{"id":10405,"date":"2011-08-09T08:49:00","date_gmt":"2011-08-09T06:49:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10405"},"modified":"2014-09-09T15:01:36","modified_gmt":"2014-09-09T13:01:36","slug":"es-lebe-die-anonymitat-im-netz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10405","title":{"rendered":"Es lebe die Anonymit\u00e4t im Netz!"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Wochen nach den schrecklichen Anschl&auml;gen in Norwegen wagt sich Innenminister Hans-Peter Friedrich aus der Deckung und versucht <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,778803,00.html\">in einem Interview mit dem SPIEGEL<\/a> Kapital aus dem Fall Breivik zu schlagen. Nicht die rechtspopulistische Hetze als solche, sondern das Internet trage die Verantwortung f&uuml;r die &bdquo;Radikalisierung des Einzelt&auml;ters&ldquo;, so die Quintessenz des Interviews. Nicht Aufkl&auml;rung und die politische Auseinandersetzung, sondern die Aufhebung der Anonymit&auml;t im Netz sei ein probates Mittel, um die Radikalisierung zu verhindern. Dabei geht es jedoch weniger um Klarnamen und Anonymit&auml;t, als vielmehr um die Verlagerung der Diskussion um Rechtspopulismus auf ein &bdquo;Netzthema&ldquo;. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\nKeine Frage &ndash; was man in rechtspopulistischen Blogs zu lesen bekommt, ist widerw&auml;rtig. Wenn Innenminister Friedrich feststellt, dass man sich im Internet &bdquo;von Blog zu Blog hangeln kann&ldquo; und dass die &bdquo;radikalen und undifferenzierten Thesen&ldquo; in diesen Blogs sich zu einer &bdquo;geistigen Sauce&ldquo; verdichten k&ouml;nnen, aus der ein &bdquo;geschlossenes Weltbild&ldquo; entstehen k&ouml;nne, wird man ihm kaum widersprechen k&ouml;nnen. Ein solches Weltbild kann jedoch auch beim Lesen der &bdquo;altehrw&uuml;rdigen&ldquo; Qualit&auml;tszeitungen entstehen, in denen rechtspopulistische Brandstifter wie beispielweise Henryk M. Broder unter Klarnamen ihre geistige Sauce verdichten.<\/p><p>Immer wieder erstaunlich ist jedoch, wie wenig Kenntnis deutsche Innenminister von geltenden Gesetzen haben. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, wie gebetsm&uuml;hlenartig aus der Ecke der innenpolitischen Hardliner behauptet wird. Selbstverst&auml;ndlich gelten im Netz die gleichen Gesetze wie in der realen Welt. Wenn rechtspopulistische Blogs geltende Gesetze brechen, ist es nicht sonderlich schwer, diese Straftaten mit rechtsstaatlichen Mitteln zu ahnden. Es ist geradezu absurd anzunehmen, dass sich Ermittlungsbeh&ouml;rden wie das BKA oder der Verfassungsschutz durch ein fehlendes Impressum ausman&ouml;vrieren lassen. <\/p><p>Es ist jedoch nicht anzunehmen, dass Friedrich tats&auml;chlich glaubt, was er da sagt. Wenn Friedrich &ouml;ffentlichkeitswirksam auf die unappetitlichen Schmuddelkinder am rechten Rand zielt, hat er eigentlich die Meinungsfreiheit im Internet im Visier. Dass er auf dem rechten Auge blind ist, beweist Friedrich bereits, indem er im SPIEGEL-Interview einen Parforceritt zwischen &bdquo;gutem&ldquo; und &bdquo;b&ouml;sem&ldquo; Rechtspopulismus wagt, bei dem er auf der einen Seite rechtspopulistische Blogs r&uuml;gt und auf der anderen Seite rechtspopulistische Stichwortgeber wie Thilo Sarrazin als Tabubrecher feiert. Aber was soll man auch von einem bayerischen Hardliner erwarten, der selbst mit Thesen &aacute; la &bdquo;Der Islam geh&ouml;rt nicht zu Deutschland&ldquo; im rechtspopulistischen Lager nach Beifall heischt. Es gibt aber keinen &bdquo;guten&ldquo; Rechtspopulismus. Ohne Sarrazin, Broder und Co. g&auml;be es nat&uuml;rlich immer noch rechtspopulistische Blogs &ndash; sie h&auml;tten jedoch wesentlich weniger Zulauf und w&auml;ren gesellschaftlich komplett isoliert. <\/p><p><strong>Klarnamenzwang?<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend Friedrich es nicht vermag, bei seiner Analyse die Scheuklappen abzunehmen und nicht einmal im Ansatz zur Selbstkritik f&auml;hig ist, verliert er sich bei seinen Vorschl&auml;gen zur Verhinderung einer &bdquo;Einzelt&auml;ter-Radikalisierung&ldquo; vollends in einem undurchdringlichen Dickicht aus Ignoranz, Inkompetenz und Verbohrtheit. &bdquo;Warum stehen Menschen nicht auch im Internet f&uuml;r etwas mit ihrem Namen ein&ldquo;, fragt Friedrich rhetorisch und fordert damit abstrakt das Ende der Anonymit&auml;t f&uuml;r Blogger und Nutzer von Internetforen. F&uuml;r Friedrich m&uuml;ssen Diskussionen nicht nur nach den &bdquo;Grunds&auml;tzen unserer Rechtsordnung&ldquo;, sondern auch &bdquo;mit offenem Visier&ldquo; gef&uuml;hrt werden. Ob Friedrich wei&szlig;, dass selbst auf den Seiten der CSU im Schutz der Anonymit&auml;t <a href=\"http:\/\/www.csu.de\/kommission\/csk\/forum\/index.htm\">diskutiert werden darf?