{"id":104491,"date":"2023-09-29T10:10:24","date_gmt":"2023-09-29T08:10:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104491"},"modified":"2023-10-09T11:15:29","modified_gmt":"2023-10-09T09:15:29","slug":"cum-ex-und-hopp-erfolgreicher-chefanklaegerin-in-steuerraubaffaere-wird-das-handwerk-gelegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104491","title":{"rendered":"Cum-Ex und Hopp! Erfolgreicher Chefankl\u00e4gerin in Steuerraubaff\u00e4re wird das Handwerk gelegt"},"content":{"rendered":"<p>Trotz negativer Presse und Protesten macht Nordrhein-Westfalens Justizminister keinen R&uuml;ckzieher: Deutschlands f&uuml;hrende Cum-Ex-J&auml;gerin wird entmachtet und erh&auml;lt einen Schie&szlig;hund an ihre Seite. &Uuml;ber die Pl&auml;ne zur Zerst&uuml;ckelung ihrer Ermittlungseinheit wurde am Mittwoch der Rechtsausschuss des D&uuml;sseldorfer Landtags informiert. Begr&uuml;ndung: Die Frau braucht Entlastung, damit sie nicht krank wird. Alle mal lachen! Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNun ist es amtlich: Die hierzulande renommierteste Cum-Ex-Ermittlerin wird entmachtet. Am Mittwoch wurde der Rechtsausschuss des D&uuml;sseldorfer Landtags &uuml;ber das Vorhaben unterrichtet, die Hauptabteilung H der K&ouml;lner Staatsanwaltschaft aufzuspalten und der bisherigen Leiterin Anne Brorhilker einen gleichberechtigten Co-Chef an die Seite zu stellen, der von der Materie keine Ahnung hat. Als &Uuml;berbringer der Botschaft bet&auml;tigte sich h&ouml;chstpers&ouml;nlich Nordrhein-Westfalens Justizminister Benjamin Limbach von der Gr&uuml;nen-Partei. Man wolle die Oberstaatsanw&auml;ltin entlasten und &bdquo;M&ouml;glichkeiten f&uuml;r eine effizientere und z&uuml;gigere Aufgabenerledigung&ldquo; er&ouml;ffnen, begr&uuml;ndete der 53-J&auml;hrige den Schritt. Der Vorgang sorgt beh&ouml;rdenintern f&uuml;r &bdquo;beispiellosen Streit&ldquo;, schrieb am Donnerstag das <em>Handelsblatt<\/em> (hinter Bezahlschranke). Brorhilker selbst bezichtige den Minister &bdquo;praktisch der L&uuml;ge&ldquo;.<\/p><p>Wie die NachDenkSeiten am Mittwoch unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104408\">&bdquo;Sch&uuml;tz&rsquo; den Scholz!&ldquo;<\/a> berichtet hatten, ist die Volljuristin die treibende Kraft bei der Aufkl&auml;rung des wohl gr&ouml;&szlig;ten Finanzskandals in der deutschen Geschichte. Sie hat bisher f&uuml;nf Prozesse gegen Schl&uuml;sselfiguren und Profiteure der Wirtschaftsverbrechen angesto&szlig;en und erwirkte dabei f&uuml;nf Schuldspr&uuml;che. Aktuell muss sich der fr&uuml;here Chef der Hamburger Warburg-Bank, Christian Olearius, vorm Landgericht Bonn wegen des Vorwurfs der besonders schweren Steuerhinterziehung in 14 F&auml;llen verantworten. Die Anklageschrift stammt aus der Feder Brorhilkers. Bei Cum-Ex-Gesch&auml;ften lie&szlig;en sich die Beteiligten Steuern erstatten, die sie gar nicht gezahlt hatten, wodurch dem Fiskus ein Schaden von sch&auml;tzungsweise zw&ouml;lf Milliarden Euro entstand.<\/p><p><strong>Dem Kanzler zu Diensten<\/strong><\/p><p>Die Warburg-Aff&auml;re dreht sich auch um &bdquo;Erinnerungsl&uuml;cken&ldquo; des amtierenden Bundeskanzlers. Als Hamburger Regierungschef trug Olaf Scholz (SPD) mutma&szlig;lich dazu bei, dass die Finanzverwaltung der Hansestadt auf eine Steuerr&uuml;ckforderung in H&ouml;he von 47 Millionen Euro gegen das Geldhaus verzichtete. Olearius hatte der SPD seinerzeit nicht nur reichlich Geld gespendet. Tagebucheintr&auml;ge des Bankiers dokumentieren &uuml;berdies drei Treffen mit dem damaligen Ersten B&uuml;rgermeister, bei denen &uuml;ber das Thema Cum-Ex gesprochen wurde. Scholz kann sich an diese Unterredungen heute angeblich nicht mehr entsinnen. Der fr&uuml;here Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke, Fabio de Masi, hat deshalb gegen ihn Strafanzeige wegen uneidlicher Falschaussage gestellt. Sollte Scholz der L&uuml;ge und als Helfershelfer eines Steuerdiebs &uuml;berf&uuml;hrt werden, d&uuml;rfte das ein politisches Erdbeben ausl&ouml;sen.