{"id":103818,"date":"2023-09-17T11:45:56","date_gmt":"2023-09-17T09:45:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103818"},"modified":"2023-09-19T13:48:39","modified_gmt":"2023-09-19T11:48:39","slug":"ihr-seid-viele-sie-nur-wenig-politische-lyrik-shelley-herwegh-brecht-degenhardt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103818","title":{"rendered":"Ihr seid viele &#8211; sie nur wenig. Politische Lyrik: Shelley \u2013 Herwegh \u2013 Brecht \u2013 Degenhardt"},"content":{"rendered":"<p>Anl&auml;sslich der Debatte um den Song <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102827\">&bdquo;Rich Man North of Richmond&ldquo;<\/a> beschreibt <strong>Wilma Ruth Albrecht<\/strong> in diesem Text an einigen Beispielen die Entwicklung des politischen Liedes als klassisches Kulturgut im Alten Europa der beiden vergangenen Jahrhunderte.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9054\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-103818-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230915-Politische-Lyrik-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230915-Politische-Lyrik-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230915-Politische-Lyrik-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230915-Politische-Lyrik-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=103818-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230915-Politische-Lyrik-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230915-Politische-Lyrik-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>&Uuml;ber die Autorin: Wilma Ruth Albrecht, Sprach- und Sozialwissenschaftlerin (Dr.rer.soc., Lic.rer.reg.) mit Arbeitsschwerpunkten 19. und 20. Jahrhundert. Autorin des Fachjournals soziologie heute. Letzte Buchver&ouml;ffentlichung &Uuml;BER LEBEN. Roman des letzten Jahrhunderts. 4 B&auml;nde. Verlag Freiheitsbaum. <a href=\"https:\/\/dhubw.de\/611-1-edition-spinoza\">Edition Spinoza. Reutlingen 2017-2019<\/a>; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilma_Ruth_Albrecht\">zur Autorin<\/a>.<\/em><\/p><p>Im Sommer 2023 wurde auch hierzulande in alternativen Netzjournalen auf einen aktuellen Song des US-amerikanischen Liedermachers und S&auml;ngers Oliver Anthony verwiesen: <em>Rich Man North of Richmond<\/em> steht in der Country-Blues-Tradition mit ihren religi&ouml;sen Bildern, Motiven und Metaphern und beklagt eine sich im Arm-Reich-Verh&auml;ltnis von Oben und Unten ausdr&uuml;ckende, himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Auf den NachDenkSeiten wurde auf Anthonys Lied mit Originaltext und deutschsprachiger &Uuml;bersetzung verwiesen &ndash; aber auch darauf, dass der Song teilweise fragw&uuml;rdige Botschaften zu Sozialstaat und Steuern transportiert. Daran anschlie&szlig;end gab es auch unter kritischen Aspekten zahlreiche Leserbriefe zu Lied, Text und Wirksamkeit des Songs.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] In diesem Beitrag m&ouml;chte ich daran erinnern, dass das politische Lied als kleink&uuml;nstlerische Gattung keine US-Erfindung oder gesch&uuml;tzte Handelsware ist.<\/p><p>Als Jeremy Bernhard Corbyn, der britische Gewerkschaftsfunktion&auml;r und Labourpolitiker, im Juni 2017 auf dem Glastonbury Music Festival[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] sprach, zitierte er unter viel Beifall auch die Schlussstrophe von Percy Bysshe Shelley &bdquo;The Mask of Anarchy&ldquo;:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Rise like Lions after slumber<\/em><br>\n<em>In unvanquishable number &mdash;<\/em><br>\n<em>Skake your chains to earth like dew<\/em><br>\n<em>Which in sleep ha&acute;d fallen on you &mdash;<\/em><br>\n<em>Ye are many &ndash; they are few.