{"id":103746,"date":"2023-09-13T13:00:44","date_gmt":"2023-09-13T11:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103746"},"modified":"2023-09-13T16:47:32","modified_gmt":"2023-09-13T14:47:32","slug":"ard-am-limit-wenn-hofberichterstattung-zur-farce-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103746","title":{"rendered":"ARD am Limit: Wenn Hofberichterstattung zur Farce wird"},"content":{"rendered":"<p>Man ist einiges gewohnt von den &ouml;ffentlich-rechtlichen Sendern, was unangemessene N&auml;he zur Regierungspolitik angeht. Unter vielem anderen die Darstellungen von Wirtschaftskrieg und Ukrainekrieg sind dort zu weiten Teilen inakzeptabel, weil sie dem Auftrag der Ausgewogenheit keinesfalls gerecht werden. Das kann man noch &uuml;bertreffen: Mit der neuen Produktion &bdquo;Ernstfall &ndash; Regieren am Limit&ldquo; hat der ARD-Sender SWR nun ein geb&uuml;hrenfinanziertes Heldenepos f&uuml;r die Bundesregierung vorgelegt. Ein Kommentar von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8600\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-103746-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230913_ARD_am_Limit_Wenn_Hofberichterstattung_zur_Farce_wird_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230913_ARD_am_Limit_Wenn_Hofberichterstattung_zur_Farce_wird_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230913_ARD_am_Limit_Wenn_Hofberichterstattung_zur_Farce_wird_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230913_ARD_am_Limit_Wenn_Hofberichterstattung_zur_Farce_wird_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=103746-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230913_ARD_am_Limit_Wenn_Hofberichterstattung_zur_Farce_wird_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230913_ARD_am_Limit_Wenn_Hofberichterstattung_zur_Farce_wird_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die dreiteilige Doku-Reihe <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/serie\/ernstfall-regieren-am-limit\/staffel-1\/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9zZGIvc3RJZC8xNTQ4\/1\">&bdquo;Ernstfall &ndash; Regieren am Limit&ldquo;<\/a> von Stephan Lamby &uuml;ber die Zeit vor und nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine l&auml;sst den kritischen Zuschauer sprachlos zur&uuml;ck: Die sorgsam bereitete B&uuml;hne f&uuml;r die nachdenkliche Selbstdarstellung von Scholz, Habeck, Baerbock und Lindner; die Distanzlosigkeit, die als journalistisch produktive N&auml;he verkauft wird; der unangemessene Umgang mit Geschichte und den Faktoren, die zum Ukrainekrieg gef&uuml;hrt haben &ndash; all das f&uuml;hrt dazu, dass die &bdquo;Dokumentation&ldquo; zu einer intensiven Rechtfertigung f&uuml;r die fragw&uuml;rdige Politik der Regierung wird. Die dabei angewandte Dreistigkeit (etwa beim Einsatz von Emotionen) muss man erstmal verarbeiten.<\/p><p><strong>Keine Fragen offen&hellip; <\/strong><\/p><p>Inhaltlich wird in dem Film der alles entscheidende Punkt nicht angemessen behandelt &ndash; n&auml;mlich die Pr&uuml;fung der offiziellen Behauptung, dass man auf &bdquo;Putins Krieg&ldquo; mit Eskalation, Waffenlieferungen und einem selbstzerst&ouml;rerischen Wirtschaftskrieg hatte antworten m&uuml;ssen. Denn das ist nicht der Fall: Deutschland hat noch nie in dieser extremen Form auf einen der zahlreichen und permanent bestehenden Regionalkonflikte dieser Welt reagiert. Au&szlig;erdem h&auml;tte der Einmarsch Russlands durch die Festschreibung von Sicherheitsgarantien von NATO-Seite im Vorfeld noch leicht verhindert werden k&ouml;nnen. Der Wirtschaftskrieg, den die EU praktisch gegen sich selber f&uuml;hrt, ist grotesk und er bedient vor allem US-Interessen. <\/p><p>Kurz: Der Krieg h&auml;tte verhindert werden k&ouml;nnen. Und auch nach dem russischen Einmarsch h&auml;tte die Bundesregierung selbstverst&auml;ndlich anders reagieren k&ouml;nnen, h&auml;tte anders reagieren m&uuml;ssen, als sie es getan hat. Insofern ist die Aussage falsch, dass die Bundesregierung &bdquo;unschuldig&ldquo; an den Folgen der eigenen Politik sei &ndash; weil eine andere Politik m&ouml;glich gewesen w&auml;re und noch m&ouml;glich ist.