{"id":104316,"date":"2023-09-25T09:00:12","date_gmt":"2023-09-25T07:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104316"},"modified":"2023-09-25T13:37:32","modified_gmt":"2023-09-25T11:37:32","slug":"syrische-fluechtlinge-gefangen-in-den-netzen-der-geopolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104316","title":{"rendered":"Syrische Fl\u00fcchtlinge: Gefangen in den Netzen der Geopolitik"},"content":{"rendered":"<p>Syrien wird seines Territoriums und seiner Rohstoffe beraubt, die Bev&ouml;lkerung wird gespalten. Nach Krieg und Kriegsfolgen steht auch Landnahme &ndash; wie etwa die Besatzung der syrischen Ressourcen von &Ouml;l, Baumwolle und Weizen durch US-amerikanische Truppen &ndash; am Anfang der elenden Spirale von Flucht und Vertreibung. &Uuml;ber das Thema Flucht legt sich ein Netz von Interessen regionaler staatlicher und nicht-staatlicher Akteure, denen es nicht um die Menschen, sondern um Boden und Rohstoffe oder um die Kontrolle von Transportwegen geht. Von <strong>Karin Leukefeld<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2145\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-104316-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230925-Syrische-Fluechtlinge-in-Netzen-der-Geopolitik-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230925-Syrische-Fluechtlinge-in-Netzen-der-Geopolitik-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230925-Syrische-Fluechtlinge-in-Netzen-der-Geopolitik-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230925-Syrische-Fluechtlinge-in-Netzen-der-Geopolitik-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=104316-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230925-Syrische-Fluechtlinge-in-Netzen-der-Geopolitik-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230925-Syrische-Fluechtlinge-in-Netzen-der-Geopolitik-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><blockquote><p>&bdquo;Als Teil des Kampfes gegen Menschenhandel und illegale Einwanderung &uuml;ber die nationale Grenze haben Einheiten der Armee im Laufe der Woche an verschiedenen Tagen rund 1000 Syrer daran gehindert, illegal &uuml;ber die libanesisch-syrische Grenze zu gelangen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Die knappe Mitteilung ist auf der Webseite der libanesischen Armee am 21.09.2023 zu lesen. Beigef&uuml;gt ist ein <a href=\"https:\/\/www.lebarmy.gov.lb\/sites\/default\/files\/field\/images\/09_23\/Np210920231010.jpg\">Foto<\/a>, das aus der Vogelperspektive aufgenommen M&auml;nner zeigt, die in Reihen hintereinander aufgestellt sind und ihrem Vordermann jeweils ihren linken Arm auf dessen linke Schulter gelegt haben. Die K&ouml;pfe sind gesenkt, am Ende der Gruppe stehen einige Frauen mit wei&szlig;en Kopft&uuml;chern, um sie versammelt eine Schar von Kindern.<\/p><p>In der Woche zuvor hatte die Armee verschiedene Barackensiedlungen von syrischen Fl&uuml;chtlingen in der Bekaa-Ebene durchsucht. Dabei seien 43 Syrer festgenommen worden, die keine Papiere hatten und illegal in den Libanon gekommen seien, ist auf der Webseite der libanesischen Streitkr&auml;fte zu lesen. Sie seien dem Richter vorgef&uuml;hrt worden. Die Informationen &uuml;ber den Aufenthalt der Fl&uuml;chtlinge seien von Einheiten des Inlandsgeheimdienstes gesammelt und der Armee &uuml;bergeben worden.