{"id":104375,"date":"2023-09-26T11:00:58","date_gmt":"2023-09-26T09:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104375"},"modified":"2023-09-26T16:15:56","modified_gmt":"2023-09-26T14:15:56","slug":"der-fussball-wird-multipolar-kein-grund-zur-freude-aber-auch-kein-grund-fuer-moralpredigten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104375","title":{"rendered":"Der Fu\u00dfball wird multipolar \u2013 kein Grund zur Freude, aber auch kein Grund f\u00fcr Moralpredigten"},"content":{"rendered":"<p>Europ&auml;ische Freunde und Feinde der einst sch&ouml;nsten Nebensache der Welt kommen in diesem Jahr aus dem Staunen nicht mehr raus. Mit Ronaldo, Neymar und Karim Benzema wechselten nun bereits drei Weltstars des Fu&szlig;balls in die W&uuml;ste Saudi-Arabiens. Zahlreiche &ndash; oft sogar j&uuml;ngere &ndash; Topstars aus der ersten Reihe folgten. Und dies ist erst der Anfang. Der saudische Staatsfonds soll bis zum Jahr 2030 die unvorstellbare Summe von 20 Mrd. Euro allein f&uuml;r Transfers zur Verf&uuml;gung gestellt haben; die astronomischen Geh&auml;lter f&uuml;r die Stars sind da noch nicht einmal mit eingerechnet. Man k&ouml;nnte nun sagen, dies sei das Ende des Fu&szlig;balls, wie wir ihn kennen. Man k&ouml;nnte aber auch sagen, diese Entwicklung ist nur logisch und folgerichtig, treiben die Saudis doch nur eine Entwicklung auf die Spitze, die in Europa gestartet wurde. Und wie bei so vielen anderen Dingen haben sich die Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse global verschoben. Europa ist nicht mehr der Nabel der Welt und wird dies auch im Fu&szlig;ball wom&ouml;glich bald auch nicht mehr sein. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4993\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-104375-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230926_Der_Fussball_wird_multipolar_kein_Grund_zur_Freude_aber_auch_kein_Grund_fuer_Moralpredigten_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230926_Der_Fussball_wird_multipolar_kein_Grund_zur_Freude_aber_auch_kein_Grund_fuer_Moralpredigten_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230926_Der_Fussball_wird_multipolar_kein_Grund_zur_Freude_aber_auch_kein_Grund_fuer_Moralpredigten_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230926_Der_Fussball_wird_multipolar_kein_Grund_zur_Freude_aber_auch_kein_Grund_fuer_Moralpredigten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=104375-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230926_Der_Fussball_wird_multipolar_kein_Grund_zur_Freude_aber_auch_kein_Grund_fuer_Moralpredigten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230926_Der_Fussball_wird_multipolar_kein_Grund_zur_Freude_aber_auch_kein_Grund_fuer_Moralpredigten_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der saudische Einkaufsbummel in der Beletage des Weltfu&szlig;balls l&auml;dt f&ouml;rmlich zu Anekdoten ein. So mutet es bestenfalls tragikomisch an, wenn sich ein Fu&szlig;ballstar wie der Brasilianer Neymar neben einem gesch&auml;tzten Sal&auml;r von 160 Millionen Euro pro Jahr auch sieben Luxusautos f&uuml;r sich und seine Entourage, eine Villa mit 25 Zimmern, drei Saunen, Pool und Bediensteten, einen stets startbereiten Privatjet samt Piloten und &ndash; man h&ouml;re und staune &ndash; einen stets verf&uuml;gbaren Vorrat seines geliebten A&ccedil;ai-Safts im Arbeitsvertrag mit dem saudischen Klub Al-Hilal vertraglich zusichern lie&szlig;. F&uuml;r jeden Instagram-Post, in dem er die saudische Fu&szlig;ballliga lobt, kriegt Neymar &uuml;brigens stolze 500.000 Euro. Andere Clickworker in Asien bekommen deutlich weniger. Was soll man dazu eigentlich noch schreiben?