{"id":103971,"date":"2023-09-18T09:08:09","date_gmt":"2023-09-18T07:08:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103971"},"modified":"2023-09-18T09:48:12","modified_gmt":"2023-09-18T07:48:12","slug":"mainstreamoekonomik-in-der-kritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103971","title":{"rendered":"Mainstream\u00f6konomik in der Kritik"},"content":{"rendered":"<p>Ob Krisen, Armut oder die zunehmende Verrohung und Spaltung der Gesellschaft, von der nach aktuellen Umfragen vor allem die AfD zu profitieren scheint: Die be&auml;ngstigende Entwicklung der letzten Jahre ist das Ergebnis einer Politik, die im r&uuml;cksichtlosen Gegeneinander von Menschen, Unternehmen und Staaten den Motor des wirtschaftlichen Fortschritts sah. Das sagt der Entwicklungs&ouml;konom <strong>Patrick Kaczmarczyk<\/strong> in seinem neuen Buch <em><strong>&bdquo;Raus aus dem Ego-Kapitalismus&ldquo;<\/strong><\/em>, aus dem die NachDenkSeiten einen Auszug zitieren. F&uuml;r ihn steht fest: Ohne eine Abkehr vom Ego-Kapitalismus sind die gegenw&auml;rtigen Krisen blo&szlig; ein Vorgeschmack auf all das, was uns in Zukunft noch droht.<br>\n<!--more--><br>\nIm Hinblick auf die Individualisierung von wirtschaftlichem Erfolg und Misserfolg sehen wir am Beispiel der Arbeitslosigkeit, dass sich die Theorie des &ouml;konomischen Mainstreams gut als Grundlage f&uuml;r das personifizierte &raquo;Blame-Game&laquo; eignet. Der britische Polit&ouml;konom Robert Skidelsky sieht in der Verschiebung der Analyse von der strukturellen auf die individuelle Ebene einen zentralen Schwachpunkt des &ouml;konomischen Mainstreams&nbsp;&ndash; und er liegt mit dieser Einsch&auml;tzung v&ouml;llig richtig. Wenn die Wirtschaft nur aus Individuen besteht, deren Handlungen verschwindend geringe Auswirkungen auf andere haben und allein von pers&ouml;nlichen Pr&auml;ferenzen motiviert werden, kann man bequem alles auf die &raquo;Eigenverantwortung&laquo; herunterbrechen, weil es keine verzerrenden Machtdynamiken oder Interdependenzen zwischen den Agenten gibt. Dieselbe Logik greift f&uuml;r alle anderen Bereiche der nationalen und internationalen Wirtschaft, ganz gleich, ob es sich um Unternehmen oder L&auml;nder handelt. Wenn allerdings auf gesamtwirtschaftlicher Ebene andere Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten gelten als auf der Mikroebene, die dadurch bedingt werden, dass wir in unseren Handlungen voneinander abh&auml;ngig sind, dann ist eine Politik, die auf den Pr&auml;missen des Ego-Kapitalismus aufbaut, zum Scheitern verurteilt.<\/p><p>Das Ergebnis ist in der Konsequenz immer dasselbe: Ein Ansatz, der Machtdynamiken unsichtbar macht, kommt prinzipiell denjenigen zugute, die ihre Macht zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen einsetzen k&ouml;nnen. Das Verst&auml;ndnis der Kernannahmen des vorherrschenden &ouml;konomischen Ideengebildes ist aus diesem Grund von essenzieller Bedeutung, um die in der &Ouml;ffentlichkeit vorgetragenen Argumente zu verstehen und zu erwidern. Der Entwicklungs&ouml;konom Ha-Joon Chang lie&szlig; dazu treffend verlauten, dass &raquo;in einer kapitalistischen &Ouml;konomie Demokratie bedeutungslos wird, wenn die Menschen die Sprache der Macht, n&auml;mlich die der &Ouml;konomik, nicht verstehen.&laquo; Dem wollen wir uns auf den n&auml;chsten Seiten zumindest in dem Rahmen n&auml;hern, in dem er relevant f&uuml;r unser Argument wird.<\/p><p>Bevor wir jedoch in die wissenschaftliche Legitimierung neoliberaler Politik einsteigen, ist es mir wichtig zu betonen, dass ich kein plumpes Mainstream-Bashing betreiben m&ouml;chte. Ich werde zwar von &raquo;dem&laquo; Mainstream sprechen, allerdings ist das strenggenommen nicht ganz sauber, denn daf&uuml;r ist der Mainstream in der Bandbreite der Arbeiten und &Ouml;konomen einfach zu gro&szlig; und in Teilen auch inkonsistent. In der Forschung ist der Mainstream lange nicht mehr so blind marktliberal, wie es noch vor 20&nbsp;Jahren der Fall war. Da hat sich tats&auml;chlich etwas getan. Thematisch ist er mittlerweile viel breiter aufgestellt und nicht selten liest man differenzierte Arbeiten beispielsweise zur Analyse von Marktversagen, Ungleichheiten und Auswirkungen von Markteingriffen, wie dem Mindestlohn. Das f&uuml;hrt dazu, dass es heutzutage auch einige Mainstream&ouml;konomen gibt, mit denen man sich in der wirtschaftspolitischen Debatte wunderbar und schnell einig werden kann. Das war vor der Finanzkrise sicherlich noch anders.