<\/p><p>Wenige Tage zuvor wiederum hatte die Armee zwei Personen in Tripoli festgenommen. Die beiden &bdquo;B&uuml;rger&ldquo;, deren Namen lediglich mit AA.A und Q.AA angegeben wurden, h&auml;tten eine illegale Schiffspassage &uuml;ber das Meer vorbereitet, so die Mitteilung der Armee. Daf&uuml;r h&auml;tten die beiden ein Boot besorgt, das im Al-Abdeh-Hafen in der nordlibanesischen Hafenstadt Tripoli vor Anker gelegen habe. Bei der Durchsuchung des Wohnortes von einer der beiden Personen seien 48 Syrer festgenommen worden, die sich auf die illegale Seereise vorbereitet h&auml;tten. Das Boot wurde beschlagnahmt, die Festgenommenen wurden dem Richter vorgef&uuml;hrt. Auch hier waren die Hinweise von Einheiten des libanesischen Inlandsgeheimdienstes gekommen.<\/p><p>Der Blick auf die Webseite der Armee &ouml;ffnet einige Fenster in das unsichere Geschehen, mit dem der Libanon t&auml;glich zu k&auml;mpfen hat: illegale Einwanderung, Menschenschmuggel, Schmuggel von Waren, Drogen, illegaler Waffenbesitz und Schie&szlig;ereien wie zuletzt in dem Pal&auml;stinenserlager Ain al-Hilweh nahe der s&uuml;dlichen Hafenstadt Sidon. Armee und Inlandsgeheimdienst arbeiten eng zusammen, Richter haben viel zu tun, Gef&auml;ngnisse sind &uuml;berf&uuml;llt. <\/p><p>Hinzu kommen Verletzungen des libanesischen Luftraums von &bdquo;feindlichen Drohnen&ldquo; oder Kampfjets, die aus den besetzten pal&auml;stinensischen Gebieten &ndash; aus Sicht Israels Nord-Israel &ndash; in den Libanon eindringen und herumfliegen. Jeder Vorfall wird dem Oberkommandierenden der UN-Friedenstruppen UNIFIL gemeldet. Dort wird das Geschehen verfolgt und mit Israel Kontakt aufgenommen. Israel, aus Sicht des Libanon ein &bdquo;Feind&ldquo;, der sowohl libanesisches als auch pal&auml;stinensisches Territorium widerrechtlich besetzt h&auml;lt, ignoriert die Vorhaltungen. Im UN-Sicherheitsrat, der ebenfalls informiert wird, werden die Vorf&auml;lle aufgelistet.<\/p><p><strong>Den Menschen bleibt keine Wahl<\/strong><\/p><p>Der Libanon hat sich diese Probleme nicht ausgesucht. Sie sind die Folge jahrzehntelanger Einmischung von internationalen und regionalen Akteuren, die im Nahen und Mittleren Osten, im &ouml;stlichen Mittelmeerraum, um Einfluss und Macht, um die Eroberung eigener Interessenssph&auml;ren k&auml;mpften. Daran hat sich bis heute nichts ge&auml;ndert.<\/p><p>Den Menschen blieb keine Wahl und so suchten im Ersten Weltkrieg armenische Fl&uuml;chtlinge aus dem Osmanischen Reich Zuflucht in der N&auml;he des Hafens von Beirut. 1948 und danach folgten Pal&auml;stinenser, die aus ihrer Heimat von den j&uuml;dischen Milizen vertrieben worden waren, die auf pal&auml;stinensischem Boden dann den Staat Israel gr&uuml;ndeten. Die Pal&auml;stinenser sprechen von der Nakba, der Katastrophe. Der Staat Israel &ndash; f&uuml;r den Verhandeln und Dialog keine Option war &ndash; folgte den Pal&auml;stinensern und bek&auml;mpfte sie selbst in den Fl&uuml;chtlingslagern noch. Die israelische Armee marschierte bis Beirut und hielt den S&uuml;den des Libanon bis zum Jahr 2000 besetzt.<\/p><p>Erst am vergangenen Freitag (22.9.2023) erinnerten in Beirut pal&auml;stinensische und internationale Delegationen an das Massaker in den Pal&auml;stinenserlagern Sabra und Schatila, das im September 1982 unter den Augen der israelischen Armee unter General Ariel Scharon von christlichen libanesischen Milizen, den Falangisten, ver&uuml;bt worden war. Die Milizen r&auml;chten sich f&uuml;r die Ermordung des damaligen libanesischen Pr&auml;sidenten Bashir Gemayel, einem Falangisten, durch einen Pal&auml;stinenser und ermordeten 1.700 Frauen, M&auml;nner und Kinder. Die israelische Armee hatte die Falangisten ausgebildet, bewaffnet und half in der Nacht mit Leuchtgranaten, damit genug Licht war, um mit dem Morden weitermachen zu k&ouml;nnen. Die Verantwortlichen wurden nie bestraft, Scharon wurde sp&auml;ter israelischer Ministerpr&auml;sident.