{"id":104223,"date":"2023-09-23T14:00:07","date_gmt":"2023-09-23T12:00:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104223"},"modified":"2023-09-23T05:11:16","modified_gmt":"2023-09-23T03:11:16","slug":"der-globale-wald-yasuni-und-der-widerstand-der-huaorani","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104223","title":{"rendered":"Der globale Wald Yasun\u00ed und der Widerstand der Huaorani"},"content":{"rendered":"<p>Gibt es &uuml;berhaupt noch Orte und Menschen auf dieser Welt, die nicht globalisiert sind? Im ecuadorianischen Yasun&iacute;-Regenwald sind zumindest einzelne Gruppen bekannt, die den Kontakt zur Au&szlig;enwelt vermeiden. Noch. Denn durch die globale Nachfrage nach &Ouml;l und Holz sind die weitestgehend isolierten Indigenen der Huaorani vom Aussterben bedroht. Diese Gruppen haben den Inkas und den spanischen Konquistadoren getrotzt. Ihren Kampf gegen den globalen Kapitalismus schienen sie hingegen bis vor Kurzem noch zu verlieren. Ein Referendum hat dies nun ge&auml;ndert. Von <strong>Albert Denk<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nBei der ecuadorianischen Parlaments- und Pr&auml;sidentenwahl stimmte die Bev&ouml;lkerung auch &uuml;ber die &Ouml;lf&ouml;rderung im Yasun&iacute; ab. Dabei handelte es sich um die erste Volksabstimmung Ecuadors, die durch eine soziale Bewegung initiiert wurde. Im Ergebnis hat sich eine Mehrheit mit rund 60 Prozent der Stimmen f&uuml;r das Ende der weiteren &Ouml;lf&ouml;rderung im Yasun&iacute; entschieden. Bereits im Vorfeld &uuml;berschatteten mehrere Morde durch Drogenkartelle den Wahlkampf. Deutlich wurde dabei, dass die lokale Andenregion grundlegend durch globale Prozesse wie die zuletzt massiv zunehmende Nachfrage nach Kokain im Globalen Norden beeinflusst wird.<\/p><p>Der Yasun&iacute; ist im Speziellen ein Paradebeispiel zum Verstehen der Globalisierung. Die offenen Adern Lateinamerikas sind dabei zum gefl&uuml;gelten Wort f&uuml;r jahrhundertelange Ausbeutungsprozesse und eine globale Arbeitsteilung zwischen dem geopolitischen S&uuml;den und Norden geworden. In der Folge entstand eine bis heute fortwirkende, strukturelle Abh&auml;ngigkeit zwischen den Prim&auml;rg&uuml;ter exportierenden L&auml;ndern und den industrialisierten, globalen Zentren.<\/p><p>Ecuador stand knapp 300 Jahre lang unter der Kolonialherrschaft von Spanien. Sp&auml;testens seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist es ein bedeutendes Exportland aufgrund seiner Plantagenwirtschaft von etwa Bananen, Kaffee und Kakao. Global betrachtet, kommt heute beispielsweise fast jede dritte Banane aus Ecuador. Die &ouml;konomische Macht des Bananenhandels wird auch darin deutlich, dass mit Daniel Noboa der Sohn eines millionenschweren Bananenunternehmers in die nun folgende Stichwahl zum Pr&auml;sidenten im Oktober geht. Mit Blick auf das ungleiche Tauschgesch&auml;ft wird jedoch auch deutlich, dass es ohne Kinderarbeit, Gesundheitssch&auml;den wie Pestizidvergiftungen durch etwa in der EU verbotene Giftstoffe und einen Verlust der Artenvielfalt durch den Monokulturanbau kaum derart rentabel w&auml;re.<\/p><p>Wohlstand, wie ihn die Familie Noboa genie&szlig;t, ist jedoch selten in Ecuador. Denn die hohen Gewinne geh&ouml;ren dem ungleichen Tausch entgegen meist den Unternehmen des globalen Nordens. Diese bedienen sich an Lateinamerika aufgrund dessen reicher Bodensch&auml;tze, klimatisch vorteilhafter Anbaubedingungen, niedriger Arbeitskosten sowie der geringen Arbeits- und Umweltschutzregelungen.<\/p><p>Beim Yasun&iacute;-Referendum am 20. August 2023 ging es nun um den Rohstoff Erd&ouml;l. Wieder einmal, weil Erd&ouml;l aus Lateinamerika f&uuml;r den Verbrauch im globalen Norden eine lange Tradition aufweist. Allen voran sind hier der venezolanische Maracaibo-See und die F&ouml;rdergebiete um das mexikanische Tampico hervorzuheben, die seit dem fr&uuml;hen 20. Jahrhundert als Quelle der &Ouml;lausbeutung dienten. Davon profitierte in besonderen Ma&szlig;en das von der US-amerikanischen Rockefeller-Dynastie betriebene Unternehmen Standard Oil, welches heute besser bekannt in Form seiner unterteilten Nachfolgeunternehmen wie BP, Exxon, Shell oder Unilever ist.<\/p><p>Das Erd&ouml;l sei der am meisten monopolisierte Reichtum des gesamten kapitalistischen Systems, schrieb bereits 1970 Eduardo Galeano, der Autor der offenen Adern. Keine anderen Unternehmer verf&uuml;gten &uuml;ber so viel politische Macht auf internationaler Ebene wie die gro&szlig;en &Ouml;lgesellschaften. Von den elf Dollar, die mit Derivaten einer Tonne Erd&ouml;l erwirtschaftet wurden, erhielten die Exportl&auml;nder gerade einen Dollar. &Uuml;ber 50 Jahre sp&auml;ter ist dieses Modell der Wertsch&ouml;pfung nicht gerechter geworden. Die Rohstoffe werden dem S&uuml;den entnommen und im Norden wertgesch&ouml;pft sowie dort als Treibstoff f&uuml;r einen konsum-exzessiven Lebensstil vernutzt.