&ldquo;<\/em>[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]\n<\/p><\/blockquote><p>Der Dichter P. B. Shelly (1792-1822) und sein Werk geh&ouml;r[t]en nicht nur zum traditionellen Kulturgut der englischen Arbeiterbewegung, sondern auch der deutschen.<\/p><p>Im gegenw&auml;rtigen Deutschland mit seinem marktg&auml;ngigen Kulturrelativismus, seinem wahnhaften Irrationalismus und seiner triumphierenden H&auml;sslichkeit scheinen feinsinnige Versschmiede und k&uuml;hne Wortakrobaten mit aufkl&auml;rerischem Impetus keinen Platz zu haben.<\/p><p>Das viele Strophen umfassende Versepos &bdquo;The Mask of Anarchy&ldquo; hatte Shelly im Herbst 1819 gedichtet, als er mit seiner Frau, der Schriftstellerin und Autorin des Romans &bdquo;Frankenstein&ldquo;, Mary Shelley (1797-1951), in Italien weilte. Das Gedicht ist Reaktion auf die briefliche Mitteilung seines Freundes Thomas Love Peacock (1785-1866), der ihm vom Massaker auf dem St. Peters Field bei Manchester am 16. August 1819 mit mindestens 15 Toten und 650 Verletzten berichtet hatte. An der Massenkundgebung gegen die Korngesetze der Tory-Regierung und f&uuml;r eine Parlaments- und Wahlrechtsreform hatten sich 60.000 bis 80.000 Demonstranten beteiligt, darunter mehrheitlich Arbeiter der ans&auml;ssigen Baumwoll- und Textilindustrie.<\/p><p>Shellys Poem umfasst aufkl&auml;rerische Herrschaftsanalyse, bittere Anklage gegen die Gewaltherrschaft und einen enthusiastischen Aufruf zum gewaltfreien Widerstand gegen Tyrannei und f&uuml;r Volksfreiheit.<\/p><p>Im Traumgesicht erscheint dem Dichter ein Menschenzug, bestehend aus der Herrscherkaste und ihrem Gefolge: an der Spitze die Regierung mit R. S. Castlereagh als Au&szlig;en- und Kriegsminister, Lord Eldon als h&ouml;chster Richter, H. A. Sidmouth als Premier- und Innenminister, dahinter Bisch&ouml;fe, Pairs und Advokaten, die alle der als Willk&uuml;rherrschaft gegei&szlig;elten &bdquo;Anarchie&ldquo; huldigen und sich vom Tross aus S&ouml;ldnern, Advokaten und Pfaffen sch&uuml;tzen lassen. Dieser Zug verw&uuml;stet und unterjocht das gesamte Land. Dagegen soll sich das unterdr&uuml;ckte Volk einheitlich verb&uuml;nden, versammeln, verschw&ouml;ren und konsequent Widerstand leisten. Besch&auml;mt werden sich dann Besch&uuml;tzer und Mitl&auml;ufer des Herrschaftszugs von den Tyrannen abwenden und sich zum Sturz der Tyrannei dem Volk anschlie&szlig;en.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Und die Tapfern und die Treuen<\/em><br>\n<em>Jener Krieger zu den Freien<\/em><br>\n<em>Werden treten, vor der Schmach<\/em><br>\n<em>Zitternd, die dem Mord folgt nach.<\/em><\/p>\n<p><em>Und der blutige V&ouml;lkermord<\/em><br>\n<em>Wird wie ein Prophetenwort<\/em><br>\n<em>Rufen auf gen Himmel dann,<\/em><br>\n<em>Laut, ein donnernder Vulkan.<\/em><\/p>\n<p><em>Und dies Wort die Losung sei<\/em><br>\n<em>Zu dem Sturze der Tyrannei;<\/em><br>\n<em>In dem Herzen aller Br&uuml;der<\/em><br>\n<em>Hall&acute; es wieder &ndash; wieder &ndash; wieder:<\/em><\/p>\n<p><em>Auf wie aus dem Schlaf der Leu,<\/em><br>\n<em>Sch&uuml;ttelt ab der Tyrannei<\/em><br>\n<em>Joch, wie leichten Morgentau,<\/em><br>\n<em>Das im Schlummer auf euch fiel:<\/em><br>\n<em>Sie sind wenig, ihr seid viele!<\/em>&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Den letzten Vers nahm Georg Herwegh (1817-1875) zum Leitspruch f&uuml;r das von ihm verfasste &bdquo;Bundeslied f&uuml;r den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein&ldquo; (1863)[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]. Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV: 1863-1875) war eine der Vorl&auml;uferorganisationen der sp&auml;teren Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Es war Ferdinand Lassalle (1825-1864)[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>], Gr&uuml;nder und Vorsitzender des ADAV, der den mit ihm befreundeten revolution&auml;ren Dichter, Agitator und Aktivisten Herwegh dr&auml;ngte, das &bdquo;Bundeslied&ldquo; zu verfassen.