{"id":104523,"date":"2023-10-01T10:00:21","date_gmt":"2023-10-01T08:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104523"},"modified":"2023-10-01T11:00:00","modified_gmt":"2023-10-01T09:00:00","slug":"eiszeit-wie-russland-daemonisiert-wird-und-warum-das-so-gefaehrlich-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104523","title":{"rendered":"Eiszeit: Wie Russland d\u00e4monisiert wird und warum das so gef\u00e4hrlich ist"},"content":{"rendered":"<p>Welche Politik sollten wir unter den aktuellen Bedingungen gegen&uuml;ber Russland verfolgen? Eigentlich m&uuml;sste &uuml;ber diese Frage offen gestritten werden. Stattdessen werden diejenigen, die Friedensverhandlungen mit Russland fordern, als Putin-Versteher diffamiert und ausgegrenzt. Und das, obwohl es um die wichtigste Frage &uuml;berhaupt geht: das friedliche Zusammenleben. <strong>Gabriele Krone-Schmalz<\/strong> legt eine erweiterte und aktualisierte Neuausgabe ihres Buches <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/eiszeit.html\">Eiszeit<\/a> vor. Seit Kriegsbeginn 2022 stellt sich f&uuml;r viele nicht mehr die Frage, ob man, wie im Untertitel dieses Buchs, von einer D&auml;monisierung Russlands reden kann. Denn was kann verbrecherischer sein, als ein Land zu &uuml;berfallen? Aber stimmt das so? Wer sich mit der j&uuml;ngeren Geschichte auseinandersetzt, kommt nicht umhin, sich zu fragen, wer hier agiert und wer reagiert. Die NachDenkSeiten pr&auml;sentieren hier einen Auszug aus dem Buch.<br>\n<!--more--><br>\nZur&uuml;ck zum Thema denkbare Ausstiegsstrategien. Wie k&ouml;nnten die aussehen? F&uuml;r die Krim und die &ouml;stlichen Gebiete der Ukraine wird es in absehbarer Zeit keine L&ouml;sung geben, die sowohl von ukrainischer als auch von russischer Seite akzeptiert werden wird. Beide Seiten haben sich mit Maximalforderungen blockiert. Die Vorstellung, Russland habe sich diese Gebiete rechtswidrig angeeignet, also m&uuml;sse es sich auch vollst&auml;ndig aus diesen Gebieten zur&uuml;ckziehen, bevor Verhandlungen &uuml;berhaupt in Betracht kommen, mag nach Gerechtigkeit f&uuml;r die Ukraine klingen, ist aber naiv und unrealistisch. Das wissen auch die Entscheidungstr&auml;ger in Washington und westlichen europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten. Es wird nichts anderes &uuml;brig bleiben, als diese territorialen Fragen, so gut es geht, f&uuml;r eine gewisse Zeit auszuklammern und &Uuml;bergangsl&ouml;sungen zu finden, f&uuml;r die es Beispiele aus der j&uuml;ngeren Geschichte gibt.<\/p><p>Eine ernst gemeinte Ausstiegsstrategie hat es mit zwei entscheidenden Gegebenheiten zu tun. Zum einen ist der Krieg in der Ukraine keine ausschlie&szlig;lich ukrainisch-russische Angelegenheit, sondern ein weiterer Stellvertreterkrieg zwischen Russland einerseits und dem politischen Westen in Gestalt der NATO beziehungsweise den USA und der EU andererseits. Der brasilianische Pr&auml;sident Lula da Silva hat sich dazu folgenderma&szlig;en ge&auml;u&szlig;ert: &bdquo;Russland tr&auml;gt die alleinige Verantwortung f&uuml;r den Ausbruch des Krieges, aber mittlerweile sind die USA und Europa verantwortlich f&uuml;r die F&ouml;rderung eines Stellvertreterkrieges.&rdquo; Zum anderen: So lange eine der beiden Seiten davon ausgeht, den Krieg milit&auml;risch gewinnen zu k&ouml;nnen &ndash; was immer das in der konkreten Ausgestaltung bedeuten mag &ndash;, ist die Bereitschaft zu verhandeln gering. Mittlerweile hat der Krieg allerdings eine Phase erreicht, die an Stellungskriege vergangener Zeiten erinnert, verbunden mit dem zynischen Begriff &bdquo;Abnutzungskrieg&rdquo;. <\/p><p>Auf dieser Grundlage sind mindestens drei parallele Aktivit&auml;ten notwendig, um den Teufelskreis zu durchbrechen: Vermittlung von au&szlig;en zwischen den beiden direkten Kontrahenten Russland und Ukraine, internationale Zusammenk&uuml;nfte angelehnt an die Schlussakte von Helsinki 1975 beziehungsweise eine Aufwertung der OSZE und schlie&szlig;lich Abr&uuml;stungsverhandlungen, nachdem nahezu s&auml;mtliche Errungenschaften der Entspannungspolitik auf diesem Gebiet eliminiert wurden, meist auf Betreiben der USA. Das alles muss jemand initiieren, und es irritiert mich als Europ&auml;erin sehr, dass wahrnehmbare Aktivit&auml;ten in dieser