{"id":104363,"date":"2023-09-26T09:00:24","date_gmt":"2023-09-26T07:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104363"},"modified":"2023-09-26T09:32:03","modified_gmt":"2023-09-26T07:32:03","slug":"zu-schoen-um-wahr-zu-sein-eine-diplomatin-wirbt-fuer-diplomatie-leider-in-einem-spielfilm-der-ard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104363","title":{"rendered":"Zu sch\u00f6n, um wahr zu sein \u2013 eine Diplomatin wirbt f\u00fcr Diplomatie \u2013 leider in einem Spielfilm der ARD"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Die Diplomatin&ldquo; ist eine TV-Serie der &ouml;ffentlich-rechtlichen <em>ARD<\/em>. Die neue, siebte Folge &bdquo;Vermisst in Rom&ldquo; erz&auml;hlt eine kriminalistische Story mit politischem Anstrich, in der die deutsche Botschafterin einen Balanceakt zwischen offizieller Gefasstheit und pers&ouml;nlicher Courage wagt. Beim Ansehen des Films kamen bei mir Gedanken auf wie: Die Botschafterin spricht Worte aus, die der echten, h&ouml;chsten deutschen Diplomatin wohl nicht &uuml;ber die Lippen kommen. Tats&auml;chlich punktete die ARD mit &bdquo;Die Diplomatin&ldquo; bei mir: Themen, gesellschaftliche Probleme und humanistische Ansichten wurden in dem Film offenbar, doch leider ist der Film halt nur eine Fiktion. Ein Zwischenruf von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Filmstory<\/strong><\/p><p>Die Geschichte von &bdquo;Die Diplomatin &ndash; Vermisst in Rom&ldquo; geht so: Diplomatin Karla Lorenz (gespielt von Natalia W&ouml;rner) tritt nach ihrer Zeit in Prag in Rom ihre neue Aufgabe als Botschafterin an. Sie erf&auml;hrt, dass nach einem &Uuml;berfall auf ein besetztes Theater eine Deutsche und ein Kollege betroffen sind: Ines, die Tochter des in Italien t&auml;tigen Bauunternehmers Robert Felting, und der Botschaftsmitarbeiter Nikolaus Tanz sind in die H&auml;nde von Geiselnehmern geraten. Diese fordern Schadensersatz f&uuml;r die Todesopfer eines mysteri&ouml;sen Hauseinsturzes (welcher auf Baupfusch zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist, wie sich im Film herausstellt). Die Gruppe macht folglich den deutschen Bauunternehmer Robert Felting daf&uuml;r verantwortlich. Die Botschafterin bekommt es mit der r&ouml;mischen Ermittlerin Motte sowie dem Minister Romagnoli zu tun. Letzterer spielt sich als harter Hund auf, der die Geiselnehmer als Linksextremisten ausgemacht haben und konsequent gegen sie vorgehen will, ohne aber den Fall in G&auml;nze aufkl&auml;ren und ihn damit also vertuschen zu wollen. Die Botschafterin erkennt Missst&auml;nde und Korruption in der ewigen Stadt im Zusammenhang mit dem Einsturz, sie konfrontiert den Minister, legt sich mit dem Vatikan an. Sie bekommt zu h&ouml;ren, dass sie sich damit Feinde mache. Mit Unterst&uuml;tzung ihres Lebenspartners (ein Kommissar aus Prag) ermittelt die Botschafterin selbst. Ein Gutachten, die Vatikanbank kommt ins Spiel, und zum Schluss folgen eine Machtdemonstration, eine Trag&ouml;die und <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/filme-im-ersten\/die-diplomatin-vermisst-in-rom\/das-erste\/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2Zlcm5zZWhmaWxtZSBpbSBlcnN0ZW4vMjAyMy0wOS0yM18yMC0xNS1NRVNa\">ein trauriges Res&uuml;mee &hellip;<\/a><\/p><p><strong>Die Botschaft des Films<\/strong><\/p><p>Die neue Folge der ARD-TV-Serie erfuhr in den Kommentaren der sozialen Medien eine unterschiedliche Resonanz vom Publikum. Um die Ohren flog den Machern neben dem Lob &uuml;ber eine spannende Geschichte, gute Bilder, Darsteller und den Mut, die katholische Kirche sowie einen mafi&ouml;sen Staat anzugreifen, teils heftige Kritik wegen einer geschmacklosen Ansammlung bekannter italienischer Klischees, einer Ver&auml;chtlichmachung einer angeblich b&ouml;sen italienischen Regierung und das Weglassen diplomatischer Professionalit&auml;t.<\/p><p>Mir gefielen die r&ouml;mischen Fotos, die Atmosph&auml;re, die Story, ganz egal ob die Geschichte und Umsetzung perfekt und stimmig waren, denn ich konnte mich als Zuschauer und als B&uuml;rger sofort auf die Seite der Botschafterin schlagen. Ich empfand ihren Einsatz, ihre Courage glaubhaft und w&uuml;nschte mir: mehr davon in unserer wirklichen Politik. Stimmig und erfreulich war, dass die Diplomatin ihre Gespr&auml;chspartner nicht mit Samt anpackte, Wahrheiten aussprach und daf&uuml;r andere Wahrheiten, ja Drohungen von der Gegenseite h&ouml;rte. Das hinderte sie nicht, sich f&uuml;r ihre Landsleute einzusetzen, selbst zu recherchieren und ins Risiko zu gehen &ndash; friedlich, diplomatisch.