{"id":10504,"date":"2011-08-19T15:47:44","date_gmt":"2011-08-19T13:47:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10504"},"modified":"2014-09-09T15:12:44","modified_gmt":"2014-09-09T13:12:44","slug":"appellieren-sie-an-ihre-medien-vor-allem-an-die-intendanten-von-ard-und-zdf-endlich-mit-dem-borsen-zirkus-aufzuhoren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10504","title":{"rendered":"Appellieren Sie an Ihre Medien, vor allem an die Intendanten von ARD und ZDF, endlich mit dem B\u00f6rsen-Zirkus aufzuh\u00f6ren"},"content":{"rendered":"<p>Die Schwankungen an den B&ouml;rsen sagen nahezu nichts &uuml;ber das Wohlergehen unserer Volkswirtschaften und sehr viel &uuml;ber das Verhalten gro&szlig;er Spekulanten. Etwa ab Mai haben diese ans Aussteigen gedacht, ab der zweiten H&auml;lfte des Juli steigen sie aus, die Kurse sinken, seit einigen Tagen rasant. Volkswirtschaftlich betrachtet ist dieser Vorgang ziemlich unbedeutend. Die Aktienb&ouml;rsen sind  ein Teilmarkt des Kapitalmarktes. Sie sind ein Markt f&uuml;r Verm&ouml;genswerte und um vieles unbedeutender als z.B. der Markt f&uuml;r die Produkte der Chemie oder des Maschinenbaus oder der &bdquo;Markt&ldquo; f&uuml;r Kranken- und Alterspflege. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nWo bleiben denn die ausf&uuml;hrlichen Berichte &uuml;ber die reale &Ouml;konomie zum Beispiel im Pflegebereich? Oder meinetwegen &uuml;ber den Maschinenbau, der f&uuml;r unsere Volkswirtschaft um mehrere Dimensionen wichtiger ist als der Aktienmarkt.<\/p><p>Dar&uuml;ber wird offensichtlich nicht berichtet, weil es dort den spielerischen Charakter des Spekulierens nicht gibt. Berichte &uuml;ber das Spielcasino der Finanzm&auml;rkte sind hingegen offenbar reizvoll. Vielleicht auch deshalb, weil die Damen und Herren Medienmacher auf den Aktienm&auml;rkten privat unterwegs sind. <\/p><p>Aber was hat das mit uns zu tun? Zum wiederholten Mal appellieren wir daran, diesen Unsinn einzustellen. Die B&ouml;rsennachrichten geh&ouml;ren nicht in die Aufmacher unserer Medien. Die B&ouml;rsenberichte geh&ouml;ren nicht in die beste Sendezeit.<\/p><p>Einer unserer ersten Artikel in der NachDenkSeiten, ein Beitrag vom 1.12.2003, besch&auml;ftigte sich schon mit den Geschehen an den B&ouml;rsen. Siehe den Anhang. Der Artikel stammt vom 23. Oktober 1999. Es war eine Kolumne im Vorw&auml;rts. Ich habe damals erkl&auml;rt, wie wenig die damals sprunghaft steigenden Aktienkurse &uuml;ber den Wohlstand eines Volkes aussagen, und ich habe erkl&auml;rt, wie sie zum Beispiel wesentlich von der &Ouml;ffentlichkeitsarbeit der Unternehmen abh&auml;ngen. Ich habe nichts zur&uuml;ckzunehmen. Vermutlich ist die Lekt&uuml;re dieses fr&uuml;heren Beitrags auch f&uuml;r Sie noch von Gewinn.<\/p><p>Die jetzigen Kursschwankungen und konkret die Kurseinbr&uuml;che der letzten Tage haben auch nicht unbedingt etwas mit Rezessions&auml;ngsten zu tun. In dieser Einsch&auml;tzung unterscheide ich mich etwas von Wolfgang Lieb, dessen <a href=\"?p=10492\">Artikel von heute<\/a> ich ausgesprochen informativ finde &ndash; eben mit Ausnahme der These in der &Uuml;berschrift, am Anfang und am Ende, dass die Rezession die Hauptursache des sinkenden Kurse sei. Das ist ein Teilelement, ohne Zweifel.<\/p><p>Zum wiederholten Male geben wir hier die Entwicklung des DAX wieder, heute in der Fassung von Spiegel online:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/dax-entwicklung-seit-1988.gif\" alt=\"Dax Entwicklung Seit 1988\" title=\"Dax Entwicklung Seit 1988\"><br>\nQuelle: Spiegel ONLINE<\/p><p>Es gibt im Verlauf der Entwicklung der DAX Kurse viele Bewegungen, die nichts oder wenig mit der realen Wirtschaftsentwicklung zu tun haben. Zum Beispiel war im M&auml;rz des Jahres 2000, also ein halbes Jahr nach Ver&ouml;ffentlichung meiner Kolumne, keine deutliche Rezession erkennbar und dennoch brachen die Kurse ein. Zum Beispiel sind die Kurse zwischen 2003 und 2007 quasi explodiert. Ich sehe in der damaligen realen Wirtschaftsentwicklung keine Basis f&uuml;r diesen Sprung. Genauso wenig zwischen 2009 und dem Mai 2011.