{"id":104495,"date":"2023-09-30T12:00:01","date_gmt":"2023-09-30T10:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104495"},"modified":"2023-10-10T16:29:45","modified_gmt":"2023-10-10T14:29:45","slug":"die-ausserkraftsetzung-der-grundrechte-waehrend-der-corona-pandemie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104495","title":{"rendered":"Die Au\u00dferkraftsetzung der Grundrechte w\u00e4hrend der Corona-Pandemie"},"content":{"rendered":"<p>Am 18. September 2023 fand in der Vertretung des Freistaates Sachsen beim Bund in Berlin eine Tagung zum Thema &bdquo;Deutschland zwischen Covid und Klima &ndash; Grundrechte unter Vorbehalt?&ldquo; statt. Der ehemalige Pr&auml;sident des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Dr. Hans-J&uuml;rgen Papier, nahm ungew&ouml;hnlich deutlich zu den Verfehlungen der Legislative, Exekutive und Judikative, insbesondere des Bundesverfassungsgerichts, w&auml;hrend der Corona-Pandemie <a href=\"https:\/\/youtu.be\/uQr3nkpXObo?feature=shared\">Stellung<\/a>. Von <strong>Wolfgang Bittner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nHans-J&uuml;rgen Papier begann seine Rede mit der Feststellung, dass die Corona-Pandemie eine au&szlig;ergew&ouml;hnliche Herausforderung des Rechtsstaates dargestellt habe. Dazu f&uuml;hrte er aus: &bdquo;Gesetzgebung und Verwaltung, aber mit Einschr&auml;nkung auch die Judikatur &ndash; und ich m&ouml;chte sagen insbesondere die des Bundesverfassungsgerichts &ndash; haben im Zusammenhang mit der Pandemiebek&auml;mpfung die Anforderungen des Rechtstaates nicht immer hinreichend beachtet und vor allen Dingen nicht durchgesetzt. Von der verfassungsrechtlichen Judikatur h&auml;tte man angesichts der weitgehenden und der l&auml;nger w&auml;hrenden Einschr&auml;nkungen der Freiheitsrechte, wie ich meine, eine fr&uuml;hzeitige und abgewogene Entwicklung verfassungsrechtlicher Ma&szlig;st&auml;be erwarten k&ouml;nnen, welche die h&ouml;chst unterschiedlichen Schweregrade der diversen Grundrechtseinschr&auml;nkungen oder -beschr&auml;nkungen angemessen ber&uuml;cksichtigten.&ldquo;<\/p><p>Alle diese Fragen bed&uuml;rften, so Papier, &bdquo;unbedingt auch der rechtswissenschaftlichen Aufarbeitung&ldquo;, damit der Rechtsstaat in k&uuml;nftigen &auml;hnlichen Krisenzeiten auch unter juristischen Aspekten besser gewappnet sei. &bdquo;Dem Staat bei der Pandemiebek&auml;mpfung ein undifferenziertes, ein allgemeines und letztlich unbegrenztes verfassungsrechtliches Plazet f&uuml;r Freiheitsbeschr&auml;nkungen und Grundrechtssuspendierungen jeder Art und jeden Ausma&szlig;es zu erteilen, wie das ja in der Praxis geschehen ist, entspricht jedenfalls nicht unserer rechtsstaatlichen freiheitlichen Ordnung.&ldquo;<\/p><p>Explizit vertritt Papier die Ansicht: &bdquo;Nach dem Motto zu verfahren, die Not kenne kein Gebot oder der Zweck, der gute Zweck oder der vermeintlich gute Zweck heilige jedes Mittel, scheint auch in diesem Land bisweilen hintergr&uuml;ndig die Politik zu bestimmen. So &auml;u&szlig;erte der Bundeskanzler Olaf Scholz w&auml;hrend der Pandemie, bei der Pandemiebek&auml;mpfung g&auml;be es keine roten Linien. Meine Damen und Herren, in einem freiheitlichen Verfassungsstaat sollten solche &Uuml;berlegungen selbst in Notzeit, selbst in Krisenzeiten eindeutig zur&uuml;ckgewiesen werden. Es steht ja v&ouml;llig au&szlig;er Zweifel, dass die Grundrechte des Grundgesetzes auch in Zeiten von Krisen oder Notzeiten gelten oder gelten m&uuml;ssen.&ldquo;<\/p><p>Weiter konstatierte Papier: &bdquo;Auch die grunds&auml;tzlich berechtigten Forderungen nach effektiven staatlichen Pr&auml;ventionsschutzma&szlig;nahmen oder &ndash; nehmen wir das andere Thema &ndash; oder etwa nach einer besseren oder effektiveren Klimapolitik rechtfertigen nicht eine antidemokratische Regierungsstruktur, das hei&szlig;t die Suspendierung oder folgende Suspendierung, zeitweilige Suspendierung der Freiheitsrechte zugunsten eines auf Obrigkeit, Reglementierung, &Uuml;berwachung und eines die freien B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger dieses Landes letztlich als Untertanen behandelnden F&uuml;rsorgestaates.&ldquo;<\/p><p>Papier scheute sich nicht, einen pers&ouml;nlichen Eindruck zur Corona-Pandemie wiederzugeben: &bdquo;Mich haben schon die autorit&auml;ren Versuchungen &uuml;berrascht, mit denen nicht nur die Politik aufgewartet hat, sondern [die] beispielsweise auch im intellektuellen Bereich anzutreffen waren.&ldquo; Er stellte fest: &bdquo;Der liberale freiheitliche Rechtsstaat darf eben nicht einem Staat geopfert werden, der &ndash; wenn auch aus hehren Gr&uuml;nden &ndash; B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger mit einer Flut von Geboten und Verboten &uuml;berzieht.&ldquo;<\/p><p>Das sei, so Papier, nicht nur eine Frage des Verfassungsrechts, des verfassungsrechtlichen Gebots der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit, sondern auch eine Frage des praktischen Nutzens, denn &bdquo;je mehr Gebote und Verbote es gibt, desto st&auml;rker schwillt die staatliche B&uuml;rokratie an, die aber trotzdem der Normenflut nicht Herr werden kann&ldquo;. Das wiederum schw&auml;che das Vertrauen der Menschen in die Handlungsf&auml;higkeit des demokratischen Rechtsstaates wie auch in die Funktionsf&auml;higkeit und die Rechtlichkeit seiner Rechtsordnung. Vor hektisch betriebenen und nicht hinreichend durchdachten Katalogen von Ge- und Verboten k&ouml;nne man daher nur warnen.<\/p><p>Mit dem Gewicht seiner ehemaligen Funktion als Pr&auml;sident des h&ouml;chsten deutschen Gerichts schlie&szlig;t Hans-J&uuml;rgen Papier mit den Worten: &bdquo;Ein Staat, der alle pers&ouml;nlichen Risiken seinen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger abzunehmen versucht, wird selbst zum Risiko f&uuml;r den Rechtstaat.&ldquo; Es sei nicht Aufgabe des Staates, seiner Gesetzgebung, seiner Exekutive, aber auch nicht seiner Judikative, &bdquo;den Menschen im Einzelnen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben und was sie zu denken haben&ldquo;.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Der Vortrag von Hans-J&uuml;rgen Papier, der von Politik, Medien und Wissenschaft zur Kenntnis genommen werden sollte, ist ein Hoffnungsschimmer am Horizont und verdient weite Verbreitung.<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105041\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: Screenshot YouTube<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 18. 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