<\/p><p><strong>Bis heute auf der Flucht<\/strong><\/p><p>Nach den Pal&auml;stinensern suchten Iraker Zuflucht im Libanon und selbst Kurden kamen aus der T&uuml;rkei. Schlie&szlig;lich kamen auch syrische Fl&uuml;chtlinge, deren Heimat bis zum Krieg 2011 im Laufe von Generationen selber Millionen Fl&uuml;chtlinge aufgenommen hatte. Heute sind mehr als 800.000 syrische Fl&uuml;chtlinge im Libanon bei UN-Hilfsorganisationen registriert, die libanesische Regierung geht davon aus, dass 1,5 Millionen syrische Fl&uuml;chtlinge sich im Land aufhalten. Die Fluchtbewegung aus Syrien hat in den letzten Wochen und Monaten wieder dramatisch zugenommen, weil die Lebenshaltungskosten unbezahlbar geworden sind. Die Regierung hat die Subventionen eingestellt, was die Menschen vor unl&ouml;sbare Probleme stellt, ihren Alltag zu bew&auml;ltigen. Die Kriegsfolgen, die Wirtschaftssanktionen von EU und USA, die US-amerikanische und t&uuml;rkische Besatzung der syrischen &Ouml;l-, Weizen- und Baumwollfelder und der Olivenhaine stehlen dem Land die Ressourcen, die f&uuml;r die Versorgung der Menschen und den Wiederaufbau gebraucht werden. Und so fliehen Tausende &uuml;ber die Grenzen in den Libanon, wo die Libanesen selber nicht genug Arbeit haben, wo es keinen Strom und wenig Wasser gibt, wo Hunger und Obdachlosigkeit herrschen, wo Bildung und Gesundheit Luxus geworden sind.<\/p><p>Der Libanon ist nicht in der Lage, die vielen Probleme zu l&ouml;sen. Seit Jahren appelliert das Land an die UNO und die internationale Gemeinschaft, ihm bei der R&uuml;ckf&uuml;hrung von syrischen Fl&uuml;chtlingen zu helfen. Erst vor wenigen Tagen sprach der Interims-Ministerpr&auml;sident Najib Mikati vor der UN-Versammlung &uuml;ber die Schwierigkeiten, denen der Libanon mit den mehr als einer Million syrischen Fl&uuml;chtlingen ausgesetzt ist. Libanon f&uuml;hrt Gespr&auml;che mit Syrien und Staaten der Arabischen Liga, die nach L&ouml;sungen suchen, die Menschen bei einer freiwilligen R&uuml;ckkehr zu unterst&uuml;tzen. Doch die M&ouml;glichkeiten sind gering, zumal die gro&szlig;en Geldgeber der Hilfsorganisationen, die USA, Deutschland und die EU, eine R&uuml;ckkehr der Syrer in ihre Heimat ablehnen. Stattdessen wurden in einer <a href=\"https:\/\/today.lorientlejour.com\/article\/1343376\/lebanese-officials-criticize-eu-resolution-on-refugees.html\">&bdquo;Libanon-Resolution&ldquo; des Europaparlaments<\/a> Mitte Juli 2023 viele Bedingungen formuliert, die der Libanon erf&uuml;llen m&uuml;sse, damit ihm geholfen werde.<\/p><p><strong>Die Elenden schlagen sich mit den Elenden<\/strong><\/p><p>Die Menschen geraten zunehmend aneinander. Die Elenden schlagen sich mit den Elenden um Arbeit, um Wohnungen, um Geldgeschenke, um Almosen. Ende August kam es in der Republik Zypern zu Protesten gegen Fl&uuml;chtlinge in der Stadt Paphos. Es gab Schl&auml;gereien, Gesch&auml;fte der Fl&uuml;chtlinge wurden zertr&uuml;mmert. Medien berichteten, rechte Gruppen h&auml;tten den Protest organisiert. Bewohner Zyperns erkl&auml;rten, die Aggressionen richteten sich vor allem gegen afrikanische Fl&uuml;chtlinge, die &uuml;ber die T&uuml;rkei und den t&uuml;rkisch besetzten Teil Nordzypern &uuml;ber die gr&uuml;ne Grenze in die Republik Zypern k&auml;men. Hinzu kommen Hunderte Fl&uuml;chtlinge