{"id":104995,"date":"2023-10-11T10:00:51","date_gmt":"2023-10-11T08:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104995"},"modified":"2023-10-11T11:20:19","modified_gmt":"2023-10-11T09:20:19","slug":"das-pulverfass-balkan-und-die-historischen-hintergruende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104995","title":{"rendered":"Das Pulverfass Balkan und die historischen Hintergr\u00fcnde"},"content":{"rendered":"<p>Der post-jugoslawische Raum, auch als West-Balkan (hier plus Albanien) bezeichnet, kommt nicht zur Ruhe. Vor wenigen Tagen kam es erneut zu einer blutigen Auseinandersetzung zwischen Kosovo-Albanern und Serben im Kosovo. Vier Menschen kamen im Laufe der Feuergefechte ums Leben. Das Kosovo ist und bleibt einer der zentralen Z&uuml;ndschn&uuml;re in dem balkanischen Pulverfass. Dass die Situation zwischen Serben und Albanern, zwischen Serbien und der abtr&uuml;nnigen Provinz Kosovo nicht nur weiter schwelt, sondern auch wieder dabei ist zu explodieren, ist auch auf die geopolitische Gro&szlig;wetterlage zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Von <strong>Dr. Alexander S. Neu<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9699\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-104995-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231009-Pulverfass-Balkan-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231009-Pulverfass-Balkan-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231009-Pulverfass-Balkan-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231009-Pulverfass-Balkan-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=104995-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231009-Pulverfass-Balkan-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231009-Pulverfass-Balkan-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Auch der Balkan steht, wie eigentlich seit Jahrhunderten, im Visier des Kampfes um die Einflusszonen der Gro&szlig;m&auml;chte. In der Phase des gegenw&auml;rtigen globalen Interregnums, der instabilen, ja geradezu gef&auml;hrlichen &Uuml;bergangsphase von der unipolaren westlichen hin zur multipolaren Weltordnung w&auml;chst der Druck auf das neutrale Serbien durch die rivalisierenden Gro&szlig;m&auml;chte (der Westen einerseits und Russland und China andererseits) immens. Die s&uuml;dserbische Provinz Kosovo spielt hierbei erneut eine explosive Rolle.<\/p><p>Was aber ist der zentrale Grund f&uuml;r den &bdquo;Unwillen&ldquo; der s&uuml;dslawischen V&ouml;lker zu einer umfassenden Integration hin zu einem gemeinsamen Staat sowie einer gemeinsamen s&uuml;dslawischen Identit&auml;t? Verk&uuml;rzt formuliert: Sie sind es &ndash; historisch betrachtet &ndash; nicht gewohnt, in einem gr&ouml;&szlig;eren Identit&auml;tsrahmen gemeinsam zu leben, sich als gleichberechtigt zu betrachten und Interessenkonflikte ausschlie&szlig;lich durch Verhandlungen zu l&ouml;sen. Denn: Der Balkan war und ist das europ&auml;ische Schachbrett imperialistischer Gro&szlig;m&auml;chte. Diese Gro&szlig;m&auml;chte respektive Besatzungsm&auml;chte haben in ihrer langen Geschichte auf dem Balkan eine eigenst&auml;ndige gemeinsame Identit&auml;tsbildung als Grundlage einer gemeinsamen Staats- und Nationenbildung erheblich erschwert oder sogar verhindert.