{"id":10366,"date":"2011-08-05T13:18:47","date_gmt":"2011-08-05T11:18:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10366"},"modified":"2019-07-05T11:31:07","modified_gmt":"2019-07-05T09:31:07","slug":"der-griechische-taxi-streik-ein-kampf-um-privilegien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10366","title":{"rendered":"Der griechische Taxi-Streik \u2013 ein Kampf um Privilegien"},"content":{"rendered":"<p>Der Streik des Taxigewerbes droht, Griechenland die Touristensaison zu verderben. Wenn erboste &bdquo;taksitsides&ldquo; in Athen die Einfahrt zum Hafen blockieren, oder in Kreta den Flughafen Herakleon abriegeln oder den Grenz&uuml;bergang zur T&uuml;rkei versperren, sollte man meinen, das viel f&uuml;r sie auf dem Spiel steht. So ist es in der Tat. Aber sind die Streikenden und Demonstrierenden deshalb gegen&uuml;ber der Gesellschaft im Recht? Das ist die Frage. Von Niels Kadritzke<br>\n<!--more--><br>\nWenn man verstehen will, was sich hinter diesem Streik verbirgt, muss man sehen, wer da streikt. Es ist das <strong>Taxi-Gewerbe<\/strong> und keineswegs steht das <strong>fahrende Personal<\/strong> dahinter. Es geht nicht um eine angemessene Bezahlung oder etwa um K&uuml;rzung der &uuml;blichen 10- oder 12-st&uuml;ndigen Arbeitsschichten.  Dem Verband der Taxibesitzer geht es um etwas ganz anderes, n&auml;mlich zu verhindern, dass ihnen eine bislang &auml;u&szlig;erst lukrative Einnahmequelle verschlossen wird. <\/p><p>In der aktuellen Gesetzesvorlage zur &bdquo;&Ouml;ffnung&ldquo; des Taxi-Gewerbes ist vorgesehen, dass k&uuml;nftig der Staat oder die Kommunen neue Taxi-Lizenzen an qualifizierte Bewerber vergeben k&ouml;nnen &ndash; nat&uuml;rlich unter bestimmten Bedingungen. Damit w&auml;re Schluss mit dem &bdquo;geschlossenen Markt&ldquo;, ein Privileg, das den die Taxi-Betreibern in Griechenland seit Jahrzehnten einger&auml;umt ist und von diesen weitlich genutzt wird. Da eine Taxi-Lizenz nur frei wird, wenn die alten Besitzer sie weiter ver&auml;u&szlig;ern, konnten letztere  &bdquo;Marktpreise&ldquo; f&uuml;r &nbsp;die verkaufte Lizenz fordern, die eben bei einem geschlossenen Anbietermarkt sehr hoch liegen konnten.<\/p><p>Wie ein gr&uuml;ndlicher Journalist der Zeitung Ta Nea &nbsp;recherchiert hat, konnte ein Athener Lizenzbesitzer f&uuml;r den Verkauf&nbsp;bis zu &nbsp;220.000 Euro erl&ouml;sen, Anfang dieses Jahres sollen es immerhin noch 80.000 Euro gewesen sein. Es versteht sich (in Griechenland) von selbst, dass den Steuerbeh&ouml;rden ein falscher Preis angegeben wurde, in der Regel unter 5.000 Euro. Mit nahezu jeder Lizenz&uuml;bertragung wurde also auch ein massiver Steuerbetrug begangen.<\/p><p>Die rechtlichen Voraussetzungen f&uuml;r diese Abl&ouml;sesummen-B&ouml;rse hat 1977 die konservative Regierung von Konstantinos Karamanlis (dem Onkel des 2009 abgew&auml;hlten Ministerpr&auml;sidenten) geschaffen. Vor 1977 fiel jede Taxilizenz an die staatlichen Beh&ouml;rden zur&uuml;ck, die sie dann neu vergeben konnte. Einzige Ausnahme war das &bdquo;Vererben&ldquo; an die eigenen Kinder, zur Fortf&uuml;hrung eines Familienunternehmens. Nach 1977 wurde die Lizenz zum &bdquo;Besitztitel&ldquo; ihres Inhabers und konnte meistbietend versteigert werden. Erst so konnte der Handel mit den Lizenzen entstehen, dem jetzt mit der &bdquo;&Ouml;ffnung&ldquo; des Gewerbes ein Strich durch die Rechnung gemacht wird.