{"id":10322,"date":"2011-08-02T15:08:02","date_gmt":"2011-08-02T13:08:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10322"},"modified":"2014-09-09T12:53:27","modified_gmt":"2014-09-09T10:53:27","slug":"honorarsteigerungen-fur-arzte-aus-dem-sozialausgleich-der-kassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10322","title":{"rendered":"Honorarsteigerungen f\u00fcr \u00c4rzte aus dem Sozialausgleich der Kassen"},"content":{"rendered":"<p>Wenigstens in einem Punkt ist auf die FDP Verlass. Obgleich kaum Geld in den Kassen ist, konnte Gesundheitsminister Daniel Bahr Honorarsteigerungen in Milliardenh&ouml;he f&uuml;r die &Auml;rzte <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article13398735\/Bahr-lockt-Aerzte-mit-Top-Honoraren-aufs-Land.html\">durchboxen<\/a>. Um die <a href=\"http:\/\/www.aerztezeitung.de\/politik_gesellschaft\/article\/661658\/schaeuble-kontra-bahr-versorgungsgesetz-teuer.html\">Mehrkosten<\/a> haushaltsneutral zu finanzieren, hat das Finanzministerium einen Passus in die Gesetzesnovelle <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/wirtschaft\/article13518872\/Kassen-befuerchten-neue-Kosten-fuer-Versicherte.html\">schreiben lassen<\/a>, der verhindert, dass die aus Bahrs Milliardengeschenken resultierenden Zusatzbeitr&auml;ge &uuml;ber den Sozialausgleich abgefedert werden. Dies ist nicht der erste <a href=\"\/?p=8633\">Frontalangriff<\/a> auf den Sozialausgleich, der streng genommen nur vom Namen her existiert. Die Umverteilung von unten nach oben geht auch im Gesundheitssystem unaufh&ouml;rlich weiter. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><p>In keinem Punkt gab es bei den Koalitionsverhandlungen von Union und FDP derart  viele Reibungspunkte wie bei der Finanzierung des Gesundheitssystems. Nur der <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/csu-aergert-roesler-mit-eigenem-gesundheitskonzept\/3395664.html\">beharrliche Widerstand<\/a> der CSU konnte letztendlich die Einf&uuml;hrung der Kopfpauschale stoppen, die vorsieht, dass alle gesetzlich Krankenversicherten einen Einheitsbeitrag zahlen. Soziale Ungleichgewichte bei der Kopfpauschale, so das Versprechen der Bef&uuml;rworter, sollten durch einen steuerlich finanzierten Sozialausgleich abgefedert werden. Die Kopfpauschale fand in der schwarz-gelben Koalition zwar keine Mehrheit, der Sozialausgleich wurde jedoch in abgespeckter Version eingef&uuml;hrt &ndash; als Beruhigungspille f&uuml;r Kritiker, die darauf hinwiesen, dass die Fokussierung auf einkommensunabh&auml;ngige Zusatzbeitr&auml;ge, die nun als eine Art &bdquo;Kopfpauschale light&ldquo; die parit&auml;tische Finanzierung au&szlig;er Kraft setzten, h&ouml;chst unsozial ist. Der versprochene Sozialausgleich existiert de facto jedoch &uuml;berhaupt nicht und dient Schwarz-Gelb mittlerweile sogar als Verhandlungsmasse f&uuml;r Subventionen der &Auml;rzteschaft.<\/p><p>Um &Auml;rzten den Dienst in bev&ouml;lkerungsarmen, sp&auml;rlich besiedelten Landstrichen schmackhaft zu machen, sind offensichtlich finanzielle Anreize notwendig. Gleichzeitig besteht jedoch unter Experten kein Zweifel daran, dass in Ballungszentren eine &auml;rztliche &Uuml;berversorgung zu beobachten ist, die den Beitragszahler teuer zu stehen kommt. Es w&auml;re eigentlich ein Leichtes, die Honorarschraube so zu justieren, dass &Auml;rzte im l&auml;ndlichen Raum finanziell besser- und daf&uuml;r &Auml;rzte in Ballungszentren im gleichen Ma&szlig;stab schlechter gestellt werden. F&uuml;r die Verteilungsgerechtigkeit innerhalb der &Auml;rzteschaft ist jedoch nicht die Politik, sondern die kassen&auml;rztliche Vereinigung zust&auml;ndig. <\/p><p><strong>Verteilungsprobleme innerhalb der &Auml;rzteschaft<\/strong><\/p><p>Je nach Quelle erzielen niedergelassene &Auml;rzte einen durchschnittlichen Reinertrag (also ein Betriebsergebnis nach Abzug aller Kosten aber vor der Einkommenssteuer, das vergleichbar mit dem Bruttolohn eines Arbeitnehmers ist) von 105.115 Euro (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.kbv.de\/service\/24851.html\">Kassen&auml;rztliche Bundesvereinigung<\/a>) bis 164.000 Euro (Quelle: <a href=\"http:\/\/m.faz.net\/Rub0E9EEF84AC1E4A389A8DC6C23161FE44\/Doc~EDA55CD2C092C489EA2946C44CADE28C7~ATpl~Epartner~Ssevenval~Scontent.xml\">IGES im Auftrag des GKV-Spitzenverbandes<\/a> ) pro Jahr. Diese Zahlen lassen den Schluss zu, dass gen&uuml;gend Geld in das System gepumpt wird, um eine faire Honorierung aller niedergelassenen &Auml;rzte zu gew&auml;hrleisten. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass die Verteilung innerhalb der &Auml;rzteschaft keineswegs fair ist und sehr viele &Auml;rzte in l&auml;ndlichen Gebieten Reinerl&ouml;se erzielen, die weit unter dem Durchschnitt liegen. Der Teich war im Durchschnitt einen Meter tief und trotzdem ersoff die Kuh, so ein russisches Sprichwort. Wenn einige &Auml;rzte Betriebsergebnisse weit unterhalb des Durchschnitts erzielen, muss es zwingend aber auch einige &Auml;rzte geben die Ergebnisse weit oberhalb des Durchschnitts erzielen. Es kann jedoch nicht Aufgabe des Beitragszahlers sein, die schlechter verdienenden &Auml;rzte zu sanieren, ohne dass gleichzeitig die &uuml;ppigen Verdienste der sehr gut verdienenden &Auml;rzte beschnitten werden. Dies f&auml;llt in den Aufgabenbereich der kassen&auml;rztlichen Vereinigungen, die daf&uuml;r zust&auml;ndig sind, den Topf gerecht zu verteilen. Wenn es also eine &ouml;konomische Schieflage innerhalb der &Auml;rzteschaft gibt, so ist deren Begradigung nicht Aufgabe der Politik, sondern Aufgabe der &auml;rztlichen Standesvertretungen. <\/p><p>Die &Auml;rzte z&auml;hlen jedoch zur wichtigsten W&auml;hlerklientel der FDP. Bei brancheninternen <a href=\"http:\/\/www.liberale.de\/Aerzte-wuerden-FDP-waehlen\/2708c3662i1p42\/index.html\">Umfragen<\/a> rangierte die FDP vor den Bundestagswahlen bei sagenhaften 62%. Da geh&ouml;rt es freilich auch zur Klientelpolitik der FDP, nicht nur einige, sondern alle &Auml;rzte besserzustellen. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums soll Bahrs Gesetzesnovelle, mit der Land&auml;rzte bessergestellt werden, aufkommensneutral sein, da die Mehrkosten durch eine Senkung der Krankenhauskosten in den betroffenen Regionen ausgeglichen w&uuml;rden. Derlei inhaltlich nicht nachvollziehbare Rechenakrobatik st&ouml;&szlig;t jedoch nicht nur bei den Krankenkassen, sondern auch beim Finanzministerium auf Unverst&auml;ndnis. <\/p><p><strong>Honorarsteigerungen kontra Sozialausgleich<\/strong><\/p><p>H&ouml;here Kosten f&uuml;r die &auml;rztliche Versorgung werden zwar direkt &uuml;ber die Beitr&auml;ge der gesetzlich Versicherten bezahlt, indirekt f&uuml;hren sie jedoch auch zu h&ouml;heren Zusatzbeitr&auml;gen bei den Krankenkassen. Diese Zusatzbeitr&auml;ge werden jedoch &ndash; so die Theorie &ndash; als Sozialausgleich aus Steuermitteln erstattet, wenn sie zwei Prozent des Einkommens der Beitragszahler &uuml;bersteigen. Finanzminister Sch&auml;uble sieht in Bahrs milliardenschwerem Geschenk an die &Auml;rzteschaft somit &ndash; v&ouml;llig zu Recht &ndash; auch eine Mehrbelastung f&uuml;r den Bundeshaushalt und lie&szlig; sich im entsprechenden Gesetz einen Passus zubilligen, der den Bund von den zus&auml;tzlichen Kosten in Form des Sozialausgleichs befreit.<\/p><p>Wer soll dann aber die zus&auml;tzlichen Gelder aufbringen, um den Sozialausgleich zu finanzieren? Die naheliegende Antwort auf diese Frage w&auml;re: Die Beitragszahler der gesetzlichen Krankenversicherungen, da die Defizite beim Sozialausgleich von den Krankenkassen getragen werden. Damit w&auml;re jedoch der Sozialausgleich de facto abgeschafft, da die Mehrkosten einseitig von den Beitragszahlern der Sozialkassen finanziert werden und nicht von der Allgemeinheit. Besserverdienende w&auml;ren damit aus dem Schneider, da sie entweder privat versichert sind oder wegen der Beitragsbemessungsgrenzen ohnehin nur unterproportional bei k&uuml;nftigen Beitragssteigerungen zur Kasse gebeten werden. Um die h&ouml;heren Honorare f&uuml;r Land- und Zahn&auml;rzte zu finanzieren, muss somit die Krankenschwester tiefer in die Tasche greifen, der Chefarzt bleibt jedoch au&szlig;en vor. Das ist unsozial und hat mit der Bedeutung des Begriffes &bdquo;Sozialausgleich&ldquo; nicht das Geringste zu tun.<\/p><p><strong>Welcher Sozialausgleich?