<\/p><p><strong>Der Balkan im Fadenkreuz der Gro&szlig;m&auml;chte<\/strong><\/p><p>Die Stadt Konstantinopel (seit 1930 Istanbul) wurde 330 n. Chr. von Kaiser Konstantin gegr&uuml;ndet. Das riesige R&ouml;mische Reich erhielt damit zwei Zentren: Neben Rom, das das westr&ouml;mische Reich darstellte, wurde die Stadt am Bosporus &ndash; Konstantinopel &ndash; zum Machtzentrum des ostr&ouml;mischen Reiches. Die V&ouml;lker zwischen Konstantinopel und der Adria wurden somit dem R&ouml;mischen Reich unterworfen.<\/p><p>Mit der gewaltsamen Expansion des Osmanischen Reiches auf den Balkan bis vor die Tore Wiens (Schlacht auf dem Kosovo Polje 1389 in Serbien und Eroberung Konstantinopels 1453) war das staatliche und auch nationale Schicksal der Balkanv&ouml;lker f&uuml;r viele Jahrhunderte besiegelt: Neben der politischen und &ouml;konomischen Besatzung wurde der Balkan auch mit einer au&szlig;ereurop&auml;ischen fremden Kultur und Religion, dem Islam, konfrontiert. Die slawischen Muslime in Kroatien, Bosnien, Serbien, Makedonien und Bulgarien sowie die &uuml;berwiegend zum Islam konvertierten Albaner oder auch manche Rum&auml;nen und Moldawier bzw. dort sesshaft verbliebene T&uuml;rken sind das Erbe des Osmanischen Reiches. Zwar praktizierte das Osmanische Reich keine Zwangskonvertierung der christlichen Balkanv&ouml;lker, aber in manchen Regionen der oben genannten L&auml;nder konvertierte die Bev&ouml;lkerung gruppenweise zum Islam, womit sie dann als Teil der islamischen Gemeinschaft gegen&uuml;ber den christlich verbliebenen V&ouml;lkern privilegiert waren. Insbesondere im urbanen Bereich fand dieser &Uuml;bertritt vom Christentum zum Islam statt, weshalb in Bosnien beispielsweise die muslimische Bev&ouml;lkerung eher in den St&auml;dten, die kroatische und serbische eher im l&auml;ndlichen Raum lebt(e). Und genau genommen handelt es sich bei den muslimischen Volksgruppen eben nicht um ein anderes Volk oder eine andere Ethnie, sondern lediglich um eine andere Religionsgruppe. Daher ist die s&uuml;dslawische Sprache bei allen mehr oder minder ausgepr&auml;gten Dialektunterschieden eben eine Sprachfamilie.<\/p><p>Angesichts der schrittweisen r&auml;umlichen Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des Osmanischen Reiches durch &Ouml;sterreich und sp&auml;ter die habsburgische Doppelmonarchie (K.-u.-K.-Monarchie &Ouml;sterreich-Ungarn) bekamen der Balkan und Teile Osteuropas bis in die Westukraine neben dem Osmanischen Reich eine neue, eine zweite, aber zumindest kulturell nahestehende &bdquo;Ordnungsmacht&ldquo;. Aber auch diese erschwerte die nationale Identit&auml;tsbildung, wenn diese auch nicht mehr g&auml;nzlich zu unterdr&uuml;cken war. Mit der Niederlage des Osmanischen Reiches in den beiden Balkan-Kriegen 1912 und 1913 verschwand diese &bdquo;Ordnungsmacht&ldquo; vom Balkan. Kurz darauf f&uuml;hrte auch die Niederlage des Deutschen Reiches und der K.-u.-K.-Monarchie im Ersten Weltkrieg zur Aufl&ouml;sung der K.-u.-K.-Monarchie. Das nationale Bewusstsein der unterdr&uuml;ckten V&ouml;lker der beiden kollabierenden &bdquo;Ordnungsm&auml;chte&ldquo; konnte sich buchst&auml;blich &uuml;ber Nacht frei entfalten. Im Ergebnis kam es zu einer gewaltigen Ver&auml;nderung der Landkarte Osteuropas und vor allem S&uuml;dosteuropas. Die ost- und s&uuml;dosteurop&auml;ischen V&ouml;lker, die seit dem 19. Jahrhundert zunehmend ihre eigene nationale Identit&auml;t aufzubauen begannen, schufen sich aus der Erbmasse der K.