<\/p><p>In zw&ouml;lf Strophen vermittelt Herwegh in einfachen, klaren und verst&auml;ndlichen Worten und Bildern, dass Arbeit alle produktive G&uuml;ter schafft, die jedoch den Produzenten selbst, den Bauern, Handwerkern und Arbeitern, nicht zugute kommen, stattdessen seien sie durch und &uuml;ber die Arbeit und die Besitzverh&auml;ltnisse herrschaftlich gefesselt. Es gelte, sich selbstbewusst zu befreien:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Menschenbienen, die Natur,<\/em><br>\n<em>Gab sie euch den Honig nur?<\/em><br>\n<em>Seht die Drohnen um euch her!<\/em><br>\n<em>Habt ihr keinen Stachel mehr?<\/em><\/p>\n<p><em>Mann der Arbeit, aufgewacht!<\/em><br>\n<em>Und erkenne deine Macht!<\/em><br>\n<em>Alle R&auml;der stehen still,<\/em><br>\n<em>Wenn dein starker Arm es will.<\/em><\/p>\n<p><em>Deiner Dr&auml;nger Schar erbla&szlig;t,<\/em><br>\n<em>Wenn du, m&uuml;de deiner Last,<\/em><br>\n<em>In die Ecke lehnst den Pflug,<\/em><br>\n<em>Wenn du rufst: Es ist genug!<\/em><\/p>\n<p><em>Brecht das Doppeljoch entzwei!<\/em><br>\n<em>Brecht die Not der Sklaverei!<\/em><br>\n<em>Brecht die Sklaverei der Not!<\/em><br>\n<em>Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!<\/em>&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Deutlich wird, dass der Freiheitsbegriff von Herwegh analytisch-materialistisch gefasst wird und damit den ethnisch-national-idealistischen Shelleys und seines Freundes Lord Byron (1788-1824), beide noch von den Ideen der Franz&ouml;sischen Revolution gepr&auml;gt, erweitert und konkretisiert. <\/p><p>Auf der H&ouml;he der Zeit war die Vertonung des &bdquo;Bundesliedes&ldquo; als mehrstimmiger Chorsatz durch den gesch&auml;tzten Klaviervirtuosen, Komponisten und Dirigenten Hans von B&uuml;low (1830-1894).<\/p><p>Mit dem &Uuml;bergang der SPD zum besonders in Deutschland seit Ende des Ersten Weltkrieges ausgepr&auml;gten politischen Reformismus wurde das russische Arbeiterlied &bdquo;Br&uuml;der, zur Sonne, zur Freiheit&ldquo;[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] (1895\/96) &ndash; von Leonid Petrowitsch Radin (1860-1900) mit einem umdeutbaren humanit&auml;ren Text &uuml;bersetzt und vertont von Hermann Scherchen (1891-1966) &ndash; zur SPD-Hymne verkl&auml;rt.<\/p><p>Hatte Herwegh den Schwerpunkt auf die Agitation zum Widerstand gelegt, so folgte Bertolt Brecht (1898-1956) in seinem 1947 verfassten Gedicht &bdquo;Der anachronistische Zug&ldquo;[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] wesentlich dem formalen Aufbau von Shellys Poem &bdquo;The Mask of Anarchy&ldquo; (jedoch ohne appellativen Schluss).<\/p><p>Geschildert wird, wie im Fr&uuml;hjahr ein W&auml;hlerzug von S&uuml;den (US-britische Invasion seit 1943 in Italien) kommend hinter verwitterten Holzschildern mit der Aufschrift &bdquo;Freiheit und Democracy&ldquo; unter Glockenl&auml;uten und begafft von erstaunten und unwissenden Kriegsopfern durchs s&uuml;ddeutsche Land zieht. Dem Loblied auf das britische und US-amerikanische Regierungsmodell von &bdquo;Freiheit und Democracy&ldquo; folgen die kirchlichen W&uuml;rdentr&auml;ger mit Monstranz, Fahnen und p&auml;pstlichem Segen, dann die alten Nazi- und Milit&auml;reliten und ihre gro&szlig;- und r&uuml;stungsindustriellen G&ouml;nner, die Ideologen und Mittelschichtintelligenz wie Lehrer, Mediziner, Forscher, entnazifizierte Beamte, Journalisten, Menschenrechtslobbyisten, Freihandelsideologen, Richter, K&uuml;nstler und viele andere Nazianh&auml;nger und -profiteure. Die Ankunft dieser politisch aparten Truppe in M&uuml;nchen beschreibt Brecht so:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Und kam, berstend vor Gestank<\/em><br>\n<em>Endlich an die Isarbank<\/em><br>\n<em>Zu der Hauptstadt der Bewegung<\/em><br>\n<em>Stadt der deutschen Grabsteinlegung.