{"id":103762,"date":"2023-09-14T09:00:50","date_gmt":"2023-09-14T07:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103762"},"modified":"2023-09-14T16:26:48","modified_gmt":"2023-09-14T14:26:48","slug":"nordkorea-ein-schmuddelkind-wird-75","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103762","title":{"rendered":"Nordkorea: Ein \u201eSchmuddelkind&#8221; wird 75"},"content":{"rendered":"<p>Pj&ouml;ngjang, die Metropole der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK &ndash; Nordkorea), pr&auml;sentierte sich am vergangenen Wochenende wieder einmal in Festtagsstimmung mit bis ins letzte Detail choreografierten Paraden und publicitytr&auml;chtigem Auftritt ihrer politischen F&uuml;hrung. Das Land beging den 75. Jahrestag seiner Staatsgr&uuml;ndung am 9. September 1948 durch Kim Il-Sung, dem Gro&szlig;vater des amtierenden Staatschefs Kim Jong-Un. Seit seinem Tod im Sommer 1994 ist Kim Il-Sung laut Verfassung der DVRK &bdquo;Ewiger Pr&auml;sident&ldquo; des Landes, weshalb das Pr&auml;sidialamt abgeschafft ist. Anmerkungen jenseits &bdquo;werteorientierter und regelbasierter Au&szlig;enpolitik&ldquo; von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8974\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-103762-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230914-Nordkorea-Schmuddelkind-wird-75-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230914-Nordkorea-Schmuddelkind-wird-75-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230914-Nordkorea-Schmuddelkind-wird-75-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230914-Nordkorea-Schmuddelkind-wird-75-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=103762-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230914-Nordkorea-Schmuddelkind-wird-75-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230914-Nordkorea-Schmuddelkind-wird-75-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Achtung unter Freunden<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend der Feierlichkeiten am vergangenen Wochenende sa&szlig;en Kim Jong-Un und seine Tochter auf einem Balkon &uuml;ber dem ausladenden Kim-Il-Sung-Platz im Zentrum Pj&ouml;ngjangs, um die Paraden zu beobachten. Der russische Pr&auml;sident Wladimir Putin hatte eine Gru&szlig;botschaft &uuml;bermittelt, und eine chinesische Partei- und Regierungsdelegation unter der Leitung von Liu Guozhong, Mitglied des Politb&uuml;ros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas und Vizepremier des Staatsrats Chinas, f&uuml;hrte Gespr&auml;che mit dem Gastgeber, die laut Agenturberichten &bdquo;in einer herzlichen und freundlichen Atmosph&auml;re&ldquo; stattfanden.<\/p><p>In einem aktuellen Interview mit der russischen Nachrichtenagentur <em>TASS<\/em> brachte Alexander Mazegora, Moskaus Botschafter in Pj&ouml;ngjang, auch trilaterale Man&ouml;ver zwischen Russland, der Volksrepublik China und Nordkorea ins Gespr&auml;ch. Dies sei, so der Botschafter, als gemeinsame Antwort auf die Milit&auml;r&uuml;bungen der USA mit ihren Alliierten in der Region angebracht. Die Ansichten Russlands und Nordkoreas in internationalen Angelegenheiten stimmten fast vollst&auml;ndig &uuml;berein, erkl&auml;rte Mazegora. Die Grundlage daf&uuml;r ist in seinen Augen Pj&ouml;ngjangs <em>&bdquo;bedingungslose Unterst&uuml;tzung der russischen Position zur Ukraine-Krise&ldquo;.<\/em><\/p><p>Es herrsche<em> &bdquo;taktisches und strategisches gegenseitiges Verst&auml;ndnis&ldquo; <\/em>zwischen den beiden Seiten.