{"id":104746,"date":"2023-10-05T10:00:18","date_gmt":"2023-10-05T08:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104746"},"modified":"2023-10-09T07:55:48","modified_gmt":"2023-10-09T05:55:48","slug":"das-maerchen-vom-armen-ungebildeten-afd-waehler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104746","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen vom armen, ungebildeten AfD-W\u00e4hler"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt Klischees, die sind nicht totzukriegen. Ins mythische Reich der politischen Klischees geh&ouml;rt die h&auml;ufig geh&ouml;rte Behauptung, die AfD w&uuml;rde vor allem vom &bdquo;abgeh&auml;ngten Prekariat&ldquo; &ndash; vorzugsweise im Osten &ndash; gew&auml;hlt. Erst vor kurzem <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2023-08\/afd-waehler-politik-paradox-ostdeutschland\/komplettansicht\">griff auch DIW-Chef Marcel Fratzscher<\/a> auf dieses Klischee zur&uuml;ck, um zu belegen, dass AfD-W&auml;hler gegen ihre eigenen Interessen w&auml;hlten, sei die AfD doch eine zutiefst neoliberale Partei, deren Programm sozio&ouml;konomisch auf eine Umverteilung von unten nach oben hinausliefe. Letzteres stimmt zweifelsohne, Ersteres geh&ouml;rt jedoch wie so vieles in diesem Kontext ins Reich der Mythen und M&auml;rchen; und die werden nicht wahrer, wenn man sie wiederholt. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4165\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-104746-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231005_Das_Maerchen_vom_armen_ungebildeten_AfD_Waehler_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231005_Das_Maerchen_vom_armen_ungebildeten_AfD_Waehler_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231005_Das_Maerchen_vom_armen_ungebildeten_AfD_Waehler_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231005_Das_Maerchen_vom_armen_ungebildeten_AfD_Waehler_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=104746-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231005_Das_Maerchen_vom_armen_ungebildeten_AfD_Waehler_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231005_Das_Maerchen_vom_armen_ungebildeten_AfD_Waehler_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es ist schon am&uuml;sant. Um seine Thesen von den typischen AfD-W&auml;hlern zu untermauern, deren &bdquo;Einkommen ebenso wie ihre Bildung eher gering bis mittelhoch [sind]&ldquo;, belegt Marcel Fratzscher dies in seinem von der <em>ZEIT<\/em> abgedruckten Aufsatz mit &bdquo;verschiedenen Umfragen und Studien&ldquo; und verweist dabei auf <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/parteien\/parteien-in-deutschland\/afd\/273131\/wahlergebnisse-und-waehlerschaft-der-afd\/\">eine Seite der Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung<\/a>. Dort hei&szlig;t es dann jedoch wortw&ouml;rtlich &hellip;<\/p><blockquote><p>\nBezogen auf die Sozialstruktur der AfD-W&auml;hlerschaft kommen die vorliegenden Untersuchungen zu teilweise disparaten Befunden, was darauf hindeutet, dass monokausale Erkl&auml;rungsversuche hier zu kurz greifen. So f&uuml;hren z.B. weder eine hohe Arbeitslosenquote noch ein h&ouml;herer Ausl&auml;nderanteil per se zu einer gr&ouml;&szlig;eren Wahlbereitschaft der AfD. Im Westen scheint die AfD vor allen dort zu punkten, wo die W&auml;hler ein unterdurchschnittliches Haushaltsaufkommen aufweisen und\/oder einer T&auml;tigkeit in der Industrie nachgehen. Im Osten ist sie in l&auml;ndlichen Regionen stark, die unter Abwanderung leiden und &ouml;konomisch abgeh&auml;ngt zu werden drohen. Arbeiter und Arbeitslose sind unter den W&auml;hlern zwar &uuml;berdurchschnittlich vertreten, machen aber nur ein Viertel der AfD-Gesamtw&auml;hlerschaft aus, w&auml;hrend die &uuml;brigen drei Viertel auf Angestellte, Beamte und Selbst&auml;ndige entfallen. Auch bei den formalen Bildungsabschl&uuml;ssen dominieren die mittleren R&auml;nge.