aus Syrien, Pal&auml;stinenser und Libanesen, die &uuml;ber das Mittelmeer im S&uuml;den der Insel anlanden. In der T&uuml;rkei werden syrische Fl&uuml;chtlinge attackiert und so manche werden abgeschoben in die Gebiete Syriens, die von Al-Qaida-nahen Gruppen im Norden und Nordwesten kontrolliert werden. <\/p><p>Internationale <a href=\"https:\/\/www.iisd.org\/publications\/report\/rising-temperatures-rising-tensions-climate-change-and-risk-violent-conflict\">Denkfabriken<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.kas.de\/en\/web\/israel\/veranstaltungen\/detail\/-\/content\/rising-temperatures-rising-tension-climate-change-and-the-future-of-the-middle-east\">Stiftungen<\/a> schieben die Spannungen auf den Klimawandel, der den Boden austrockne und daf&uuml;r sorge, dass Regen und Schnee ausblieben und es an Wasser fehle. &bdquo;Rising Temperatures, Rising Tensions&ldquo;, was so viel hei&szlig;t wie: &bdquo;Steigende Temperaturen, steigende Anspannung&ldquo;. <\/p><p>Die Klimaver&auml;nderungen tragen zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anspannungen bei, das ist wahr. Doch der zentrale Grund f&uuml;r die angespannte Lage in der Region ist eine falsche Politik des Westens seit mehr als 100 Jahren. Obwohl die Staaten der Region in den 1940er Jahren unabh&auml;ngig wurden &ndash; von britischem und franz&ouml;sischem Mandat &ndash;, mischten sich die ehemaligen Mandatsm&auml;chte und zunehmend die USA immer wieder in die Staatenentwicklung der Region ein.  <\/p><p>Die Folge: Unruhen, Umst&uuml;rze, bewaffnete Konflikte und Kriege brachen aus, wenn bspw. eine Regierung entschied, die nationalen &Ouml;lressourcen (Iran, Irak) zu verstaatlichen. Seit 2001 ist die Region im Fokus des von den USA erkl&auml;rten &bdquo;Krieges gegen den Terror&ldquo;, der Land und Gesellschaft verw&uuml;stet, der Flucht, Menschen-, Drogen- und Waffenschmuggel beg&uuml;nstigt, der sich wie ein Netz &uuml;ber L&auml;nder und V&ouml;lker spannt, dem sie kaum entrinnen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Syrien ist nur ein Beispiel<\/strong><\/p><p>Angesichts ihrer kriegs- und krisenzerst&ouml;rten Heimat Syrien suchen auch 12 Jahre nach Beginn des Krieges in dem Land (2011) noch immer Menschen nach neuen Lebensperspektiven f&uuml;r sich, vor allem aber f&uuml;r ihre Kinder. Die einen fliehen vor dem Milit&auml;rdienst, der in Syrien obligatorisch ist. Die meisten suchen im nahen und fernen Ausland Arbeit, Ausbildung, ein sicheres Zuhause, um eine Familie zu gr&uuml;nden und genug zu verdienen, um die Eltern in Syrien unterst&uuml;tzen zu k&ouml;nnen. Je nach finanziellen M&ouml;glichkeiten kaufen sie eine Passage, die von Schmugglern kontrolliert wird. Es geht mit dem Bus oder Flugzeug von Damaskus oder Aleppo in den Libanon. Dort erh&auml;lt man durch Mittelsleute ein Visum f&uuml;r ein europ&auml;isches Land, bevorzugt ist Deutschland. Dann reist man, ggf. auch mit Kindern, mit dem Flugzeug nach Br&uuml;ssel, Frankfurt, Berlin oder Stockholm, um sich in ein Asylverfahren einschleusen zu lassen. Alles inklusive kostet das bis zu 20.000 Euro.<\/p><p>Wer nicht so viel Geld hat, kauft einen Platz auf einem der oftmals seeuntauglichen Boote, um von Tripoli (Nordlibanon) &uuml;ber das Mittelmeer in die Republik Zypern, auf eine griechische Insel oder nach Italien zu gelangen.