Hinsicht im Wesentlichen von China, den afrikanischen Staaten und dem sogenannten globalen S&uuml;den ausgehen. Es irritiert mich umso mehr, als dieser Krieg in Europa stattfindet und in erster Linie Europa betrifft. Es m&uuml;sste also im ureigenen Interesse der Europ&auml;er liegen, diesen Krieg zu beenden und endlich an einer verl&auml;sslichen Sicherheitsarchitektur zu bauen, die augenscheinlich Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wesentlich leichter h&auml;tte errichtet werden k&ouml;nnen als jetzt. Es n&uuml;tzt nichts, dem hinterherzutrauern. Wenn ich allerdings an die Ergebnisse der Politik von Michail Gorbatschow denke, die eine belastbare Grundlage f&uuml;r den Bau eines europ&auml;ischen Hauses abgegeben h&auml;tten, dann habe ich das dringende Bed&uuml;rfnis, mich bei ihm entschuldigen zu wollen. Es ist sehr schnell in Vergessenheit geraten, wie hoch das Risiko war, das der damalige sowjetische Staatspr&auml;sident Gorbatschow f&uuml;r sein Land und nicht zuletzt f&uuml;r seine Familie eingegangen ist, um diese Grundlage zu erm&ouml;glichen.<\/p><p>Es ist ja nicht so, als g&auml;be es keine durchdachten Vorschl&auml;ge, wie man den Krieg mit einem Verhandlungsfrieden beenden kann. Ende August 2023 ist in <em>Zeitgeschichte im Fokus<\/em>, einer Schweizer Zeitschrift, ein Artikel erschienen, f&uuml;r den die Professoren Peter Brandt, Hajo Funke und Horst Teltschik sowie General a. D. Harald Kujat verantwortlich zeichnen. Das &uuml;bergeordnete Motto liest sich so: &bdquo;Legitime Selbstverteidigung und das Streben nach einem gerechten und dauerhaften Frieden sind kein Widerspruch.&rdquo; Der ausf&uuml;hrliche und mit Quellen belegte Artikel beschreibt, warum keine Seite diesen Krieg milit&auml;risch gewinnen kann. Die einzelnen Schritte der Ausstiegsstrategie werden sehr konkret in drei Phasen beschrieben: Waffenstillstand, Friedensverhandlungen, eine europ&auml;ische Sicherheits- und Friedensordnung.<\/p><p>&bdquo;Der Krieg h&auml;tte verhindert werden k&ouml;nnen&rdquo;, hei&szlig;t es an einer Stelle, &bdquo;h&auml;tte der Westen einen neutralen Status der Ukraine akzeptiert (wozu Selenskyj anfangs durchaus bereit war), auf eine NATO-Mitgliedschaft verzichtet und das Minsk-II-Abkommen f&uuml;r Minderheitenrechte der russischsprachigen Bev&ouml;lkerung durchgesetzt. Der Krieg h&auml;tte Anfang April 2022 beendet werden k&ouml;nnen, h&auml;tte der Westen den Abschluss der Istanbul-Verhandlungen zugelassen. Es liegt nun erneut und m&ouml;glicherweise letztmalig in der Verantwortung des &sbquo;kollektiven Westens&rsquo; und insbesondere der USA, den Kurs in Richtung Waffenstillstand und Friedensverhandlungen zu setzen.&rdquo;<\/p><p>Es wird Zeit, dass auch der Letzte begreift, wie wichtig es ist, den Punkt nicht zu verpassen, an dem es kein Zur&uuml;ck mehr gibt, weil die Dinge eine Eigendynamik entwickeln, die sich politisch nicht mehr einfangen lassen. Angesichts der milit&auml;rischen M&ouml;glichkeiten und der vollgestopften Nukleararsenale kann das nur im Desaster enden. Im Vergleich dazu d&uuml;rfte sich selbst die drohende Klimakatastrophe wie ein Spaziergang ausnehmen. Die damit verbundenen Probleme haben sich dann n&auml;mlich erledigt.<\/p><p>Meines Erachtens haben diejenigen Recht, die sagen, es darf nicht allein der ukrainischen Regierung &uuml;berlassen werden, dar&uuml;ber zu entscheiden, wie es weitergeht. Denn in der EU wird recht einhellig die Position vertreten, es sei unangemessen, die Ukraine zu Verhandlungen zu dr&auml;ngen, das sei allein die Sache dieses souver&auml;nen Staates. Diese nach au&szlig;en kommunizierte Haltung der EU ignoriert dabei die Rolle der USA. Diese wiederum wird nicht unwesentlich vom beginnenden Wahlkampf bestimmt und ist mit Blick auf das Engagement in der Ukraine alles andere als berechenbar. So oder so &ndash; es h&auml;ngt viel von diesen Entscheidungen ab und es droht eine Situation, in der die Risiken nicht mehr beherrschbar sind. Und noch einmal: Das alles spielt sich in Europa ab, in unmittelbarer Nachbarschaft unseres eigenen Landes. Auch Aussagen wie die folgende von Alfred de Zayas, US-amerikanischer V&ouml;lkerrechtler und ehemaliger UN-Beamter im Menschenrechtsrat, zust&auml;ndig f&uuml;r die F&ouml;rderung einer demokratischen und gerechten internationalen Ordnung, verdienen Geh&ouml;r: &bdquo;Sowohl Amerikaner wie auch Europ&auml;er haben kein Recht, das &Uuml;berleben des Planeten wegen einer innereurop&auml;ischen Querele aufs Spiel zu setzen. F&uuml;r den durchschnittlichen Afrikaner, Asiaten oder Lateinamerikaner ist es v&ouml;llig unerheblich, ob die Krim zu Russland oder zur Ukraine geh&ouml;rt. Dar&uuml;ber d&uuml;rfe sich niemals ein Atomkrieg entfachen.