<\/p><p>Nat&uuml;rlich verlieren jetzt Lizenzhalter die Chance, sich auf einem stattlichen Polster unversteuerter Einnahmen zur Ruhe zu setzen. Einige, die erst vor kurzem eine solche Lizenz auf dem &bdquo;grauen Markt&ldquo; erworben haben, m&ouml;gen tats&auml;chlich einen Verlust erleiden, aber es sind nicht nur einzelne Taxi-Betreiber, die gegen diese &Ouml;ffnung protestieren. Am st&auml;rksten betroffen sind die mittleren und gr&ouml;&szlig;eren Unternehmen, die oft Dutzende Lizenzen eingekauft haben, und die mit angestellten, oft schlecht bezahlten Fahrern arbeiten. Sie k&ouml;nnen in der Tat Millionenbetr&auml;ge verlieren, wenn ab morgen eine Lizenz f&uuml;r 2.000 Euro zu haben ist.&nbsp;<\/p><p>Umgekehrt ergibt sich aber erst jetzt f&uuml;r einen angestellten Taxifahrer die Chance, eine eigene Taxi-Lizenz zu erwerben und sich das Geld selbst zu verdienen, das ihm bisher sein Taxi-Betreiber vorenthalten hat. Denn bisher war der Preis f&uuml;r eine solche Lizenz f&uuml;r ihn oder sie v&ouml;llig unerschwinglich. Aber die Lohnarbeiter des Gewerbes haben keine Stimme oder &auml;u&szlig;ern sich nur vorsichtig, weil sie sich nicht mit ihren Arbeitgebern anlegen und in einem ohnehin schwierig gewordenen Gewerbe nicht noch ihren Job verlieren wollen.<\/p><p>Die Blockaden, die die Taxibesitzer bei ihren &bdquo;Streik&ldquo;aktionen einsetzen, werden von den meisten Griechen scharf verurteilt. Durch die Absperrung von H&auml;fen und Flugh&auml;fen sieht sich nicht nur das touristische Gewerbe gesch&auml;digt; erbost sind auch viele griechische Urlauber, die gerade in diesen Wochen in die Ferien aufbrechen. Der Regierung wird vorgeworfen, dass sie nicht sch&auml;rfer gegen die Demonstranten vorgeht. Der Verkehrsminister hat daraufhin reagiert und vielen Taxibesitzern, die sich an den Blockaden beteiligt haben, mit dem Entzug ihrer Lizenz gedroht. Die Front beginnt zu br&ouml;ckeln. Auf den touristisch boomenden Inseln Rhodos und Kos haben die lokalen Taxiverb&auml;nde ihre Aktionen inzwischen abgeblasen. Und vielleicht wird schon n&auml;chste Woche auch in Athen und den anderen St&auml;dten der Taxibetrieb wieder normal laufen.<\/p><p>Dann wird allerdings auch die Diskussion &uuml;ber die Frage wieder aufleben, ob die Regierung gut beraten war, diesen Gesetzentwurf ausgerechnet inmitten der touristischen Hochsaison vorzulegen, zumal sie die Stimmung unter den Taxi-Unternehmern kennen musste. Da das Taxi-Gewerbe wie alle griechischen Wirtschaftsbranchen in der Krise ist, war der Lizenzhandel in den letzten Monaten ohnehin weitgehend zum Erliegen gekommen. Es gab also keinen akuten Handlungsbedarf. F&uuml;r die Kritiker der Regierung ist dies ein weiteres Beispiel daf&uuml;r, dass die Regierung Papandreou die falschen Priorit&auml;ten setzt. Denn es gibt viele andere Gebiete, auf denen ein schnelles und konsequentes Handeln sehr viel wichtiger und dringlicher w&auml;re, zum Beispiel beim Kampf gegen die Steuers&uuml;nder, der immer noch nicht konsequent gef&uuml;hrt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Streik des Taxigewerbes droht, Griechenland die Touristensaison zu verderben. Wenn erboste &bdquo;taksitsides&ldquo; in Athen die Einfahrt zum Hafen blockieren, oder in Kreta den Flughafen Herakleon abriegeln oder den Grenz&uuml;bergang zur T&uuml;rkei versperren, sollte man meinen, das viel f&uuml;r sie auf dem Spiel steht. So ist es in der Tat. 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