<\/p><p>Diese zentrale Grundlage f&uuml;r die Beurteilung aller folgenden Entscheidungen der Regierung wird im Film &uuml;ber weite Strecken ignoriert bzw. es wird der Darstellung der Regierung nicht angemessen Skepsis entgegengebracht: Demnach gab es eben einfach eine Situation, auf die eindeutig mit Eskalation und Wirtschaftskrieg reagiert werden musste &ndash; keine Fragen offen. Etwa die Frage, ob eine Regierung eine Politik machen darf, die sich massiv gegen die eigenen B&uuml;rger richtet und die real keinen Sinn macht, au&szlig;er dass US-Interessen und eine gr&uuml;n-militaristische Ideologie bedient werden &ndash; eine Politik, die zudem einen Krieg und das Leid der ukrainischen Zivilisten unmoralisch verl&auml;ngert.<\/p><p><strong>Einige &bdquo;Fehler&ldquo;, aber alles &bdquo;gut gemeint&ldquo;<\/strong><\/p><p>Ein indirektes Fazit des Films lautet darum: Die Regierung ist unschuldig und sie tut, was sie kann, um die nicht selber verschuldeten Probleme in den Griff zu kriegen. Es wurden zwar m&ouml;glicherweise innerhalb der wackeren &bdquo;Rettungsaktionen&ldquo; der Regierung einige &bdquo;Fehler&ldquo; gemacht, aber mindestens war es alles &bdquo;gut gemeint&ldquo;. Doch diese Botschaft stimmt einfach nicht. Zum Beispiel muss unter vielem anderen immer wieder betont werden: Etwa die aktuelle Politik der &bdquo;Rettung der Energieversorgung&ldquo; ist nur n&ouml;tig geworden wegen der Sanktionspolitik der Bundesregierung. <\/p><p>Die Doku versucht solche Fragen zu &uuml;berlagern durch eine &uuml;berbetonte Dramatik des Moments, die Alternativlosigkeit vorgaukeln soll. Und durch viel Gef&uuml;hl, das die kalten Fakten vernebelt. Alles erscheint ein bisschen zu aufwendig, zu durchgeplant und zu stilisiert. Die zum Teil genutzte Hollywood-&Auml;sthetik, die sich etwa in unserem Titelbild zeigt, ist gleich zweifach unangemessen: Zum einen sollte man diese &Auml;sthetik als kritischer und seri&ouml;ser Journalist prinzipiell nicht nutzen, schon gar nicht, um Protagonisten aus der Regierung indirekt als die &bdquo;Fantastischen Vier&ldquo; erscheinen zu lassen, die ohne eigene Schuld in den Sturm der Geschichte geraten sind und sich nun tapfer schlagen. Zum anderen haben Scholz, Habeck, Lindner und Baerbock einfach nicht das Format, um die ihnen auf den Leib geschneiderten Superhelden-Attribute auszuf&uuml;llen. <\/p><p>&bdquo;<strong>Gerechtigkeit f&uuml;r die Ampel!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Das alles geht sogar einigen Mainstream-Journalisten zu weit, die sanfte Kritik &uuml;ben, wie etwa <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/film\/2023-09\/ernstfall-regieren-am-limit-ard-doku-stephan-lamby-bundesregierung-rezension\">in der <em>Zeit<\/em><\/a> unter dem sch&ouml;nen Titel &bdquo;Knapp zwei Jahre Geampel&ldquo;. Andere sind mutma&szlig;lich froh &uuml;ber die Sch&uuml;tzenhilfe durch den Film, weil durch ihn der eigene Umgang mit der Regierung gerechtfertigt erscheint, etwa der <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/gerechtigkeit-fur-die-ampel-was-hatten-sie-denn-anders-machen-sollen-10455151.html\"><em>Tagesspiegel<\/em><\/a>, der die Darstellung von der Alternativlosigkeit der Ampel-Entscheidungen wohl gerne &uuml;bernimmt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Gerechtigkeit f&uuml;r die Ampel! Was h&auml;tten sie denn anders machen sollen?<\/em><\/p>\n<p><em>(&hellip;) Ins kalte Wasser geschmissen werden &ndash; und dann erst schwimmen lernen m&uuml;ssen: Darauf war niemand vorbereitet, darauf konnte niemand vorbereitet gewesen sein<\/em>.