{"id":103551,"date":"2023-09-10T11:45:02","date_gmt":"2023-09-10T09:45:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103551"},"modified":"2023-09-10T12:10:21","modified_gmt":"2023-09-10T10:10:21","slug":"das-ende-eines-traumes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103551","title":{"rendered":"Das Ende eines Traumes"},"content":{"rendered":"<p>Morgen j&auml;hren sich die Ereignisse des 11. Septembers 1973 zum 50. Mal. In den Morgenstunden dieses Tages wurden der demokratisch gew&auml;hlte Pr&auml;sident Chiles, Salvador Allende, und seine Regierung der Unidad Popular durch das Milit&auml;r gest&uuml;rzt, und eine fast zwei Jahrzehnte anhaltende Repressionsorgie nahm ihren Lauf. Allende und die hinter ihm stehende Parteienkoalition hatten sich vorgenommen, einen Sozialismus zu errichten, der nach Wein und Empanadas, den mit Fleisch gef&uuml;llten Teigtaschen, die man an jeder Stra&szlig;enecke in Chile kaufen kann, schmecken sollte. Daf&uuml;r hatte er die &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit der Stimmen der Chilenen bekommen. Doch die Hoffnung auf eine Zukunft in Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t w&auml;hrte nicht lange. Mit der nachweislichen Unterst&uuml;tzung der US-Regierung wurde der wohl blutigste Staatsstreich in der gesamten Geschichte Lateinamerikas geplant, vorbereitet und h&ouml;chst pr&auml;zise ausgef&uuml;hrt.&nbsp;Der bekannte chilenische Autor Jorge Baradit hat diesen Ereignissen ein Buch gewidmet, das mit einigen neuen Erkenntnissen aufwartet. Eine Rezension von <strong>Wolfgang Vallejo<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer erstmals 2018 auf Spanisch ver&ouml;ffentlichte Text von Baradit versetzt die Leserinnen und Leser zur&uuml;ck in die Zeit der Unidad Popular, stellt Programme und Akteure vor, um schlie&szlig;lich die extrem angespannte Atmosph&auml;re im Sommer 1973 und die Ereignisse des Putsches zu schildern. Daran schlie&szlig;t sich ein umf&auml;nglicher Teil des Buches an, der den Alltag im Terrorregime unter Pinochet schildert und die Aktionen des Widerstands gegen die Diktatur aufleben l&auml;sst. Der Autor spannt den Bogen seiner Darstellung bis zu den Tagen des Plebiszits im Oktober 1988. Damals sah sich der Diktator veranlasst, dem Regime einen neuen Anstrich zu geben und sich einer gewissen Legitimit&auml;t zu versichern. Jedoch brachte eine deutliche Mehrheit diese Pl&auml;ne zu Fall und lehnte eine Verl&auml;ngerung der &bdquo;Amtszeit&ldquo; ab.&nbsp;<\/p><p>Das Buch wurde urspr&uuml;nglich f&uuml;r ein chilenisches Publikum geschrieben, welches die dunkle Nacht der Diktatur nicht selbst erlebte oder noch zu jung war, um bewusst wahrzunehmen, was dem Land und seinen Menschen geschah. Als Quereinsteiger in die Geschichtswissenschaft und politischer Aktivist verfolgt Baradit daher den Anspruch, nachvollziehbar zu erz&auml;hlen, wie es in den letzten Monaten der Unidad Popular war und wie es beinahe unvermeidlich zum Putsch kam. In dieser Erz&auml;hlung verliert sich Baradit nicht in akademischen Debatten oder ideologischen Auseinandersetzungen. <\/p><p>Angenehm fallen dabei zwei Dinge auf: <\/p><ol>\n<li>Der Autor ist in der Lage, die kenntnisreiche Schilderung der politischen Situation in Chile mit dem Schicksal von konkreten Personen, auch aus der eigenen Familie, zu verbinden und konkrete Akteure zu benennen, ihr Handeln aus dem Dunkel der Vergangenheit zu holen. Im Ergebnis wird f&uuml;r die Leserin und den Leser jenes schwerwiegende Trauma in Umrissen erkennbar, das die Diktatur und der Terror im Leben vieler Menschen dieses Andenland ausl&ouml;sten.<\/li>\n<li>Dieses Vorgehen erm&ouml;glicht es, dass auch Leserinnen und Leser, die mit der Geschichte der Andenl&auml;nder wenig vertraut sind, zwischen all den Namen, Daten und Ereignissen nicht verloren gehen, sondern den &Uuml;berblick behalten und in die Lage versetzt werden, eine eigene Bewertung vorzunehmen.