{"id":10473,"date":"2011-08-17T14:46:00","date_gmt":"2011-08-17T12:46:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10473"},"modified":"2014-09-09T15:09:33","modified_gmt":"2014-09-09T13:09:33","slug":"schock-strategie-fur-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10473","title":{"rendered":"Schock-Strategie f\u00fcr Europa"},"content":{"rendered":"<p>Was Angela Merkel und Nicolas Sarkozy gestern im &Eacute;lys&eacute;e-Palast der &Ouml;ffentlichkeit pr&auml;sentierten, ist kaum mehr als alter Wein in neuen Schl&auml;uchen. Anstatt die Spekulation gegen einzelne Eurostaaten mit der Einf&uuml;hrung von Eurobonds zu beenden, wollen Merkel und Sarkozy die deutsche Schuldenbremse in der gesamten Eurozone verfassungsrechtlich verankern und die gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik mit der vielzitierten Wirtschaftsregierung harmonisieren. Was sich Merkel unter einer Wirtschaftsregierung vorstellt, ist jedoch bereits hinl&auml;nglich bekannt &ndash; die neoliberale Schock-Strategie f&uuml;r Europa. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><p>Wir leben in seltsamen Zeiten. W&auml;hrend konservative Vordenker allm&auml;hlich <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/artikel\/C30351\/buergerliche-werte-ich-beginne-zu-glauben-dass-die-linke-recht-hat-30484461.html\">zu erkennen scheinen<\/a>, dass der neoliberale Kurs zu einer schrittweisen Verelendung der Massen f&uuml;hrt, steht Bundeskanzlerin Angela Merkel kurz davor, eben jenen neoliberalen Kurs in der gesamten Eurozone &uuml;ber die nationalen Verfassungen hinweg zur Staatsr&auml;son zu machen. Geradezu besch&auml;mend ist dabei der Umstand, dass Merkel f&uuml;r ihren neoliberalen Staatsstreich ausgerechnet den Begriff der &bdquo;Wirtschaftsregierung&ldquo; f&uuml;r ihre Zwecke kidnappt. Als die franz&ouml;sischen Sozialisten diesen Begriff 1997 ins Spiel brachten, wollten sie der von Deutschland pr&auml;ferierten unabh&auml;ngigen und monetaristischen EZB eine Alternative entgegenstellen &ndash; Europa sollte sich wirtschafts- und finanzpolitisch enger verzahnen, <a href=\"http:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/bueros\/paris\/06060.pdf\">um&nbsp;Lohn- und Steuerdumping einzelner Staaten zu verhindern [PDF &ndash; 167 KB]<\/a>. Seitdem wird der Begriff immer wieder von progressiven Kreisen ins Spiel gebracht, um Deutschland durch einen europ&auml;ischen Ordnungsrahmen von seiner destruktiven neoliberalen Wirtschaftspolitik abzubringen. Welch traurige Ironie der Geschichte, dass Angela Merkel mit demselben Begriff nun die exakt gegenteiligen Ziele verfolgt.<\/p><p><strong>Wirtschaftsregierung &ndash; ein trojanisches Pferd mit unbekanntem Inhalt<\/strong><\/p><p>Streng genommen besagt der Begriff &bdquo;Wirtschaftsregierung&ldquo; lediglich, dass Europas Nationalstaaten sich im Bereich der Wirtschafts- und Finanzpolitik st&auml;rker als bisher koordinieren sollen. Neu ist dies alles nicht, da die Staatschefs und Minister der EU- bzw. Eurostaaten sich ohnehin regelm&auml;&szlig;ig treffen und ihre Politik unverbindlich koordinieren. Eine inhaltliche Aussage ist mit dem Begriff nicht verbunden. Unter einer &bdquo;Wirtschaftsregierung&ldquo; k&ouml;nnte Europa Deutschland dazu zwingen, den fl&auml;chendeckenden Mindestlohn einzuf&uuml;hren, unter demselben Konstrukt kann Deutschland jedoch auch Europa zwingen, Deutschlands neoliberale Politik zu adaptieren. Freilich wird niemand je in diesem Zusammenhang von &bdquo;Zwang&ldquo; oder &bdquo;Adaption&ldquo; sprechen &ndash; das unverf&auml;nglichere Wort f&uuml;r derlei politische Erpressung lautet &bdquo;Harmonisierung&ldquo;. <\/p><p>Wenn Merkel und Sarkozy gestern erkl&auml;rten, dass die deutsche und die franz&ouml;sische K&ouml;rperschaftssteuer bilateral harmonisiert werden sollen, so ist dabei auch auszuschlie&szlig;en, dass Deutschland die K&ouml;rperschaftssteuer auf das franz&ouml;sische Niveau anhebt &ndash; in der Sprache des Neoliberalismus wird immer nur nach unten &bdquo;harmonisiert&ldquo;.