{"id":104841,"date":"2023-10-08T14:00:47","date_gmt":"2023-10-08T12:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104841"},"modified":"2023-10-09T01:40:58","modified_gmt":"2023-10-08T23:40:58","slug":"die-erschoepfte-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104841","title":{"rendered":"Die ersch\u00f6pfte Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>F&uuml;hlen Sie sich bisweilen ersch&ouml;pft, &uuml;berfordert und ausgelaugt? Dann liegen Sie damit im Trend, meint unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong>. Er hat sich Gedanken dar&uuml;ber gemacht, was die Ursache f&uuml;r die gesellschaftliche Ersch&ouml;pfung ist.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8055\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-104841-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231006-erschoepfte-Gesellschaft-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231006-erschoepfte-Gesellschaft-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231006-erschoepfte-Gesellschaft-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231006-erschoepfte-Gesellschaft-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=104841-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231006-erschoepfte-Gesellschaft-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231006-erschoepfte-Gesellschaft-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Das Rheingold Institut in K&ouml;ln betreibt tiefenpsychologische Marktforschung und bietet seinen Kunden &bdquo;unverf&auml;lschte Einblicke&ldquo; in die seelischen Zusammenh&auml;nge von Konsumenten. Mit anderen Worten: Dort wird Deutschland regelm&auml;&szlig;ig tiefenpsychologisch durchleuchtet. Schon f&uuml;r das Jahr 2013 diagnostizierte der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer und Mitbegr&uuml;nder des Rheingold Institutes, der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Stephan Gr&uuml;nwald, dass Deutschland eine ersch&ouml;pfte Gesellschaft sei. Dementsprechend hie&szlig; sein 2013 erschienenes Buch auch &bdquo;Die ersch&ouml;pfte Gesellschaft&ldquo;. <\/p><p>Einige Jahre zuvor, im Jahr 2010, diagnostizierte der deutsch-koreanische Philosoph Byung-Chul Han bereits eine &bdquo;M&uuml;digkeitsgesellschaft&ldquo;. Ich wage mal die These: Am Zustand der Ersch&ouml;pfung unserer Gesellschaft hat sich nichts in Richtung einer Abnahme dieser Ersch&ouml;pfung ge&auml;ndert, eher nahm die Ersch&ouml;pfung noch zu. Wohl jeder wird in seinem sozialen Umfeld oder an sich selbst Zust&auml;nde von Ersch&ouml;pfung und Resignation beobachtet haben. Dies l&auml;sst sich auch statistisch belegen. Der Fehlzeiten-Report 2022 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK stellt fest: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Zwischen 2012 und 2021 haben sich die Arbeitsunf&auml;higkeitstage aufgrund der Diagnosegruppe Z73 (das ist die Diagnose &bdquo;Burnout&ldquo;; UB) je 1.000 AOK-Mitglieder von 92,2 auf 141,8 Tage um mehr als 50 % erh&ouml;ht. Im Jahr 2021 stiegen die Arbeitsunf&auml;higkeitstage je 1.000 AOK-Mitglieder im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittich 10,1 Tage an. (&hellip;) Alters- und geschlechtsbereinigt hochgerechnet auf die mehr als 36 Mio. gesetzlich krankenversicherten Besch&auml;ftigten bedeutet dies, dass ca. 194.000 Menschen mit insgesamt 4,8 Mio. Fehltagen im Jahr 2021 wegen eines Burnouts krankgeschrieben wurden&ldquo; (<a