{"id":105,"date":"2005-03-31T16:27:16","date_gmt":"2005-03-31T15:27:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=105"},"modified":"2016-03-15T18:04:49","modified_gmt":"2016-03-15T17:04:49","slug":"wie-der-spiegel-zu-dem-wurde-was-er-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105","title":{"rendered":"Wie &#8220;Der Spiegel&#8221; zu dem wurde, was er ist"},"content":{"rendered":"<p>Eine Biografie des Chefredakteurs erkl&auml;rt, warum vom Hamburger Nachrichtenmagazin kaum noch aufkl&auml;rerischer Journalismus zu erwarten ist: Oliver Gehrs, Der Spiegel-Komplex. Wie Stefan Aust das Blatt f&uuml;r sich wendete. Droemer Verlag.<br>\n<!--more--><br>\nEine repr&auml;sentative Studie der Forschungsgruppe Journalistik an der Universit&auml;t M&uuml;nster fand einmal heraus, dass zwei Drittel aller befragten Journalisten die Anregungen f&uuml;r ihre Arbeit aus dem Magazin &bdquo;Der Spiegel&ldquo; nehmen. Der &bdquo;Spiegel&ldquo; d&uuml;rfte von allen meinungsbildenden Bl&auml;ttern vermutlich das einflussreichste, sein Chefredakteur Stefan Aust also einer der wichtigsten Meinungsmacher dieses Landes sein. Doch wer ist dieser Mann, dem einige nachsagen, eigentlich gar keine Meinung, sondern nur ein H&auml;ndchen f&uuml;rs journalistische Gesch&auml;ft zu haben? Und wie ist aus dem ehemals Augstein&acute;schen &bdquo;Sturmgesch&uuml;tz der Demokratie&ldquo; die beliebige Allerweltsschleuder geworden, die die Mauern des Sozialstaates unter Dauerbeschuss nimmt? Der Medienjournalist Oliver Gehrs, selbst 1999 bis 2001 f&uuml;r das Hamburger Magazin t&auml;tig, hat das Leben Stefan Austs penibel recherchiert. Herausgekommen ist das Portr&auml;t eines flei&szlig;igen und begabten, zugleich machtbewussten und prinzipienlosen Journalisten, der sein F&auml;hnchen geradewegs so in den Wind des Zeitgeistes hing, dass er entweder provozieren oder gefallen konnte &ndash; jeweils im Dienst der Auflage und der Karriere. Ob er in den 60er Jahren in &bdquo;Konkret&ldquo; das Rezept f&uuml;r LSD verr&auml;t oder f&uuml;r die pornographischen &bdquo;St. Pauli Nachrichten&ldquo; gegen den Springer-Konzern agitiert: stets ist die Provokation berechnet und die Emp&ouml;rung einkalkuliert. Die &bdquo;linke B&uuml;gelfalte&ldquo;, dieser Spitzname sagt viel &uuml;ber den radikalen Publizisten, der gleichzeitig darauf achtet, dass redaktionsintern die Hackordnung gewahrt bleibt. Immer ganz oben: Stefan Aust. Beim NDR-Magazin &bdquo;Panorama&ldquo; macht der Umtriebige sich einen Namen mit seinen Reportagen, als Buchautor nutzt er seine Kontakte in die RAF-Szene. Mit &bdquo;Spiegel TV&ldquo; bot und bietet er den seri&ouml;sen Magazinen von ARD und ZDF Konkurrenz. Nachdem er gegen den Willen der Redaktion von Rudolf Augstein als Chefredakteur des &bdquo;Spiegel&ldquo; durchgesetzt wurde, zeigte sich, dass Aust auch hier erfolgreich war und ist. Das Blatt ist lukrativ &ndash; aber beliebig. Terrorismus und Hitler ziehen als Themen inzwischen mehr als zunehmende Verarmung oder regenerative Energien. Erst wurde das Dosenpfand bef&uuml;rwortet, heute macht sich der &bdquo;Spiegel&ldquo; dar&uuml;ber lustig. Der Berliner B&uuml;roleiter