<\/p><p>So ist es nicht verwunderlich, dass in den Medien die Nachricht gehypt wird, es st&uuml;nde nach 2019 ein neuerliches Zusammentreffen von Putin und Kim in der russischen Stadt Wladiwostok kurz bevor. So das zutrifft, ginge es offensichtlich um Deals in puncto Waffen, Milit&auml;rtechnologien sowie Lebensmittel und anderer G&uuml;ter des t&auml;glichen Bedarfs. Dass beide Seiten milit&auml;risch n&auml;her zusammenr&uuml;cken, ist seit l&auml;ngerer Zeit erkennbar. Ende Juli besuchte der russische Verteidigungsminister Sergei K. Schoigu Pj&ouml;ngjang, um anl&auml;sslich des 70. Jahrestages der Unterzeichnung des Waffenstillstands am Ende des Koreakriegs an offiziellen Festlichkeiten teilzunehmen. Er wurde geradezu wie ein Popstar behandelt, und es ward dies der erste Besuch eines russischen Verteidigungsministers in Nordkorea seit dem Ende der Sowjetunion. Schoigu verfolgte dabei nicht nur die gro&szlig;e &bdquo;Siegesparade&ldquo; in Pj&ouml;ngjang, er besuchte gemeinsam mit Kim Jong-Un auch eine Ausstellung von nordkoreanischen Waffen. Kim und Schoigu sollen sich laut Agenturberichten zu milit&auml;rischen Fragen ausgetauscht haben. Dabei sei es um den Schutz der Souver&auml;nit&auml;t, der Entwicklung und der Interessen beider L&auml;nder vor dem Hintergrund der &bdquo;selbstherrlichen und willk&uuml;rlichen Praktiken der Imperialisten&ldquo; gegangen.<\/p><p>Um angesichts mehrerer neuerlicher Gro&szlig;man&ouml;ver US-amerikanischer Truppenverb&auml;nde mit s&uuml;dkoreanischen Einheiten auf der Halbinsel ein weiteres Zeichen der eigenen St&auml;rke zu setzen, lie&szlig; Nordkorea Mitte vergangener Woche sein erstes angeblich atomwaffenf&auml;higes U-Boot vom Stapel. Beobachtern zufolge verf&uuml;gt es &uuml;ber zehn Abschussrohre f&uuml;r ballistische Raketen. Die Ausr&uuml;stung der Marine mit Atomwaffen m&uuml;sse vorangetrieben werden, um US-amerikanischen und s&uuml;dkoreanischen Provokationen vorzubeugen, wurde Staatschef Kim Jong-Un am Freitag von der staatlichen nordkoreanischen Nachrichtenagentur <em>KCNA<\/em> zitiert.<\/p><p>In all den Jahren folgte Pj&ouml;ngjangs Nomenklatura knallhart ihrer systemimmanenten Logik: Wenn schon nicht international geachtet, will die DVRK als selbsterkl&auml;rte neunte Atommacht allein um des &Uuml;berlebens willen auf Augenh&ouml;he ge&auml;chtet sein.<\/p><p><strong>Verachtung vonseiten der Feinde<\/strong><\/p><p>&bdquo;<em>The Impossible State&ldquo; (&bdquo;Der unm&ouml;gliche Staat&ldquo;)<\/em> lautet der Titel des im Jahre 2013 in New York erschienenen Buches aus der Feder von Victor D. Cha. In diesem volumin&ouml;sen Opus, das nahezu 550 Seiten umfasst, begab sich der Autor auf Spurensuche in Sachen Nordkorea, dessen vergangene Geschichte und Zukunftsperspektiven den Hauptfokus seiner Abhandlung bilden. Victor Cha war ehemaliger nationaler au&szlig;enpolitischer Berater und als Direktor f&uuml;r asiatische Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat des Wei&szlig;en Hauses verantwortlich f&uuml;r Japan, Nord- und S&uuml;dkorea, Australien und Neuseeland. W&auml;hrend der Amtszeit von George W. Bush (2001 bis 2009) diente er dem Pr&auml;sidenten als Chefberater in puncto Nordkorea.