<\/p><p>Oder wie sieht es mit dem mittlerweile 38-j&auml;hrigen &bdquo;Gesamtkunstwerk&ldquo; Ronaldo aus? Der Portugiese ist dank f&uuml;rstlich dotierter Vertr&auml;ge in Europa und einer sicherlich genialen Vermarktungsstrategie bereits Milliard&auml;r geworden. W&auml;hrend andere sehr erfolgreiche Fu&szlig;baller in diesem Alter vielleicht bereits an ihr Verm&auml;chtnis denken und in den Sportgeschichtsb&uuml;chern irgendwie als Vorbild f&uuml;r die Jugend in Erinnerung bleiben wollen, lie&szlig; Ronaldo sich ganz profan von den Saudis als Edels&ouml;ldner einkaufen. Sicherlich, das Schmerzensgeld ist mit 200 Millionen Euro pro Jahr &auml;u&szlig;erst &uuml;ppig. Aber ist dies nicht auf die Spitze getriebene Gier? Welchen Grenznutzen hat ein Milliard&auml;r von noch mehr Geld? W&auml;re es &ndash; zumindest f&uuml;r das Image &ndash; nicht besser, er h&auml;tte sich mehr oder weniger stilvoll in den Ruhestand verabschiedet und w&uuml;rde als Philanthrop eine Stiftung gr&uuml;nden, die &ndash; sagen wir &ndash; kleine Nachwuchsfu&szlig;baller in Afrika unterst&uuml;tzt? Daf&uuml;r k&ouml;nnte sie sich ja &ndash; wir sind ja nicht naiv &ndash; dann die lebenslangen Vermarktungsrechte der kickenden Kinder sichern. Aber nein, der milliardenschwere Weltstar geht lieber f&uuml;r viel, ja sehr viel Geld in die W&uuml;ste.<\/p><p>Da grollt es doch sicher bereits bei Ihnen moralinsauer im Hinterkopf. So was h&auml;tte es fr&uuml;her nicht gegeben. Ein Uwe Seeler hat bekanntlich damals in den 1960ern sein H&auml;uschen in Hamburg einem Millionenvertrag in Mailand &ndash; der inflationsbereinigt sicher auch Ronaldo-Verh&auml;ltnisse hatte &ndash; vorgezogen. Alles richtig. Aber einige Jahre sp&auml;ter waren es die alternden Weltstars Franz Beckenbauer und Pele, die sich f&uuml;r sehr viel Geld in der amerikanischen Operettenliga NASL ihre Karriere vergolden lie&szlig;en. Die 12 Millionen Dollar, die Pele damals in New York kassierte, entsprechen &uuml;brigens inflationsbereinigt heutigen 83 Millionen Dollar. Neu ist das alles also nicht. <\/p><p>Und die Moral? Klar, Saudi-Arabien l&auml;sst kritische Journalisten zerst&uuml;ckeln. Die USA lie&szlig;en in Vietnam D&ouml;rfer mit Napalm bombardieren, als Pele und Beckenbauer dem Lockruf des gro&szlig;en Geldes folgten. Moralisch sauber waren derart m&auml;rchenhafte Geh&auml;lter f&uuml;r Sportstars noch nie. Und &uuml;berhaupt &ndash; der Brasilianer Neymar hat im moralisch ach so sauberen Europa auch bereits gesch&auml;tzte 50 Millionen Euro pro Jahr verdient. Bezahlt von seinem damaligen Arbeitgeber Paris Saint Germain, der der Qatar Holding geh&ouml;rt, also dem katarischen Staatsfonds. Katar oder Saudi-Arabien? Macht das einen so gro&szlig;en Unterschied? Der aus europ&auml;ischer Perspektive einzige Unterschied ist wohl, dass man bei Paris Saint Germain zumindest die Illusion hat, dies k&ouml;nnte ein europ&auml;ischer Fu&szlig;ballverein sein.<\/p><p>Sic transit gloria mundi. Europ&auml;isch ist am europ&auml;ischen Spitzenfu&szlig;ball schon lange nichts mehr. Erst waren es milliardenschwere russische Oligarchen und amerikanische Finanzakrobaten, die sich St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck die Filetst&uuml;cke des britischen Profifu&szlig;balls kauften, sp&auml;ter entdeckten die &Ouml;lscheichs rund um den Persischen Golf und Milliard&auml;re aus Asien, dass Fu&szlig;ballvereine in Europa ein spa&szlig;bringenderes Investment als Rennkamele sind. Sie sind &ndash; so paradox es klingt &ndash; Amateure im eigentlichen Sinne des Wortes. Sie kaufen sich Fu&szlig;ballvereine und Fu&szlig;ballstars, weil sie Spa&szlig; an der Sache haben. Dagegen haben die Profis im europ&auml;ischen Fu&szlig;ballbusiness keine Chance, m&uuml;ssen sie doch auf Zahlen achten. Im letzten Finale der UEFA Champions League siegte so mit Manchester City ein Klub, der sich im Besitz der Herrscherfamilie des arabischen Emirats Abu Dhabi befindet, &uuml;ber Inter Mailand, einem Klub, dessen Besitzer ein chinesischer und ein indonesischer Milliard&auml;r sind. Auch wenn in Europa gespielt wird &ndash; der ganze Zirkus geh&ouml;rt schon l&auml;ngst Arabern und Asiaten.