href=\"https:\/\/www.wido.de\/fileadmin\/Dateien\/Dokumente\/Publikationen_Produkte\/Buchreihen\/Fehlzeitenreport\/wido_fzr2022_verantwortung_u_gesundheit_krankheitsbed_fehlzeiten_2021.pdf\">S. 346 des Reports<\/a>)\n<\/p><\/blockquote><p>Und die Burnout-Erkrankten stellen aller Wahrscheinlichkeit nur die Spitze des Eisbergs dar. Viele Menschen bewegen sich am Limit ihrer Leistungsm&ouml;glichkeiten. In Krankenh&auml;usern arbeitet ein nicht unbetr&auml;chtlicher Teil des &auml;rztlichen und pflegerischen Personals nicht mehr in Vollzeit oder k&uuml;ndigt und wechselt in andere Berufe (siehe dazu den Bericht des <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/panorama_die_reporter\/Pflegenotstand-Wir-kuendigen,sendung1269248.html\">NDR-Magazins Panorama<\/a>), weil sie den Druck nicht mehr aushalten k&ouml;nnen. <\/p><p>Und nicht ohne Grund ist die seit einigen Jahren m&ouml;gliche Rente mit 63 (statt bis zum Alter von 67 durchzuarbeiten) sehr beliebt. Allein in meinem sozialen Umfeld kenne ich mehrere Menschen, die fr&uuml;her in Rente gegangen sind, obwohl sie daf&uuml;r Abschl&auml;ge in Kauf nehmen mussten. Meine langj&auml;hrige Haus&auml;rztin ist mit 59 Jahren in Rente gegangen. Sie hatte es zwar nicht gesagt, aber ich vermute: Sie und ihr Mann (mit dem sie gemeinsam die Praxis betrieb) hatten die immer mehr b&uuml;rokratisch verkomplizierte &auml;rztliche Arbeit und die enorme Arbeitsbelastung einfach satt. <\/p><p>Zusammengefasst kann man es meines Erachtens als Fakt betrachten: In unserer Gesellschaft breiten sich Ersch&ouml;pfung und Niedergeschlagenheit aus. Und jetzt die 1000-Euro-Frage: Woran liegt das? <\/p><p><strong>Was ersch&ouml;pft die Gesellschaft?<\/strong><\/p><p>Der deutsch-koreanische Philosoph Byung-Chul Han sieht die Ursache daf&uuml;r unter anderem darin, dass unsere Gesellschaft sich von einer repressiven Disziplinargesellschaft zu einer modernen Leistungsgesellschaft gewandelt habe, in der die Menschen sich selbst antreiben: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die systemerhaltende Macht der Disziplinar- und Industriegesellschaft war repressiv. Fabrikarbeiter wurden durch Fabrikeigent&uuml;mer brutal ausgebeutet. So f&uuml;hrte die gewaltsame Fremd-Ausbeutung der Fabrikarbeiter zu Protesten und Widerst&auml;nden. M&ouml;glich war hier eine Revolution, die das herrschende Produktionsverh&auml;ltnis umst&uuml;rzen w&uuml;rde. In diesem repressiven System sind sowohl die Unterdr&uuml;ckung als auch die Unterdr&uuml;cker sichtbar. Es gibt ein konkretes Gegen&uuml;ber, einen sichtbaren Feind, dem der Widerstand gilt.&ldquo; (Han, Byung-Chul: Warum heute keine Revolution m&ouml;glich ist, <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/neoliberales-herrschaftssystem-warum-heute-keine-revolution-moeglich-ist-1.2110256\">sueddeutsche.de, 3. September 2014<\/a>.\n<\/p><\/blockquote><p>Die heutige Gesellschaft aber sei anders:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Hier ist die systemerhaltende Macht nicht mehr repressiv, sondern seduktiv, das hei&szlig;t verf&uuml;hrend. Sie ist nicht mehr so sichtbar wie in dem disziplinarischen Regime. Es gibt kein konkretes Gegen&uuml;ber mehr, keinen Feind, der die Freiheit unterdr&uuml;ckt und gegen den Widerstand m&ouml;glich w&auml;re. Der Neoliberalismus formt aus dem unterdr&uuml;ckten Arbeiter einen freien Unternehmer, einen Unternehmer seiner selbst. Jeder ist heute ein selbstausbeutender Arbeiter seines eigenen Unternehmens. Jeder ist Herr und Knecht in einer Person. Auch der Klassenkampf verwandelt sich in einen Kampf mit sich selbst. Wer heute scheitert, beschuldigt sich selbst und sch&auml;mt sich. Man problematisiert sich selbst statt die Gesellschaft.