-u.-K.-Monarchie und des Osmanischen Reichs ihre eigenen Staaten.<\/p><p><strong>Jugoslawien &ndash; zwischen State-building, Nation-building und regionalem Nationalismus<\/strong><\/p><p>So wurde auch das s&uuml;dslawische &bdquo;K&ouml;nigreich der Serben, Kroaten und Slowenen&ldquo; 1918 ausgerufen. Anders, als die Bezeichnung zun&auml;chst nahelegt, waren auch Montenegro und Bosnien-Herzegowina Teil dieses Staates. Das heutige Makedonien geh&ouml;rte zu Serbien. Im Jahre 1929 wurde der Staat in das &bdquo;K&ouml;nigreich Jugoslawien&ldquo; umbenannt. Der Begriff Jugoslawien bedeutet nichts anderes als S&uuml;dslawien, der Staat der S&uuml;dslawen von Slowenien bis Makedonien. Bulgarien blieb allerdings hierbei au&szlig;en vor. Erstmals fanden die slawischen V&ouml;lker im westlichen Balkan zu einem eigenen souver&auml;nen Staat zusammen und befreiten sich von &auml;u&szlig;eren Einflussm&auml;chten. Das, was sie verband &ndash; weitgehend gemeinsame Sprache und Geschichte sowie die kulturelle N&auml;he bei allen kleineren Unterschieden im Einzelnen &ndash;, wurde fortan auch staatlich institutionalisiert. Allerdings wirkte sich der serbische Dominanzanspruch negativ auf den staatlichen Aufbau aus. Orientierten die Serben auf einen unitaristischen Staat mit einem serbischen Monarchen an der Spitze, so favorisierten die Kroaten und Slowenen eher eine f&ouml;derale Staatsstruktur. Anstatt diesen Widerspruch durch lange Verhandlungen und auch durch friedlichen Widerstand im Rahmen des gemeinsamen jugoslawischen Gesamtstaates zu Gunsten f&ouml;deraler Strukturen aufzul&ouml;sen, festigte er sich und wurde zur Zeitbombe der jugoslawischen Staatlichkeit.<\/p><p>Anti-jugoslawistisch gestimmte slowenische, kroatische und bosnische nationalistische Gruppierungen erhielten Zulauf. Schlimmer noch: Die slawischen Volksgruppen orientierten sich an ihren fr&uuml;heren Bestatzungsm&auml;chten. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Land kurzerhand vom Deutschen Reich zerschlagen. Der kroatische Faschist Ante Pavelic f&uuml;hrte durch Gnaden Adolf Hitlers den &bdquo;Unabh&auml;ngigen Staat Kroatien&ldquo;, dem auch Bosnien-Herzegowina und Teile der serbischen Vojvodina zugeordnet waren. Unter seiner Herrschaft wurden Serben, Juden, Roma, oppositionelle Kroaten und Muslime ins KZ Jasenovac verbracht und get&ouml;tet. Der serbisch-kroatische Brudermord sollte auch den Neustart Jugoslawiens unter Tito latent belasten. Die Vorbehalte wurden in den sp&auml;ten 1980er-Jahren wieder gesch&uuml;rt und traten Ende der 1980er, Anfang der 1990er erneut offen zutage &ndash; wieder mit Brudermord und Zerst&ouml;rung.<\/p><p><strong>Kosovo &ndash; Der Anfang vom Ende Tito-Jugoslawiens<\/strong><\/p><p>Das Ende Jugoslawiens begann in der s&uuml;dserbischen Provinz Kosovo in den fr&uuml;hen 1980er-Jahren mit einem nationalistischen Aufstand der Albaner 1981 &ndash; ein Jahr nach Titos Tod &ndash; in Pristina, der Hauptstadt der serbischen Provinz. Der Aufstand wurde letztlich durch die jugoslawischen und serbischen Sicherheitskr&auml;fte beendet. Infolgedessen verlor das Kosovo einen Gro&szlig;teil seiner durch die