<\/p><p>Die massiven Kursschwankungen sind eindeutig spekulationsgetrieben. Die Erwartung einer Rezession oder eines Aufschwungs oder auch nur die Propaganda f&uuml;r beides beeinflusst selbstverst&auml;ndlich dann auch solche Bewegungen. Der Kern aber ist das Spekulationsverhalten gro&szlig;er Zocker. Sie steigen rechtzeitig ein und steigen rechtzeitig aus und der Rest bleibt auf der Strecke.<\/p><p><strong>Anhang:<\/strong><\/p><p><a href=\"?p=27\">Titel: <strong>Luftbuchungen<\/strong><\/a><\/p><p>Datum: 1. Dezember 2003 um 11:15 Uhr<br>\nRubrik: Ver&ouml;ffentlichungen der Herausgeber<br>\nVerantwortlich: Albrecht M&uuml;ller<\/p><p><strong>Wie wenig steigende Aktienkurse &uuml;ber den Wohlstand eines Volkes aussagen.<\/strong><br>\nGegen den Strom. vorw&auml;rts.<\/p><p>An jedem Abend informiert uns das Fernsehen dar&uuml;ber, wie sich die Aktienkurse entwickelt haben; schon tags&uuml;ber wird man von mehreren Sendern auf dem laufenden gehalten; der Wirtschafts- und B&ouml;rsenteil meiner Regionalzeitung ist mit drei Seiten genauso lang wie der politische Teil; der Fernsehsender n-tv, l&auml;sst die neuesten Aktienkurse im Programm mitlaufen und seine Berichterstatter\/innen bekommen eine traurig-belegte Stimme, wenn sie Kursr&uuml;ckg&auml;nge vermelden. Man muss den Eindruck gewinnen, das deutsche Volk sei ein Volk von Aktienbesitzern und wir alle seien st&auml;ndig scharf darauf zu erfahren, wie viel reicher uns das Geschehen an den B&ouml;rsen gerade wieder gemacht hat.<\/p><p>Tats&auml;chlich sind heute 7,9 Prozent der Deutschen im Besitz von Aktien; Aktienfonds eingerechnet 12,7 Prozent. Warum wird trotz dieser vergleichsweise geringen Zahl so ausf&uuml;hrlich &uuml;ber Aktienm&auml;rkte berichtet und so getan, als betr&auml;fe das Auf und Ab der B&ouml;rsenkurse uns alle oder zumindest eine Mehrheit von uns?<\/p><p>Das hat zum einen damit zu tun, dass wie beim Lotto diejenigen, die sich daran beteiligen, beachtlich gewinnen k&ouml;nnen. Das hat einen sportlichen Reiz, auch f&uuml;r die &ldquo;Zuschauer&rdquo;. Zum andern r&uuml;hrt die hohe Aufmerksamkeit daher, dass in der &Ouml;ffentlichkeit der Eindruck erweckt wird, der Anstieg von Aktienkursen w&uuml;rde auch volkswirtschaftlich betrachtet Werte schaffen. Dies sei ein Zeichen, dass es wirtschaftlich aufw&auml;rts geht. Das Zitat aus BUSINESS WEEK ist nur eine von vielen Meldungen.<\/p><p>Dass Aktienkursfeuerwerke nicht viel mit dem Wohlergehen einer Volkswirtschaft zu tun haben m&uuml;ssen, sieht man schon daran, dass der Dax &ndash; das Ma&szlig; der B&ouml;rsendurchschnittsentwicklung der wichtigsten deutschen Aktien &ndash; in den vergangenen Jahren h&auml;ufig stieg, w&auml;hrend gleichzeitig die Arbeitslosigkeit zunahm und die deutsche Volkswirtschaft nur m&auml;&szlig;ig wuchs, wenn &uuml;berhaupt.<\/p><p>Ohne Zweifel hat der Kapitalmarkt, dessen Teil der Aktienmarkt ist, eine wichtige volkswirtschaftliche Funktion. Der Kapitalmarkt sorgt daf&uuml;r, dass die gesparten Finanzmittel zum &ldquo;besten Wirt&rdquo; gehen, wie die Volkswirte sagen, also dorthin str&ouml;men, wo dieses Kapital am produktivsten investiert wird. Diese Funktion des Kapitalmarkts ist wichtig. Auch der Teil, den man heute in Deutschland Neuer Markt nennt, wo also Aktien junger, risikoreicher Unternehmen ausgegeben und gehandelt werden, hat eine wichtige Teilfunktion. Es ist wichtig, dass Menschen mit guten neuen Ideen eine Chance haben, sich bei anderen, die Risiken einzugehen bereit sind, Kapital beschaffen k&ouml;nnen. Wenn mit dem Kapital in Maschinen oder Anlagen, in Computer oder andere Produktionsmittel investiert wird und Menschen mit diesem eingesetzten Kapital arbeiten, werden in der Tat Werte geschaffen.