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Han sieht also einen wichtigen Grund f&uuml;r die &bdquo;M&uuml;digkeitsgesellschaft&ldquo;, wie er seinen ber&uuml;hmten Essay nannte, darin, dass der Neoliberalismus unser Denken ver&auml;ndert hat und wir in uns selbst nach Fehlern oder Defiziten suchen. Das ist einerseits richtig. Dazu gleich weiter unten noch mehr. Aber das &bdquo;mentale Problem&ldquo;, dass man sich f&uuml;r seine Lebenskonflikte nun selbst verantwortlich macht, ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist, dass im Zuge der Durchsetzung der neoliberalen Ideologie eben auch ganz konkrete politische Entscheidungen durchgesetzt wurden, die die Gesellschaft und das Leben darin erheblich ver&auml;nderten. <\/p><p><strong>Was j&uuml;ngere Menschen nicht mehr wissen<\/strong><\/p><p>Die meisten j&uuml;ngeren Menschen werden es wahrscheinlich nicht wissen und k&ouml;nnen es sich vielleicht nicht mal mehr vorstellen, weil sie anderes gew&ouml;hnt sind: Die Telekom und die Deutsche Post\/DHL waren mal ein einziges staatliches Unternehmen &ndash; ein Unternehmen, das von Beamten gef&uuml;hrt wurde und ordentlich Gewinn machte. Zur Zeit der staatlichen Post hatte diese wesentlich mehr Mitarbeiter und einen wesentlich besseren Service (So gab es zum Beispiel viel mehr Briefk&auml;sten, die sp&auml;ter geleert wurden &ndash; und die eingeworfenen Briefe wurden im Regelfall trotzdem am Folgetag zugestellt). Die Mitarbeiter hatten gute Arbeitsbedingungen und L&ouml;hne. Das Management bestand aus Beamten im Postministerium mit normalen Beamtengeh&auml;ltern. Manager mit Millionengeh&auml;ltern und Aktion&auml;re, die die Gewinne einstreichen, gab es nicht. Wie sieht es heute aus? Dazu ein Beispiel aus meinem Heimatland Niedersachsen. Der <em>NDR<\/em> <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/niedersachsen\/Glasfaser-Ausbau-Buendnis-setzt-sich-fuer-Erhalt-der-Foerderung-ein,glasfaser222.html\">meldete<\/a> am 29. September Folgendes: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das Land Niedersachsen will die F&ouml;rderung f&uuml;r den Breitbandausbau streichen. Dagegen formiert sich Widerstand: Ein B&uuml;ndnis aus Landwirtschaft, Sportvereinen, Kommunen und Unternehmen warnt vor den Folgen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Breitbandausbau durch die privaten Telekommunikationsfirmen kommt seit Jahren nur schleppend voran, obwohl er von der &Ouml;ffentlichen Hand bezuschusst wurde. Ich bin mir ziemlich sicher: H&auml;tten wir noch eine staatliche, gemeinwohlorientierte Telekommunikation, h&auml;tten wir ein wesentlich besseres Netz, das auch wesentlich billiger erstellt worden w&auml;re. <\/p><p>Das gleiche Ph&auml;nomen findet man in allen Ecken der Gesellschaft, in denen zuvor staatlich oder &ouml;ffentlich erbrachte Leistungen privatisiert wurden, zum Beispiel beim Autobahnbau (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45497\">siehe dazu einen Bericht der NachDenkSeiten<\/a>). Ein weiteres Beispiel ist der Schulbau in Berlin (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55337\">siehe dazu auf den NachDenkSeiten<\/a>). Oder die marode Deutsche Bahn, die f&uuml;r