<\/p><p>Da ist es wohl nur folgerichtig, die Spielst&auml;tten des Fu&szlig;ballzirkus gleich ganz in die eigenen Gefilde zu holen. Und auch hier hat Europa selbst die Weichen gestellt. Die Zuschauer im Stadion sind doch l&auml;ngst Staffage und austauschbar. Entscheidend sind die Pay-TV-Vertr&auml;ge und auch hier z&auml;hlt schon lange nicht mehr der kleine Fan vor Ort, sondern der Weltmarkt und hier vor allem die wachsenden Billionenm&auml;rkte in Asien. Und glaubt irgendwer ernsthaft, dass es einen Inder oder Chinesen interessiert, ob Ronaldo und Co. nun in Riad oder in Gelsenkirchen im Stadion auflaufen? &bdquo;Unsere&ldquo; Tradition taugt &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; nur als Marketingclaim im globalen Business. Die Fu&szlig;ballwelt ist multipolar und wir sind nicht mehr die Herren des Spiels, sondern Statisten. Aber unterscheidet sich der Fu&szlig;ball darin so gro&szlig;artig von der Weltpolitik? <\/p><p>Bis 2030 soll die saudische Profiliga nun zu den f&uuml;nf gr&ouml;&szlig;ten Ligen der Welt geh&ouml;ren. Schon heute k&ouml;nnen sich auch deutsche Zuschauer die Spiele &uuml;ber die Streaming-Portale von Telekom und DAZN kostenpflichtig anschauen. Aber der schmale deutsche Geldbeutel entscheidet ja eh nicht, welche Liga sich k&uuml;nftig durchsetzt. Und f&uuml;r den finanziell potenten Gelegenheitsfu&szlig;ballfan aus Guangzhou k&ouml;nnte das Riader Stadtderby Al-Hilal gegen Al-Nassr mit Topstars wie Ronaldo, Neymar, Man&eacute;, Brozovic oder Ruben Neves durchaus interessanter sein als das Aufeinandertreffen von VfL Bochum und SV Darmstadt 98 in der Bundesliga mit Spielern, die international selbst Kennern meist kein Begriff sind. <\/p><p>Sch&ouml;ne neue Fu&szlig;ballwelt. Aber warum sollte das Milliardengesch&auml;ft Fu&szlig;ball nach anderen Regeln funktionieren? Auch &ouml;konomisch und politisch ist Europa zumindest relativ auf dem absteigenden Ast. Das 21. Jahrhundert wird multipolar und asiatisch. Warum sollte das beim Fu&szlig;ball anders sein? Und das ist &ndash; wei&szlig; Gott &ndash; kein Grund, Tr&uuml;bsal zu blasen. Vielleicht ist dies vielmehr eine gro&szlig;artige Chance f&uuml;r den deutschen Fu&szlig;ball. Small is beautiful. Wenn das Big Business sein Interesse am deutschen Fu&szlig;ball verliert, k&ouml;nnten die echten Fans es wiedergewinnen und in ein oder zwei Jahrzehnten werden wir in unseren Stadien wieder stimmungsvollen, wenn auch qualitativ zweitklassigen Fu&szlig;ball bei bezahlbarer Bratwurst auf einem Stehplatz in der Kurve verfolgen k&ouml;nnen, w&auml;hrend diejenigen, die Spa&szlig; an sowas haben, sich abends f&uuml;r den Gegenwert einer Jahreskarte das FIFA-Champions-League-Finale zwischen einem saudischen und einen katarischen Klub mit all den milliardenschweren Weltstars im Pay-TV anschauen k&ouml;nnen. Dann w&auml;ren wenigstens die Verh&auml;ltnisse gekl&auml;rt und man k&ouml;nnte zu den Wurzeln zur&uuml;ckkommen. W&auml;re das so schlimm? <\/p><p><small>Titelbild: AlHilal via Twitter<\/small><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/564ff526512c4811a67183d4f5109eb3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europ&auml;ische Freunde und Feinde der einst sch&ouml;nsten Nebensache der Welt kommen in diesem Jahr aus dem Staunen nicht mehr raus. Mit Ronaldo, Neymar und Karim Benzema wechselten nun bereits drei Weltstars des Fu&szlig;balls in die W&uuml;ste Saudi-Arabiens. Zahlreiche &ndash; oft sogar j&uuml;ngere &ndash; Topstars aus der ersten Reihe folgten. 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