&rdquo; <\/p><p>All die Anstrengungen, die unternommen werden, um funktionierende politische L&ouml;sungen zu erarbeiten &ndash; meist in den sogenannten Massenmedien nicht zu finden und im Politikbetrieb in der sogenannten Mitte auch nicht &ndash; haben nat&uuml;rlich nur eine Chance, wenn der politische Wille da ist. Dazu geh&ouml;rt die Bereitschaft, aus diesem Teufelskreis von Hass und Vergeltung auszubrechen. Danach sieht es im Moment nicht aus. Da empfiehlt sich ein Blick auf andere L&auml;nder. Nach Jahrzehnten der Apartheidpolitik in S&uuml;dafrika, die mit unvorstellbaren Grausamkeiten verbunden war, hat dieses Land mithilfe einer Vers&ouml;hnungskommission einen Neuanfang geschafft. In Spanien war es ein &bdquo;Pakt des Vergessens&rdquo;, um nach den Verbrechen der Franco-Diktatur neu anfangen zu k&ouml;nnen. Im Februar\/M&auml;rz 2020 gab es tats&auml;chlich auch in der Ukraine Diskussionen um eine solche Vers&ouml;hnungsplattform, in der &bdquo;Kontinental-Ukrainer&rdquo; und die Ukrainer im Donbas aufeinander zugehen sollten. Ideengeber war damals ein freiberuflich t&auml;tiger Berater des Sekret&auml;rs des Nationalrates f&uuml;r die Sicherheit und Verteidigung mit Namen Serhij Sywocho. Diese Initiative wurde allerdings sogleich als prorussisch diffamiert und verhindert.<\/p><p>Ich w&uuml;rde mir w&uuml;nschen, dass junge Menschen, die mit ihrem Engagement im Kampf gegen den Klimawandel Gesellschaften weltweit aufger&uuml;ttelt haben, das Thema Frieden entdecken und sich daf&uuml;r mit der gleichen Kraft einsetzen. &Uuml;ber die Meinungen, wie man das am besten macht, darf und muss gestritten werden.<\/p><p>Von der allseits anerkannten Publizistin Hannah Arendt stammt die weise Erkenntnis, dass die Pluralit&auml;t der Meinungen der Motor der Demokratie ist. Dem ist nichts hinzuzuf&uuml;gen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Gabriele Krone-Schmalz: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/eiszeit.html\">Eiszeit: Wie Russland d&auml;monisiert wird und warum das so gef&auml;hrlich ist<\/a>&ldquo;, Frankfurt am Main, Oktober 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Politik sollten wir unter den aktuellen Bedingungen gegen&uuml;ber Russland verfolgen? Eigentlich m&uuml;sste &uuml;ber diese Frage offen gestritten werden. Stattdessen werden diejenigen, die Friedensverhandlungen mit Russland fordern, als Putin-Versteher diffamiert und ausgegrenzt. Und das, obwohl es um die wichtigste Frage &uuml;berhaupt geht: das friedliche Zusammenleben. <strong>Gabriele Krone-Schmalz<\/strong> legt eine erweiterte und aktualisierte Neuausgabe ihres Buches<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104523\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":104524,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[170,171],"tags":[1519,3240,1101,259,2794,260,1556],"class_list":["post-104523","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-friedenspolitik","category-militaereinsaetzekriege","tag-atomwaffen","tag-diplomatische-verhandlungen","tag-europaeischer-gedanke","tag-russland","tag-stellvertreterkrieg","tag-ukraine","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/231001_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104523","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=104523"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104523\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104622,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104523\/revisions\/104622"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/104524"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=104523"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=104523"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=104523"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}