<\/p><p>Allein der Titel dieses Buches ist bezeichnend f&uuml;r die politische Position und Einstellung Washingtons vis-&agrave;-vis der Volksrepublik. Nichts h&auml;tte man sich bereits seit Langem sehnlicher herbeigew&uuml;nscht als das Verschwinden der DVRK von der politischen Landkarte. Und unter vielen Nordkoreanern hat sich &ndash; vor allem nach dem desastr&ouml;sen Koreakrieg (1950 bis 1953) &ndash; ein Amerikabild ins Ged&auml;chtnis gebrannt, das gepr&auml;gt ist von der immensen Verw&uuml;stung des Landes. &Uuml;berliefert sind Stellungnahmen von US-Bomberpiloten in jenen Tagen, da sich diese dar&uuml;ber &bdquo;beklagten&ldquo;, es g&auml;be in Nordkorea &bdquo;partout keine Ziele&ldquo; mehr. Was seitens der USA und ihrer Verb&uuml;ndeten als &bdquo;Polizeiaktion&ldquo; der UNO deklariert war, dauerte drei lange Jahre und forderte furchtbare Opfer: Dreieinhalb Millionen Koreaner und eine Million Chinesen verloren ihr Leben; fast drei Millionen Amerikaner taten Dienst in Korea, 36.914 von ihnen wurden get&ouml;tet, &uuml;ber 100.000 verwundet.<\/p><p>An gegenseitigen Attacken bitterster Art hat es nie gemangelt. US-Pr&auml;sident George W. Bush beispielsweise nannte Kim Jong-Il, den Vater des amtierenden nordkoreanischen Staatschefs, einen &bdquo;Pygm&auml;en&ldquo; &ndash; was in Pj&ouml;ngjang die Retourkutsche provozierte, die USA seien &bdquo;eine Nation von Kannibalen&ldquo; und &bdquo;(befallen) von moralischer Lepra&ldquo;. Und Ex-Pr&auml;sident Donald J. Trump schwadronierte w&auml;hrend seiner Rede vor der UN-Vollversammlung im Herbst 2017 von &bdquo;der Vernichtung Nordkoreas&ldquo; samt &bdquo;des Raketenmanns Kim&ldquo;. Was Trump und den so Gescholtenen nicht daran hinderte, sich Mitte Juni 2018 pers&ouml;nlich zu einem wahrlich historischen Gipfel im s&uuml;dostasiatischen Stadtstaat Singapur zu treffen! Dies verleitete den langj&auml;hrigen CIA-Mitarbeiter und Washingtons fr&uuml;heren Botschafter in S&uuml;dkorea, Donald P. Gregg, bereits vor Jahren zu dem Statement:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Die USA verf&uuml;gen &uuml;ber keine koh&auml;rente Politik vis-&agrave;-vis Nordkorea. In Washington ist lediglich eine Haltung gegen&uuml;ber der Volksrepublik erkennbar. Und diese ist gespeist aus Hass.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Koloniale Verm&auml;chtnisse<\/strong><\/p><p>Nach langj&auml;hriger japanischer Kolonialherrschaft (1910 bis 1945) widerfuhr Korea aufgrund seiner geostrategischen Lage das uns&auml;gliche &bdquo;Pech&ldquo;, als Kolonie nun auch noch &ndash; anstelle des Aggressors Japan &ndash; geteilt worden zu sein! Die Siegerm&auml;chte des Zweiten Weltkrieges, die USA und die Sowjetunion, hatten sich n&auml;mlich darauf verst&auml;ndigt, das ostasiatische Land zun&auml;chst treuh&auml;nderisch zu verwalten &ndash; und das entlang einer sprichw&ouml;rtlich am Rei&szlig;brett gezogenen Linie entlang des 38. Breitengrads, die seinerzeit im US-State Department ersonnen ward. S&uuml;dlich davon hatten die USA und n&ouml;rdlich davon die Sowjetunion das Sagen.<\/p><p>Schroffe Konflikte waren programmiert, die schlie&szlig;lich im Sommer 1950 zum Bruderkrieg f&uuml;hrten, der rasch internationalisiert und erst drei Jahre sp&auml;ter lediglich mit einem Waffenstillstandsabkommen enden sollte. In S&uuml;dkoreas Metropole wurde nach dem Kriegsende seitens der US-amerikanischen Milit&auml;rregierung <em>(USAMGIK)<\/em> der eigens aus dem Exil eingeflogene antikommunistische Hardliner Rhee Syngman als F&uuml;hrungsperson installiert, w&auml;hrend im Norden Kim Il-Sung, einer von zahlreichen antijapanischen Partisanen, zur politischen Leitfigur avancierte &ndash; freilich mit tatkr&auml;ftiger Unterst&uuml;tzung seitens des sowjetischen