<\/p><p>Manche versuchten mit einem Flug von Dubai nach Belarus zu gelangen, um von dort &uuml;ber die gr&uuml;ne Grenze nach Polen und von dort nach Deutschland geschleust zu werden. Sein Bruder habe mehr als 14 Tage in einem Hotel in Minsk gewartet, bis man ihn zur&uuml;ckgeschickt habe, erz&auml;hlt M., ein Fahrer, der seine G&auml;ste zwischen Beirut und Damaskus chauffiert. Er habe ihm gesagt, er solle es lassen, meint M. Doch sein Bruder habe nicht geh&ouml;rt. 6.000 US-Dollar habe ihn die Tour gekostet &ndash; &bdquo;was h&auml;tten wir mit dem Geld hier in Syrien machen k&ouml;nnen!&ldquo;<\/p><p>Junge M&auml;nner nehmen den Bus, eine Schmuggelroute oder das Flugzeug nach Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion im Norden des Irak. Von dort versuchen sie, nach Europa zu gelangen. Bis das klappt, arbeiten sie und k&ouml;nnen so zur Finanzierung ihrer Emigration beitragen. Wer w&auml;hrend des Krieges Zuflucht in Jordanien suchte und fand, ist m&ouml;glicherweise weitergereist nach &Auml;gypten und von dort nach Libyen, um mit einem der vielen illegalen Boote die &Uuml;berfahrt nach Italien zu wagen. Nun werden viele dieser Menschen in der verheerenden Flut ums Leben gekommen sein, ihre Spur verliert sich. Ihre Familien werden nie erfahren, was geschah.<\/p><p><strong>Falsche Hoffnung<\/strong><\/p><p>Wer vom Libanon mit einem Boot die &Uuml;berfahrt in die Republik Zypern &uuml;berlebt, sch&ouml;pft Hoffnung. Die Republik Zypern ist Mitglied der Europ&auml;ischen Union, die Insel k&ouml;nnte f&uuml;r die Menschen die Chance zum Absprung in die europ&auml;ischen Kernl&auml;nder sein. <\/p><p>Die Republik Zypern hat offiziell rund 1,24 Millionen Einwohner. Die Zahl der asylsuchenden Fl&uuml;chtlinge hat sich seit 2002 auf mehr als 93.000 erh&ouml;ht. Damit ist die Republik Zypern das Land Europas, das pro Einwohner die meisten Fl&uuml;chtlinge aufgenommen hat. Und da das Land den Anforderungen zur Versorgung der Fl&uuml;chtlinge nicht mehr gerecht werden kann, will Zypern diejenigen abschieben, die keine Perspektive auf einen Aufenthaltsstatus haben. Das betrifft besonders diejenigen, die aus dem Libanon die gef&auml;hrliche Fahrt &uuml;ber das &ouml;stliche Mittelmeer &uuml;berstanden haben.<\/p><p>Wo immer sich die Menschen auch hinwenden, die aus Syrien fliehen, sie alle sind mit den gleichen Problemen konfrontiert. Sie m&uuml;ssen Geld f&uuml;r Schlepper, Unterhalt und Unterkunft aufbringen. Sie brauchen Geld, um an ein Visum zu kommen, Geld, um einen Platz in einem Boot &uuml;ber das Mittelmeer oder in einem anderen Transportmittel &ndash; legal oder illegal &ndash; zu finanzieren. Es gilt, Grenzen und Z&ouml;lle, Polizeikontrollen und &ndash;stationen mittels Bestechung zu &uuml;berwinden. Wird man krank, bleibt man auf der Strecke. In einem Lager, in einer illegalen Unterkunft, auf der Stra&szlig;e. <\/p><p><strong>Landnahme und Besatzung<\/strong><\/p><p>EU-Regierungen und die EU-Kommission mahnen und warnen. Hilfsorganisationen helfen und werben um Geld f&uuml;r die Hilfe. Medien und sogenannte Nicht-Regierungsorganisationen liefern die Darstellung der desolaten Lage von fliehenden Menschen. Staatliche Hilfsorganisationen oder westlich gespeiste Finanzfonds werden in den Gebieten aktiv, die von Gruppen kontrolliert werden, die &ndash; anders als Syrien &ndash; politisch und wirtschaftlich unterst&uuml;tzt werden sollen. <\/p><p>Eine Hilfsorganisation aus Katar baut beispielsweise neue Siedlungen, Krankenh&auml;user und Schulen entlang der syrisch-t&uuml;rkischen Grenze, die von der Al-Qaida-nahen Hayat Tahrir al-Scham (HTS), der T&uuml;rkei und t&uuml;rkei-treuen bewaffneten Verb&auml;nden