Verfassungsreform 1974 gewonnenen Autonomie an die serbische Mutterrepublik. Belgrad erkannte, dass die politische Autonomie des Kosovo den institutionellen Embryo f&uuml;r den albanischen Nationalismus und Irredentismus darstellte. Erschwerend f&uuml;r das Zusammenleben kommt hinzu, dass die Albaner im Gegensatz zu den &uuml;brigen V&ouml;lkern Jugoslawiens keine Slawen sind und somit keine gemeinsame kulturelle Grundlage vorhanden ist. (Zwar gibt es auch eine nicht-slawische ungarische Minderheit, diese war und ist jedoch weitgehend aufgrund ihrer kulturellen N&auml;he integriert.) Von Slowenien bis Makedonien, ja bis Bulgarien dominieren die Slawen die Balkanhalbinsel &ndash; sprachlich, kulturell und ethnisch miteinander eng verbunden. Die Albaner hingegen wollten faktisch nicht in den jugoslawischen Staat integriert werden. Sie spielten in der Selbstwahrnehmung immer eine Sonderrolle und wurden auch von den slawischen Jugoslawen als &bdquo;Fremdk&ouml;rper&ldquo; betrachtet.<\/p><p><strong>Die Verfassungsreform von 1974 als Sargnagel Jugoslawiens<\/strong><\/p><p>Die Reform der jugoslawischen Verfassung aus dem Jahre 1974 sollte den jugoslawischen Staat und die gemeinsame Identit&auml;t durch ein H&ouml;chstma&szlig; an interner Souver&auml;nit&auml;t der jugoslawischen Teilrepubliken festigen. Aber genau das Gegenteil geschah. Der f&ouml;deral strukturierte Gesamtstaat wurde durch die Verfassungsreform &uuml;berf&ouml;deralisiert. Die Gliedstaaten, mithin die jugoslawischen Republiken, erhielten eine Qualit&auml;t an interner Souver&auml;nit&auml;t, die faktisch die Bundesorgane schw&auml;chte und somit den institutionellen Zusammenhalt des jugoslawischen Gesamtstaates korrodieren lie&szlig; und dar&uuml;ber hinaus die gemeinsame jugoslawische Identit&auml;tsbildung eher schw&auml;chte als st&auml;rkte. Regional-nationalistische Egoismen dominierten zunehmend &uuml;ber den gesamtjugoslawischen Einheitsgedanken bis in die kommunistischen Parteien der Teilrepubliken. Die Nationalisten der diversen slawischen Volksgruppen versteckten sich gewisserma&szlig;en hinter dem albanischen Irredentismus, in dem sie die Serben mit der Aufl&ouml;sung der politischen Autonomie des Kosovos als Unterdr&uuml;cker der Albaner bezichtigten. Tats&auml;chlich ging es ihnen weniger um die Albaner des Kosovo als um ihre eigenen nationalistisch-sezessionistischen Ambitionen. Mit der Verfassungsreform wurden also dem sp&auml;teren Sezessionismus der Teilrepubliken T&uuml;r und Tor ge&ouml;ffnet &ndash; sie war der Sargnagel Jugoslawiens. Man k&ouml;nnte auch sagen: gut gemeint, aber schlecht gelaufen.<\/p><p><strong>Jugoslawien und seine Erbmasse als Schachbrett geopolitischer Interessen<\/strong><\/p><p>Die Zerschlagung des sozialistischen Jugoslawiens 1991\/92 fand erneut in Anlehnung der jeweiligen nationalistischen Kr&auml;fte an ihre Gro&szlig;m&auml;chte statt, die in ihrer Geschichte bereits &uuml;ber die Region geherrscht hatten: Slowenische und kroatische Nationalisten suchten im Westen (&Ouml;sterreich, Deutschland und den USA) erfolgreich nach Unterst&uuml;tzung, die bosnischen Muslime sahen in der T&uuml;rkei ihren Verb&uuml;ndeten, und die Serben sowie die jugoslawistischen Kr&auml;fte schauten nach Moskau. Wobei die Serben nicht auf den starken Partner Moskau