<\/p><p>Diese Art von Wertsch&ouml;pfung durch Einsatz von Kapital und Arbeitskr&auml;ften ist aber etwas anderes als das, was auf den Aktienm&auml;rkten geschieht, wenn dort die Kurse steigen. Richtig ist, dass der Buchwert eines Unternehmens sich verdoppelt, wenn der Aktienkurs sich verdoppelt. Aber mit dieser H&ouml;herbewertung werden genauso wenig Werte geschaffen, wie mit der Emission, also der Ausgabe von Aktien gegen das Geld neuer Aktion&auml;re. Insofern ist die Vermutung von BUSINESS WEEK, es seien in Deutschland auf dem Neuen Markt f&uuml;r 59 Milliarden Dollar neue Verm&ouml;genswerte geschaffen worden, nicht richtig.<\/p><p>Wenn ein Unternehmen Aktien auf den Markt bringt, damit Geld einnimmt und bei sich Verm&ouml;gen &ndash; in der Sprache von BUSINESS WEEK &ldquo;wealth&rdquo; &ndash; schafft, muss es andere geben, die diese Aktien kaufen, daf&uuml;r mit Geld bezahlen, also ihr Konto r&auml;umen oder andere Wertpapiere verkaufen usw. Per saldo &ndash; das ist nach Adam Riese und der Saldenmechanik zwangsl&auml;ufig- entstehen dabei keine neuen Werte.<\/p><p>Nehmen wir eine aktuelle Neuemission, das Beispiel von Constantin-Film, eines Unternehmens der Film- und Medienwirtschaft, das im September an die B&ouml;rse ging. Der Ausgabekurs lag bei 19,50 Euro. Er sprang noch am selben Tag auf 80 Euro. Der Tages-Schlusskurs lag bei 63 Euro, am n&auml;chsten Tag bei 50 Euro, eine Woche nach dem Tag der Emission bei 49 Euro. Diese Schwankungen zeigen, dass das Buchwerte sind, deren realer Hintergrund bestenfalls die Erwartung ist, dass das Unternehmen mit dem eingenommenen Geld etwas Vern&uuml;nftiges anf&auml;ngt, gut wirtschaftet und Gewinne erzielt. Dass Aktienkursschwankungen auch ganz andere Hintergr&uuml;nde haben k&ouml;nnen, hat die Zeitung &ldquo;Die Woche&rdquo; vom 3. September beschrieben. Da werden Anlegern am Neuen Markt Tipps gegeben, unter anderem: &ldquo;Wer ausschlie&szlig;lich auf Zeichnungsgewinne spekuliert, sollte sich vor allem auf Unternehmen konzentrieren, die im Vorfeld des B&ouml;rsengangs mit gro&szlig;en PR-Kampagnen f&uuml;r hohe Aufmerksamkeit sorgen und die Investoren sprichw&ouml;rtlich &ldquo;hei&szlig;&rdquo; machen.&rdquo; Und man solle darauf achten, dass die Branche, zu der die Aktien emittierende Firma geh&ouml;rt, &rdquo;derzeit an der B&ouml;rse &ldquo;in&rdquo; ist&rdquo;.<\/p><p>Kurzfristige Wertsteigerungen sind &ndash; so das Kalk&uuml;l &ndash; Ergebnis von Spekulationen darauf, dass die Propaganda f&uuml;r die Emission einer Aktie so professionell gemacht ist, dass es aus diesem Grund zu einem Kursfeuerwerk kommt, bei dem man kurz einsteigt und mit etwas Gl&uuml;ck rechtzeitig wieder aussteigt.<\/p><p>Aber merke: Auch dabei gibt es neben den Gewinnern immer auch Verlierer. Volkswirtschaftlich sind solche Vorg&auml;nge ohne positive Bedeutung. Es ist eine Art von Spekulationsspiel, das nichts dar&uuml;ber sagt, ob dabei Werte geschaffen werden.<\/p><p>Der Pr&auml;sident des Club of Rome, einer Vereinigung von Industriellen und Wissenschaftlern, warnte im Juli vor den spekulativen Elementen der heutigen Kapitalm&auml;rkte. Der wirkliche Wert eines Unternehmens und seine Bewertung am Aktienmarkt klafften oft zu weit auseinander, meinte er. Noch gewichtiger d&uuml;rfte die Einsch&auml;tzung des US-Notenbankpr&auml;sidenten Alan Greenspan sein, der seit l&auml;ngerem schon die Sorge &auml;u&szlig;ert, am Aktienmarkt entwickle sich eine &ldquo;gef&auml;hrliche spekulative Blase&rdquo;.<\/p><p>&copy; Vorw&auml;rts \/ 23. Oktober 1999<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schwankungen an den B&ouml;rsen sagen nahezu nichts &uuml;ber das Wohlergehen unserer Volkswirtschaften und sehr viel &uuml;ber das Verhalten gro&szlig;er Spekulanten. 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