{"id":103117,"date":"2023-08-31T10:17:40","date_gmt":"2023-08-31T08:17:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103117"},"modified":"2023-08-31T12:55:29","modified_gmt":"2023-08-31T10:55:29","slug":"braucht-es-eine-deutsche-haerte-im-sport-oder-auch-anderswo-es-braucht-gute-bedingungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103117","title":{"rendered":"Braucht es eine deutsche H\u00e4rte im Sport oder auch anderswo? Es braucht gute Bedingungen"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland ist eine gro&szlig;e Sportnation. Viele B&uuml;rger sind darauf stolz und freuen sich, wenn gerade in popul&auml;ren Sportarten ein Medaillensegen &uuml;ber die Athleten kommt. Nur ist es so wie im richtigen Leben, das klappt nicht immer, wie gerade bei der vergangenen Leichtathletik-WM in Budapest. Trotz aller M&uuml;hen. Das Abschneiden der bundesdeutschen Athleten wird dennoch heftig kritisiert, in manchen Gazetten als Schande beschimpft. Schon wird moniert, dass es den Teilnehmern an der Einstellung, an einer fehlenden H&auml;rte, an Gier nach Erfolg fehlte. Es fehlte und fehlt anderswo. Ein Kommentar von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_269\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-103117-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230831-Deutsche-Haerte-im-Sport-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230831-Deutsche-Haerte-im-Sport-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230831-Deutsche-Haerte-im-Sport-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230831-Deutsche-Haerte-im-Sport-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=103117-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230831-Deutsche-Haerte-im-Sport-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230831-Deutsche-Haerte-im-Sport-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Gewinnen geh&ouml;rt zur DNA der Deutschen<\/strong><\/p><p>Die Unzufriedenheit der medialen &Ouml;ffentlichkeit mit dem Abschneiden der deutschen Spitzensportler hinter den Medaillenr&auml;ngen verr&auml;t anderes als die Entt&auml;uschung &uuml;ber die Sportler. Es verr&auml;t die latente Arroganz der Kritiker, die meinen, dass im Sport wie im gesellschaftlichen Leben der erste Platz an der Sonne das Ma&szlig; aller Dinge sei. Ist es nicht, finde ich, und wenn doch, dann m&uuml;ssten die Voraussetzungen daf&uuml;r geschaffen werden, dass Erfolg auf Erfolg errungen wird. Was stattdessen passiert, ist das Nichtbereitstellen und sogar der Abbau von wichtigen Voraussetzungen in vielen gesellschaftlichen Bereichen und das vors&auml;tzliche Bauen der Entscheidungstr&auml;ger darauf, dass all die Defizite schon von der Basis ausgeglichen werden &ndash; Ehrenamt inklusive. Den Sportlern fehlende Gier vorzuwerfen, klingt wie der Vorwurf an B&uuml;rger, die in misslichen, gesellschaftlich verursachten Lagen leben, nicht genug Eigeninitiative zu zeigen.<\/p><p>Wir Deutschen bezeichnen unser Gemeinwesen als Leistungsgesellschaft. Schaffe, schaffe, H&auml;usle baue. Von nix kommt nix. Und wer nix wird, wird Wirt, wird schon mal gesp&ouml;ttelt, obschon die, die mehr geworden sind, auf die Leistungen der Gastwirtschaften bauen, um sich bedienen zu lassen. Okay, wenn also geschafft wird, zahlte es sich hierzulande bisher traditionell aus, ist in den vielen Statistiken &uuml;ber die deutsche Wirtschaft, &uuml;ber den Sport, &uuml;ber andere Bereiche zu erfahren. Wir sind oft Weltmeister, jubeln in vielen Disziplinen. Wir wollen jetzt sogar wieder im Milit&auml;rischen ganz vorn mitmischen. Gewinnen geh&ouml;rt zur DNA der Deutschen, gro&szlig;e Gewinne machen auch. Besonders bei denen, die an der Spitze der Nation stehen, wird diese Eigenschaft gelebt. Bei ihnen gilt der gierige Spruch, dass der Gewinner alles kriegt.<\/p><p><strong>Eine Schande?<\/strong><\/p><p>Nun soll eine Schande stattgefunden haben, Deutschlands Sportler standen nicht auf dem Siegertreppchen im wundersch&ouml;nen Stadion der ungarischen Hauptstadt. Es sei erw&auml;hnt: T&auml;glich ereignen sich Schandtaten, ohne dass eine solche &Uuml;berschrift dies anklagen w&uuml;rde. Diese kleinen und gro&szlig;en Taten oder auch die Nichttaten tragen dazu bei, dass wir Deutschen als Sportnation, als Wirtschaftsnation, als Land der Dichter und Denker, als Land mit einem Grundgesetz samt Artikel &uuml;ber die Unantastbarkeit der W&uuml;rde des Menschen ins Straucheln kommen wie die Leichtathletik-Staffel bei der Stab&uuml;bergabe.