{"id":103650,"date":"2023-09-11T09:47:51","date_gmt":"2023-09-11T07:47:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103650"},"modified":"2023-09-11T16:55:16","modified_gmt":"2023-09-11T14:55:16","slug":"11-september-1973-in-chile-kampfjets-und-panzer-gegen-eine-demokratisch-gewaehlte-sozialistische-regierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103650","title":{"rendered":"11. September 1973 in Chile: Kampfjets und Panzer gegen eine demokratisch gew\u00e4hlte sozialistische Regierung"},"content":{"rendered":"<p>Heute vor 50 Jahren, am 11. September 1973, wurde der chilenische Pr&auml;sident Salvador Allende um 6.40 Uhr von seinen Mitarbeitern geweckt und &uuml;ber seltsame Bewegungen in Valpara&iacute;so informiert. Alfredo Joignant, Direktor der Kriminalpolizei, best&auml;tigte, dass die Marine Truppen auf die Stra&szlig;e gebracht hat. Der Diplomat Marcos Orlando Letelier del Solar versuchte verzweifelt, mit den Gener&auml;len Montero, Pinochet und Leigh zu telefonieren, aber niemand antwortete. Er schaffte es, sich mit Vizeadmiral Patricio Carvajal Prado in Verbindung zu setzen, der ihn belog und sagte, er wisse von nichts &hellip; Der chilenische Autor <strong>Jorge Baradit<\/strong> zeichnet den Verlauf des nachweislich US-gest&uuml;tzten Putsches von den Morgenstunden des 11. Septembers bis zum letzten Atemzug von Salvador Allende nach.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7084\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-103650-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230911-Chile-11-September-1973-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230911-Chile-11-September-1973-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230911-Chile-11-September-1973-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230911-Chile-11-September-1973-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=103650-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230911-Chile-11-September-1973-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230911-Chile-11-September-1973-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Um 7.20 Uhr waren die Stra&szlig;en von Santiago leer. Ab und zu h&ouml;rte man einen Mikrobus in der Ferne, der verschlafene Arbeiter zu ihren Arbeitspl&auml;tzen brachte. Jemand schaute aus dem Fenster seiner Wohnung auf die Stadt, die erwachte. Es war noch nicht Morgengrauen, er schaute auf den Kalender, es war der 11. September. Vor ihm der H&uuml;gel San Crist&oacute;bal, unten das Viertel Providencia, wo sich die Salvador Allende befand. Der Mann g&auml;hnte, kratzte sich am Kopf. Ein wei&szlig;er Fiat 125 fuhr mit 90 km\/h vorbei. Er runzelte die Stirn. Drei weitere passierten in rascher Folge, mit gleicher Geschwindigkeit. Er wusste es nicht, aber drinnen befand sich der Pr&auml;sident der Republik mit einer Waffe in der Hand auf dem Weg zu seiner letzten Schlacht, umgeben von der GAP, seiner Gruppe pers&ouml;nlicher Freunde, die aus jungen Menschen in den Zwanzigern bestand.<\/p><p>Fast zur gleichen Zeit starteten die Hawker Hunter Kampfjets von Concepci&oacute;n aus mit der Mission, Antennen von Radio-Sendern der Unidad Popular zu zerst&ouml;ren, &uuml;ber Santiago zu kreisen und auf weitere Anweisungen zu warten, die sie noch nicht kannten.<\/p><p>Meine Mutter weinte und umarmte mich auf dem Fu&szlig;boden des Hauses. Der Putsch hatte in Valpara&iacute;so begonnen, dieses Erdbeben w&uuml;rde Zeit brauchen, um Santiago aufzuw&uuml;hlen.<\/p><p>Salvador Allende betrat die Moneda &uuml;ber Treppen und G&auml;nge, verteilte die Menschen an Fenstern und strategischen Punkten. Es waren etwa zwanzig Leibw&auml;chter sowie achtzehn Detektive der chilenischen Kriminalpolizei, der einzigen Streitkraft, die der Verfassung und dem Pr&auml;sidenten an jenem 11. September treu blieben. Man h&ouml;rte Schreie und Rennen auf den Holzb&ouml;den, T&uuml;ren, die sich &ouml;ffneten, Befehle von den Erfahrensten. Manchmal, nach so langer Zeit des Wartens auf die Konfrontation, w&uuml;nschst du sie herbei, und die Aufregung f&uuml;hlt sich gut an. Munition in Beuteln und Taschen. Sie h&ouml;rten L&auml;rm in der Ferne, sie dachten, es seien Bomben, aber es waren die Explosionen der Hawker Hunter Sura-Raketen, die die Antennen von Radio Corporaci&oacute;n im Stadtviertel Florida zerst&ouml;rten. Alle waren auf ihren Posten und richteten die Maschinengewehre und Pistolen nach drau&szlig;en. Es waren Zivilisten, die eine Idee verteidigten. Die Moneda war wie gespickt mit kleinen Pistolen, die sich aus den &Ouml;ffnungen streckten. Drau&szlig;en aber waren Panzer und Panzerf&auml;uste, Kanonen und Kampfjets.