\n<\/p><\/blockquote><p>Quelle dieser Aussagen ist der Fachartikel &bdquo;Die W&auml;hlerschaft der AfD: Wer ist sie, woher kommt sie und wie weit rechts steht sie?&ldquo; der Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer und J&uuml;rgen Hofrichter. Die Zahlen aus dieser Studie sind durchaus interessant. Ihnen zufolge wird die AfD zwar in der Tat relativ h&auml;ufiger von Arbeitern als von Beamten, Angestellten und Selbstst&auml;ndigen gew&auml;hlt. Betrachtet man jedoch die absoluten Zahlen, so sind mehr als die H&auml;lfte (52 Prozent) der AfD-W&auml;hler Angestellte und es gibt mehr W&auml;hler mit einem hohen Bildungsabschluss (32 Prozent) als mit niedrigem (23 Prozent). Doch diese Zahlen beziehen sich auf die Bundestagswahl 2016, sind also gerade in unserer schnelllebigen Zeit ziemlich veraltet. Das &auml;ndert aber nichts an der Tatsache, dass Fratzscher als Beleg f&uuml;r seine sozio&ouml;konomische Kartierung der AfD-W&auml;hler eine Studie heranzieht, mit der man das M&auml;rchen vom armen, ungebildeten AfD-W&auml;hler unm&ouml;glich herauslesen kann.<\/p><p>Aus demselben Jahr stammt &uuml;brigens eine <a href=\"https:\/\/www.iwkoeln.de\/studien\/knut-bergmann-matthias-diermeier-judith-niehues-ist-die-afd-eine-partei-der-besserverdiener-280617.html\">Studie des IW<\/a>, die das genaue Gegenteil aussagt und herausgefunden haben will, dass die AfD &ndash; mit einem Anteil der Besserverdienenden von 34 Prozent unter ihren Sympathisanten &ndash; hinter der FDP die zweitbeliebteste Partei unter den Top-Verdienern ist. Laut IW sind AfD-W&auml;hler &bdquo;weder arm noch ungebildet&ldquo;. Doch auch das IW bezieht seine Daten aus einer Zeit, in der die AfD noch als &bdquo;Partei der Professoren&ldquo; galt und sicherlich ein anderes W&auml;hlerklientel ansprach. Auch wenn diese Studie dem M&auml;rchen vom armen, ungebildeten AfD-W&auml;hler klar widerspricht, so l&auml;sst sich mit ihr mangels aktueller Daten wenig &uuml;ber die jetzige Lage sagen.<\/p><p>Dazu lie&szlig;e sich am ehesten eine aktuelle Umfrage des <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Umfrage-zeigt-Eigenschaften-der-AfD-Waehler-article24203917.html\">Meinungsforschungsinstituts Forsa<\/a> heranziehen. Doch die erkennt in puncto Einkommen und Bildungsabschluss keinen gro&szlig;en Unterschied zwischen AfD-W&auml;hlern und der Gesamtbev&ouml;lkerung. Auff&auml;llig sind lediglich ein demographischer &Uuml;berhang in den mittleren Alterskategorien und ein klarer Zusammenhang zwischen der Gr&ouml;&szlig;e des Wohnorts und der Neigung zur AfD &ndash; in Orten mit weniger als 5.000 Einwohnern gaben im Juni dieses Jahres 25 Prozent der Befragten an, die AfD w&auml;hlen zu wollen, w&auml;hrend es in den Metropolen nur 12 Prozent waren. &Uuml;berraschend ist das alles nicht. Wenn man die AfD denn irgendwie aufgrund ihrer W&auml;hlerschaft in eine demoskopische Schublade stecken wollte, dann w&auml;re dies die einer &bdquo;Volkspartei&ldquo; in den l&auml;ndlichen Gebieten. Wobei sich das Label &bdquo;Volkspartei&ldquo; hier nur auf die gesellschaftlichen Schichten der Anh&auml;ngerschaft anwenden l&auml;sst, also eine rein demoskopische Kategorie ist. Unterschiedliche Weltanschauungen werden von der AfD nicht vertreten und ein wie auch immer gearteter Ausgleich unterschiedlicher gesellschaftlicher Interessen findet innerhalb der Partei auch nicht statt. <\/p><p>Warum eine reaktion&auml;re Partei mit neoliberalen Inhalten bei einer demoskopisch derart breitgef&auml;cherten W&auml;hlerschaft punkten kann, ist eine andere Frage, der wir vor einigen Wochen bereits <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101632\">nachgegangen