Gabor Steingart, der als wichtigster Mann hinter Aust gilt, regiert gro&szlig;e Teile der Redaktion nach dem Prinzip &bdquo;Teile und Herrsche&ldquo;. Wer sich je wunderte, warum unter gro&szlig;en &bdquo;Spiegel&ldquo;-Artikeln bis zu acht Autoren stehen, wei&szlig; jetzt, dass Steingart damit sicherstellen kann, dass zum Schluss immer seine eigene Meinung steht und die ist dezidiert neoliberal. Dabei sind Parteienpr&auml;ferenzen eigentlich egal. Ob Stoiber oder Schr&ouml;der im Wahljahr 2002 pr&auml;feriert wurden, hing jeweils damit zusammen, wer gerade in den Umfragen vorne lag. &bdquo;Immer &ouml;fter ist Goliath der Gute&ldquo;, so fasst ein Redakteur die Tendenz zusammen, die Topmanagern mehr Raum im Blatt einr&auml;umt als Vertretern von Randgruppen. Vom gro&szlig;en Geld sind Aust und Steingart ohnehin fasziniert. Austs Bewunderung f&uuml;r Ron Sommer f&uuml;hrte zu einer kritiklosen Bejubelung der Telekommunikationsbranche. Aber auch eigene Interessen wei&szlig; Stefan Aust in seinem Blatt gut aufgehoben. Er, der einst k&auml;mpferisch gegen die Atomkraft Stellung bezogen hatte, l&auml;sst heute gegen die Windenergie anschreiben, weil er in seiner n&auml;heren Umgebung keine Windkraftanlage haben m&ouml;chte. Hatte er fr&uuml;her den Springer-Konzern beschimpft, so &uuml;bt er l&auml;ngst den Schulterschluss &ndash; und das nicht nur beim Thema Rechtschreibreform. Ein negativer Artikel &uuml;ber die &bdquo;Bild-Zeitung&ldquo; im &bdquo;Spiegel&ldquo; ist heute kaum vorstellbar. Das Kuscheln mit Springer hat auch konkrete Hintergr&uuml;nde: schlie&szlig;lich wird dem Konzern gro&szlig;es Interesse im Fernsehbereich nachgesagt. Aust mit seinem Steckenpferd &bdquo;Spiegel TV&ldquo; w&auml;re da ein guter Partner. Und auch ein Dritter sitzt mit im gro&szlig;en Medienboot: Frank Schirrmacher, der FAZ-Herausgeber, kooperiert in vielerlei Hinsicht mit Aust, so bei gemeinsamen Interviews f&uuml;r FAZ und &bdquo;Spiegel TV&ldquo; oder dem Vorabdruck des &bdquo;Methusalem-Komplotts&ldquo; im &bdquo;Spiegel&ldquo;. <\/p><p>Der Leser dieses von Gehrs gl&auml;nzend geschriebenen Buches fragt sich, ob hier ein neues Meinungskartell entsteht. So wenig Stefan Aust eigene feste &Uuml;berzeugungen zu haben scheint, eines, so macht sein Biograph Oliver Gehrs deutlich, ist klar: &bdquo;Er (&bdquo;der Spiegel&ldquo;) passt in eine Zeit, wo links fast rechts ist und von der herrschenden Ideologie abweichende Haltungen selten sind, weil sie schnell unter Ideologieverdacht stehen. Stefan Aust wiederum hat sein Leben lang gegen die M&auml;chtigen angeschrieben, nun ist er selbst an der Stelle, wo er den Verlockungen der Macht erliegt.&ldquo; Die Redaktion des &bdquo;Spiegel&ldquo; mag nicht immer geschlossen hinter ihrem Chefredakteur stehen, aber gegen ihn wird sie sich nicht stellen &ndash; zumindest nicht, solange er wirtschaftlich so erfolgreich ist. Dazu verdienen &bdquo;Spiegel&ldquo;-Journalisten einfach zu gut. Die wenigen, die es gar nicht aushalten, ziehen die Konsequenz, und gehen. <\/p><p>Oliver Gehrs, Der Spiegel-Komplex. Wie Stefan Aust das Blatt f&uuml;r sich wendete. 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