<\/p><p>Der Schluss liegt nahe: Wer Brorhilker ausbremst, bewahrt nicht nur Topbanken und Topmanager vor Ungemach, sondern mithin auch Scholz. In Hamburg befasst sich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit dem Warburg-Komplex und versucht seit Langem erfolglos, die Herausgabe von Ermittlungsakten aus K&ouml;ln zu erwirken. Zu den Dokumenten geh&ouml;ren vermutlich brisante E-Mails enger Mitarbeiter des Kanzlers, etwa des heutigen Kanzleramtschefs Wolfgang Schmidt oder seiner einstigen B&uuml;roleiterin. Justizminister Limbach hatte die Staatsanwaltschaft wiederholt wegen der Verz&ouml;gerungen ger&uuml;gt und schon vor zwei Monaten zugesichert, das erbetene Material zu &uuml;bergeben. Tats&auml;chlich warten die Hamburger immer noch darauf. &bdquo;NRW liefert uns Berge von Daten, nur nicht die, die wir seit &uuml;ber einem Jahr anfordern&ldquo;, zitierte das <em>Handelsblatt<\/em> Norbert Hackbusch, der f&uuml;r Die Linke in der B&uuml;rgerschaft sitzt. Auch der CDU-Abgeordnete Richard Seelmaecker f&uuml;hlt sich hingehalten. Mit Blick auf Limbach sagte er gegen&uuml;ber den NachDenkSeiten, diesem w&uuml;rden &bdquo;Ambitionen in Zielrichtung Bundespolitik nachgesagt&ldquo;.<\/p><p><strong>Doppelte T&auml;uschung<\/strong><\/p><p>Nach Brorhilkers Darstellung betreibt Limbach eine doppelte T&auml;uschung. In einem an die Personalvertretung der Staatsanw&auml;lte in NRW adressierten adressierten Brief, dessen Inhalt &bdquo;Insider&ldquo; an die Presse durchsteckten, nennt sie die Aussagen ihres obersten Dienstherrn &bdquo;widerspr&uuml;chlich, irref&uuml;hrend und verzerrend&ldquo;. Demnach seien die fraglichen Papiere dem Ministerium schon im Fr&uuml;hjahr zugeleitet worden. Sp&auml;ter dann habe Limbach Daten abholen lassen, &bdquo;die er schon hatte, andererseits weigerte er sich, Daten f&uuml;r Hamburg zu kopieren, die zur Aufkl&auml;rung besonders wichtig sind&ldquo;. W&auml;re dem so, h&auml;tte Limbach die Aufkl&auml;rung des Warburg-Falls selbst sabotiert und die Schuld daf&uuml;r der K&ouml;lner Staatsanwaltschaft in die Schuhe geschoben, um nun die konstruierten Verfehlungen f&uuml;r deren Umbau zu instrumentalisieren.<\/p><p>In offiziellen Verlautbarungen hatte der Minister diesen stets als Anliegen des leitenden Staatsanwalts verkauft. Ernannt hat er besagten Stephan Neuheuser allerdings erst im August, nachdem dessen Vorg&auml;nger, Joachim Roth, erkl&auml;rterma&szlig;en wegen des &bdquo;Cum-Ex-Chaos&ldquo; und &bdquo;freiwillig&ldquo; seinen Posten r&auml;umte. Neuheuser sowie der zu Brorhilkers &bdquo;Aufpasser&ldquo; (Wortlaut der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/em>) berufene Ulrich Stein-Visarius stammen aus der Entourage Limbachs. Ersterer arbeitete bis Juli im Justizministerium, Letzterer wirkt dort noch heute, als Referatsleiter Jugendstrafrecht.<\/p><p><strong>Wenn mal wer krank wird&hellip;<\/strong><\/p><p>Geradezu kom&ouml;diantisch muten die Einlassungen an, mit denen Limbach die faktische Degradierung Brorhilkers im Rechtsausschuss rechtfertigte. &bdquo;Ich habe mehrfach von der exzellenten Arbeit des Cum-Ex-Teams berichtet und stehe auch weiterhin dahinter&ldquo;, bekr&auml;ftigte er nach einem <a href=\"https:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/cum-ex-chefermittlerin-muss-faelle-und-mitarbeiter-abgeben-a-1c086115-40d3-45df-945e-63de29b96057\">Bericht des <em>Managermagazins<\/em><\/a>. Eine einzelne F&uuml;hrungskraft k&ouml;nne der enormen Aufgabenf&uuml;lle jedoch nicht ausreichend Rechnung tragen. &bdquo;Au&szlig;erdem muss die &auml;u&szlig;erst anspruchsvolle Leitung der Cum-Ex-Ermittlungen durch die Verteilung von Wissen und