<\/p><p>Allende machte sich Sorgen um die Oberbefehlshaber, er glaubte immer noch, es sei nur ein Marineaufstand. &bdquo;Armer Pinochet&ldquo;, h&ouml;rten sie ihn sagen, &bdquo;Sie m&uuml;ssen ihn gefangen genommen haben.&ldquo;<\/p><p>Mein Vater zog sich schnell an. Die Lastwagen waren weg. &bdquo;Wo gehst du hin?&ldquo;, fragte meine Mutter. &bdquo;Ich muss mich bei meiner Gewerkschaftsgruppe, der PEGA, melden&ldquo;, antwortete er, w&auml;hrend er seine Schuhe anzog. Meine Mutter fing an, ihn anzuschreien, ob er verr&uuml;ckt sei, dass man ihn t&ouml;ten w&uuml;rde, ob er denn die Schreie von Tamara und Omars T&ouml;chtern nicht geh&ouml;rt habe, als man die beiden wegbrachte. &bdquo;Ich bin ein Mann, keine Maus&ldquo;, schrie mein Vater, aber das Weinen meiner Mutter machte uns Angst und meine Schwester und ich umklammerten seine Beine. Wir schrien. Dann umarmten wir vier uns gegenseitig. Meine Schwester erinnerte sich, dass die Hand meines Vaters sie so fest an sich gedr&uuml;ckt hat, dass man hinterher noch den Abdruck sah. Wir vier standen weinend aneinandergedr&auml;ngt. Dann entschied sich mein Vater f&uuml;r seine Familie und blieb. Wir gingen in die K&uuml;che, den am besten gesch&uuml;tzten Ort im Haus, meine Mutter stellte den Teekessel auf und schaltete das Radio ein. Es war 8.40 Uhr morgens und die Nationalhymne erklang. W&auml;hrend meine Mutter das Brot r&ouml;stete, drehte mein Vater die Lautst&auml;rke auf. Eine barsche Stimme begann aus dem Lautsprecher zu dr&ouml;hnen.<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Im Hinblick auf <\/em><\/p>\n<p><em>Erstens: die &auml;u&szlig;erst schwere soziale und moralische Krise, in der sich das Land befindet. <\/em><\/p>\n<p><em>Zweitens: die Unf&auml;higkeit der Regierung, das Chaos zu kontrollieren. <\/em><\/p>\n<p><em>Drittens: die st&auml;ndige Zunahme paramilit&auml;rischer Gruppen, die von den Parteien der Unidad Popular ausgebildet werden, was das chilenische Volk in einen unvermeidlichen B&uuml;rgerkrieg f&uuml;hren w&uuml;rde. <\/em><\/p>\n<p><em>Haben die Streitkr&auml;fte und Carabineros entschieden: <\/em><\/p>\n<p><em>Erstens: Der Pr&auml;sident der Republik muss sein hohes Amt sofort an die Streitkr&auml;fte und Carabineros Chiles &uuml;bergeben. <\/em><\/p>\n<p><em>Zweitens: Die Streitkr&auml;fte und die Carabineros sind vereint, um die verantwortungsvolle Mission des Kampfes f&uuml;r die Befreiung der Heimat vom marxistischen Joch zu beginnen&hellip;&ldquo;.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>In der Moneda konnte Allende es nicht glauben. Alle vereint?! Er allein gegen die gesamten Streitkr&auml;fte?! Selbst der gute Pinochet, der ihm noch am Vortag die Treue geschworen hatte, hat ihn verraten?<\/p><p>Dann rief er seine Partei an, aber in der Zentrale der Sozialistischen Partei herrschte ein totales Durcheinander, die Telefone antworteten nicht, die Befehle kamen nicht an, die Anweisungen kreuzten sich, die Pl&auml;ne scheiterten. Der Putsch hatte noch nicht richtig begonnen und der Milit&auml;rapparat der Partei funktionierte schon nicht mehr. Sie gaben den Befehl, Dokumente zu verbrennen und sich zur&uuml;ckzuziehen, ohne dass eine Konfrontation begonnen hatte. Es gab viel Willen und Mut, aber wenig Waffen und keine klare F&uuml;hrung.<\/p><p>Allende rief den Massenbeauftragten der Gewerkschaftszentrale CUT an, um ihn zu fragen, was sie tun w&uuml;rden, wie eine m&ouml;gliche Verteidigung koordiniert werden w&uuml;rde, aber er fand ihn schlafend vor, er hatte keine Ahnung, was los war. Um 9.00 Uhr traf sich Altamirano mit dem Milit&auml;rapparat der Partei, der die mangelnde Reaktionsf&auml;higkeit der Gruppe beim Metallverarbeitungsbetrieb INDUMET beklagte. Die Organisation des Widerstandes war ein einziger Misserfolg.<\/p><p>Gleichzeitig gab die Gewerkschaftszentrale CUT am Morgen ihre einzige Erkl&auml;rung ab, die die Arbeiter alarmierte, die Fabriken und G&uuml;ter zu besetzen und den Widerstand zu organisieren. Aber es stand nicht drin, wie, wo und wann.<\/p><p>Allende erkannte, dass es keine organisierte Hilfe, keinen Volkswiderstand oder &auml;hnliches geben w&uuml;rde. Eduardo &laquo;<em>Coco<\/em>&raquo; Paredes, chilenischer Arzt, Sozialist und Generaldirektor der Kriminalpolizei bot ihm einen Plan an: unter Feuerschutz zu den Fahrzeugen zu rennen, die ihn zur INDUMET und sp&auml;ter zu irgendeiner Ortschaft bringen sollten, wo sie einen Widerstandsherd organisieren w&uuml;rden. Allende weigerte sich. Er war der Pr&auml;sident und sein Platz war in der Moneda. Sp&auml;ter bemerkte er, dass die im Palast stationierten Carabineros im Laufe des Morgens heimlich davongelaufen waren. Er beschwerte sich nicht, vielleicht hat er kaum merklich die F&auml;uste geballt. Er befahl, die Palasttore zu schlie&szlig;en. Er hob seine AK-47 auf und traf die Entscheidung, denen zu widerstehen, die ihn angriffen. Der Kampf w&uuml;rde jeden Moment beginnen. Sie blickten aus den Fenstern, alles war still. Nat&uuml;rlich hatten sie Angst, aber sie w&uuml;rden bleiben.