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/meinung\/eine-analyse-von-ulrich-reitz-ampel-bekommt-doppeltes-lob-der-buerger-wird-dabei-einfach-ignoriert_id_204909928.html\"><em>Focus<\/em><\/a> weist darauf hin, dass es neben der <em>ARD<\/em>-Produktion momentan eine weitere Sch&uuml;tzenhilfe f&uuml;r die Ampelregierung gibt, in Form einer &bdquo;Studie&ldquo; der Bertelsmann-Stiftung, die der Regierung bescheinigt, &bdquo;trotz Streits&ldquo; &bdquo;viele Versprechen&ldquo; aus dem &bdquo;ambitionierten Koalitionsvertrag&ldquo; umgesetzt zu haben. Treffend schreibt das Magazin zu dem Film:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Mit &sbquo;Ernstfall &ndash; Regieren am Limit&lsquo; hat der Dokumentarfilmer Stefan Lamby der Ampelregierung, vor allem ihrem gr&uuml;nen Teil, und hier Robert Habeck und Annalena Baerbock, ein Heldenepos geschenkt. Eine Regierungs-Best&auml;tigungserz&auml;hlung. (&hellip;) Gezeigt wird eine Regierung im Ausnahmezustand. Verzichtet wird auf die Dokumentation einer Bev&ouml;lkerung im Ausnahmezustand &ndash; als Folge dieser Regierung an deren Limit<\/em>.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dieser Befund trifft zu: Als &bdquo;Volkes Stimme&ldquo;, die ansonsten im Film weitgehend unter den Tisch f&auml;llt, werden ausgerechnet Klimakleber eingef&uuml;hrt.<\/p><p><strong>Ein Graben tut sich auf <\/strong><\/p><p>Eine sch&ouml;ne Szene am Ende des ersten Teils zeigt Annalena Baerbock, wie sie sich eine Antwort auf die Frage &uuml;berlegt, ob sie Entscheidungen aus den letzten Monaten bereuen w&uuml;rde. Der Moment, bis Baerbock dann endlich eine &bdquo;passende&ldquo;, aber irref&uuml;hrende Antwort einf&auml;llt, zieht sich geh&ouml;rig und zeigt: Selbstkritik (jenseits von der Feststellung, dass die Kommunikation der eigenen Politik &bdquo;noch besser&ldquo; werden muss) steht hier nicht besonders hoch im Kurs. Das mindert auch die Hoffnung auf Einkehr. <\/p><p>So oder so muss man sich verdeutlichen, dass die f&uuml;r die hiesigen B&uuml;rger destruktiven Folgen der Regierungspolitik nicht etwa &bdquo;Fehlern&ldquo; entspringen, sondern dass diese Folgen mutma&szlig;lich k&uuml;hl kalkuliert in Kauf genommen werden, wenn dies n&ouml;tig erscheint, um geopolitische W&uuml;nsche der USA umzusetzen. <\/p><p>Ich frage mich, an wen sich Filme wie &bdquo;Ernstfall &ndash; Regieren am Limit&ldquo; richten, wen sie wohl inhaltlich noch erreichen. Denn fest steht: Der Graben zwischen der dominanten &ouml;ffentlichen Meinung &ndash; und der in Mainstreammedien ver&ouml;ffentlichten Meinung wird immer tiefer.<\/p><p>Titelbild: Screenshot ARD<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man ist einiges gewohnt von den &ouml;ffentlich-rechtlichen Sendern, was unangemessene N&auml;he zur Regierungspolitik angeht. Unter vielem anderen die Darstellungen von Wirtschaftskrieg und Ukrainekrieg sind dort zu weiten Teilen inakzeptabel, weil sie dem Auftrag der Ausgewogenheit keinesfalls gerecht werden. Das kann man noch &uuml;bertreffen: Mit der neuen Produktion &bdquo;Ernstfall &ndash; Regieren am Limit&ldquo; hat der ARD-Sender<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103746\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":103747,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,123,183],"tags":[861,3293,1672,1779,465],"class_list":["post-103746","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","tag-ampelkoalition","tag-bellizismus","tag-embedded-journalism","tag-pr-journalismus","tag-swr"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/230913-SWR_Limit.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/103746","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=103746"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/103746\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103757,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/103746\/revisions\/103757"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/103747"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=103746"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=103746"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=103746"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}