kontrolliert werden. <\/p><p>Anfang September teilte die &bdquo;Qatar Charity&ldquo; mit, man habe den Gr&uuml;ndungsstein f&uuml;r den Bau einer neuen Stadt bei Al Bab n&ouml;rdlich von Aleppo gelegt. &bdquo;Al Karama&ldquo; (W&uuml;rde) soll die Stadt hei&szlig;en, die mit dem Geld von &bdquo;Wohlt&auml;tern&ldquo; aus dem Emirat Katar finanziert werde, so die Mitteilung von &bdquo;Qatar Charity&ldquo;. Der Bau werde in Kooperation mit der t&uuml;rkischen Provinz Gaziantep erfolgen, die Stadt solle f&uuml;r 8.500 syrische Inlandsvertriebene zur neuen Heimat werden. Bei einer Veranstaltung seien innerhalb von 3 Stunden 33 Millionen Qatari Rial gesammelt worden, umgerechnet etwa 9,4 Millionen Euro. Schon zuvor hatte &bdquo;Qatar Charity&ldquo; <a href=\"https:\/\/reliefweb.int\/report\/syrian-arab-republic\/qatar-charity-lays-foundation-stone-al-karama-city-idps-northern-syria\">die Stadt Al Amal (Hoffnung)<\/a> im Norden Syriens gebaut, in der mehr als 8.800 Inlandsvertriebene angesiedelt wurden.<\/p><p>Al Bab liegt auf syrischem Territorium.  Eine Vereinbarung mit der syrischen Regierung ist nicht bekannt. De facto wird auf diese Weise eine Mauer aus fremdkontrollierten Siedlungen zwischen Syrien und der T&uuml;rkei errichtet, auf syrischem Territorium. Diese Art von &bdquo;Wohltat&ldquo; spaltet Syrien und seine Bev&ouml;lkerung ebenso wie die Besatzung der syrischen Ressourcen von &Ouml;l, Baumwolle und Weizen durch US-amerikanische Truppen. Syrien wird seines Territoriums und seiner Rohstoffe beraubt, die Bev&ouml;lkerung wird gespalten. Nach Krieg und Kriegsfolgen stehen diese Art von Landnahme und Besatzung am Anfang der elenden Spirale von Flucht und Vertreibung. <\/p><p>Einhaltung des internationalen Rechts, der staatlichen Souver&auml;nit&auml;t und territorialen Integrit&auml;t des syrischen Staates w&uuml;rden das stoppen. So steht es auch in der UN-Sicherheitsratsresolution 2254, die aber bisher nicht umgesetzt werden konnte. An die Stelle von Besatzung und Landnahme w&uuml;rden Verhandlungen treten. Statt Sanktionen g&auml;be es politische und finanzielle Unterst&uuml;tzung. <\/p><p>Das aber ist politisch von den interessierten staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren nicht gewollt, weil sie ihren Einfluss verl&ouml;ren. Und so spenden reiche Wohlt&auml;ter und Hilfsorganisationen betteln um Geld, um Hilfe und Almosen f&uuml;r die Fl&uuml;chtlinge und die eigene Arbeit finanzieren zu k&ouml;nnen. Die gro&szlig;en Geldgeber f&uuml;r die humanit&auml;re Hilfe f&uuml;r Syrien &ndash; USA, Deutschland und die Europ&auml;ische Union &ndash; verbinden mit ihren Geldzuwendungen Bedingungen, wie und wof&uuml;r das Geld eingesetzt werden darf. F&uuml;r die von Regierungsgegnern kontrollierten Gebiete, f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge in Lagern in der T&uuml;rkei, Libanon und Jordanien gibt es Geld. Nicht aber f&uuml;r diejenigen, die in ihre syrische Heimat zur&uuml;ckkehren m&ouml;chten. Die Fluchtbewegung wird so nicht enden. Das Leben in Syrien wird blockiert.<\/p><p><strong>Gefangen in den Netzen geopolitischer Interessen<\/strong><\/p><p>Keine Region der Welt hat so lange und so viele Fl&uuml;chtlinge gesehen wie der &ouml;stliche Mittelmeerraum. Die Vertreibung der Armenier und Assyrer Ende des 19.