{"id":103878,"date":"2023-09-17T14:00:58","date_gmt":"2023-09-17T12:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103878"},"modified":"2023-09-17T07:28:43","modified_gmt":"2023-09-17T05:28:43","slug":"stimmen-aus-lateinamerika-mehr-davon-abigail","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103878","title":{"rendered":"Stimmen aus Lateinamerika: \u201eMehr davon, Abigail?&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>In Venezuela hei&szlig;t es seit den sp&auml;ten 1980er-Jahren jedes Mal, wenn uns jemand durch Monotonie oder Wiederholungen auf die Nerven geht: &bdquo;Mehr davon, Abigail?&rdquo; Abigail war eine venezolanische Fernsehserie voller l&auml;cherlicher Dramen. Sie lief &uuml;ber 257 einst&uuml;ndige Kapitel und hatte es am Ende geschafft, ein ganzes Land zu nerven. Das letzte Mal, dass ich diesen Ausdruck h&ouml;rte, war von einem Nachbarn, der den venezolanischen Oppositionspolitiker Antonio Ledezma sagen h&ouml;rte, dass die einzige M&ouml;glichkeit, die Pr&auml;sidentschaftskandidatur von Mar&iacute;a Corina Machado voranzutreiben, darin bestehe, &bdquo;zivilen Ungehorsam zu leisten&rdquo;. Die venezolanische Opposition ist so niedertr&auml;chtig und elit&auml;r wie eh und je, meint <strong>Jessica dos Santos<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nLedezma, der 2017 auf mysteri&ouml;se Weise einem Hausarrest wegen Verschw&ouml;rung zum Putsch entkam und in Spanien im Exil lebt, erkl&auml;rte, es sei &bdquo;normal&rdquo; und &bdquo;nat&uuml;rlich&rdquo;, dass Mar&iacute;a Corina, die derzeit ein 15-j&auml;hriges Verbot der Aus&uuml;bung &ouml;ffentlicher &Auml;mter verb&uuml;&szlig;t, mit Milit&auml;rs in Kontakt stehe, um ihre Pl&auml;ne f&uuml;r 2024 zu verwirklichen.<\/p><p>In der Zwischenzeit f&uuml;hrt Machado, die wahrscheinlich faschistischste Figur in der venezolanischen Politik, ihre Kampagne f&uuml;r die von den USA unterst&uuml;tzten Vorwahlen der Opposition fort. Ihr wichtigster Vorschlag ist es, &bdquo;Tausende von Investitionen&rdquo; durch die &bdquo;Privatisierung staatlicher Unternehmen, einschlie&szlig;lich der (staatlichen &Ouml;lgesellschaft) PDVSA&rdquo;, voranzutreiben.<\/p><p>Der &Ouml;lexperte Evanan Romero, einer ihrer Wirtschaftsberater, erkl&auml;rte, dass es &bdquo;eine Reihe von restriktiven Gesetzen gibt, die ge&auml;ndert oder abgeschafft werden m&uuml;ssen&rdquo;, und dass die ultrarechte Fraktion daf&uuml;r bei den Parlamentswahlen 2025 eine &bdquo;ideologisch ausgerichtete Legislative&rdquo; gewinnen m&uuml;sste.<\/p><p>Eine dieser &bdquo;Restriktionen&rdquo; ist &uuml;brigens die venezolanische Verfassung, die eindeutig festlegt, dass sich der Staat &bdquo;aus Gr&uuml;nden der nationalen Notwendigkeit die Erd&ouml;lindustrie selbst vorbeh&auml;lt&rdquo; und dass er &bdquo;alle Anteile an Petroleos de Venezuela, S.A. oder dem zur Verwaltung der Erd&ouml;lindustrie geschaffenen Organ&rdquo; behalten soll. Kein Wunder, dass die Opposition die Verfassung w&auml;hrend des kurzzeitigen Staatsstreichs von 2002 schnell au&szlig;er Kraft setzte!<\/p><p>Mar&iacute;a Corinas radikale Haltung hat einmal mehr die Br&uuml;che in den Reihen der Opposition offengelegt. Sogar andere regierungskritische Kandidaten finden sie zu extremistisch. Das ist etwa der Fall bei Henrique Capriles Radonski (der bei den Wahlen 2012 und 2013 unterlag), der sagte, der Vorschlag sei l&auml;cherlich und der &Ouml;lreichtum m&uuml;sse allen Venezolanern geh&ouml;ren.