den B&ouml;rsengang &bdquo;fit&ldquo; gemacht werden sollte &ndash; was dazu f&uuml;hrte, dass mehrere Tausend Kilometer Schienenstrecke in Deutschland stillgelegt wurden und viel Geld im Ausland in angeblich profitable Verkehrsunternehmen investiert wurde. Die Folge: Zugfahren ist heutzutage sehr anstrengend, weil die Deutsche Bahn nicht ann&auml;hernd so funktioniert, wie sie funktionieren m&uuml;sste &ndash; und wie es durchaus m&ouml;glich w&auml;re, wenn sie gemeinwohlorientiert gef&uuml;hrt w&uuml;rde. Das Gegenbeispiel ist die Schweizer Bahn, die hervorragend funktioniert und eine echte Alternative zum Auto ist. Aber in Deutschland gilt inzwischen: Um p&uuml;nktlich irgendwo anzukommen, sollte man einen gro&szlig;en zus&auml;tzlichen Zeitkorridor einplanen. Oder, letztes Beispiel, die Krankenh&auml;user, die durch die neoliberale &Ouml;konomisierung und Profitorientierung heruntergewirtschaftet wurden. Worunter alle leiden: Patienten, Pfleger und &Auml;rzte. Nicht wenige Menschen haben deshalb heutzutage Angst davor, sich im Krankenhaus behandeln lassen zu m&uuml;ssen. <\/p><p><strong>&bdquo;Reform ist, wenn alles immer schlechter wird&ldquo;<\/strong><\/p><p>Es ist immer dasselbe: Durch Privatisierungen werden gesellschaftlich notwendige Leistungen, die zuvor von der &ouml;ffentlichen Hand erbracht wurden, teurer, schlechter und ineffizienter. Und kleine Cliquen (Management und Aktion&auml;re) profitieren. Eine Karikatur aus den Neunzigerjahren in der <em>Frankfurter Rundschau<\/em> (damals war das noch eine linke Tageszeitung) brachte dies gut auf den Punkt: Man sieht ein Klassenzimmer mit Sch&uuml;lern und der Lehrerin. Diese hat an die Tafel eine Frage geschrieben: &bdquo;Reform &ndash; Was ist das?&ldquo; Ein Sch&uuml;ler antwortet: &bdquo;Reform ist, wenn alles immer schlechter wird.&ldquo; Dieser Satz bringt exakt neoliberale Politik auf den Punkt. <\/p><p>Diese Art von &bdquo;Reformen&ldquo; hat Folgen und ver&auml;ndert das allt&auml;gliche Leben. Ohne Anspruch auf Vollst&auml;ndigkeit nenne ich hier mal einige Beispiele f&uuml;r Fehlentwicklungen, die durch die neoliberale Politik der letzten Jahrzehnte verursacht wurden:<\/p><ul>\n<li>Der extreme Mangel an Wohnungen und die damit zusammenh&auml;ngende Existenzangst f&uuml;r viele Menschen. Dazu geh&ouml;rt auch die extreme Verteuerung am Wohnungsmarkt, die dazu f&uuml;hrt, dass selbst f&uuml;r Gutverdiener Wohnungen unbezahlbar werden k&ouml;nnen.<\/li>\n<li>Niedrigl&ouml;hne (vermutlich eine wesentliche Ursache f&uuml;r den Fachkr&auml;ftemangel).<\/li>\n<li>Angst vor Altersarmut, da das Rentensystem ruiniert wurde, um der Versicherungsindustrie milliardenschwere Profite zuzuschanzen.<\/li>\n<li>Krankenh&auml;user, die mehr schlecht als recht funktionieren und unter Personalmangel leiden.<\/li>\n<li>Einen Termin beim Arzt zu bekommen, kann Monate dauern (habe ich nicht nur einmal selbst erlebt).<\/li>\n<li>V&ouml;llig &uuml;berforderte Schulen.<\/li>\n<li>Die Migrationskrise, die zu einer Forcierung des Wohnungsmangels f&uuml;hrt und zu einer erheblichen &Uuml;berforderung von Kommunen, Schulen und anderen Einrichtungen und Beh&ouml;rden.