<\/em><br>\n<em>Informiert von den Gazetten<\/em><br>\n<em>Hungernd zwischen den Skeletten<\/em><br>\n<em>Seiner H&auml;user stand herum<\/em><br>\n<em>das verst&ouml;rte Publikum.<\/em>&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In der zerbombten M&uuml;nchner Innenstadt schlie&szlig;en sich dem Aufzug auf seinem Weg nordw&auml;rts sechs Karossen an, in denen die sechs Plagen: Unterdr&uuml;ckung, Aussatz, Betrug, Dummheit, Mord und Raub sitzen. Das Zugende bildet ein &bdquo;Riesentotenwagen&ldquo;, dem sich massenhaft vollgefressene Ratten anschlie&szlig;en: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Hoch die Freiheit, piepsen sie<\/em><br>\n<em>Freiheit und Democracy!<\/em>&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Brechts Poem ist sarkastisch, deprimierend und endet im Gegensatz zu Shelly hoffnungslos: Das unwissend gehaltene Volk versteht das ganze Schauspiel nicht:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Und der Blinde frug den Tauben<\/em><br>\n<em>Was vorbeizog in den Stauben<\/em><br>\n<em>Hinter einem Aufruf wie<\/em><br>\n<em>Freiheit und Democracy.<\/em>&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;Freiheit und Demokratie&ldquo; bildete den propagandistischen Leitspruch, unter dem die USA Ende 1941 in den Zweiten Weltkrieg eintraten. Unter gleichem Leitspruch meldeten die USA mit der Rede des damaligen Pr&auml;sidenten Truman am 12. M&auml;rz 1947 vor dem US-Kongress ihren Weltherrschaftsanspruch an, um die angebliche &bdquo;Sowjetisierung&ldquo; der T&uuml;rkei, Griechenlands, des Irans, aber auch Deutschlands und &Ouml;sterreichs zu verhindern und ihre aktuelle Intervention in den griechischen B&uuml;rgerkrieg, sp&auml;ter in den Korea- und Vietnamkrieg, zu rechtfertigten. Und unter dem Motto &bdquo;Freiheit und Demokratie&ldquo; biederten sich im Nachkriegsdeutschland ehemalige Nazieliten, Milit&auml;rs und Konzernchefs sowie die vielen Tausenden von Mitl&auml;ufern als Kollaborateure den Besatzungsm&auml;chten, insbesondere den anglo-amerikanischen, an. Genau dies prangert Brecht in seinem Poem insofern weitsichtig an: Anfang 1947 war noch nicht offen erkennbar, dass mit der sogenannten <strong>&bdquo;Renazifizierung&ldquo; <\/strong>und &bdquo;Remilitarisierung&ldquo; im &Uuml;bergang zu den F&uuml;nfzigerjahren in der Bundesrepublik Deutschland Oppositionelle verleumdet und gewaltsam verfolgt werden sollten (der Emigrant Brecht selbst galt damals in der McCarthy-&Auml;ra als Staatsfeind und remigrierte nach Europa).<\/p><p>Der fehlende appellative Schluss des Gedichtes wird erg&auml;nzt in der Vertonung durch Hans Eisler und in der agressiv-zynischen Interpretation durch Ernst Busch[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>].<\/p><p>Jahrzehnte sp&auml;ter wurde das Brechtgedicht &bdquo;Der anachronistische Zug&ldquo; von Hanne Hiob (1923-2009) so eindrucksvoll wie aufw&auml;ndig inszeniert und zog 1980 und 1990 als Stra&szlig;entheater durch die BRD[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>]. <\/p><p>Doch da hatte sich die politische Lage gegen&uuml;ber 1947 insofern ver&auml;ndert, weil das von Brecht vorgef&uuml;hrte Herrschafts- und Mitl&auml;uferpersonal des alten anachronistischen Zuges entweder altersbedingt gestorben oder ausgewechselt und in den Siebzigerjahren erheblich verj&uuml;ngt und modernisiert worden war.