<\/p><p>Dennoch haben weder Machado noch Capriles oder ein anderer Oppositionsf&uuml;hrer das geringste Interesse daran gezeigt, Verantwortung f&uuml;r den drohenden Verlust des Reichtums zu &uuml;bernehmen, der durch den gerichtlich angeordneten Verkauf der Aktien von Citgo droht, der in den USA ans&auml;ssigen PDVSA-Tochter. Das Unternehmen ist unter Kontrolle der Opposition &ndash; dank der US-Regierung, die das von der Opposition dominierte Parlament, dessen Amtszeit Anfang 2021 ausgelaufen ist, weiterhin &bdquo;anerkennt&rdquo;.<\/p><p>Tats&auml;chlich hat der von der Opposition eingesetzte Citgo-Vorstand vor einigen Tagen den Obersten Gerichtshof der USA gebeten, einzuschreiten und den Prozess zu stoppen. Zugleich stellte er jedoch klar, dass die Regierung von Nicol&aacute;s Maduro &bdquo;keinerlei Befugnis hat, PDVSA zu kontrollieren&rdquo;.<\/p><p>Niemand ist bereit, &ouml;ffentlich zuzugeben, dass es eben gerade der von der venezolanischen Opposition inszenierte Zirkus einer &bdquo;Parallelregierung&rdquo; unter F&uuml;hrung von Juan Guaid&oacute; war, der dazu gef&uuml;hrt hat, dass das venezolanische Volk auch schon vor dem drohenden Untergang von Citgo Milliarden US-Dollar aus seinen Verm&ouml;genswerten im Ausland verloren hat. Und nicht nur das: Nur sehr wenige Oppositionelle sind bereit, das schrecklichen Leid anzuerkennen, das die US-Wirtschaftsblockade verursacht hat.<\/p><p>Sie erkennen den weit verbreiteten Schaden nicht an und regen sich auf, wenn andere es tun. Ein Paradebeispiel gab es in den letzten Wochen. Eine selbst ernannte &bdquo;Weltweite venezolanische B&uuml;rgerbewegung&rdquo; schrieb einen Brief, in dem sie einen Leitartikel der <em>New York Times<\/em> mit dem Titel &bdquo;Die Risiken eines der sch&auml;rfsten Werkzeuge in Amerikas au&szlig;enpolitischem Arsenal&rdquo; zur&uuml;ckwies. Selbst der kultige Vertreter des US-Medienestablishments muss den Schaden eingestehen, den die Sanktionen uns zugef&uuml;gt haben.<\/p><p>Die Antwort verteidigt die US-Sanktionen, denn &bdquo;trotz einiger Kollateralsch&auml;den zielen sie vor allem auf Beamte ab, die f&uuml;r Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Angriffe auf die Demokratie verantwortlich sind.&rdquo;<\/p><p>Bei diesen &bdquo;Kollateralsch&auml;den&rdquo; handelt es sich um mehr als 100.000 Venezolaner, die infolge der Blockade gestorben sind, viele davon, weil sie nicht rechtzeitig Medikamente oder medizinische Behandlung erhalten konnten. Hinzu kommen 80.000 HIV-Patienten, die keinen Zugang zu antiretroviraler Behandlung hatten, und zahlreiche andere, die an Krebs, Diabetes und anderen chronischen Beschwerden erkrankt sind. Wenn man dieses Leiden auf so kaltschn&auml;uzige Art erw&auml;hnt, zeigt das, dass der Elitarismus der Opposition so stark ist wie vor 25 Jahren.<\/p><p>Erw&auml;hnenswert ist auch, dass der Anf&uuml;hrer dieser &bdquo;B&uuml;rgerbewegung&rdquo; Humberto Calder&oacute;n Berti ist, ein ehemaliger &Ouml;lminister, der unter Guaid&oacute; als &bdquo;Botschafter&rdquo; in Kolumbien diente. Sp&auml;ter ging er und zeigte mit dem Finger auf die Entourage des ehemaligen &bdquo;Interimspr&auml;sidenten&rdquo;, die mit Geldern, die f&uuml;r humanit&auml;re Hilfe bestimmt waren, Prostituierte und Alkohol bezahlten. Sicherlich war das auch ein &bdquo;Kollateralschaden&rdquo;&hellip;<\/p><p>Leider sind diese &bdquo;Abigails&rdquo; weder Teil eines absurden Seifenoper-Drehbuchs (auch wenn es so aussehen mag) noch verschwinden sie, sobald wir den Fernseher ausschalten (auch wenn wir uns das w&uuml;nschen w&uuml;rden). Im Gegenteil, sie sind real und gef&auml;hrlich und niemand wei&szlig;, wie viele Folgen in der venezolanischen Politik noch zu erwarten sind. Die Unterst&uuml;tzung der USA sichert uns ein paar weitere Staffeln zu.