<\/p><p>Das Warten war unertr&auml;glich. Alle T&uuml;ren waren geschlossen, nicht nur die des Palastes, sondern auch die des Dialogs, der Unterst&uuml;tzung durch die Bev&ouml;lkerung, des Widerstandes. Konzentrische Ringe umgaben sie, sie waren allein in diesem Geb&auml;ude Nummer 1805 im Zentrum des Vaterlandes, in diesem Kasten aus Ziegeln mit Mauern von einem Meter St&auml;rke.<\/p><p>Die &bdquo;Stra&szlig;e&ldquo; war still. Pl&ouml;tzlich konnte man in der Ferne die Raupenketten der heranrollenden Panzer h&ouml;ren und in der Ferne, unsichtbar hinter den Geb&auml;uden, wurden Befehle geschrien. Allende setzte sich einen Stahlhelm auf. Der Arzt, der Republikaner, der Zivilist, der einen demokratischen Weg gegen die politischen Anf&uuml;hrer suchte, die zeternd den bewaffneten Weg propagierten, sollte paradoxerweise derjenige sein, der eine Waffe nahm und diesen Weg mit Sch&uuml;ssen verteidigte.<\/p><p>Es sollten regierungstreue K&auml;mpfer im Geb&auml;ude der Arbeiterversicherung sein, aber keiner kam ihnen zu Hilfe. Stattdessen positionierten sich die Scharfsch&uuml;tzen der Armee auf den D&auml;chern des Verteidigungsministeriums. Es soll Maschinengewehre in der Redaktion der Zeitung <em>&bdquo;La Naci&oacute;n&ldquo;<\/em> gegeben haben, aber keiner der zugewiesenen Sch&uuml;tzen erschien. Die Soldaten des Infanterieregimentes aus Buin aus der Provinz Maipo verschanzten sich hinter Erdh&uuml;geln, die durch die Bauarbeiten der U-Bahnlinie entstanden waren. Panzerf&auml;uste und Gewehre tauchten nie in den Regierungsgeb&auml;uden auf. Die Panzer blockierten die angrenzenden Stra&szlig;en. Das Land f&auml;rbte sich langsam olivgr&uuml;n.<\/p><p>Zu dieser Zeit erkannte Miguel Enr&iacute;quez, Arzt, Politiker und Generalsekret&auml;r der Bewegung der Revolution&auml;ren Linken (MIR), dass er weder gen&uuml;gend Truppen noch Waffen erhalten hatte und beschloss, sich zur&uuml;ckzuziehen. Die Sozialistische Partei hatte es geschafft, einhundertf&uuml;nfzig Widerstandsk&auml;mpfer der GEO zu versammeln. Der Plan war, eine Milit&auml;reinheit anzugreifen, Waffen zu beschaffen, sich im Stadtteil San Miguel zu verschanzen und von dort aus zur Moneda vorzusto&szlig;en, um sich den anderen Gruppen anzuschlie&szlig;en, die sich sicherlich gebildet haben w&uuml;rden, und dann die Putschisten zu zerschlagen. Nichts davon ist passiert. Hundert Arbeiter der Textilfirma SUMAR meldeten sich freiwillig, um Waffen zu erhalten und den Widerstand zu organisieren, aber niemand kam, um sie zu bewaffnen. Alles war gescheitert.<\/p><p>Kurz vor 10.00 Uhr erschienen die Panzer von Brigadegeneral Javier Palacios Ruhmann mit ihren dr&ouml;hnenden Motoren auf der B&uuml;hne des Geschehens, schwarzer Rauch kam aus ihren Luken und sie begannen eine Schie&szlig;erei zur Begr&uuml;&szlig;ung, die aus einigen alleinstehenden Geb&auml;uden erwidert wurde. Einige Leibw&auml;chter feuerten mit einem schweren Maschinengewehr aus dem Geb&auml;ude f&uuml;r &Ouml;ffentliche Arbeiten auf die Fahrzeuge. Die Panzer drehten ihre Gesch&uuml;tzt&uuml;rme und belegten die W&auml;nde der Geb&auml;ude in alle Richtungen mit gro&szlig;kalibrigen Geschossen. Noch heute sind die L&ouml;cher in einigen Fassaden zu sehen. Das Ger&auml;usch des Gewehrfeuers, der Schutt und die Schreie der Zivilisten kamen aus den Fenstern. Glas splitterte und fiel auf die Stra&szlig;e und zeigte an, dass die Schlacht um die Moneda begonnen hatte. Die Soldaten riefen sich gegenseitig Anweisungen zu, standen in Kiosken, an Ecken, rannten zu den Gr&auml;ben, die von den Arbeiten der U-Bahn ausgehoben worden waren. Der Feind war oben. Alle Beamten, die an ihrem Arbeitsplatz angekommen waren, warfen sich auf den Boden und sch&uuml;tzten sich vor den Kugeln, die in ihre B&uuml;ros eindrangen und von den Decken abprallten. Allende befahl, sich von den Fenstern zu entfernen. Die Moneda und ihre Besetzer schlossen sich ein wie ein G&uuml;rteltier. Die Hawker Hunters Jets starteten im S&uuml;den von Santiago. Alle Akteure waren bereit; die B&uuml;hne war das Zentrum der Hauptstadt, das Zentrum des Landes. Der Pr&auml;sident war in seinem Sch&uuml;tzengraben und verstand, dass ihm in seinem Bunker nur der Widerstand f&uuml;r die W&uuml;rde und die Geschichte blieb.