<\/p><p><strong>Fiktion und das wahre Leben<\/strong><\/p><p>Die <em>ARD<\/em>, das <em>ZDF<\/em>, der <em>Deutschlandfunk<\/em> und Co. &ndash; schlicht der &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunk und Fernsehfunk haben einen ziemlich schlechten Ruf. Beim Film &bdquo;Vermisst in Rom&ldquo; kam bei mir die Versuchung auf, dem Sender <em>ARD<\/em> ein Lob zu zollen und einen Wunsch auszusprechen, es m&ouml;ge doch zu einer Art Dauereinrichtung werden, der Diplomatie, der Menschlichkeit den Vorrang zu geben, Missst&auml;nde beim Namen zu nennen, seien es die Arroganz der Macht, die Korruption, sei es die Kriminalit&auml;t, die private, die staatliche &ndash; und das nicht nur in Filmen.<\/p><p>Schauspielerin Natalia W&ouml;rner konnte in der Rolle der Botschafterin in Rom Worte aussprechen, die mir gefielen, die mich aufatmen lie&szlig;en. Vielleicht hat sie, die einst mit einem ehemaligen Au&szlig;enminister zusammen war, auch Anleihen aus Erfahrungen in diesen politischen Kreisen einflie&szlig;en lassen. Wobei ich, nebenbei gesagt, die Arbeit ihres Ex nicht gerade zu sch&auml;tzen wei&szlig;.<\/p><p>Allein bei &bdquo;Die Diplomatin&ldquo; schwoll in mir letztlich ein &auml;hnliches Bauchgef&uuml;hl wie bei M&auml;rchen-Filmen wie &bdquo;Der kleine Lord&ldquo; oder &bdquo;Aschenputtel&ldquo; hoch und der naive Gedanke, dass vieles, was vielleicht gerecht und gut stimmend ist, nur im M&auml;rchen und fiktionalen Geschichten vorkommt &ndash; als kleine Lichtblicke, Momentaufnahmen, Zugest&auml;ndnisse im ansonsten bitter schmeckenden Medienbrei.<\/p><p>Die Wirklichkeit sieht eben anders aus. Denn weder in Nachrichtensendungen von <em>Tagesschau<\/em> bis <em>heute<\/em> noch im wahren Leben, bei Pressekonferenzen, bei Statements der Au&szlig;enministerin und so weiter sind Intentionen wie die in W&ouml;rners alias Botschafterin ausgesprochenen S&auml;tzen zu vernehmen.<\/p><p>Florian Warweg berichtet f&uuml;r die NachDenkSeiten seit Kurzem aus der Bundespressekonferenz, er zeigt auf, wie Fragen mit Nichtanworten, mit Ausfl&uuml;chten, mit Floskeln &bdquo;beantwortet&ldquo; werden. Man stelle sich vor, eine wie Natalia W&ouml;rner alias Karla Lorenz s&auml;&szlig;e Florian Warweg gegen&uuml;ber &ndash; ob sie ebenfalls eine solche Phrasendrescherei vom Stapel lie&szlig;e?<\/p><p>Es ist leider viel schlimmer, das Gedankenspiel zu unternehmen. Im Film noch wird Ehrenhaftes transportiert, in der allt&auml;glichen Wirklichkeit wird eine Filmaussage (eines Botschaftsmitarbeiters) best&auml;tigt: dass wir alle Teil des Systems sind. Mit &bdquo;System&ldquo; meint der junge Diplomat die skrupellose Durchsetzung von Interessen und das Gehabe, so zu tun, als ob alles gut gemeint sei f&uuml;r das Allgemeinwohl. Leider ist es im Film wie im Leben: Die gut vernetzten Leute kommen ungeschoren davon.<\/p><p><strong>Der finale Satz macht Hoffnung &ndash; wenn dieser mit Leben erf&uuml;llt wird<\/strong><\/p><p>F&uuml;r meine Ern&uuml;chterung, f&uuml;r mein Zur&uuml;ckholen auf den Boden der Realit&auml;t sorgte der Film selbst. Ern&uuml;chtert von den Zust&auml;nden und der Ohnmacht gegen&uuml;ber den M&auml;chtigen, den Strippenziehern, fasste der junge deutsche Botschaftsmitarbeiter am Schluss zusammen: &bdquo;Wir sind Teil des ganzen Systems.&ldquo; Der Schluss des Zuschauers konnte nur lauten: Das muss ein schlechtes, ein sch&auml;digendes System sein. Wenn der Einsatz f&uuml;r Gutes, das Anprangern von Missst&auml;nden ohne Erfolg bleibt.<\/p><p>Dass der finale Satz schlie&szlig;lich von der Botschafterin gesprochen wurde, vollendete einen mutigen Film und macht trotz allem Hoffnung, wenn der Inhalt des Satzes mit Leben erf&uuml;llt und im (echten) Alltag umgesetzt w&uuml;rde:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Diplomatie ist der Versuch, die Konflikte zu l&ouml;sen, indem man miteinander redet, ist das Gegenteil von Gewalt &ndash; und das kostet Kraft.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><small>Titelbild: ARD<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Die Diplomatin&ldquo; ist eine TV-Serie der &ouml;ffentlich-rechtlichen <em>ARD<\/em>. Die neue, siebte Folge &bdquo;Vermisst in Rom&ldquo; erz&auml;hlt eine kriminalistische Story mit politischem Anstrich, in der die deutsche Botschafterin einen Balanceakt zwischen offizieller Gefasstheit und pers&ouml;nlicher Courage wagt. 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