<\/p><p><strong>Merkels Sinneswandel<\/strong><\/p><p>Lange Zeit wollte Angela Merkel von einer Wirtschaftsregierung nichts wissen. Das ist mehr als verst&auml;ndlich, stand Deutschland doch mit seiner Ideologie relativ isoliert da und h&auml;tte sich unter Umst&auml;nden der Mehrheit beugen m&uuml;ssen. Die Auswirkungen der Finanzkrise, die nun &ndash; urs&auml;chlich falsch &ndash; als Schuldenkrise auf der politischen Tagesordnung stehen, haben jedoch die Vorzeichen umgekehrt. Als st&auml;rkste  Volkswirtschaft in Europa und Land mit den besten Refinanzierungsm&ouml;glichkeiten an den Finanzm&auml;rkten sitzt Deutschland am entscheidenden Hebel. Deutschland muss seine Zustimmung zu jedem Gesetz und jeder Regelung geben, die angeschlagene Eurostaaten vor dem wahrscheinlichen Staatsbankrott sch&uuml;tzt &ndash; unabh&auml;ngig davon, ob es sich dabei um reine Flickschusterei oder echte Strukturreformen handelt, mit denen die Macht der Finanzm&auml;rkte ein f&uuml;r alle Male beschnitten w&uuml;rde. Wen mag es da verwundern, dass die deutsche Regierung bislang nur f&uuml;r Flickschustereien zu haben war?<\/p><p>Der deutsche Hebel auf die Wirtschafts- und Finanzpolitik ist so lange vorhanden, wie die betroffenen Staaten zwingend auf die deutsche Protektion angewiesen sind. Wer Europa nach seinen (neoliberalen) Vorstellungen formen will, muss daf&uuml;r sorgen, dass die Krise m&ouml;glichst lange anh&auml;lt. Dieses keinesfalls ehrenhafte Ziel bestimmt die deutsche Politik seit Beginn der Krise. Die Eurokrise ist eine politische Krise, die wohl erst dann ihr Ende findet, wenn Angela Merkel ihre Maximalforderungen durchgesetzt hat oder Europa auseinanderbricht.<\/p><p><strong>Hartz IV f&uuml;r Europa<\/strong><\/p><p>Welche Forderungen dies sind, hat Merkel bereits im Februar dieses Jahres <a href=\"http:\/\/www.konicz.info\/?p=1540\">angedeutet<\/a>, als sie Nicolas Sarkozy auf ihre Version einer Wirtschaftsregierung eingenordet hat. Der &bdquo;EU-Pakt f&uuml;r Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; beinhaltet verschiedene Rezepte aus dem neoliberalen Giftschrank, die teilweise bereits gestern in Paris als Medizin gegen die Eurokrise angepriesen wurden und m&ouml;glicher Bestandteil sp&auml;terer Ausformulierungen der Wirtschaftsregierung sein werden: Eine in der Verfassung verankerte Schuldenbremse, die Anhebung des Rentenalters, die Senkung der L&ouml;hne, der Verzicht auf inflationsangepasste Leistungen und die &bdquo;Harmonisierung&ldquo; der Sozialpolitik &ndash; mit anderen Worten &bdquo;Hartz IV f&uuml;r Europa&ldquo;. <\/p><p>Unter &bdquo;normalen&ldquo; Bedingungen w&auml;re diese Rosskur nicht durchzusetzen. Noch nicht einmal Nicolas Sarkozy verf&uuml;gt &uuml;ber die politischen Mehrheiten, eine komplett kontraproduktive Schuldenbremse in der franz&ouml;sischen Verfassung verankern zu lassen. Doch &bdquo;normal&ldquo; ist in Euroland schon lange nichts mehr. Ein Land, dessen Refinanzierung durch abenteuerliche Risikoaufschl&auml;ge der Finanzmarktakteure gef&auml;hrdet ist, und dem somit der Staatsbankrott droht, ist nicht mehr in der Lage, sich gegen die neoliberale Rosskur zu wehren. Griechenland und Portugal waren die ersten Opfer der neoliberalen Schock-Strategie, weitere L&auml;nder werden folgen. <\/p><p>Ein schnelles Ende der Eurokrise ist durch diese Austerit&auml;tspolitik nicht m&ouml;glich &ndash; dies scheint jedoch (zumindest von der deutschen Politik) auch nicht erw&uuml;nscht zu sein. Erst wenn Europa den Kotau vor dem deutschen Neoliberalismus vollzogen hat, wird der Spuk ein Ende finden und Deutschland sein Placet zu den Eurobonds verk&uuml;nden. Kategorisch ausschlie&szlig;en will die deutsche Regierung diese L&ouml;sung ohnehin nicht. Man h&auml;lt allenfalls den Zeitpunkt f&uuml;r noch nicht gekommen und das ist noch nicht einmal gelogen. Deutschland h&auml;tte europ&auml;ischer werden sollen, stattdessen wird Europa deutscher &ndash; mit allen damit verbundenen Nachteilen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/2f2683cde4d44f358c1846bd385c039b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was Angela Merkel und Nicolas Sarkozy gestern im &Eacute;lys&eacute;e-Palast der &Ouml;ffentlichkeit pr&auml;sentierten, ist kaum mehr als alter Wein in neuen Schl&auml;uchen. 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