<\/p><p>Diese Entwicklung hatte der Liedermacher, Schriftsteller und promovierte Jurist Franz Josef Degenhardt (1931-2011) 1973, vor 50 Jahren in seiner bissigen Version &bdquo;Der anachronistische Zug oder die Freiheit, die sie meinen&ldquo;[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>][<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>] erkannt und ironisch vorgetragen.<\/p><p>Sein Zug formierte sich im Herbst und zog unter l&auml;dierter Fahne mit verwischten Schriftz&uuml;gen von den Villenvororten in die St&auml;dte. Am Kopf des Zuges beteten katholische und evangelische Repr&auml;sentanten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Wollest vor Revolutionen,<\/em><br>\n<em>Herr, uns allzeit verschonen&ldquo;<\/em>.\n<\/p><\/blockquote><p>Es folgten NATO-Offiziere, Geheimdienstler von BND und CIA, rufend:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>freedom, Freiheit &uuml;berall<\/em><br>\n<em>ungeteilt bis zum Ural.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Anschlie&szlig;end sah man Verfassungsrichter, Kultusb&uuml;rokraten, Professoren vom &bdquo;Bund Freiheit der Wissenschaften&ldquo; und Laienideologen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Werbeleute, Intendanten,<\/em><br>\n<em>Redakteure, Obskuranten,<\/em><br>\n<em>die sich krumm prostituierten<\/em><br>\n<em>und f&uuml;r alle Herren schmierten,<\/em><br>\n<em>die Bestechungssummen boten.<\/em>&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Am Schluss fuhr die Staatskarosse mit Ministern:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Wir sind jetzt die neue Mitte,<\/em><br>\n<em>riefen sie, es ist gelungen,<\/em><br>\n<em>und das Band ist fest geschlungen<\/em><br>\n<em>um Arbeit und Kapital.<\/em><br>\n<em>Das kommt von der freien Wahl.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Die Formation zog an der Trib&uuml;ne vorbei, wo sich die Konzernherren das Spektakel ernst und nachdenklich ansahen &ndash; &bdquo;Freiheit hie&szlig; f&uuml;r sie Profit&ldquo; &ndash;, denn sie erkennen, dass Freiheitspropaganda allein nicht reicht. Jetzt bed&uuml;rfe es neuer Parolen wie &bdquo;Sozialismus mit dem menschlichen Gesicht&ldquo;. Degenhardts Gedicht endet damit, dass der Zug mit verblasstem Freiheitssymbol wieder an seinen Ausgangsort zur&uuml;ckkehrt. Auch Degenhardts Lied, das eine politikgeschichtliche Entwicklung analytisch beschreibt, appelliert nicht an seine H&ouml;rer: Der S&auml;nger intoniert am Ende jeder Strophe sein h&ouml;hnisch-irres Gel&auml;chter.<\/p><p>In der Zwischenzeit sind die Kritiker an ihrem Lachen erstickt (worden), wurde ihnen (womit auch immer) ihr Maul gestopft.<\/p><p>Der alte anachronistische Zug hat sich heute neu formiert, verj&uuml;ngt, verweiblicht, internationalisiert, akademisiert und kost&uuml;miert.<\/p><p>Titelbild: <a href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/de\/image-photo\/milan-italy-february-18-2023-bertolt-2316920911\">spatuletail<\/a> \/ Shutterstock<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=cOZ5T6bKbNo\">youtube.com\/watch?v=cOZ5T6bKbNo<\/a> [alle Links zuletzt am 15. 9. 2023 &uuml;berpr&uuml;ft]<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=MyImGay9tG4%20\">youtube.com\/watch?v=MyImGay9tG4<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102827\">&bdquo;Ich habe meine Seele verkauft&ldquo;: Ein Protestsong erobert die Welt<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102914\">Leserbriefe zu &bdquo;&bdquo;Ich habe meine Seele verkauft&ldquo;: Ein Protestsong erobert die Welt&ldquo;<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Peter F. Zima: Textsoziologie. Eine kritische Einf&uuml;hrung. (Metzler) Stuttgart 1980<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.bing.com\/videos\/riverview\/relatedvideo?q=glastonebury+corbyn+video+shelley&amp;mid=B2B7D811ED3C2D7C9DD1B2B7D811ED3C2D7C9DD1\">bing.com\/videos\/riverview\/relatedvideo?q=glastonebury+corbyn+video+shelley&amp;mid=B2B7D811ED3C2D7C9DD1B2B7D811ED3C2D7C9DD1<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] &bdquo;Auf wie aus dem Schlaf der Leu Sch&uuml;ttelt ab der Tyrannei Joch, wie leichten Morgentau, das im Schlummer auf euch fiel: sind sie wenig, ihr seid viele!