sind<\/a>. Und ja &ndash; in diesem Punkt hat Marcel Fratzscher nicht unrecht. Wer selbst zu einer abgeh&auml;ngten oder vom Abstieg bedrohten sozio&ouml;konomischen Gruppe geh&ouml;rt, w&auml;hlt gegen seine eigenen Interessen, wenn er sein Kreuz bei der AfD macht. Wo Fratzscher jedoch unrecht hat: Dies l&auml;sst sich keinesfalls so einfach auf die AfD-W&auml;hler oder die AfD-Sympathisanten &uuml;bertragen, die in Umfragen angeben, die AfD demn&auml;chst w&auml;hlen zu wollen. De facto ist die AfD in puncto Anh&auml;ngerschaft vielmehr bereits wesentlich weiter in der Mitte angekommen, als es den Anh&auml;ngern des politischen Status quo lieb sein kann. <\/p><p>Wer will, kann hier durchaus historische Parallelen sehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in der jungen Bundesrepublik eine &auml;hnliche Mythenbildung zur NSDAP-W&auml;hlerschaft. Wer sich eher links verortete, verwies darauf, dass die NSDAP 1933 bei Beamten und der traditionellen Mittelschicht besonders viele Stimmen bekam. Wer sich eher rechts verortete, verwies darauf, dass auch sehr viele Arbeiter und vor allem Erwerbslose die NSDAP w&auml;hlten. Beides ist richtig. Doch der naheliegende Schluss, dass die NSDAP aus rein demoskopischer Sicht tats&auml;chlich eine Volkspartei war, die proportional zahlreiche W&auml;hler aus allen Schichten hatte, setzte sich erst Jahrzehnte sp&auml;ter als wissenschaftlicher Konsens durch. Will man dieser Parallele folgen, m&uuml;sste man heute wohl schlussfolgern, dass die Einordnung der AfD-W&auml;hler als &bdquo;arm und ungebildet&ldquo; ein kognitiver Schnellschuss aus der elit&auml;ren Ecke ist. Und da mag ja durchaus was dran sein. <\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104849\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: knipsdesign\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/7c61d82455624114ad3befd5f2988f47\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Klischees, die sind nicht totzukriegen. Ins mythische Reich der politischen Klischees geh&ouml;rt die h&auml;ufig geh&ouml;rte Behauptung, die AfD w&uuml;rde vor allem vom &bdquo;abgeh&auml;ngten Prekariat&ldquo; &ndash; vorzugsweise im Osten &ndash; gew&auml;hlt. Erst vor kurzem <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2023-08\/afd-waehler-politik-paradox-ostdeutschland\/komplettansicht\">griff auch DIW-Chef Marcel Fratzscher<\/a> auf dieses Klischee zur&uuml;ck, um zu belegen, dass AfD-W&auml;hler gegen ihre eigenen Interessen w&auml;hlten,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104746\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":104747,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[197,107,123],"tags":[1616,480,1908,550,3424,2332],"class_list":["post-104746","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-afd","category-audio-podcast","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-bundeszentralelandeszentrale-fuer-politische-bildung","tag-forsa","tag-fratzscher-marcel","tag-iw","tag-soziooekonomischer-status","tag-volkspartei"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Shutterstock_1170416200.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104746","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=104746"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104746\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104966,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104746\/revisions\/104966"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/104747"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=104746"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=104746"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=104746"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}