<\/p><p>&Uuml;brigens w&uuml;rde der Spruch &bdquo;Mehr davon, Abigail?&rdquo; auch perfekt auf unsere ungew&ouml;hnliche Generalstaatsanwaltschaft passen, die nur Haftbefehle f&uuml;r diejenigen ausstellt, die bereits geflohen sind, Auslieferungsantr&auml;ge stellt, denen sie nicht nachgeht und dutzendweise &bdquo;Ermittlungen&rdquo; gegen erkl&auml;rte Verr&auml;ter einleitet, ohne sie jemals anzuklagen. Der Kampf geht weiter&hellip;<\/p><p><em>Jessica Dos Santos aus Venezuela ist Universit&auml;tsdozentin, Journalistin und Schriftstellerin<\/em><\/p><p>&Uuml;bersetzung: Vilma Guzm&aacute;n, <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/blog\/2023\/09\/265700\/venezuela-mehr-davon-abigail\">Amerika21<\/a>.<\/p><p>Titelbild: Unver&auml;ndert seit 2014 f&uuml;hrten sie die Kampagne zum gewaltsamen Sturz der Regierung Maduro &bdquo;La Salida&rdquo; an (v.l.n.r.): Leopoldo L&oacute;pez, Mar&iacute;a Corina Machado, Antonio Ledezma &ndash; <a href=\"https:\/\/albaciudad.org\/2015\/02\/lo-que-realmente-dice-el-acuerdo-para-la-transicion-de-maria-corina-machado-ledezma-y-lopez\/\">Quelle<\/a><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103341\">US-Sanktionen als Instrument des Krieges: Der Fall Venezuela<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98033\">Venezuela: Die ununterbrochene Pl&uuml;nderung durch den Westen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91106\">&ldquo;Die Klassenidentit&auml;t ist entscheidend, um so ziemlich alles in Venezuela zu verstehen&rdquo;<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/9386385ff8b041538e7af8897426adb1\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Venezuela hei&szlig;t es seit den sp&auml;ten 1980er-Jahren jedes Mal, wenn uns jemand durch Monotonie oder Wiederholungen auf die Nerven geht: &bdquo;Mehr davon, Abigail?&rdquo; Abigail war eine venezolanische Fernsehserie voller l&auml;cherlicher Dramen. Sie lief &uuml;ber 257 einst&uuml;ndige Kapitel und hatte es am Ende geschafft, ein ganzes Land zu nerven. Das letzte Mal, dass ich diesen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103878\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":103880,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,20,127],"tags":[1352,1333,1347,1019],"class_list":["post-103878","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","category-lobbyismus-und-politische-korruption","tag-rechtsruck","tag-venezuela","tag-wahlkampf","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/IMG_9141_Copy_1.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/103878","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=103878"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/103878\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103937,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/103878\/revisions\/103937"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/103880"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=103878"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=103878"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=103878"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}