setzen konnten, da die Sowjetunion sich selbst im Aufl&ouml;sungsprozess befand. Jedenfalls hielten die Serben mehrheitlich l&auml;nger an dem jugoslawischen Gesamtstaat fest als die &uuml;brigen &bdquo;Volksgruppen&ldquo; &ndash; auch weil sie am meisten durch den staatlichen Zerfall zu verlieren hatten. In fast allen jugoslawischen Teilrepubliken lebten mehr oder minder gro&szlig;e serbische Bev&ouml;lkerungsteile, denen das Schicksal drohte, am n&auml;chsten Tag in einem fremden Land aufzuwachen und dort angesichts des jeweiligen Nationalismus nicht erw&uuml;nscht zu sein. W&auml;hrend das State-building im ersten Jugoslawien zun&auml;chst gelang, scheiterte das Nation-building an der serbischen Dominanz und der brutalen Reaktion nationalistisch-faschistischer Kroaten. Im zweiten Jugoslawien, dem Tito-Jugoslawien, machte zwar das Nation-building erhebliche Fortschritte, aber die Zeit von 1945 bis 1990 reichte offenbar nicht aus, die gemeinsame Identit&auml;tsbildung hin zu einer jugoslawischen Nation unumkehrbar zu festigen. So nahm die Zerschlagung Jugoslawiens durch die Regionalnationalisten und bef&ouml;rdert durch ihre &auml;u&szlig;eren Unterst&uuml;tzer seine menschliche und zivilisatorische Trag&ouml;die &ndash; einschlie&szlig;lich der Massaker, die von allen Konfliktseiten in unterschiedlichen Ausma&szlig;en zu verantworten waren. Zweifellos stellte das Massaker von Srebrenica 1995, ver&uuml;bt von bosnischen Serben an Muslimen, den zivilisatorischen Tiefpunkt in dem Bruderkrieg dar.<\/p><p><strong>Interessenkonvergenz &ndash; Regionalnationalisten und Gro&szlig;m&auml;chte<\/strong><\/p><p>Die &auml;u&szlig;eren M&auml;chte unterst&uuml;tzten die Zerschlagung des jugoslawischen Gesamtstaates bis hin zum v&ouml;lkerrechtswidrigen NATO-Angriffskrieg auf die Bundesrepublik Jugoslawien, um nach dem Ende des Kalten Krieges auch in S&uuml;dosteuropa ihren Einfluss (wieder)herzustellen. Zwischen den Regionalnationalisten und den Gro&szlig;m&auml;chten gab es eine Interessen&uuml;bereinstimmung: Die Atomisierung des s&uuml;dslawischen Staates unter der missbr&auml;uchlichen Verwendung des Selbstbestimmungsrechts &ndash; &bdquo;teile und herrsche&ldquo; war also die politische Maxime. Denn: Der jugoslawische Staat war zwischen 1918 bis zu seiner ersten Zerschlagung 1941 und ab 1945 bis 1990 nicht nur formal, sondern auch politisch ein souver&auml;ner Staat &ndash; ein Staat, der tats&auml;chlich Subjekt und nicht Objekt der internationalen Politik gewesen ist. Diesen Status, den genau genommen nur Gro&szlig;m&auml;chte f&uuml;r sich faktisch beanspruchen k&ouml;nnen, war der klugen Neutralit&auml;tspolitik der jugoslawischen F&uuml;hrung unter Tito zu verdanken. Titos Jugoslawien geh&ouml;rte zu den Gr&uuml;ndungsmitgliedern der Organisation der &bdquo;Bewegung der Blockfreien Staaten&ldquo;. Auch das heutige Serbien, der Rechtsnachfolger Jugoslawiens, versucht durch eine Neutralit&auml;ts- und Schaukelpolitik zwischen dem Westen einerseits und Russland und China andererseits seine Souver&auml;nit&auml;t so weit wie m&ouml;glich abzusichern. Der Druck auf Serbien, sich in den euro-atlantischen Machtblock einzuordnen, hat mit dem Krieg in der Ukraine nochmals zugenommen. So lehnt Serbien bis heute, obschon EU-Aspirant und trotz wachsenden Drucks