<\/li>\n<\/ul><p>Diese Aufz&auml;hlung erhebt wie gesagt keinen Anspruch auf Vollst&auml;ndigkeit. Sie soll nur eines veranschaulichen: dass der normale Alltag f&uuml;r viele Menschen anstrengend, &uuml;berfordernd und nervenzehrend geworden ist. Und dass eine ersch&ouml;pfte und frustrierte Gesellschaft nicht nur, aber zu einem erheblichen Teil durch neoliberale Politik verursacht wird. Und dass diese Ideologie partei&uuml;bergreifend betrieben wird. Wir haben sozusagen eine neoliberale Querfront von links nach rechts &ndash;&nbsp;einer der Gr&uuml;nde, warum W&auml;hler der AfD eines Tages ein b&ouml;ses Erwachen erleben k&ouml;nnten. <\/p><p><strong>Warum gab es keinen Aufstand gegen die neoliberale Politik?<\/strong><\/p><p>Aber wie war das alles m&ouml;glich? Warum gab es keinen Aufstand gegen die neoliberale Politik? Neben der vielf&auml;ltigen politischen und medialen Propagandama&szlig;nahmen (man denke zum Beispiel an die &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo;) ist Manipulation ein nicht zu untersch&auml;tzender Grund daf&uuml;r, dass die neoliberale Ideologie &uuml;ber den Umweg des Privatlebens in den K&ouml;pfen der Menschen verankert werden konnte &ndash; mit Selbstoptimierungs-, Erfolgs- und Gl&uuml;cksstrategien. Dadurch fand das entpolitisierte, individualisierende Denken (&bdquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied&ldquo;) Einzug in die K&ouml;pfe der Menschen. <\/p><p>Dazu geh&ouml;rt auch die Illusion der Kontrolle, die mit Bestsellertiteln wie &bdquo;Die Entscheidung liegt bei dir&ldquo; den Menschen vermittelt wird. Solche Titel suggerieren: &bdquo;Wenn du dich anstrengst und wenn du die richtige Strategie anwendest, dann kann du alles erreichen und genauso leben, wie du leben willst.&ldquo; Diese Illusion ist deshalb so attraktiv, weil sie narzisstische Allmachts- und Grandiosit&auml;tsphantasien befl&uuml;gelt und das Selbstwertgef&uuml;hl steigert &ndash; aber auch Menschen regelrecht krank machen kann, wenn sie daran glauben und erleben m&uuml;ssen, dass diese Strategien nicht den gew&uuml;nschten Erfolg bringen (Siehe dazu das Buch &bdquo;Positives Denken macht krank?! Vom Schwindel mit gef&auml;hrlichen Erfolgsversprechen&ldquo; von G&uuml;nter Scheich). <\/p><p>Wer diese Erfolgs- und Selbstoptimierungsideologien verinnerlicht hat, f&uuml;r den sind die bestehenden gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse etwas Selbstverst&auml;ndliches, sozusagen die nat&uuml;rliche Form des Lebens, und kein von Menschen hergestellter Zustand. Aus dieser Perspektive denkt man nicht mehr in kritischer Weise &uuml;ber gesellschaftliche Zust&auml;nde und Machtverh&auml;ltnisse nach, sondern nur noch dar&uuml;ber, was man als Einzelner tun kann oder muss, um sein Gl&uuml;ck zu schmieden. Eine der popul&auml;rsten Strategien dabei ist: Achtsamkeit. <\/p><p><strong>Achtsamkeit &ndash; Die Spiritualit&auml;t des Kapitalismus<\/strong><\/p><p>Ronald Purser, Professor f&uuml;r Management an der San Francisco State University und selbst ordinierter buddhistischer Lehrer, hat dazu ein aufschlussreiches Buch geschrieben (&bdquo;Wie Achtsamkeit die neue Spiritualit&auml;t des Kapitalismus wurde&ldquo;), in dem er mit dem beliebten Trend zur &bdquo;Achtsamkeit&ldquo; als Mittel zum Stressabbau abrechnet. Er vertritt die These, dass Achtsamkeit zu einer banalen Form von Spiritualit&auml;t im Kapitalismus verkommen sei und dem Neoliberalismus den Weg ebne. Purser beleuchtet in seinem Buch, wie Konzerne, Schulen, Regierungen und das Milit&auml;r sich Achtsamkeit als Mittel f&uuml;r soziale Kontrolle und Ruhigstellung angeeignet haben, und hinterfragt das dazugeh&ouml;rige Narrativ, nach dem Stress vor allem selbstgeschaffen und eigenst&auml;ndig l&ouml;sbar sei &ndash; und Achtsamkeit ein Allheilmittel dabei. <\/p><p><strong>Was also tun?