{"id":104,"date":"2005-04-28T16:26:12","date_gmt":"2005-04-28T15:26:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=104"},"modified":"2016-03-14T17:24:55","modified_gmt":"2016-03-14T16:24:55","slug":"buchtipp-gustav-a-horn-sieht-deutschland-vor-allem-in-einer-krise-des-okonomischen-denkens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104","title":{"rendered":"Buchtipp: Gustav A. Horn sieht Deutschland vor allem in einer Krise des \u00f6konomischen Denkens"},"content":{"rendered":"<p>Der Konjunkturforscher Gustav A. Horn widerspricht in seinem neuen Buch den g&auml;ngigen Begr&uuml;ndungen der angebotstheoretischen &Ouml;konomie f&uuml;r unsere Wachstumsschw&auml;che. Er stellt der &bdquo;erschreckend&ldquo; einseitigen Wahrnehmung unserer Probleme verengt auf die Angebotsseite des G&uuml;ter- und des Arbeitsmarktes eine gesamtwirtschaftliche Sichtweise gegen&uuml;ber. Er sieht die Wurzel des schwachen Wachstums und der hohen Arbeitslosigkeit im Kern in einem Nachfragemangel und entwickelt ein Gegenprogramm gegen Sparen und Sozialabbau. Er fordert eine Neuausrichtung der Geld-, Finanz- und Lohnpolitik, die mehr Expansion m&ouml;glich macht als bisher. Horn hat den NachDenkSeiten eine Zusammenfassung seines Buches zur Verf&uuml;gung gestellt.<br>\n<!--more--><br>\nDeutschland ist in der Krise. Wie viele &ouml;konomisch orientierte B&uuml;cher m&ouml;gen derzeit mit diesem oder einem &auml;hnlichen Satz beginnen. Es folgen ein Lamento und radikale Vorschl&auml;ge f&uuml;r eine grundlegende Reform, ohne die Deutschland unrettbar verloren sei. Bestandteil der &uuml;blichen Reformvorschl&auml;ge sind sp&uuml;rbare Sparma&szlig;nahmen des Staates sowie massive Einschnitte in das System der sozialen Sicherung, das sich Deutschland angeblich nicht mehr leisten kann, und schlie&szlig;lich zur Sicherung der Wettbewerbsf&auml;higkeit die Aufforderung zu einer sp&uuml;rbaren Lohnzur&uuml;ckhaltung, verbunden mit einer deutlichen Kritik an den Gewerkschaften. Vier Schreckensbilder beherrschen dabei die Debatte: die allzu m&auml;chtigen Gewerkschaften, der verschwenderische Staat, die maroden, gelegentlich sogar als korrupt bezeichneten Sozialsysteme und vor allem anderen die unwilligen Arbeitlosen. <\/p><p>Dieses Buch will keine neuen Schreckensbilder produzieren. Es will etwas anderes. Es will aufzeigen, dass Deutschland nicht nur in einer wirtschaftlichen Krise ist, sondern vor allem in einer Krise des &ouml;konomischen Denkens. Mehr noch, die Krise des &ouml;konomischen Denkens hat teilweise zu einer wirtschaftspolitischen Praxis gef&uuml;hrt, welche die wirtschaftlichen Probleme versch&auml;rft und nicht gel&ouml;st hat. Erschreckend ist vor allem die Einseitigkeit, mit der die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands betrachtet werden. Fast alle Vorschl&auml;ge gehen davon aus, dass es Angebotsprobleme sind, die Deutschlands Wirtschaft belasten. Das bezieht sich zum einen auf die Angebotsseite des G&uuml;termarktes. Es wird behauptet, dass unter den gegenw&auml;rtigen Umst&auml;nden Unternehmen in Deutschland nicht hinreichend in der Lage seien, ihre Produkte rentabel zu produzieren und auf den M&auml;rkten anzubieten. Vor allem auf den internationalen M&auml;rkten seien die deutschen Unternehmen nicht konkurrenzf&auml;hig. Dies sei eine