aus Washington und Br&uuml;ssel, die Verh&auml;ngung von Sanktionen gegen Russland ab. Alle post-jugoslawischen Teilrepubliken, bis auf Serbien und den Sonderfall Bosnien-Herzegowina, haben sich bzw. wurden euroatlantisch orientiert. Damit haben sie im Vergleich zu Serbien ihre souver&auml;nen Handlungsf&auml;higkeiten in erheblichem Ma&szlig;e eingeb&uuml;&szlig;t, zumal sie angesichts ihrer staatlichen Gr&ouml;&szlig;e (Staatsfl&auml;che, Einwohnerzahl und Wirtschaftsleistung) ohnehin nicht zu den Global Playern, ja nicht einmal zu den europ&auml;ischen Playern z&auml;hlen &ndash; im Gegensatz zum fr&uuml;heren Jugoslawien.<\/p><p>Bis heute bestimmt das fatale paternalistische Denken, wonach externe Gro&szlig;m&auml;chte als Paten regional-ethnischer Entit&auml;ten und deren Partikularinteressen fungieren sollen, die Politik der post-jugoslawischen V&ouml;lker &ndash; ganz so, als ob diese Gro&szlig;m&auml;chte ihre Machtprojektion in die Region kostenlos zur Verf&uuml;gung stellten. Nat&uuml;rlich tun sie das nicht. Solch ein Denken bedeutet nichts anderes als die selbst verschuldete, ja geradezu freiwillige Unterwerfung bzw. die freiwillige Unm&uuml;ndigkeit aus Mangel an Mut, selbstbestimmt zu handeln. Man k&ouml;nnte es auch in Anlehnung an Immanuel Kant als eine Absage an &bdquo;Sapere aude&ldquo; (&bdquo;Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen&ldquo;) bezeichnen.<\/p><p><strong>(West-)Balkan &ndash; ein geopolitischer und geokultureller Raum sui generis<\/strong><\/p><p>Die M&ouml;glichkeit, den West-Balkan in irgendeiner Weise zu reintegrieren, die Handlungssouver&auml;nit&auml;t und Unabh&auml;ngigkeit der Staaten zumindest ein St&uuml;ck weit zur&uuml;ckzuerlangen, erscheint diesem paternalistischem Gedankenkonstrukt fremd. Der Gedanke, dass der postjugoslawische Raum und dar&uuml;ber hinaus der Balkanraum weder Westen noch Orient noch eindeutig Osten sind, sondern ein Ph&auml;nomen sui generis, also eine eigene Kategorie bildend, wurde und wird weder politisch noch wissenschaftlich oder medial bei uns im Westen, aber auch nicht im Balkanraum selbst ernsthaft in Betracht gezogen. Dabei verk&ouml;rperte der jugoslawische Staat genau dieses Ph&auml;nomen sui generis. Kritiker des jugoslawischen Staates wenden ein, er sei gescheitert, da er ein k&uuml;nstliches Konstrukt sei. Nun, dass er gescheitert ist, ist offensichtlich. Aber das Argument eines &bdquo;k&uuml;nstlichen Konstruktes&ldquo; als Ursache des Scheiterns zu benennen, ist abenteuerlich. Und wenn Jugoslawien ein k&uuml;nstlicher Staat und aufgrund dessen nicht &uuml;berlebensf&auml;hig gewesen sein soll, dann tr&auml;fe diese Diagnose nicht minder auf Bosnien-Herzegowina, das &bdquo;Jugoslawien im Kleinen&ldquo;, zu. Im &Uuml;brigen ist jeder Staat ein soziales und somit von Menschen geschaffenes, mithin k&uuml;nstliches Produkt.