\/Anfang des 20. Jahrhunderts; die Vertreibung der Kurden seit den 1930er Jahren; die Vertreibung der Pal&auml;stinenser seit 1948; die Vertreibung von Libanesen w&auml;hrend der B&uuml;rgerkriege 1958 und 1975-1990; die Vertreibung der Iraker mit den Golfkriegen 1980\/88; 1990\/91 und 2003 bis heute; die Vertreibung der Libyer 2011; die Vertreibung der Syrer seit 2011\/12; die Vertreibung der Jemeniten seit 2016. Hinzu kommen Fl&uuml;chtlinge aus Afghanistan, aus Afrika, die in dem einen oder anderen Land zwischen Pakistan und dem Mittelmeer, in Nordafrika oder den s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;ndern gestrandet sind. <\/p><p>Auf der Suche nach neuen Perspektiven geraten die fliehenden Menschen in ein Netz von Schmugglern und Grenzen, in dem Lager, in denen Almosen verteilt werden, h&auml;ufig die Endstation sind. Dar&uuml;ber legt sich ein Netz von Interessen regionaler staatlicher und nicht-staatlicher Akteure, denen es nicht um die Menschen, sondern um Boden und Rohstoffe, um Kontrolle von Transportwegen geht. Dar&uuml;ber spannt sich ein Netz von Kriegen und den Folgen dieser Kriege, die L&auml;nder und die Lebensgrundlagen der dort lebenden Menschen zerst&ouml;ren. Diese Kriege sorgen f&uuml;r Profit f&uuml;r den Milit&auml;risch-Industriellen Komplex aus R&uuml;stungsindustrie, Milit&auml;r und Politik mit dem Ziel, die weitere Anh&auml;ufung von Macht und Profit zu sichern. Parteien, Regierungen, Industrie und Handel, Wissenschaft, Forschung, Bildung und Medien und selbst das internationale Recht sollen diesem Ziel unterworfen werden.<\/p><p>Die Menschen, deren L&auml;nder daf&uuml;r zerst&ouml;rt werden, sind viele und sie sterben fr&uuml;h. Sie sterben in den Kriegen und an den Folgen der Kriege. Sie werden krank und sind hungrig. Sie sterben bei K&auml;mpfen mit anderen, die ihr Land und ihr Leben vor der Zerst&ouml;rung sch&uuml;tzen oder selber aus dem Netz ausbrechen wollen. Sie sterben auf der Flucht, in einem Lager oder im Mittelmeer.<\/p><p><small>Titelbild: thomas koch \/ shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Syrien wird seines Territoriums und seiner Rohstoffe beraubt, die Bev&ouml;lkerung wird gespalten. Nach Krieg und Kriegsfolgen steht auch Landnahme &ndash; wie etwa die Besatzung der syrischen Ressourcen von &Ouml;l, Baumwolle und Weizen durch US-amerikanische Truppen &ndash; am Anfang der elenden Spirale von Flucht und Vertreibung. &Uuml;ber das Thema Flucht legt sich ein Netz von Interessen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104316\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":104317,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,20,161],"tags":[1406,1055,2102,1557,1479,1583,303,1221,1553,950,1346],"class_list":["post-104316","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-landerberichte","category-wertedebatte","tag-charity","tag-fluechtlinge","tag-geostrategie","tag-israel","tag-katar","tag-libanon","tag-palaestina","tag-perspektivlosigkeit","tag-syrien","tag-tuerkei","tag-zypern"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/shutterstock_239587240.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104316","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=104316"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104316\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104338,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104316\/revisions\/104338"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/104317"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=104316"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=104316"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=104316"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}