&ldquo; Alle Angabe zu Shelly nach: Percy Bysshe Shelly: &bdquo;There Is No God&ldquo;. Religions- und Herrschaftskritik. Hrsg. von Heiner Jestrabek. Reutlingen (Verlag Freiheitsbaum, edition Spinoza) 2019, S.159-169, hier S. 166 <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Werke in einem Band. Ausgew&auml;hlt und eingeleitet von Hans-Georg Werner. Berlin &ndash; Weimar (Aufbau-Verlag) 1967, S.232-233. Als weitere Vorlage diente ihm Shelleys &bdquo;Song to the Men of England&ldquo;: <a href=\"https:\/\/www.poetryfoundation.org\/poems\/52304\/a-song-men-of-england\">poetryfoundation.org\/poems\/52304\/a-song-men-of-england<\/a><br>\nDer philosophisch gebildete Shelley wusste, dass nur menschliche Arbeit Quelle &bdquo;wahren Reichtums&ldquo; ist, wie er in &bdquo;Feenk&ouml;nigin Mab. Philosophisches Poem mit Anmerkungen&ldquo; (1813) erkl&auml;rt.<\/p>\n\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Wilma Ruth Albrecht: Lasalle und seine Zeit. In: Beitr&auml;ge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, II\/2009, S. 47-58; dies.: Ferdinand Lassalle, die Arbeiterbewegung und der Idealismus <a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/hintergrund\/kultur\/ferdinand-lassalle-die-arbeiterbewegung-und-der-idealismus\/\">overton-magazin.de\/hintergrund\/kultur\/ferdinand-lassalle-die-arbeiterbewegung-und-der-idealismus\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Br%C3%BCder,_zur_Sonne,_zur_Freiheit\">de.wikipedia.org\/wiki\/Br&uuml;der,_zur_Sonne,_zur_Freiheit<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Bertolt Brecht: Gesammelte Werke in 20 B&auml;nden. Band 10. Frankfurt\/Main (Suhrkamp) 1967, S. 943-949 <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5HtGBfHFJaI%20\">youtube.com\/watch?v=5HtGBfHFJaI <\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anachronistischer_Zug\">de.wikipedia.org\/wiki\/Anachronistischer_Zug<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=v0j5zS-XHnc\">youtube.com\/watch?v=v0j5zS-XHnc<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl&auml;sslich der Debatte um den Song <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102827\">&bdquo;Rich Man North of Richmond&ldquo;<\/a> beschreibt <strong>Wilma Ruth Albrecht<\/strong> in diesem Text an einigen Beispielen die Entwicklung des politischen Liedes als klassisches Kulturgut im Alten Europa der beiden vergangenen Jahrhunderte.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":103837,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,917],"tags":[3367,1190],"class_list":["post-103818","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-arbeiterbewegung","tag-brecht-bertolt"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/shutterstock_2316920911.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/103818","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=103818"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/103818\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104049,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/103818\/revisions\/104049"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/103837"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=103818"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=103818"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=103818"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}