<\/p><p>Ich stelle ihn mir voll beieinander vor, wie er klare Anweisungen erteilt und dabei scherzt. Ich sehe ihn in dem Bewusstsein, einen historischen Moment zu erleben, und wie er sich darauf vorbereitet, der Lage gewachsen zu sein. Mit beschleunigtem Herzschlag, die Haare zu Berge stehend, mit einer nat&uuml;rlichen Furcht &ndash; aber immer mit tadelloser Haltung &ndash; wie er gern zu sagen pflegte. Ich sehe ihn pl&ouml;tzlich nachdenklich, als er seine mehr als vierzig Jahre in der Politik Revue passieren l&auml;sst. Vielleicht erinnert er sich an Gespr&auml;che mit dem anarchistischen Schuhmacher Juan Demarchi w&auml;hrend seiner Jugend in Valpara&iacute;so, an Dialoge, die ihn f&uuml;r immer auf den Weg der linken Ideen brachten. Sein langer Werdegang, der Traum eines von den Herrschenden verlassenen Volkes, das er durch das gesamte 20. Jahrhundert zu f&uuml;hren entschlossen war, um immer wieder aufs Neue zu versuchen, dieses Volk nach vorn zu bringen. Da waren Kundgebungen in abgelegenen D&ouml;rfern, bei denen die Bauern seine H&auml;nde nahmen und ihn baten, sie nicht zu vergessen, nicht im Stich zu lassen. Vielleicht erinnerte er sich an den jetzt so fernen 4. September 1970, als die Armen glaubten, den Himmel ber&uuml;hren zu k&ouml;nnen und dachten, dass das Ende ihres Leidens gekommen sei, als Salvador, ihr Genosse Pr&auml;sident, zum ersten Mal die Moneda betrat. Und jetzt war er hier, mit einer Waffe in der Hand, um einen Tr&uuml;mmerhaufen zu verteidigen. Drau&szlig;en die Kriegsmaschinen, Tonnen von Eisen, Sprengstoff und Wut. Da legte er das Gewehr beiseite, atmete tief durch, nahm das Telefon, das ihn mit Radio Magallanes verband, und begann nach einer Pause zu seinem Land zu sprechen: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Mitb&uuml;rger.<\/em><\/p>\n<p><em>Dies wird sicherlich meine letzte Gelegenheit sein, dass ich mich an Sie wenden kann. Die Luftwaffe hat die Sendemasten von Radio Portales und Radio Corporaci&oacute;n bombardiert. <\/em><\/p>\n<p><em>Meine Worte enthalten keine Bitterkeit, jedoch Entt&auml;uschung. Sie werden die moralische Strafe sein f&uuml;r diejenigen, die ihren Schwur verraten haben: Soldaten Chiles, designierte Oberbefehlshaber, Admiral Merino, der sich selbst ernannt hat, der Herr Mendoza, dieser niedertr&auml;chtige General, der noch gestern der Regierung seine Treue und Ergebenheit bekundete und sich heute zum Generaldirektor der Carabineros ernannt hat. <\/em><\/p>\n<p><em>Angesichts dieser Tatsachen m&ouml;chte ich den Werkt&auml;tigen nur sagen:<\/em><\/p>\n<p><em>Ich werde nicht zur&uuml;cktreten!<\/em><\/p>\n<p><em>In eine Periode historischen &Uuml;bergangs gestellt, werde ich die Treue des Volkes mit meinem Leben entgelten. Und ich sage Ihnen: Ich habe die Gewissheit, dass die Saat, die wir in das w&uuml;rdige Bewusstsein Tausender und aber Tausender Chilenen gepflanzt haben, nicht herausgerissen werden kann. Sie haben die Gewalt, sie k&ouml;nnen uns unterjochen. Aber die sozialen Prozesse kann man weder durch Verbrechen noch durch Gewalt aufhalten. Die Geschichte ist unser, sie wird von den V&ouml;lkern geschrieben. <\/em><\/p>\n<p><em>Werkt&auml;tige meines Vaterlandes!<\/em><\/p>\n<p><em>Ich danke Ihnen f&uuml;r die stets bekundete Treue, f&uuml;r das Vertrauen, das Sie in einen Mann gesetzt haben, der nur die Verk&ouml;rperung der Sehnsucht nach Gerechtigkeit war, der sein Wort gab, Verfassung und Gesetze zu achten, und der dies auch in die Tat umsetzte. In diesem entscheidenden Moment, dem letzten, in dem ich mich an Sie wenden kann: M&ouml;gen Sie diese Lehre beherzigen. Das Auslandskapital, der Imperialismus, vereint mit der Reaktion, schufen das Klima, damit die Streitkr&auml;fte mit ihrer Tradition brachen, die sie General Schneider lehrte und die Kommandeur Araya bekr&auml;ftigte. Sie wurden Opfer des gleichen sozialen Sektors, der heute darauf aus ist, mit fremder Hilfe die Macht zur&uuml;ckzuerobern, um so seinen Besitz und seine Privilegien zu verteidigen. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich wende mich vor allem an die einfache Frau unseres Landes, an die B&auml;uerin, die an uns glaubte, an die Arbeiterin, die noch mehr arbeitete, an die Mutter, die um unsere Sorge um die Kinder wusste. Ich wende mich an die Vertreter der wissenschaftlich-technischen Intelligenz unseres Landes, an all die Patrioten unter ihnen, die seit Tagen gegen die Verschw&ouml;rung der Berufsverb&auml;nde arbeiten, jener Klassenverb&auml;nde, die nur die Vorteile, die die kapitalistische Gesellschaft einigen wenigen einr&auml;umt, verteidigen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich wende mich an die Jugend, an die, die sangen, die sich mit Fr&ouml;hlichkeit und Kampfgeist einsetzten. Ich wende mich an die M&auml;nner Chiles, die Arbeiter, Bauern, Intellektuellen, an diejenigen, die man verfolgen wird; denn in unserem Lande w&uuml;tet der Faschismus schon seit vielen Stunden mit Terroranschl&auml;gen, sprengt Br&uuml;cken, blockiert Eisenbahnlinien und zerst&ouml;rt &Ouml;l- und Gasleitungen.