&nbsp;<\/li>\n<\/ol><p>Das Buch von Baradit ist eine &bdquo;Ausgliederung&ldquo; aus einem viel umfangreicheren Vorhaben, das den Autor seit Jahren besch&auml;ftigt und f&uuml;r das er viel Lob und Anerkennung durch ein breites Publikum erfahren hat: La Historia Secreta de Chile. Den Titel dieses Vorhabens k&ouml;nnte man mit &bdquo;Die geheime Geschichte Chiles&ldquo; &uuml;bersetzen. Dabei w&uuml;rde diese &Uuml;bersetzung jedoch nicht den Intentionen des Autors gerecht werden. F&uuml;r Baradit geht es vielmehr um die Neuerz&auml;hlung der Geschichte seines Heimatlandes, die jenseits der akademischen und politischen Dogmen auch Licht in die bisherigen &bdquo;blinden Flecke&ldquo; der Geschichtsschreibung bringt. Ganz in diesem Sinn bringt das vorgelegte Buch viel Licht in einen dunklen Abschnitt der chilenischen Geschichte und kann selbst Fachleute mit einigen Details &uuml;berraschen.&nbsp;<\/p><p>Die &Uuml;bersetzung des Originaltextes hat die Herausforderungen gemeistert und kann durchaus als gelungen bezeichnet werden. Diesem sehr positiven Gesamturteil zur &Uuml;bersetzung k&ouml;nnen auch die vereinzelt angetroffenen Ungenauigkeiten nichts anhaben. Gleiches gilt f&uuml;r einige orthografische Fehler, die das Lektorat &bdquo;&uuml;berstanden&ldquo; haben.<\/p><p>Alles in allem ein gelungenes, empfehlenswertes Buch, das allen, die sich f&uuml;r die Geschichte der demokratischen Massenbewegungen in Lateinamerika interessieren, zu neuen Erkenntnissen verhilft.<\/p><p>In Zeiten von &bdquo;wertebasierter Au&szlig;enpolitik&ldquo; kann der Text von Baradit daran erinnern, wie die geopolitischen Interessen des Imperiums sich &uuml;ber universale Werte und Rechte hinwegsetzen, wenn es darum geht, Einfluss &bdquo;im Hinterhof&ldquo; zu sichern und zu erhalten.&nbsp;Nicht zuletzt m&ouml;chte der Rezensent darauf aufmerksam machen, dass der 11. September 1973 auch in Deutschland Spuren hinterlassen hat. Die Solidarit&auml;tsbewegungen mit dem geschundenen Andenland und die Aufnahme Tausender chilenischer Gefl&uuml;chteter in Ost- wie Westdeutschland sind ein Kapitel deutsch-deutscher Geschichte, das noch auf seine Aufarbeitung wartet.<\/p><p><em>Anmerkung der Redaktion: Das Buch, in Chile ein Bestseller, fand in Deutschland keinen Verleger, sodass sich der Lateinamerikanist Helmut Sonnenst&auml;dt dazu entschloss, es in Eigenregie und mit Hilfe ehemaliger Kommilitonen des renommierten und bereits 1963 gegr&uuml;ndeten Rostocker Lateinamerika-Instituts (sp&auml;ter Sektion Lateinamerikawissenschaften) zu &uuml;bersetzen und herauszugeben.<\/em><\/p><p>Das Buch ist sowohl als E-Book und als Druckausgabe <a href=\"http:\/\/allende-und-das-ende-eines-traumes.de\/\">unter diesem Link bestellbar<\/a>.<\/p><p>Titelbild: Cover entnommen von <a href=\"https:\/\/www.buecher.de\/shop\/wirtschaftswissenschaften\/das-ende-eines-traumes-ebook-epub\/baradit-jorge\/products_products\/detail\/prod_id\/68616142\/#product_rating\">buecher.de\/shop\/wirtschaftswissenschaften\/das-ende-eines-traumes-ebook-epub\/baradit-jorge\/products_products\/detail\/prod_id\/68616142\/#product_rating<\/a><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102899\">Parlamentsmehrheit in Chile rechtfertigt blutigen Milit&auml;rputsch gegen Salvador Allende<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102041\">Chile: USA sollen ihre Rolle beim Putsch gegen Salvador Allende offenlegen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103026\">50 Jahre Pinochet-Putsch gegen die Unidad Popular &ndash; Lektionen f&uuml;r heute<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/6b893f41aa6c4469b23b688eed8769d8\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Morgen j&auml;hren sich die Ereignisse des 11. 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