Generaloberst Terenti F. Schtykow. Dieser hatte nicht nur die Befreiung Nordkoreas vom japanischen Kolonialjoch beaufsichtigt; er fungierte 1945 bis 1948 de facto auch als Chef der dort stationierten Roten-Armee-Besatzungstruppen und sodann bis 1950 als Moskaus erster Botschafter in der DVRK. Unter Schtykows &Auml;gide gelang Kim Il-Sung der Aufstieg zur politischen Macht, und es war der sowjetische General, der auch ma&szlig;geblich am Entwurf der ersten nordkoreanischen Verfassung sowie an der Durchf&uuml;hrung einer umfassenden Agrarreform im Fr&uuml;hjahr 1946 beteiligt war.<\/p><p>Rhee Syngman hatte am 15. August 1948 endg&uuml;ltig die Teilung Koreas besiegelt, als er die Republik Korea (ROK &ndash; S&uuml;dkorea) ausrief. Knapp vier Wochen sp&auml;ter zog Kim Il-Sung nach und proklamierte in Pj&ouml;ngjang die DVRK. S&uuml;dkorea war als antikommunistischer &bdquo;Frontstaat&ldquo; par excellence ein Hort der Reaktion, einstige projapanische Kollaborateure blieben dort unbehelligt und die politische Legitimation Rhees blieb stets gering. Kim indes konnte sich immerhin als Nationalist und antijapanischer Partisanenk&auml;mpfer pr&auml;sentieren, dem Zeitzeugen volksnahe und charismatische F&uuml;hrungsqualit&auml;ten bescheinigten.<\/p><p>Mit den jeweiligen Staatsgr&uuml;ndungen hatten sich die sozialpolitischen Konflikte auf der Halbinsel derma&szlig;en versch&auml;rft, dass bewaffnete Auseinandersetzungen immer h&auml;ufiger stattfanden. Was urspr&uuml;nglich als Klassenkampf begann, wuchs sich sukzessiv zum B&uuml;rgerkrieg aus und entfaltete eine Eskalationsdynamik durch die Internationalisierung des Krieges als <em>Koreakrieg.<\/em> An ihm waren von 1950 bis 1953 22 L&auml;nder entweder mit Kampftruppen oder mit medizinischen Einheiten zur Unterst&uuml;tzung S&uuml;dkoreas unter der Flagge der Vereinten Nationen, wiewohl unter US-Oberkommando,<em> <\/em>beteiligt. Auf Seiten Nordkoreas k&auml;mpften <em>Freiwilligenverb&auml;nde<\/em> der chinesischen Volksarmee sowie eine nicht genau bekannte Zahl sowjetischer Piloten. W&auml;hrend ausl&auml;ndische Truppen die DVRK nach dem Krieg verlie&szlig;en, verblieben UN-Verb&auml;nde und US-Truppen (aktuell 28.500 Mann) bis heute ununterbrochen in S&uuml;dkorea &ndash; ein Anachronismus ohnegleichen! Und es ist ein US-amerikanischer Viersternegeneral (aktuell General Paul J. LaCamera), der als unzeitgem&auml;&szlig;er Prokonsul im gut 60 Kilometer s&uuml;dlich der s&uuml;dkoreanischen Metropole Seoul gelegenen Hauptquartier Camp Humphreys residiert, der zurzeit weltweit gr&ouml;&szlig;ten US-Milit&auml;rbasis au&szlig;erhalb des nordamerikanischen Kontinents.<\/p><p>So zerst&ouml;rerisch der Koreakrieg war und bis heute immer noch eines Friedensvertrags harrt (!), so aufgeheizt aggressiv blieb seitdem das bilaterale Klima zwischen Seoul und Pj&ouml;ngjang &ndash; was nicht ausschloss, dass es zwischenzeitlich kurze Phasen der Entspannung gab, f&uuml;r die beispielsweise S&uuml;dkoreas Pr&auml;sident Kim Dae-Jung als Architekt einer sogenannten &bdquo;Sonnenscheinpolitik&ldquo; im Dezember 2000 der Friedensnobelpreis zuerkannt wurde.