<\/em><\/p>\n<p><em>Demgegen&uuml;ber steht das Schweigen derjenigen, die die Verpflichtung gehabt h&auml;tten, dagegen vorzugehen. Die Geschichte wird sie richten!<\/em> <em>Sicherlich wird Radio Magallanes zum Schweigen gebracht, und der ruhige Klang meiner Stimme wird nicht zu Ihnen gelangen. Das macht nichts. Sie werden mich weiter h&ouml;ren, ich werde immer unter Ihnen sein, zumindest die Erinnerung an mich, an einen w&uuml;rdigen Menschen, der der Sache des werkt&auml;tigen Volkes die Treue hielt.<\/em> <em>Das Volk muss sich verteidigen, aber es soll sich nicht opfern. Das Volk darf sich nicht unterjochen und qu&auml;len lassen, aber es kann sich auch nicht erniedrigen lassen.<\/em><\/p>\n<p><em>Werkt&auml;tige meines Vaterlandes!<\/em><\/p>\n<p><em>Ich glaube an Chile und seine Zukunft. Andere nach mir werden diese bitteren und dunklen Augenblicke &uuml;berwinden, in denen der Verrat versucht, sich durchzusetzen. Sie sollen wissen, dass eher fr&uuml;her als sp&auml;ter freie Menschen auf breiten Stra&szlig;en marschieren werden, um eine bessere Gesellschaft aufzubauen.<\/em><\/p>\n<p><em>Es lebe Chile! Es lebe das Volk! Es leben die Werkt&auml;tigen! Dies sind meine letzten Worte. Ich habe die Gewissheit, dass mein Opfer nicht umsonst sein wird. Ich habe die Gewissheit, dass es zumindest eine moralische Lektion sein wird, die die Feigheit und den Verrat strafen wird.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Es war 10.15 Uhr. Das Land hat die Stimme von Salvador Allende nie mehr live geh&ouml;rt.<\/p><p>Der Kampf w&uuml;rde jeden Moment beginnen. Der Offizier der Eskorte von Allende, Juan Seoane, rief seine sechzehn sogenannten &bdquo;Detektive&ldquo; zusammen und sagte ihnen, dass er den Pr&auml;sidenten nicht im Stich lassen, ihnen aber Handlungsfreiheit geben w&uuml;rde. Sie alle antworteten einstimmig, dass sie bei ihm bleiben w&uuml;rden, um im Palast zu sterben. Jeder wusste, dass der Kampf ungleich war. Die meisten waren sehr junge Menschen, viele hatten Familien au&szlig;erhalb dieser Mauern. Allende bot ihnen an, den Palast zu verlassen, aber niemand bewegte sich.<\/p><p>Um 10.30 Uhr brach das Eis, als ein Panzer zum Feuern angewiesen wurde und mit gro&szlig;kalibrigem Maschinengewehr in den ersten Stock der Moneda schoss. <\/p><p>Alle warfen sich zu Boden, Glas splitterte, die Innenw&auml;nde wurden von Projektilen durchsiebt, der Stuck platzte ab, die M&ouml;bel zersplitterten, Gobelins und Gem&auml;lde gingen zu Bruch. Die Belagerten schleppten sich zu den Fenstern und begannen, zwischen dem Kalkstaub und dem Pulvergeruch der Waffen nach au&szlig;en zu schie&szlig;en. Im Radio der Putschisten setzte sich Pinochets schrille Stimme gegen die ruhigeren Stimmen der Admir&auml;le und Gener&auml;le der Luftwaffe durch. Nach und nach &uuml;bernahm er die Kontrolle &uuml;ber die Situation, nach und nach begann er, der laute und grobe F&uuml;hrer zu werden, wie wir ihn sp&auml;ter kennen lernten. &bdquo;Bedingungslose Kapitulation, bedingungslose Kapitulation&ldquo;, schrie er per Funk, w&auml;hrend ein Schwarm von Kugeln im Zentrum von Santiago in alle Richtungen flog und die Moneda wie eine Wolke von Fliegen umgab.<\/p><p>Aus dem Regierungspalast bat man telefonisch darum, die sechs Frauen, darunter zwei T&ouml;chter des Pr&auml;sidenten, aus dem Geb&auml;ude zu lassen. Beatriz Allende konnte sich nie verzeihen, dass sie ihren Vater verlassen hatte. Jahre sp&auml;ter beging sie in Kuba Selbstmord. Die Offiziere akzeptierten, aber Pinochet schrie, dass sie mit der Verz&ouml;gerungstaktik aufh&ouml;ren und sich ergeben sollten, um sie aus dem Land zu vertreiben. Leigh wollte unbedingt bombardieren, aber den Flugzeugen ging der Treibstoff aus und sie mussten zur&uuml;ckfliegen und auftanken. Leigh war emp&ouml;rt, er hatte sich vor den anderen Truppenteilen l&auml;cherlich gemacht. <\/p><p>Ein frontaler Bodenangriff wurde beschlossen, bei dem sich Panzer entlang der Teatinos-Stra&szlig;e, der Alameda und dem Constituci&oacute;nsplatz bewegten. Ihre Geschosse hinterlie&szlig;en riesige L&ouml;cher in den jahrhundertealten Mauern des Regierungspalastes. Detektiv Luis Henr&iacute;quez lief durch die G&auml;nge zu einer Stelle, von der er auf die Truppen schie&szlig;en konnte und sah, wie Allende an einem Fenster liegend eine Stellung der Putschisten mit seiner Maschinenpistole unter Feuer nahm. Der Demokrat, der sein ganzes Leben lang f&uuml;r einen friedlichen Weg zum Sozialismus gek&auml;mpft hatte, musste sein Amt mit Sch&uuml;ssen verteidigen.