<\/strong><\/p><p>Doch die naheliegende Antwort ist nicht immer die richtige. Wenn man sich die zahlreichen Sonderregelungen des Sozialausgleichs anschaut, muss man vielmehr feststellen, dass dieser ohnehin nur eine leere Worth&uuml;lse ist. Die zwei Prozent beziehen sich n&auml;mlich nicht auf die konkreten Zusatzbeitr&auml;ge der Krankenkassen, sondern auf das <a href=\"\/?p=8633\">systemische Durchschnittsergebnis<\/a>. Wenn der Gesundheitsfonds, der alle Beitragszahlungen des GKV-Systems zentral verwaltet, in einem Jahr mehr &Uuml;bersch&uuml;sse erzielt als das GKV-System in Summe an Zusatzbeitr&auml;gen kassiert hat, hei&szlig;t dies nach Lesart des Gesetzgebers, dass systemisch keine Zusatzbeitr&auml;ge erhoben worden. Das klingt nicht nur komplett absurd, sondern ist es auch. <\/p><p>Die Kausalkette ist bei n&auml;herer Betrachtung erschreckend: Je weniger Geld der Gesundheitsfonds an die Kassen &uuml;berweist, desto h&ouml;her ist sein &Uuml;berschuss und desto mehr Kassen m&uuml;ssen ihre Finanzierungsl&uuml;cke durch die Erhebung von Zusatzbeitr&auml;gen schlie&szlig;en. Bis zur Neuregelung im Jahre 2014 gilt zudem die &bdquo;&Uuml;bergangsregelung&ldquo;, dass der Sozialausgleich, so er denn &uuml;berhaupt rechnerisch zu Stande kommt, nicht aus dem Bundeshaushalt, sondern aus dem Liquidit&auml;ts&uuml;berschuss des Gesundfonds <a href=\"http:\/\/www.haufe.de\/oeffentlicher-dienst\/newsDetails?newsID=1299049666.26&amp;topic=Lohnabrechnung&amp;topicView=Lohnabrechnung#\">gezahlt wird<\/a>. Bis zu einer Neuregelung gibt es demnach de facto &uuml;berhaupt keinen Sozialausgleich, der von der Allgemeinheit zu tragen w&auml;re. <\/p><p>Entgegen aller vollmundigen Versprechungen sehen die g&uuml;ltigen Regelungen vor, dass der Sozialausgleich von den Beitragszahlern querfinanziert wird. Daran &auml;ndert auch Bahrs milliardenschweres Geschenk an seine Klientel nichts. Was sich &auml;ndert ist jedoch die Summe, die einmal mehr von unten nach oben umverteilt wird. Man darf gespannt sein, wie der Gesetzgeber nach Ablauf der &Uuml;bergangsregelungen im Jahre 2014 den Sozialausgleich neu regulieren und ob die FDP dann noch am Verhandlungstisch sitzen wird. Eines steht jedoch bereits jetzt fest &ndash; w&auml;hrend der aktuellen Legislaturperiode konnten Union und FDP den Sozialausgleich erfolgreich au&szlig;er Kraft setzen, ohne dass die &Ouml;ffentlichkeit davon &uuml;berhaupt Kenntnis nimmt. Der aktuelle Kuhhandel zwischen dem Gesundheits- und dem Finanzministerium war gestern lediglich der <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/wirtschaft\/article13518872\/Kassen-befuerchten-neue-Kosten-fuer-Versicherte.html\">WELT<\/a> eine Schlagzeile wert &ndash; alle anderen Zeitungen und Zeitschriften befanden es nicht f&uuml;r n&ouml;tig, dar&uuml;ber zu berichten.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/59861a1b2d3a43448413c0ced4ddc430\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenigstens in einem Punkt ist auf die FDP Verlass. Obgleich kaum Geld in den Kassen ist, konnte Gesundheitsminister Daniel Bahr Honorarsteigerungen in Milliardenh&ouml;he f&uuml;r die &Auml;rzte <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article13398735\/Bahr-lockt-Aerzte-mit-Top-Honoraren-aufs-Land.html\">durchboxen<\/a>. Um die <a href=\"http:\/\/www.aerztezeitung.de\/politik_gesellschaft\/article\/661658\/schaeuble-kontra-bahr-versorgungsgesetz-teuer.html\">Mehrkosten<\/a> haushaltsneutral zu finanzieren, hat das Finanzministerium einen Passus in die Gesetzesnovelle <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/wirtschaft\/article13518872\/Kassen-befuerchten-neue-Kosten-fuer-Versicherte.html\">schreiben lassen<\/a>, der verhindert, dass die aus Bahrs Milliardengeschenken resultierenden Zusatzbeitr&auml;ge<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10322\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[193,149,146],"tags":[1073,869,769,291,1057],"class_list":["post-10322","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fdp","category-gesundheitspolitik","category-soziale-gerechtigkeit","tag-aerzte","tag-bahr-daniel","tag-kopfpauschale","tag-verteilungsgerechtigkeit","tag-zusatzbeitraege"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10322","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10322"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10322\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23191,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10322\/revisions\/23191"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10322"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10322"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10322"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}