<\/p><p>Tats&auml;chlich ist Jugoslawien an internen und externen Faktoren gescheitert, die ich oben ansatzweise ausgef&uuml;hrt habe. Aber auch die westlichen Staatsprojekte Bosnien-Herzegowina und das Kosovo sind faktisch gescheitert, weil die Interessengegens&auml;tze nicht ausger&auml;umt wurden. Vielmehr wurden diese durch die westliche Intervention sogar verfestigt, indem die Bev&ouml;lkerungsgruppen, die sich an den Westen anlehn(t)en, ihre Interessen weitgehend verfolgen k&ouml;nnen, w&auml;hrend serbische Interessen missachtet werden. Der Westen l&auml;sst sich seine beiden k&uuml;nstlich am Leben erhaltenen Protektorate einiges kosten &ndash; mit westlichen Subventionen (Steuergeldern) und milit&auml;rischer Pr&auml;senz. Die westliche Parteilichkeit ist wesentlich entscheidend daf&uuml;r, dass Serbien sich nicht wirklich dem Westen ann&auml;hert. Eine kluge westliche Politik w&uuml;rde anders vorgehen &ndash; eine kluge, wohlgemerkt.<\/p><p><strong>Reintegration des (West-)Balkans<\/strong><\/p><p>Ein Neuanfang, ein politisch und wirtschaftlich integrierter Balkanraum, wie auch immer die Integrationsdichte aussehen mag, w&auml;re eine Option, diese Ecke Europas zu stabilisieren. Und auch f&uuml;r die EU w&auml;re ein integrierter, stabiler und produktiver (West-)Balkan einem atomisierten Balkan mit Rentierstaateneigenschaften vorzuziehen. Denn die wirklichen Herausforderungen, wie die Bek&auml;mpfung der Klimakatastrophe und der damit verbundenen Zerst&ouml;rung ganzer Regionen auf der Welt, sind f&uuml;r Europa und den Globus objektiv gesehen wichtiger, als sich dem Bruderzwist auf dem Balkan zu widmen oder gar gewollt oder ungewollt zu bef&ouml;rdern, um fragw&uuml;rde geopolitische Sandkastenspielchen zu pflegen.<\/p><p>Dass es bei einem wie auch immer gearteten Reintegrationsprojekt des westlichen Balkans nicht ohne Interessenkonflikte gehen wird, liegt in der Natur der Sache. Aber genau diese m&uuml;ssen per Verhandlungen moderiert und aufgel&ouml;st, zumindest aber eingehegt werden &ndash; von diesen Akteuren f&uuml;r diese Akteure. Das ist eben Staatskunst. Auf diese Weise werden die Interessendivergenzen zwischen den deutschen Bundesl&auml;ndern ebenso wie die Interessenkonflikte in der EU moderiert. Und niemand k&auml;me auf die Idee, zu behaupten, die Interessenkonflikte zwischen Bayern und NRW bewiesen, der deutsche Gesamtstaat sei nicht funktionst&uuml;chtig. Und der Interessenausgleich in der f&ouml;deralen Struktur Deutschlands geschieht ganz ohne Einflussnahme externer &bdquo;Ordnungsm&auml;chte&ldquo;.<\/p><p>Dass Gro&szlig;m&auml;chte gerne ihre &bdquo;Unterst&uuml;tzung&ldquo; leisten wollen, entspricht ihrem Machtanspruch, eine Gro&szlig;region oder den Globus gem&auml;&szlig; ihren Interessen &bdquo;gestalten&ldquo; zu wollen bzw. die kleineren Staaten in ihre Abh&auml;ngigkeit zu bringen. Dass aber die Volksgruppen und Kleinstaaten diese Einmischung in dem naiven Glauben, davon zu profitieren, einfordern &ndash; sich mithin auf dem Silbertablett als Objekt der internationalen Machtpolitik pr&auml;sentieren &ndash; ist das eigentliche Problem. Es bringt die Menschen auf dem Balkan mittel- und langfristig indessen nicht weiter, sondern festigt ihre selbstverschuldete und dauerhafte Unm&uuml;ndigkeit. Es degradiert sie nur weiterhin zum Spielball externer Akteure.<\/p><p>Auch Deutschland fand durch einen langen und nicht immer konfliktfreien Prozess 1871 seine Staatlichkeit. Die deutsche Kleinstaaterei hatte ausgedient.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ shirmanov aleksey<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78780\">Der Balkan im Visier geopolitischer Rivalit&auml;ten. 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