<\/p><p>&bdquo;<strong>Sozialismus in den eigenen Farben&ldquo;<\/strong><\/p><p>Bereits um die Jahreswende 1990\/1991 hatten Nord- und S&uuml;dkorea einen Auss&ouml;hnungs- und Normalisierungsvertrag ausgehandelt, der den beiderseitigen Austausch in den Bereichen Kultur, Wirtschaft und Politik vorsah und gemeinsame Besuchsprogramme erm&ouml;glichen sollte. Die Vertragsunterzeichnung fiel allerdings in eine f&uuml;r Nordkorea &uuml;beraus bedeutsame Umbruchphase. In Berlin war die Mauer gefallen, der Zusammenbruch der Sowjetunion und anderer realsozialistischer Regime in Osteuropa stand bevor. F&uuml;r Pj&ouml;ngjang bedeutete die Politik von <em>Glasnost <\/em>und <em>Perestrojka<\/em> in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow nichts Gutes. Man witterte eine &ndash; so w&ouml;rtlich &ndash; &bdquo;ideologische Kontaminierung&ldquo; und zog kurzerhand die im Ausland befindlichen beziehungsweise dorthin beorderten Kader und Techniker ab und schickte sie wieder nach Hause.<\/p><p>Auf die Umbruchphase in Osteuropa reagierte Pj&ouml;ngjang auf seine Weise; es schottete sich gegen&uuml;ber der (westlichen) Au&szlig;enwelt ab, setzte st&auml;rker als zuvor auf ideologische Erziehung und Kampagnen, entwarf das Konzept des &bdquo;Sozialismus in den eigenen Farben&ldquo; und propagierte den &bdquo;starken und gedeihenden Staat&ldquo;. Neben den Entwicklungen in der Sowjetunion und in Osteuropa gab es in der Volksrepublik selbst auch schwerwiegende innen- und wirtschaftspolitische Probleme. Die abrupte Umstellung des Handels auf Devisenbasis, immense R&uuml;stungsausgaben (etwa 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts) sowie komplette Ernteausf&auml;lle in Folge verheerender Naturkatastrophen f&uuml;hrten in einigen Regionen zu akuter Hungersnot und das Land nahezu in den Ruin.<\/p><p>Trotzdem kollabierte das Land entgegen der Prognosen vieler sogenannter Experten internationaler Denkfabriken nicht. Einerseits untersch&auml;tzten diese die Zusammensetzung und das mit Bedacht austarierte Machtgef&uuml;ge der politisch dominanten F&uuml;hrungsschicht. Zum anderen trug Pj&ouml;ngjangs zelebrierte <em>Dschutsche- (Juche-)Ideologie<\/em>, seine Variante einer autozentrierten Entwicklung und das Besinnen auf die eigenen Kr&auml;fte, mit dazu bei, sich weder eng an Moskau oder an Beijing angelehnt zu haben. In der sino-sowjetischen Auseinandersetzung um die F&uuml;hrungsrolle in der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewegung in den fr&uuml;hen 1960er-Jahren steuerte Pj&ouml;ngjang einen au&szlig;enpolitischen Kurs der &Auml;quidistanz, was ihm mitunter den Vorwurf des &bdquo;Zentrismus&ldquo; eintrug.<\/p><p>Seit 1994 schwelt ein Konflikt um Nordkoreas Nuklearprogramm, der zumindest bis zum Jahr 2000 deeskaliert werden konnte. W&auml;hrend Pj&ouml;ngjang sich zu Abstrichen bereit erkl&auml;rte, erhielt es im Gegenzug Sicherheitsgarantien im Rahmen eines bilateral mit Washington ausgehandelten <em>&bdquo;Rahmenabkommens&ldquo; (&bdquo;Agreed Framework&ldquo;).<\/em> Ende Oktober 2000 weilte sogar die bis dahin h&ouml;chstkar&auml;tige US-Delegation unter Leitung von Au&szlig;enministerin Madeleine Albright zur Staatsvisite in Pj&ouml;ngjang. Gastgeber Kim Jong-Il, der Sohn des Staatsgr&uuml;nders und Vater des amtierenden Staatschefs, zeigte sich zuversichtlich, den Atomstreit beilegen zu k&ouml;nnen. Selbst &uuml;ber ein m&ouml;gliches Treffen zwischen US-Pr&auml;sident Clinton und Kim Jong-Il wurde seinerzeit verhandelt, das dann aber wegen der Eskalation im pal&auml;stinensisch-israelischen Konflikt &ndash; so die offizielle Begr&uuml;ndung &ndash; abgesagt wurde.