<\/p><p>Nichtsdestotrotz sind wir meines Erachtens noch weit davon entfernt, in der Mainstream&ouml;konomik von einem genuinen Wandel zu sprechen. <em>Paradigmatisch<\/em> bleibt der Mainstream sehr homogen. Arbeiten auf Grundlage abweichender theoretischer Annahmen finden kaum den Weg in die angesehenen Fachzeitschriften, was sich wiederum negativ auf die wissenschaftliche Karriere auswirkt. Die <em>Kern<\/em>annahmen des Mainstreams sind, wie wir es auf den n&auml;chsten Seiten sehen werden, trotz der Krisen nicht wirklich hinterfragt, sondern angepasst beziehungsweise eingeschr&auml;nkt worden. Gleichzeitig ist das Fach deutlich &raquo;empirischer&laquo; geworden. Dabei w&auml;re es gerade aufgrund der Verwerfungen der letzten Jahrzehnte wichtig gewesen, sich nicht noch weiter innerhalb eines gegebenen Paradigmas in die Mathematik und Empirie zu vertiefen, sondern auch theoretische &raquo;Grundlagenarbeit&laquo; zu verrichten, um die Realit&auml;t besser greifen zu k&ouml;nnen. Der Nobel-Ged&auml;chtnis-Preistr&auml;ger Paul Romer kritisierte diesbez&uuml;glich seine Kollegen scharf, die sich mehr mit der mathematischen Reinheit der, wie er schreibt, &raquo;post-realen Modelle&laquo; befassten, anstatt die theoretischen Grunds&auml;tze zu &uuml;berarbeiten und mit den realwirtschaftlichen Entwicklungen in Einklang zu bringen.<\/p><p>Auch in der Lehre bleibt die &Ouml;konomik ziemlich homogen. Joe Earle, Cahal Moran und Zach Ward-Perkins haben zum Beispiel in ihrer Auswertung der Studieninhalte in Gro&szlig;britannien festgestellt, dass der Gro&szlig;teil der Lehre auf einer <em>einzigen<\/em>, n&auml;mlich der sogenannten neoklassischen Denkschule beruht. In Deutschland und international sieht es &auml;hnlich aus. Vor allem die Pflichtmodule beinhalten kaum unterschiedliche Ans&auml;tze. Auf diese Weise wird kritisches und unabh&auml;ngiges Denken, was eine elementare Voraussetzung zur Herangehensweise und L&ouml;sung komplexer Probleme ist, kaum entwickelt. In Gro&szlig;britannien wird in den Pflichtmodulen in nur 6,7&nbsp;Prozent der Examensfragen &uuml;berhaupt eine kritische Auseinandersetzung verlangt. Der Rest sind Multiple-Choice-Fragen (man kreuzt die richtige Antwort einfach an) und Berechnungen irgendwelcher Werte und Parameter.<\/p><p>Es ist entsprechend wenig verwunderlich, dass die OECD in einer Studie herausfindet, dass es vor allem die Wirtschafts- und Agrarwissenschaftler sind, deren F&auml;higkeit zum kritischen Denken im Studium unterentwickelt ist. Was vielleicht noch schlimmer ist: S&auml;mtliche Studenten, die nur das Grundstudium belegen oder jene, die zum Beispiel im Studium des Journalismus oder der Betriebswirtschaftslehre ein paar Module in der Volkswirtschaftslehre belegen, werden nie etwas anderes als einen ziemlich kruden Mainstream kennenlernen und im Glauben in die Welt hinaus gehen, etwas &uuml;ber die Wirtschaft gelernt zu haben. Doch selbst bei denjenigen, die ihr Studium vertiefen, ist es nicht sicher, dass sie zwangsl&auml;ufig mit anderen theoretischen Denkschulen in Kontakt kommen. Das Fach ist, wie bereits angesprochen, so stark mathematisiert worden, dass &raquo;Grundlagenarbeit&laquo; kaum noch stattfindet&nbsp;&ndash; und dies teils noch nicht einmal als Problem wahrgenommen wird. Auf einer Gastvorlesung an der Freien Universit&auml;t in Berlin wurde mir von den Studenten erz&auml;hlt, dass einer der ersten S&auml;tze, den sie in ihrem Studium (im Jahr 2023!) geh&ouml;rt haben, war, dass es &raquo;in der &Ouml;konomie keine Denkschulen&laquo; g&auml;be. So viel theoretische Ignoranz ist be&auml;ngstigend, wenn die Wissenschaft sich in einem Rahmen bewegt, den sie selbst nicht wahrnehmen und daher auch nicht reflektieren kann.<\/p><p><em>Patrick Kaczmarczyk: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/raus-aus-dem-ego-kapitalismus.html?listtype=search&amp;searchparam=kaczmarczyk\">&bdquo;Raus aus dem Ego-Kapitalismus. F&uuml;r eine Wirtschaft im Dienst des Menschen&ldquo;<\/a>, Westend Verlag 2023<\/em><\/p><p>Titelbild: shisu_ka\/shuttertstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob Krisen, Armut oder die zunehmende Verrohung und Spaltung der Gesellschaft, von der nach aktuellen Umfragen vor allem die AfD zu profitieren scheint: Die be&auml;ngstigende Entwicklung der letzten Jahre ist das Ergebnis einer Politik, die im r&uuml;cksichtlosen Gegeneinander von Menschen, Unternehmen und Staaten den Motor des wirtschaftlichen Fortschritts sah. 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