<\/strong><\/p><p>Meines Erachtens ist es f&uuml;r eine politische und gesellschaftliche Umkehr notwendig, immer wieder die neoliberale Ideologie hinter den konkreten Politiken zu thematisieren. Ich vermute, auch die AfD w&uuml;rde schnell wieder an Zustimmung verlieren, wenn deren Anh&auml;nger sich bewusst w&uuml;rden, dass die AfD eine zutiefst neoliberale Partei ist. <\/p><p>Zweitens m&uuml;ssten die Asozialit&auml;t und das Antidemokratische an der neoliberalen Ideologie, die bei Weitem nicht nur eine Wirtschaftsideologie ist, immer wieder herausgearbeitet und sichtbar gemacht werden. Und nat&uuml;rlich m&uuml;ssen die Parteien massiv f&uuml;r ihre neoliberale Politik kritisiert werden. Das k&ouml;nnte zum Beispiel bedeuten, dass man CDU-Politiker damit konfrontiert, dass christliche Werte nicht mit einer asozialen, rein &ouml;konomisch orientierten neoliberalen Politik vereinbar sind &ndash; und die Christdemokraten daran erinnert, was einst Jesus laut Bibel sagte: &bdquo;Eher geht ein Kamel durch ein Nadel&ouml;hr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.&ldquo; (Markus 10,25 und in Matth&auml;us 19,24 und Lukas 18,25).<\/p><p><strong>Literatur zum Thema:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Udo Brandes: Wenn die Jagd nach Erfolg das Leben zur H&ouml;lle macht, Amazon 2023.<\/li>\n<li>Stephan Gr&uuml;nwald, Die ersch&ouml;pfte Gesellschaft, Campus-Verlag 2013.<\/li>\n<li>Byung-Chul Han: M&uuml;digkeitsgesellschaft, Matthes &amp; Seitz Berlin, 1. Edition, 2010.<\/li>\n<li>Ronald E. Purser: Wie Achtsamkeit die neue Spiritualit&auml;t des Kapitalismus wurde, Mabuse Verlag 2021. <\/li>\n<li>G&uuml;nter Scheich: Positives Denken macht krank?!; Vom Schwindel mit gef&auml;hrlichen Erfolgsversprechen, Dr. Scheich-Verlag 2013.<\/li>\n<\/ul><p><small>Titelbild: Stokkete\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/018b13aa7eb042f280e311c4e2071f8b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F&uuml;hlen Sie sich bisweilen ersch&ouml;pft, &uuml;berfordert und ausgelaugt? Dann liegen Sie damit im Trend, meint unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong>. Er hat sich Gedanken dar&uuml;ber gemacht, was die Ursache f&uuml;r die gesellschaftliche Ersch&ouml;pfung ist.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":104842,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,205,143],"tags":[1448,2824,909,2373,301],"class_list":["post-104841","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-privatisierung-oeffentlicher-leistungen","tag-burnout","tag-individualismus","tag-kapitalismus","tag-leistungsdruck","tag-rentenalter"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/shutterstock_426865246-1.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104841","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=104841"}],"version-history":[{"count":37,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104841\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104957,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104841\/revisions\/104957"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/104842"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=104841"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=104841"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=104841"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}