wesentliche H&uuml;rde f&uuml;r ein h&ouml;heres Wachstum. Die zweite H&uuml;rde steht demnach auf der Angebotsseite des Arbeitsmarktes, also bei den abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten und den Arbeitslosen. Aufgrund massiven gewerkschaftlichen Einflusses zu hohe L&ouml;hne und zu gro&szlig;z&uuml;gig bemessene soziale Sicherung trieben die Kosten der Unternehmen hoch und verminderten zugleich den Anreiz zur Arbeitsaufnahme bei denen, die derzeit keine Arbeit haben. Soweit die g&auml;ngigen Begr&uuml;ndungen f&uuml;r die Wachstumsschw&auml;che. <\/p><p>Ob hinter den wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht vielleicht auch Nachfrageprobleme stecken k&ouml;nnten, wird nicht einmal mehr diskutiert. Der Verweis auf die lange Dauer der Schw&auml;che muss meist gen&uuml;gen. Denn &ndash; so die mehrheitliche Meinung &ndash; Nachfragekrisen k&ouml;nnen nicht so lange dauern. Dies ist jedoch ein vom gew&uuml;nschten Ergebnis inspirierter Kurzschluss. Nachfrageprobleme entstehen auf der Nachfrageseite der G&uuml;term&auml;rkte, wo die Einkommen insbesondere der privaten Haushalte nicht ausreichen, um die von den Unternehmen angebotenen G&uuml;ter zu kaufen. Dies spielt &uuml;ber auf die Nachfrageseite des Arbeitsmarktes, wo die Unternehmen wegen ihrer Absatzschwierigkeiten nicht gen&uuml;gend Besch&auml;ftigung nachfragen, um alle, die Arbeit suchen, auch zu besch&auml;ftigen. <\/p><p>Gravierend ist, dass sich im in den vergangenen Jahrzehnten sowohl in der Wissenschaft als auch in der Politik ein v&ouml;llig neues und teilweise irregeleitetes Verst&auml;ndnis von Arbeitslosigkeit durchgesetzt hat. Galt fr&uuml;her Arbeitslosigkeit als gesamtwirtschaftliches Schicksal, das der einzelne in allenfalls begrenztem Rahmen beeinflussen kann, herrscht heute eine fast genau umgekehrte Sichtweise vor. Arbeitslosigkeit ist prim&auml;r einzelwirtschaftliches Schicksal, das der einzelne unter den gegebenen institutionellen Rahmenbedingungen &ndash; wie etwa der H&ouml;he des Arbeitslosengeldes &ndash; Arbeitslosigkeit einer Besch&auml;ftigung bewusst vorzieht. Aus dieser Perspektive muss die hohe Arbeitslosigkeit dadurch angegangen werden, dass die Anreize zur Arbeitsaufnahme z.B. durch eine verminderte soziale Absicherung verst&auml;rkt werden. An dieser Stelle zeigt sich Dominanz des einzelwirtschaftlichen Denkens in der heutigen makro&ouml;konomischen Theorie besonders drastisch. Dass die Ursache der Arbeitslosigkeit in gesamtwirtschaftlichen Nachfrageproblemen bestehen k&ouml;nnte, wird ausgeblendet. Folglich hat eine gesamtwirtschaftlich orientierte Politik in diesem &ouml;konomischen Leitbild keine Funktion. <\/p><p>Die g&auml;ngigen theoretischen Vorstellungen stehen allerdings vor einem Ph&auml;nomen, das sie nicht &uuml;berzeugend zu erkl&auml;ren verm&ouml;gen. Das ist die tiefe Spaltung der Konjunktur in Deutschland in eine lahmende Binnenwirtschaft und eine dynamische Exportkonjunktur. Sie widerspricht der These von der mangelnden Wettbewerbsf&auml;higkeit aufgrund zu hoher L&ouml;hne eklatant. Wie k&ouml;nnen die L&ouml;hne zu hoch sein, wenn sich die Produkte aus Deutschland mit steigenden Gewinnen so gut auf den Weltm&auml;rkten verkaufen lassen und auf der andere Seite die Einkommen im Inland sich so schwach entwickeln, dass