<\/p><p>&Uuml;berhaupt: 2000 war ein f&uuml;r Korea bedeutsames Jahr. Im Sommer fand der erste innerkoreanische Gipfel in Pj&ouml;ngjang statt. Auf der Halbinsel standen die Zeichen auf Entspannung, zumal auch und gerade die EU dort Flagge zeigten. Der damalige EU-Ratsvorsitzende, Schwedens Premier G&ouml;ran Persson, sowie EU-Au&szlig;enkommissar Chris Patten und der EU-Beauftragte f&uuml;r Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik, Javier Solana, reisten nach Pj&ouml;ngjang und Seoul, um den innerkoreanischen Dialog ausdr&uuml;cklich gutzuhei&szlig;en. Nordkorea nahm derweil volle diplomatische Beziehungen mit mehreren westlichen L&auml;ndern auf &ndash; darunter ab M&auml;rz 2001 auch mit der Bundesrepublik Deutschland. Dar&uuml;ber hinaus stornierte Pj&ouml;ngjang die Produktion und Ausfuhr aller Raketen mit einer Reichweite von mehr als 500 Kilometern. In zwei strategischen Fragen &ndash; in der Atompolitik und bei den ballistischen Raketen &ndash; kamen sich Pj&ouml;ngjang und Washington so nahe, dass nicht nur ein Konsens zustande kam, sondern die gesamte Sicherheitsarchitektur in der Region davon zu profitieren schien. Washington lockerte sogar einige Wirtschaftssanktionen und setzte sich f&uuml;r erh&ouml;hte Hilfslieferungen an die Volksrepublik ein.<\/p><p>All diese vielversprechenden Avancen wurden mit dem Amtsantritt von US-Pr&auml;sident George W. Bush buchst&auml;blich &uuml;ber Nacht zur Makulatur. F&uuml;r ihn z&auml;hlte die DVRK zur &bdquo;Achse des B&ouml;sen&ldquo;. Vor allem die von Bush angezettelten Feldz&uuml;ge gegen Afghanistan und Irak lie&szlig;en in Pj&ouml;ngjang die Alarmglocken schrillen. Dort reklamierte man fortan f&uuml;r sich das &bdquo;Recht auf den Besitz des gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glichen Abschreckungspotenzials&ldquo;. Im Klartext: Das eigene Atomprogramm wurde ausgeweitet und das Raketenarsenal betr&auml;chtlich aufgestockt, modernisiert und wiederholt getestet.<\/p><p>Apropos Bedrohungsfaktor auf der Koreanischen Halbinsel beziehungsweise wer bedroht da eigentlich wen? Der oben erw&auml;hnte US-Viersternegeneral LaCamera ist in Personalunion Oberkommandierender der <em>United States Forces Korea (USFK), <\/em>des<em> Kommandos der Vereinten Nationen (United Nations Command &ndash; UNC) <\/em>sowie des<em> ROK\/U.S. Combined Forces Command (CFC) <\/em>&ndash; mit momentan noch immer auf s&uuml;dkoreanischem Boden stationierten 28.500 US-Soldaten.<em> <\/em>Im Kriegsfall gar w&auml;ren die s&uuml;dkoreanischen Streitkr&auml;fte ebenfalls seinem Befehl untergeordnet! Da hat Pj&ouml;ngjang wahrlich allen Grund, dem Ziehvater und Zuchtmeister einer &bdquo;werteorientierten und regelbasierten Ordnung&ldquo; zu misstrauen.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<\/p><p>Titelbild: LMspencer\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Zum tieferen Verst&auml;ndnis dieser Problematik verweise ich auf meine beiden fr&uuml;heren Texte auf diesen Seiten: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87843\"><em>Z&auml;hlebiger Feind &ndash; weltweiter Paria &ndash; ideeller Gesamt&bdquo;terrorist&ldquo;<\/em><\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94360\"><em>Nordkorea: Besinnliches inmitten von Bizarrem<\/em><\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pj&ouml;ngjang, die Metropole der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK &ndash; Nordkorea), pr&auml;sentierte sich am vergangenen Wochenende wieder einmal in Festtagsstimmung mit bis ins letzte Detail choreografierten Paraden und publicitytr&auml;chtigem Auftritt ihrer politischen F&uuml;hrung. 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