<\/p><p>Die Panzer feuerten ihre Kanonen auf Mauern und Fenster ab. Jede Explosion ersch&uuml;tterte die W&auml;nde, Staub rieselte, Lampen fielen herab, M&ouml;bel wurden verschoben. Mehr als f&uuml;nfzig Granaten schlugen ein und verursachten Br&auml;nde sowie Sch&auml;den am Gem&auml;uer. <\/p><p>Die Ohren schmerzten, der Brandgeruch begann sich bis in den zweiten Stock auszubreiten. Allende, seine Leibwache und die Detektive liefen durch die G&auml;nge, um aus den Fenstern zu schie&szlig;en und den Eindruck zu erwecken, als g&auml;be es mehr Leute, als sie in Wirklichkeit waren. Heute ist es das Bild, mit dem die meisten von uns gelernt haben zu leben, aber in jenem Moment sahen die Chilenen mit Unglauben und Schrecken den Regierungspalast, der von Panzern, Maschinengewehren und Gewehren angegriffen wurde. Es war ein Kampf, der nicht in den Ebenen oder in einem Teil unserer W&uuml;ste stattfand, sondern mitten in der Hauptstadt. Eine regul&auml;re Armee, unsere Armee, mit ihrer enormen, von uns selbst bezahlten Feuerkraft griff sechzig Chilenen an, darunter den Pr&auml;sidenten der Republik, die im Regierungsgeb&auml;ude Schutz suchten. Der L&auml;rm war unertr&auml;glich, das Bild war unertr&auml;glich.<\/p><p>Von der Moneda aus forderten sie ein Gespr&auml;ch mit den Putschgener&auml;len; sie sagten, ein Treffen sei unumg&auml;nglich. Pinochet schrie hysterisch, dass er nichts von Parlamentariern h&ouml;ren wolle, er wollte bedingungslose Kapitulation. Er war ver&auml;rgert &uuml;ber Leighs Versp&auml;tung. Er schlug im Radio vor, Allende aus dem Land zu bringen: &bdquo;Das Angebot bleibt&hellip; aber das Flugzeug st&uuml;rzt ab, Alter, wenn es fliegt&ldquo;, scherzte er. Pinochet f&uuml;hlte sich immer sicherer und &uuml;bernahm im Laufe des Vormittags fluchend die Kontrolle &uuml;ber einen Putsch, den er nicht selbst vorbereitet hatte.<\/p><p>Es war 11.45 Uhr. Im Inneren des Palastes h&ouml;rte man ein immer st&auml;rker werdendes Ger&auml;usch, das dann mit einem Tosen am Himmel &uuml;ber ihren K&ouml;pfen hinweg ging: Kampfjets. &bdquo;Ich glaube nicht, dass sie es wagen&ldquo;, sagte jemand. &bdquo;Es macht keinen Sinn&ldquo;, sagte ein anderer. <\/p><p>Der Anflug der Hawker Hunter in niedriger H&ouml;he ersch&uuml;tterte alles, das Glas zitterte, die Bilder vibrierten an den W&auml;nden und alle blickten instinktiv nach oben.<\/p><p>&bdquo;Schnell, in den Keller!&ldquo; schrien sie, und es begann ein wildes Rennen, um Schutz zu suchen.<\/p><p>Die l&auml;rmenden Hawker Hunter machten ihre Stabilisierungsman&ouml;ver von S&uuml;den nach Norden und durchbrachen die Schallmauer. Das Get&ouml;se lie&szlig; die Leute an Bomben denken. Die Flugzeuge teilten sich in einer Parabelbahn, eines von ihnen drehte sich zur Seite und flog nach S&uuml;den Richtung Palast. Es kam schr&auml;g nach unten und schoss auf der H&ouml;he der Metro-Station Mapocho seine Sura-Raketen ab, die am Haupttor der Moneda explodierten und es in einen Feuerball h&uuml;llten. Die Raketen des zweiten Flugzeugs fielen auf D&auml;cher und in G&auml;rten und verursachten ein schreckliches Get&ouml;se.<\/p><p>Im Inneren des Palastes brach Chaos aus, Schockwellen liefen durch das Geb&auml;ude, man sah umher geschleuderte K&ouml;rper, Rauch, Staub und Feuer, w&auml;hrend sich die Jets Richtung S&uuml;den entfernten. Es war der zweite Kampfeinsatz der chilenischen Luftwaffe in ihrer Geschichte, und zum zweiten Mal richtete er sich gegen die eigenen Landsleute, beide Eins&auml;tze an einem Septembertag. Unglaublich. Die Jets drehten um und griffen das Geb&auml;ude erneut an, diesmal mit ihren Maschinengewehren. Die Geschosse durchdrangen die D&auml;cher und schlugen in das Holz sowie die Fliesen der hundertj&auml;hrigen B&ouml;den ein, alles eingeh&uuml;llt in schwarzen Rauch, den der Sprengstoff erzeugt hatte. Unglaublich.<\/p><p>Um 12.05 Uhr nahm eine Kamera im ehemaligen Hotel Carrera den Moment auf, als die Nationalflagge vor der Moneda in Flammen aufging und verschwand, verschluckt von orangefarbenen Feuerzungen. Drau&szlig;en konnte man von &uuml;berall in Santiago die Explosionen h&ouml;ren und die schwarze Rauchs&auml;ule &uuml;ber dem Stadtzentrum sehen, wie ein Vorzeichen f&uuml;r die Gewalt, die von den neuen Beh&ouml;rden zu erwarten war. Im Inneren des Palastes kamen alle aus ihren Stellungen hervor, bedeckt mit Kalk, Staub und mit Pfeifger&auml;uschen in den Ohren. Sie f&uuml;hlten sich schwindelig und sie riefen sich gegenseitig. Unter ihnen war Allendes pers&ouml;nliche Sekret&auml;rin Miria Contreras, la Payita, die sich versteckt hatte, um nicht mit dem Rest der Frauen die Moneda verlassen zu m&uuml;ssen.