keine finanzielle Basis f&uuml;r einen h&ouml;heren Konsum vorhanden ist ? <\/p><p>In diesem soll Buch soll &uuml;ber diese fundamentalen Schw&auml;chen und Fehler der weitverbreiteten Argumente der Angebotstheoretiker aufgekl&auml;rt werden. Gleichzeitig soll eine wirtschaftspolitische Alternative aufgezeigt werden, die auf einem anderen Ansatz fu&szlig;t. Ihr liegt im Gegensatz zu den g&auml;ngigen Vorstellungen eine gesamtwirtschaftliche Sichtweise zugrunde. Diese geht davon aus, dass die Wurzel der schwachen Wachstums und der hohen Arbeitslosigkeit im Kern in einem Nachfragemangel liegt, der nicht zuletzt durch falsche gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen erzeugt wurde. Mit anderen Worten, es ist in erster Linie eine Frage der richtigen Geld-, Finanz &ndash; und Lohnpolitik, ob die Rahmenbedingungen f&uuml;r mehr Wachstum und Besch&auml;ftigung gegeben sind. Damit ist gemeint, dass die Geldpolitik die Zinsen nicht niedrig genug gehalten hat, um Investitionen und Konsum in ganz Europa hinreichend zu stimulieren. Damit ist ferner gemeint, dass die Finanzpolitik vom Sparzwang beherrscht wurde, und dabei die Aufgabe einer gesamtwirtschaftlichen Stabilisierung aus den Augen verlor. Und damit ist schlie&szlig;lich gemeint, dass die Lohnentwicklung in Deutschland den Tarifparteien weitgehend entglitten ist, und die L&ouml;hne deutlich hinter der Produktivit&auml;tsentwicklung zur&uuml;ckbleiben und damit die Nachfrage unter Druck ger&auml;t. Es sind also gesamtwirtschaftliche Gr&uuml;nde, die Deutschland wirtschaftlich lahmen lassen. Nur wenn eine Wirtschaft gesamtwirtschaftliche Impulse erh&auml;lt, besteht Spielraum f&uuml;r Unternehmen und Haushalte, zu investieren und zu konsumieren. Nur so k&ouml;nnen letztlich Wachstum und Besch&auml;ftigung entstehen. <\/p><p>Aus diesen Gedanken ergibt sich ein Gegenprogramm gegen Sparen und Sozialabbau, die heute von der Mehrheit der &Ouml;konomen als notwendige Voraussetzung f&uuml;r mehr Wachstum angesehen werden. Dieses Programm enth&auml;lt Vorschl&auml;ge auf mehreren Ebenen. Zum einen muss die Ausrichtung der Geld,- Finanz- und Lohnpolitik so ge&auml;ndert werden, dass mehr Expansion m&ouml;glich ist als bisher. Daneben sind aber auch strukturelle Ver&auml;nderungen unumg&auml;nglich. Nur brauchen sie eben nicht zwangsl&auml;ufig mit Sozialabbau einhergehen. Entscheidend ist vielmehr nach M&ouml;glichkeiten zu suchen, die vorhandenen Mittel effizienter einzusetzen, die gesamtwirtschaftlichen Folgen solcher Reformen zu ber&uuml;cksichtigen und gegebenenfalls zu kompensieren. Nur so sind strukturelle Reformen sinnvoll. <\/p><p>Gustav A. Horn, Die Deutsche Krankheit: Sparwut und Sozialabbau, Thesen gegen eine verfehlte Wirtschatspolitik, 2005, Carl Hanser Verlag, M&uuml;nchen\/Wien, 197 Seiten, 19.90 Euro\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Konjunkturforscher Gustav A. Horn widerspricht in seinem neuen Buch den g&auml;ngigen Begr&uuml;ndungen der angebotstheoretischen &Ouml;konomie f&uuml;r unsere Wachstumsschw&auml;che. Er stellt der &bdquo;erschreckend&ldquo; einseitigen Wahrnehmung unserer Probleme verengt auf die Angebotsseite des G&uuml;ter- und des Arbeitsmarktes eine gesamtwirtschaftliche Sichtweise gegen&uuml;ber. 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