Verantwortung auf zwei gleichrangige Hauptabteilungsleitungen strukturell abgesichert sein, um eine l&auml;ngerfristige Kontinuit&auml;t auch bei einem unvorhergesehenen, etwa krankheitsbedingten Ausfall zu gew&auml;hrleisten&ldquo;, so der Minister. Das war sicherlich nicht als Drohung gedacht, sondern soll wohl die pure F&uuml;rsorge des Ministers ausdr&uuml;cken, schlie&szlig;lich sind auch Oberstaatsanw&auml;ltinnen nicht vorm Burn-Out gefeit. Allein: Man nimmt es Limbach nicht ab, so wenig wie sein Lamento vor dem Rechtsausschuss, die F&auml;lle von Steuerraub drohten zu verj&auml;hren oder k&ouml;nnten mit billigen &bdquo;Deals&ldquo; enden, weil die Ermittlungen ins Stocken geraten k&ouml;nnten.<\/p><p>Gegenwind erf&auml;hrt der Minister auch von der K&ouml;lner Generalstaatsanwaltschaft. Von der ist zu h&ouml;ren, bei der Neuordnung handele es sich &bdquo;um Struktur&uuml;berlegungen des Ministeriums der Justiz des Landes NRW&ldquo; &ndash; ein Hinweis mehr darauf, dass nicht Neuheuser die Pl&auml;ne ausgeheckt hat. Nach einem dem <em>Westdeutschen Rundfunk (WDR)<\/em> vorliegenden Bericht des Generalstaatsanwalts Thomas Harden missf&auml;llt auch diesem das Projekt. Die Pl&auml;ne seien <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/investigativ\/ndr-wdr\/cum-ex-statsanwaltschaft-100.html\">&bdquo;nicht zielf&uuml;hrend&ldquo;<\/a>, und es k&ouml;nne der Eindruck entstehen, die Cum-Ex-Ermittlungen w&uuml;rden behindert. Brorhilker selbst hat in besagtem Schreiben klargestellt, mit der Neukonzeption ihrer Abteilung &uuml;bergangen und lediglich m&uuml;ndlich dar&uuml;ber in Kenntnis gesetzt worden zu sein. Sie sorge sich, dass die Umgestaltung zum Ende des bisher einheitlichen Ermittlungskonzepts f&uuml;hren k&ouml;nne. Limbach dagegen hatte vor dem Ausschuss gesagt, es m&uuml;sse vermieden werden, dass diese Taten wom&ouml;glich verj&auml;hren oder mit billigen &bdquo;Deals&ldquo; enden, weil die Ermittlungen ins Stocken geraten.<\/p><p><strong>Eine Runde Schampus auf O.<\/strong><\/p><p>So sieht das auch Gerhard Schick, Vorstand der B&uuml;rgerbewegung Finanzwende: Dass die Oberstaatsanw&auml;ltin &bdquo;jetzt viele F&auml;lle an einen in Materie und Rechtsgebiet unerfahrenen Juristen abgeben soll, ist ein Kn&uuml;ppel zwischen die Beine der ermittelnden Staatsanw&auml;lte&ldquo;, &auml;u&szlig;erte er sich im Anschluss an die Rechtsausschusssitzung in einem <a href=\"https:\/\/www.finanzwende.de\/presse\/entmachtung-von-cumex-chefermittlerin-anne-brorhilker\/\">Pressestatement<\/a>, und weiter: &bdquo;Ich bef&uuml;rchte, dass jetzt diejenigen wieder die Oberhand bekommen, die viele Verfahren gegen Geldbu&szlig;e einstellen wollen, statt jeweils zu ermitteln und gegebenenfalls anzuklagen.&ldquo;<\/p><p>Und dann setzte Schick noch hinzu: &bdquo;Mehr als einmal haben bei Cum-Ex politische Fehlentscheidungen die Sektkorken bei den Cum-Ex-Bankern knallen lassen. Heute ist wohl wieder so ein Tag.&ldquo; Dass am Mittwochabend im Kanzleramt gebechert wurde, ist blo&szlig; ein b&ouml;ses Ger&uuml;cht.<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104846\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: Screenshot ARD<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/f3ee80a6ccc449aa80da5ecf02284f10\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz negativer Presse und Protesten macht Nordrhein-Westfalens Justizminister keinen R&uuml;ckzieher: Deutschlands f&uuml;hrende Cum-Ex-J&auml;gerin wird entmachtet und erh&auml;lt einen Schie&szlig;hund an ihre Seite. &Uuml;ber die Pl&auml;ne zur Zerst&uuml;ckelung ihrer Ermittlungseinheit wurde am Mittwoch der Rechtsausschuss des D&uuml;sseldorfer Landtags informiert. Begr&uuml;ndung: Die Frau braucht Entlastung, damit sie nicht krank wird. Alle mal lachen! 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