<\/p><p>Im Zentrum von Santiago gab es einen Moment der Stille. Nur die Moneda war zu h&ouml;ren, knisternd im Feuer, geschw&auml;rztes Holz, ein rauchendes Herz. Weiter n&ouml;rdlich, im Haus des Pr&auml;sidenten der Republik, in der Tom&aacute;s-Moro-Stra&szlig;e, empfingen Maschinengewehrgarben der Leibgarde Allendes die Carabineros, die das Haus im Sturm erobern wollten. Die Nachbarn suchten nach den am besten gesch&uuml;tzten R&auml;umen und warfen sich ver&auml;ngstigt unter die Betten. Kugeln drangen in einige H&auml;user ein. Mindestens zwanzig Leibw&auml;chter bewachten das Gel&auml;nde. Hortensia Bussi, die Frau des Pr&auml;sidenten, hatte sich unter einen Tisch aus massivem Holz gefl&uuml;chtet, als das Get&ouml;se der aus dem Zentrum heranfliegenden Jets zu h&ouml;ren war.<\/p><p>Die Schie&szlig;ereien, die Jets, die &uuml;ber das Haus hinwegfegten, eine Geschossgarbe von schwerem Kaliber ging durch die Decke und durchschlug den Boden der R&auml;ume. Die Leibw&auml;chter riefen Befehle und versuchten zu verhindern, dass die Carabineros durch einen ungesch&uuml;tzten Zugang hineingelangten. Die Jets kehrten zur&uuml;ck und der erste feuerte seine Raketen ab, aber er traf das Krankenhaus der Streitkr&auml;fte. Im Laufe der Jahre wurde bekannt, dass der Pilot, der das Ziel verfehlt hatte, der Sohn des Putschistengenerals Gustavo Leigh war. Das zweite Flugzeug landete einen Volltreffer, und das Dach einschlie&szlig;lich eines Teiles der W&auml;nde wurde mit einem ohrenbet&auml;ubenden L&auml;rm in die Luft gesprengt. <\/p><p>Hortensia Bussi sch&uuml;tzte sich unter dem Tisch und der pers&ouml;nliche Fahrer Allendes, Carlos Tello, arbeitete sich in dem Schutt zu ihr vor, um sie an der Hand zu nehmen und durch eine Seitent&uuml;r aus dem Haus zu bringen. Er nutzte die Verwirrung aus, setzte sie ins Auto und fuhr mit hoher Geschwindigkeit durch die Stra&szlig;en voller Polizeikontrollen zur mexikanischen Botschaft, wo man sie aufnahm und ihr Asyl gew&auml;hrte.<\/p><p>Es war 13.00 Uhr. In der Firma INDUMET empfing die politische Kommission der MIR unter der Leitung von Miguel Enr&iacute;quez unter Jubel die Waffen, die Joignant ihnen geschickt hatte. Zusammen mit Arnoldo Cam&uacute;, dem juristischen Berater der Allende-Regierung von der Sozialistischen Partei, planten sie trotz ihrer geringen Zahl die Rettung von Allende, als sie von Carabineros eingekreist wurden: es gab eine Schie&szlig;erei mit einigen Verwundeten, aber sie konnten fliehen. Sie sahen ein, dass sie nicht gen&uuml;gend Kr&auml;fte hatten, um Allende zu retten und gingen in die Illegalit&auml;t. Die Kommunistische Partei (KPCh) wiederum berichtete, dass es keine Armeeabteilung gab, die der Regierung gegen&uuml;ber loyal geblieben war. Man schloss die Diskussion ab und ordnete den totalen R&uuml;ckzug an.<\/p><p>In der Moneda war die Verzweiflung gro&szlig;. Seoane erhielt einen Anruf von der Kriminalpolizei: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sagen Sie dem Pr&auml;sidenten, dass die Lage vom Milit&auml;r beherrscht wird. Alles ist verloren.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Nichts hatte funktioniert. Niemand war gekommen, um sie zu retten. Es gab keine Kolonnen von Arbeitern. Es gab keine M&ouml;glichkeit zu reagieren. Alles war verloren. Das politische Projekt war am Boden zerst&ouml;rt. Der Journalist Augusto Olivares, genannt &bdquo;Perro&ldquo;, (Hund) zog sich an einen Ort zur&uuml;ck, an dem er allein sein konnte und weinte. Er sa&szlig; auf dem Boden, entmutigt, setzte die Uzi (automatische Maschinenpistole) an seine Schl&auml;fe und schoss. Alle rannten hin, als sie die Sch&uuml;sse h&ouml;rten. Dr. Jir&oacute;n hielt den zertr&uuml;mmerten Kopf. Olivares qu&auml;lte sich f&uuml;r einige Augenblicke und starb. Allende kam angerannt, sah seinen Freund blut&uuml;berstr&ouml;mt und zeigte sich zum ersten Mal vor aller Augen offensichtlich angeschlagen. Dort lag der Leichnam von alledem. <\/p><p>In unserem Haus h&ouml;rten wir Radio. Ich verstand nicht viel, ich war vier Jahre alt, aber meine Mutter weinte. Etwas H&auml;ssliches war im Kommen.<\/p><p>Es gab einige unregelm&auml;&szlig;ige, kleinere Feuergefechte an verschiedenen Punkten Santiagos, einschlie&szlig;lich der kubanischen Botschaft in Pocuro bei Valpara&iacute;so, weitere in anderen Regionen, in Valpara&iacute;so und Concepci&oacute;n, einige Schie&szlig;ereien in Antofagasta. Es gab nie kubanische Guerillas, keine sowjetischen Arsenale, keine paramilit&auml;rischen Gruppen, die an schweren Waffen ausgebildet worden waren und auch keine der anderen Alptr&auml;ume, mit denen uns die Strategen des Terrors geschreckt hatten. Aber das war nicht mehr wichtig.