<\/p><p><strong>Medaillenlos sein ist nicht erfolglos. Deutschland gewinnt mal da und mal da<\/strong><\/p><p>Sind wir Deutschen wirklich erfolglos, absteigend, nicht zu retten im Sport? Ich meine, wir sind schon mal keine homogene Einheit, wir sind so verschieden und eben mal erfolgreich und mal weniger vorn. Bei der Leichtathletik-WM in Budapest sind unsere wackeren Athleten medaillenlos geblieben. Germany holte im gleichen Zeitraum Edelmetall beim Hockey. Wir Sportfreunde freuen uns &uuml;ber das Jahr &uuml;ber Triumphe beim Bobfahren, im Handball oder in der Formel 1, beim Triathlon. Dass Deutschland aktuell Weltmeister im Faustball geworden ist, hat bei den Fans, die nicht so viele wie beim Fu&szlig;ball sind, herzliche Freude ausgel&ouml;st. Faust ballen, ja das k&ouml;nnen wir auch. In der ewigen Bestenliste der olympischen Disziplinen steht Deutschland &uuml;brigens bei allem Murren auf Rang 2 hinter unseren Freunden aus den USA. Was will man mehr?<\/p><p><strong>Andere L&auml;nder f&ouml;rdern ihre Sportler besser<\/strong><\/p><p>Zur&uuml;ck zur Schande, das Wort ist sicher vom Autor als knackige &Uuml;berschrift &uuml;ber einen Boulevard-Artikel gedacht und verfehlt seine Wirkung beim Publikum nicht. Ein ehemaliger Leichtathlet beklagt in einer anderen Zeitung, dass den Sportlern die H&auml;rte abhandengekommen ist. Welche H&auml;rte? Die deutsche etwa, was soll das sein? Hat der Ex-Sportler sich mal bei den Athleten im Leichtathletikverband umgeh&ouml;rt? Hat er auch vernommen, wie es mit der Unterst&uuml;tzung aussieht? Hat er sich &Uuml;bertragungen aus der ungarischen Hauptstadt angeschaut und mitbekommen, als Frank Busemann als Co-Moderator der ARD im Angesicht eines furiosen Sieges einer holl&auml;ndischen Athletin erz&auml;hlte, dass in unserem Nachbarland Niederlande Sportler im Leistungssport zwischen 3.000 und 5.000 Euro Honorar erhielten, damit sie sich auf ihre Ziele, einst auf dem Siegerpodest zu stehen, in Ruhe und in wirtschaftlicher Sicherheit konzentrieren k&ouml;nnen? Deutschland bietet, so Busemann, Sporthilfe an&hellip;<\/p><p><strong>Der Ausstieg aus der Hamsterrad-Logik wird verh&ouml;hnt<\/strong><\/p><p>Andere Kommentare &uuml;ber den Sport und den angeblichen Misserfolg beklagen, dass die Ursachen bei den Menschen zu finden seien, weil diese nicht mehr buckeln wollen. Man verh&ouml;hnt mit dem l&auml;sternden Ton des Ausdrucks &bdquo;Work Life Balance&ldquo; die B&uuml;rger, die andere Lebenskonzepte versuchen, als w&auml;re deren Ausbrechen aus der Hamsterrad-Logik Kokolores. Dass moderne Unternehmen ihren Mitarbeitern diese Balance-M&ouml;glichkeit zur Basis erfolgreichen und nachhaltigen Arbeitens bieten und damit Erfolg haben, weist darauf hin, dass es kein Unfug ist. Warum sollte ein B&auml;cker wie eh und je in der Nacht arbeiten, wenn andere Arbeitszeitmodelle ihm das Leben erleichtern und seine Kunden dabei nicht mal verhungern m&uuml;ssen?<\/p><p>Erfolg hat viele V&auml;ter und M&uuml;tter, hei&szlig;t es so sch&ouml;n lyrisch. Ja, der Weg dahin ist steinig. Doch ist es wirklich eine Sache der H&auml;rte, wenn ein Kind in der Schule nicht so gut mitkommt und schlechte Noten mit nach Hause bringt, diesem dann das Wochenende schon mal in einer Atmosph&auml;re der Ablehnung, der Ermahnung, der Sanktionen, der Arrestierung (&bdquo;So, du hast jetzt Stubenarrest!&ldquo;) zu verderben? Wir freuen uns &uuml;ber Erfolge, wir sind schlecht, wenn es nicht so gut l&auml;uft. Aber was ist &bdquo;gut laufen&ldquo;? Ich schlage vor: Das Kind in den Arm nehmen bei einer schlechten Note, das ist eine echte Siegergeste.