von der Einhaltung von Frauenrechten abh&auml;ngig machen will, und protestieren gegen die Senkung des deutschen Beitrags von bereits mickrigen 330 Millionen Euro im letzten Jahr auf 39 Millionen in diesem.<\/em><\/p>\n<p><em>Sie fordern die Bundesregierung und die Regierungen der &uuml;brigen NATO-Staaten auf, ihre Embargoma&szlig;nahmen unverz&uuml;glich zu beenden und die afghanischen Gelder auf westlichen Konten freizugeben.<\/em><\/p>\n<p><em>Sie d&uuml;rfen Afghaninnen und Afghanen nicht weiter zur Geisel ihrer Politik machen, sondern m&uuml;ssen ihrer Verantwortung f&uuml;r das durch zwanzig Jahre Krieg und Besatzungspolitik angerichtete Desaster gerecht werden: d.h. Wiedergutmachung leisten f&uuml;r die Opfer des Krieges und die angerichteten Sch&auml;den sowie umfassende Hilfe f&uuml;r den Wiederaufbau.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Wahrlich das Minimalgebot der Stunde: Zu Recht sprechen intime Afghanistankenner wie Thomas Ruttig <em>(Afghanistan Analysts Network)<\/em> in diesem Zusammenhang von einer &bdquo;deutschen Bringschuld&ldquo;.<\/p><p><em><strong>Die Quellen\/Links zum vorliegenden Beitrag finden Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/230830-Werning-EndGame-Afghanistan.pdf\">hier als PDF<\/a>.<\/strong><\/em><\/p><p>Titelbild: Trent Inness \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Nacht vom 30. auf den 31. August 2021 senkte sich auch der Vorhang f&uuml;r die US-Truppen am Hindukusch. &bdquo;Ich bin hier, um die Vollendung unseres Abzugs aus Afghanistan zu verk&uuml;nden&ldquo;, sagte US-General Kenneth McKenzie, der das US-Zentralkommando <em>Centcom<\/em> f&uuml;hrte, in einer Videoschalte mit Journalisten im Pentagon. An Bord des letzten US-Milit&auml;rflugzeugs, das vom<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103058\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":102469,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,188,20],"tags":[351,881,1171,358,3208,2307,3109,2664,2752],"class_list":["post-103058","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-bundesregierung","category-landerberichte","tag-afghanistan","tag-armut","tag-asyl","tag-bundeswehr","tag-kriegskosten","tag-mueller-1964-michael","tag-taliban","tag-truppenabzug","tag-untersuchungsausschuss"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/shutterstock_2025653837.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/103058","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=103058"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/103058\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103084,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/103058\/revisions\/103084"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/102469"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=103058"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=103058"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=103058"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}