<\/a><\/p><p>F&uuml;r einen profilierungss&uuml;chtigen Berufspolitiker mag es seltsam klingen, dass es auch Menschen gibt, die ihren vollen Namen nicht unter jedem ihrer Diskussionsbeitr&auml;ge im Netz sehen wollen &ndash; das gleiche gilt &uuml;brigens auch analog f&uuml;r Leserbriefe in gedruckten Zeitungen und Zeitschriften. Nat&uuml;rlich w&uuml;rde sich so mancher w&uuml;nschen, dass rechtpopulistische Hetzer auch mit ihrem Namen zu ihren &bdquo;Thesen&ldquo; stehen w&uuml;rden. Man kann so ein Klarnamengebot aber nicht auf bestimmte Gesinnungen herunterbrechen. Wenn Friedrich an einen Klarnamenzwang denkt, so betrifft dies alle Bereiche des Netzes. Welches Missbrauchsopfer w&uuml;rde sich unter Klarnamen im Netz mit Leidensgenossen austauschen? Welcher Arbeitnehmer w&uuml;rde unter Klarnamen &uuml;ber unethisches, unmoralisches oder gar ungesetzliches Treiben seines Arbeitgebers berichten?  <\/p><p><strong>Friedrichs Klarnamen-Welt<\/strong><\/p><p>Wer abh&auml;ngig besch&auml;ftigt ist, hat nun einmal leider in der Realit&auml;t nicht die M&ouml;glichkeit, sich offen und ehrlich mit Klarnamen zu politischen und gesellschaftlichen Themen zu &auml;u&szlig;ern, wenn seine Position nicht unbedingt arbeitgeberfreundlich ist. F&uuml;r Menschen, die gerne abh&auml;ngig besch&auml;ftigt w&auml;ren, diese Chance aber momentan nicht haben, gilt hier das gleiche. Es w&auml;re nat&uuml;rlich der Traum jedes Arbeitgebers, sich &uuml;ber Google &uuml;ber die politische Einstellung von Bewerbern informieren zu k&ouml;nnen. F&uuml;r einen sozialpolitisch engagierten Menschen w&auml;re es jedoch sicherlich nicht von Vorteil, wenn der potentielle Arbeitgeber bereits beim ersten Vorstellungsgespr&auml;ch wei&szlig;, wie der Bewerber zu bestimmten politischen Themen steht. Auch wer den politischen Diskurs gerne &bdquo;mit offenen Visier&ldquo; f&uuml;hrt, kann sehr wohl in anderen Bereichen Wert auf Anonymit&auml;t legen. Wer w&uuml;rde beispielsweise noch Selbsthilfeforen f&uuml;r bestimmte Erkrankungen aufsuchen, wenn er dort nur unter Klarnamen diskutieren d&uuml;rfte? <\/p><p>In der Praxis w&uuml;rde der Klarnamenzwang zu einem komplett gl&auml;sernen B&uuml;rger f&uuml;hren &ndash; eine Traumvorstellung von Fans des &Uuml;berwachungsstaates. Gleichzeitig w&uuml;rde ein Klarnamenzwang jedoch das Netz als Diskussionsplattform f&uuml;r viele Themen unbrauchbar machen. Es w&auml;re jedoch naiv anzunehmen, dass Nutzer nicht auf Angebote ausweichen w&uuml;rden, die nicht den deutschen Gesetzen unterstehen. <\/p><p><strong>Spiegelfechterei<\/strong><\/p><p>Es ist jedoch kein Zufall, dass Friedrich sich im SPIEGEL-Interview sehr bedeckt h&auml;lt und seine Forderungen abstrakt formuliert. Wie ein solcher Klarnamenzwang &uuml;berhaupt umsetzbar w&auml;re, erschlie&szlig;t sich n&auml;mlich nicht. Soll jeder Blogkommentator sich k&uuml;nftig beim zentralen Register f&uuml;r Internetnutzer melden &ndash; mit PostIdent, Passbild und Sicherheitszertifikat? Und wer sollte die Authentizit&auml;t der Angaben der Kommentatoren wie &uuml;berpr&uuml;fen? Der Blog-, Foren- oder Plattformbetreiber? Mit einer Schnittstelle zum zentralen Register f&uuml;r Internetnutzer? <\/p><p>Friedrichs &bdquo;Vorsto&szlig;&ldquo; ist bei n&auml;herer Betrachtung nicht viel mehr sinnlose Dampfplauderei. Ein Klarnamenzwang im Netz ist nicht nur unsinnig, sondern auch undurchf&uuml;hrbar. Auch das wei&szlig; Friedrich sicherlich nur all zu genau. Es hat in Deutschland jedoch bereits Tradition, Diskussionen, die einem nicht gefallen, durch komplett abstruse Vorschl&auml;ge in eine andere Richtung zu lenken. Diese Taktik hat sich auch im SPIEGEL-Interview als Gl&uuml;cksgriff erwiesen. Anstatt dar&uuml;ber zu diskutieren, in welcher Form die Gesellschaft die <a href=\"\/?p=10216\">Brandstifter und Biederm&auml;nner<\/a> in die moralische Verantwortung f&uuml;r die Anschl&auml;ge in Norwegen nehmen k&ouml;nnte, geht es nun wieder einmal um das vermeintlich &bdquo;b&ouml;se Internet&ldquo;. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/a8324d634744491ca03808c9de407b71\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Wochen nach den schrecklichen Anschl&auml;gen in Norwegen wagt sich Innenminister Hans-Peter Friedrich aus der Deckung und versucht <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,778803,00.html\">in einem Interview mit dem SPIEGEL<\/a> Kapital aus dem Fall Breivik zu schlagen. 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