<\/p><p>Niemand wei&szlig;, was Allende in diesen Minuten dachte, als er den Leichnam seines Freundes sah, die Moneda in Flammen, das Land bezwungen und der Traum zerst&ouml;rt. Er akzeptierte die Kapitulation. Er bat sie, eine Reihe zu bilden, um hinauszugehen, die Payita zuerst und er am Ende. Palacios befahl, das Feuer zu stoppen und r&uuml;ckte mit Truppen gegen die Moneda vor. Sie kamen durch die halboffene T&uuml;r der Morand&eacute;-Stra&szlig;e Nr. 80.<\/p><p>Pinochet bat unterdessen um ein Treffen aller Oberbefehlshaber der Teilstreitkr&auml;fte. Als sie ihn aufforderten, ins Zentrum der Stadt zu kommen, antwortete er: &bdquo;Nein, hier oben&ldquo;, im Stadtteil Pe&ntilde;alol&eacute;n, wo sein Hauptquartier war. So etablierte er seine Vormachtstellung. Am Ende der Aktionen setzte Pinochet seine Position als Oberbefehlshaber der m&auml;chtigsten Truppe des Landes durch und auf wundersame Weise sich selbst als Anf&uuml;hrer eines Prozesses, den andere begonnen hatten. <\/p><p>Au&szlig;erhalb der Moneda ebbte die Schie&szlig;erei ab, wurde schwach und schw&auml;cher. Allende organisierte die Kapitulation und bat alle, Ruhe zu bewahren. Es gab kein Licht in den G&auml;ngen. Die Niederlage war total, viel zu schnell. Sie lastete als gro&szlig;e B&uuml;rde auf den Schultern von allen. Das Gas brannte in den Augen, sie verteilten Masken. Die Detektive im ersten Stock wurden gefangen genommen. Einer von ihnen kam herauf und schrie, dass das Milit&auml;r bereits das Geb&auml;ude betreten habe. Allende befahl allen, ihre Waffen niederzulegen und einer nach dem anderen hinunter zu gehen. Er selbst lie&szlig; sich zur&uuml;ckfallen. Alle dachten, er w&uuml;rde versuchen, als Letzter herauszukommen. Der Pr&auml;sident betrat den Saal der Unabh&auml;ngigkeit, w&auml;hrend der Rest mit erhobenen H&auml;nden zu den Soldaten hinabstieg, die unten auf sie warteten.<\/p><p>Die Unidad Popular war am Ende. Allende wollte nicht zulassen, dass sie ihn als Troph&auml;e ausstellten. Er wollte sich nicht dem&uuml;tigen lassen, er vertrat ein ganzes Volk, das an ein Projekt der sozialen Gerechtigkeit geglaubt hatte. Umzingelt in einem Raum, allein im Rauch eines Landes in Flammen, das bald zu bluten beginnen w&uuml;rde, entschied er, dass er ihnen nicht den Triumph g&ouml;nnen w&uuml;rde, ihn besiegt zu sehen. Es gab nichts mehr, wohin man sich zur&uuml;ckziehen konnte, man konnte nur noch in die Geschichte eingehen.<\/p><p>Salvador Allende, geboren in Santiago, in einem Viertel unweit von hier, setzte sich in einen Sessel, er nahm seine AK-47, legte sie an das Kinn und nachdem er wer wei&szlig; was gedacht hatte, nachdem er wer wei&szlig; welche Bilder gesehen hatte, dr&uuml;ckte er ab. Die Sch&uuml;sse t&ouml;teten ihn sofort und bespritzen die Gobelins an den W&auml;nden mit Blut. Seine Geschichte explodierte ausgehend von seinem Kopf. Er war ihnen entkommen, sie haben ihn nicht gefasst.<\/p><p>In meinem Haus umarmte mein Vater meine Mutter und schrie: &bdquo;Sie haben Chicho get&ouml;tet. Diese Hurens&ouml;hne haben ihn get&ouml;tet!&ldquo;, und diese Szene brannte sich als siedend hei&szlig;es Tattoo in mein Ged&auml;chtnis ein. Es war alles vorbei.<\/p><p>Auszug aus dem Buch: &bdquo;Das Ende eines Traumes oder der Putsch gegen die Regierung von Salvador Allende&ldquo; (Titel im Spanischen: La Dictadura). Das Buch ist&nbsp;<a href=\"http:\/\/allende-und-das-ende-eines-traumes.de\/\">unter diesem Link bestellbar<\/a>.<\/p><p><em>Anmerkung der Redaktion: Das Buch, in Chile ein Bestseller, fand in Deutschland keinen Verleger, sodass sich der Lateinamerikanist Helmut Sonnenst&auml;dt dazu entschloss, es in Eigenregie und mit Hilfe ehemaliger Kommilitonen des renommierten Rostocker Lateinamerika-Instituts (sp&auml;ter Sektion Lateinamerikawissenschaften) zu &uuml;bersetzen und herauszugeben.<\/em><\/p><p>Titelbild: Museo de la Memoria y los Derechos Humanos de Santiago de Chile, Fotograf: Chas Gerretsen<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103551\">Das Ende eines Traumes<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103026\">50 Jahre Pinochet-Putsch gegen die Unidad Popular &ndash; Lektionen f&uuml;r heute<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103530\">Wie die Pinochet-Diktatur in Chile sich auf deutsche Alt-Nazis im BND verlassen konnte<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/ceef7960c8c14c0096f85c41dd0cd39b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute vor 50 Jahren, am 11. September 1973, wurde der chilenische Pr&auml;sident Salvador Allende um 6.40 Uhr von seinen Mitarbeitern geweckt und &uuml;ber seltsame Bewegungen in Valpara&iacute;so informiert. Alfredo Joignant, Direktor der Kriminalpolizei, best&auml;tigte, dass die Marine Truppen auf die Stra&szlig;e gebracht hat. 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