<\/p><p>Sei es beispielsweise das Benzin f&uuml;r Autos, das Kerosin f&uuml;r Flugzeuge, das Heiz&ouml;l zur W&auml;rmeerzeugung sowie Kunststoffe f&uuml;r Kleidung und Verpackungen &ndash; Erd&ouml;l ist auch in Deutschland allgegenw&auml;rtig. Fieberhaft konsumieren die Menschen im globalen Norden den wertvollen wie klimasch&auml;dlichen Rohstoff Erd&ouml;l. Dies geschieht pro Kopf in etwa zehnmal so h&auml;ufig wie in China oder Indien. Nun sollen sich hunderte Millionen Barrel davon unter Yasun&iacute; befinden. Dies weckt die Begierde insbesondere auf der Nachfrageseite in energieintensiven L&auml;ndern ohne eigene &Ouml;lf&ouml;rderung, die durch im Norden lokalisierte Unternehmen gestillt wird.<\/p><p>Fest steht, dass mit diesem Referendum etwas auf lokaler Ebene gewonnen wurde, was f&uuml;r die Weltgesellschaft gar nicht mit Geld auszudr&uuml;cken ist. Der Yasun&iacute; hat alleine durch seine Artenvielfalt einen global-historischen Wert. Diese &uuml;bertrifft bereits auf der Fl&auml;che eines Hektars die ganz Nordamerikas. Der 20. August ist somit ein wichtiges Datum f&uuml;r den globalen Umweltschutz. Die Entscheidung gegen die &Ouml;lf&ouml;rderung im Yasun&iacute;-Regenwald ist somit deutlich mehr als eine lokale Abstimmung. Sie k&ouml;nnte gar einen Wendepunkt bisheriger Globalisierungsprozesse symbolisieren. Denn die Mehrheit der ecuadorianischen Bev&ouml;lkerung hat sich mit dem Referendum gegen das globale Wirtschaftsmodell basierend auf Rohstoffexporten ausgesprochen, bei dem sich die Konkurrenzlogik zwischen Einzelstaaten oder Weltregionen sch&auml;dlich f&uuml;r Menschen und ihre nat&uuml;rliche Umwelt auswirkt.<\/p><p>Das Referendum ist besonders durch kritische Stimmen im Globalen S&uuml;den mit Hilfe von Justiz, Medien, Wissenschaft und Zivilgesellschaft vorangetrieben und umgesetzt worden. Das Ergebnis ist dabei eine starke Botschaft an die eigene Regierung und den Globalen Norden: Wir m&uuml;ssen uns vor euch sch&uuml;tzen. Entscheidend f&uuml;r den Erfolg waren dabei besonders die beiden Mittel eines Verfassungsgerichtes und eines Volksentscheides.<\/p><p>Schlie&szlig;lich ist daraus eine weitere wichtige Lehre zu ziehen. Denn eine derart fundamentale Transformation hin zu sozial-&ouml;kologischer Gerechtigkeit wird offensichtlich nicht durch die handlungsm&auml;chtigen Gesellschaften im Globalen Norden gestaltet. 2007 hatten die Staaten der Welt bereits die M&ouml;glichkeit, die &Ouml;lf&ouml;rderung in Ecuador zu stoppen. Dabei h&auml;tten sie knapp vier Milliarden Dollar in einen von den Vereinten Nationen initiierten Treuhand-Fond &uuml;berweisen m&uuml;ssen. Dieses Angebot der damaligen ecuadorianischen Regierung wurde auch von Deutschland ausgeschlagen. Yasun&iacute; kann ein polit-&ouml;konomischer Wendepunkt globalen Ma&szlig;stabs sein, denn dies ist letztlich auch eine Absage an die zwischenstaatliche Ebene, auf der zuvor keine L&ouml;sung gefunden wurde. Der globale Wald Yasun&iacute; ist kein Projekt von Staaten, der Wirtschaftsorganisation Mercosur oder der Vereinten Nationen, sondern der breiten Bev&ouml;lkerung und ihren transnationalen Netzwerken. Die Bev&ouml;lkerung fordert selbstorganisiert ihre Rechte ein. Dies ist zweifelsohne auch ein Modell f&uuml;r andernorts.<\/p><p><em>Zum Autor: Dr. <strong>Albert Denk<\/strong> arbeitet am Otto-Suhr-Institut f&uuml;r Politikwissenschaft der Freien Universit&auml;t Berlin. Er lehrt u.a. zu Theorien der Globalisierung und forscht zu globaler Gerechtigkeit.<\/em><\/p><p><em>Dieser Artikel erschien <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/blog\/2023\/09\/265655\/der-globale-wald-yasuni\">zuerst auf Amerika21<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: Shutterstock \/ SL-Photography<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99302\">Ecuador zwischen Hoffnung, Gewalt und Verfassungskrise<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99069\">Stimmen aus Lateinamerika: Ver&auml;ndert die Sozialpolitik die Denkweise der Menschen?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55472\">Generalstreik in Ecuador &ndash; Nach IWF-Kreditschock tobt der Volksaufstand und Regierung fl&uuml;chtet von Quito nach Guayaquil<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/0a820650d70a47a18399bd5b26228fc0\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gibt es &uuml;berhaupt noch Orte und Menschen auf dieser Welt, die nicht globalisiert sind? 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