<\/p><p><strong>Dem Achten kein Wort &ndash; eine Untugend von uns Deutschen<\/strong><\/p><p>Seien wir ehrlich, wir freuen uns nicht oder zu wenig &uuml;ber die kleinen Erfolge, &uuml;ber die M&uuml;hen der Menschen, so wie im Sport. F&uuml;r uns ist der zweite Platz schon nicht genug, der vierte erst, die Qualifikation gar nicht. Das macht uns Deutsche nicht sympathisch, sondern hart und unnahbar. Eine kleine Episode: Bei einem Vorlauf der M&auml;nner in Budapest (ohne deutsche Teilnehmer) hatten die TV-Kommentatoren ausschlie&szlig;lich die Spitze im Blick. Der Achtplatzierte, ein Sportler aus unserem Nachbarland Tschechien, wurde mit keinem Wort bedacht. Tschechien ist wie wir Sportnation, Wirtschaftsnation, Kulturnation, Leistungsgesellschaft. Dort freut man sich &uuml;ber einen ersten Platz genauso wie &uuml;ber einen f&uuml;nften oder achten Platz. Ich f&uuml;hlte mich als Zuschauer, der den olympischen Gedanken mag und dessen empathischen Hintergrund, von den Kommentatoren nicht mitgenommen, die kein Wort f&uuml;r den Tschechen &uuml;brighatten &ndash; das w&auml;re aber sch&ouml;n gewesen. Was z&auml;hlte, das war und ist und bleibt also ausschlie&szlig;lich der Erfolg, der Sieg. &bdquo;The winner takes it all&ldquo;, sang einst ABBA.<\/p><p><strong>Beim Nachwuchsfu&szlig;ball gehen die Lichter aus?<\/strong><\/p><p>Nach der Leichtathletik die n&auml;chste Pein. Mit Beginn der neuen Saison rollt ein weiterer Niedergang auf uns Sportfreunde zu, liest man: Dass Kinder im Fu&szlig;ball dank eines Modellversuchs Wettk&auml;mpfe austragen, deren Ansatz nicht vordergr&uuml;ndig der Sieg, der Erfolg und folglich auch eine Niederlage, ein Misserfolg ist, l&auml;sst Experten und Traditionalisten aufheulen. Perspektivisch werde somit jede Nationalmannschaft, jedes Klubteam im internationalen Wettbewerb &uuml;ber Vorrunden nicht mehr hinauskommen, st&ouml;hnt man. Den Kindern werde das Sieger-Gen ausgetrieben, sie w&uuml;rden verweichlicht usw.<\/p><p><strong>Mut zu einer anderen Philosophie, Erfolge zu erreichen<\/strong><\/p><p>Warum aber so ein neuer Ansatz im Sport ausprobiert wird, derlei Inhalte finden sich in den Diskussionen dar&uuml;ber selten. Es ist so: Das Ziel ist die &Auml;nderung der Spiel- und Trainingsphilosophie. Es geht um die Freude aller Aktiven auf dem Platz, es geht um die Kinder. Alle. Bisher galt der Erfolg, also der Gewinn des Spiels, als Ma&szlig;stab. Dem wurde vieles untergeordnet, Nachwuchstrainer agierten wie ihre Kollegen im Erwachsenenbereich, der Taktik, dem Gewinnziel galt der Vorrang. Die besten Spieler wurden im Team aufgestellt, die weniger Talentierten schmorten auf der Ersatzbank. Sogar Spielertalente, verspielte, geniale dazu, wurden diszipliniert, gebremst, das Risiko des Misserfolges so minimiert, denn Dribblings k&ouml;nnen funktionieren, sie k&ouml;nnen aber auch schiefgehen &ndash; darauf folgt der Konter und vielleicht sogar der Siegtreffer des Gegners. Das zu verhindern, die Kontrolle zu behalten, sind Gr&uuml;nde, das Dribbling, den Individualismus des Einzelnen, das Fantastische im Spiel geradezu zu unterbinden &ndash; deutsche Tugenden wie Disziplin, Taktiktreue, H&auml;rte, Laufen bis zum Umfallen sollen Erfolge bringen. Wirklich?<\/p><p>Zur Beruhigung: Das einfache Spiel wird nicht abgeschafft. Das Bolzen auf dem Platz hinterm Haus wird nicht abgeschafft. Das Training und die Art, wie Kinder Wettbewerbe austragen, werden lediglich anders ausprobiert, dem sturen Leistungsgedanken wird M&auml;&szlig;igung auferlegt. Gerade deshalb kann Deutschland trotzdem wieder mal Fu&szlig;ballweltmeister werden, vielleicht, weil behutsam die Talente, die Ideen gef&ouml;rdert und gelassen werden. Das klingt sympathisch.<\/p><p>Titelbild: Yuganov Konstantin \/ Shutterstock<\/p><p><strong>Quellen:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/sport\/ernuchternde-bilanz-der-leichtathletik-wm-deutschland-ist-in-der-weltspitze-nicht-mehr-konkurrenzfahig-10373218.html\">tagesspiegel.de\/sport\/ernuchternde-bilanz-der-leichtathletik-wm-deutschland-ist-in-der-weltspitze-nicht-mehr-konkurrenzfahig-10373218.html<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.bild.de\/sport\/mehr-sport\/sport\/leichtathletik-wm-2023-die-deutschland-schande-ein-kommentar-85197874.bild.html\">bild.de\/sport\/mehr-sport\/sport\/leichtathletik-wm-2023-die-deutschland-schande-ein-kommentar-85197874.bild.html<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland ist eine gro&szlig;e Sportnation. Viele B&uuml;rger sind darauf stolz und freuen sich, wenn gerade in popul&auml;ren Sportarten ein Medaillensegen &uuml;ber die Athleten kommt. 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