{"id":105114,"date":"2023-10-12T12:00:37","date_gmt":"2023-10-12T10:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105114"},"modified":"2026-01-27T11:43:52","modified_gmt":"2026-01-27T10:43:52","slug":"patrik-baab-der-journalismus-taugt-nicht-mehr-als-informationsquelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105114","title":{"rendered":"Patrik Baab: \u201eDer Journalismus taugt nicht mehr als Informationsquelle\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wenn die Journalisten in Deutschland ihre Arbeit gemacht h&auml;tten, w&auml;re es wahrscheinlich zu diesem Krieg in der Ukraine nicht gekommen&ldquo; &ndash; das sagt der Journalist und Autor <strong>Patrik Baab<\/strong> im zweiten Teil seines Interviews mit den NachDenkSeiten. W&auml;hrend der Fokus <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105026\">im ersten Teil des Interviews<\/a> auf Baabs <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/auf-beiden-seiten-der-front.html?noloc=1\">Reise an die Fronten im Ukraine-Krieg<\/a> gerichtet war, folgt nun der Blick auf Medien und Journalismus. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7467\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-105114-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231012_Patrik_Baab_Der_Journalismus_taugt_nicht_mehr_als_Informationsquelle_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231012_Patrik_Baab_Der_Journalismus_taugt_nicht_mehr_als_Informationsquelle_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231012_Patrik_Baab_Der_Journalismus_taugt_nicht_mehr_als_Informationsquelle_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231012_Patrik_Baab_Der_Journalismus_taugt_nicht_mehr_als_Informationsquelle_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=105114-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231012_Patrik_Baab_Der_Journalismus_taugt_nicht_mehr_als_Informationsquelle_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231012_Patrik_Baab_Der_Journalismus_taugt_nicht_mehr_als_Informationsquelle_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>W&auml;hrend Ihrer Reise hat sich etwas ereignet, worauf Sie nicht gefasst waren, oder? Sprich: &bdquo;Angriff&ldquo; auf Sie aus dem Heimatland. Was ist passiert?<\/strong><\/p><p>Sie wissen ja, dass ich als Wahlbeobachter Putins hingestellt worden bin und daraufhin zwei Lehrauftr&auml;ge verloren habe &ndash; an der HMKW und der Uni Kiel. Der Vorwurf war nat&uuml;rlich Bl&ouml;dsinn, wie es auch im Verfahren gegen die Uni Kiel das Verwaltungsgericht Schleswig erkannt und in der schriftlichen Urteilsbegr&uuml;ndung ausgef&uuml;hrt hat. Mit diesen Vorg&auml;ngen habe ich tats&auml;chlich nicht gerechnet, und sie sind in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.<\/p><p><strong>N&auml;mlich?<\/strong><\/p><p>Zum einen w&auml;re es vor 25 Jahren, als ich im Kosovo war, undenkbar gewesen, dass journalistische Drohnenpiloten am Bildschirm in warmen Redaktionen einem Rechercheur im Kriegsgebiet in den R&uuml;cken fallen. Dass dies heute m&ouml;glich ist, zeigt die Verkommenheit der ganzen Branche. Man kann ihr nur zugutehalten, dass <em>T-Online<\/em>, also der Taktgeber, in meinen Augen kein journalistisches Medium ist. <em>T-Online<\/em> geh&ouml;rt dem Str&ouml;er-Konzern, einem Werbeunternehmen. Der gr&ouml;&szlig;te Kunde von Str&ouml;er ist der Staat, also Bund, L&auml;nder und Gemeinden. Damit ist die Auffassung, dass der Staat Str&ouml;er in der Hand h&auml;lt, alles andere als abwegig. Und <em>T-Online<\/em> kann mit solchen Skandalisierungen, also dem Wecken und der Monetarisierung von Ressentiments, nicht nur die Klickzahlen und damit die Werbeeinnahmen erh&ouml;hen, sondern auch dem gr&ouml;&szlig;ten Auftraggeber noch einen Gefallen tun. So wirkt <em>T-Online<\/em> wie eine ausgelagerte Propaganda-Agentur der Bundesregierung. Zum Zweiten zeigt der Vorgang, wie weit die Unterwerfung der Universit&auml;ten unter die NATO-Propaganda bereits gediehen ist.<\/p><p><strong>Sie kritisieren auch die Kieler Uni. Warum? Schildern Sie bitte noch mal kurz f&uuml;r unsere Leser, was vorgefallen ist.<\/strong><\/p><p>Die Universit&auml;t Kiel hat einen schon ausgefertigten Lehrauftrag im Eilverfahren aufgehoben. Meine Recherchen im Donbass, so der Vorwurf, legitimierten Putins v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Insbesondere h&auml;tte ich mir die Rolle eines Wahlbeobachters angema&szlig;t. Dagegen bin ich gerichtlich vorgegangen.<\/p><p>Die Universit&auml;t Kiel, die sich bereits 1914 und 1933 als Kriegstreiber- und Sturmuniversit&auml;t hervorgetan hat, hat meiner Ansicht nach aus ihrer Vergangenheit wohl nicht so viel gelernt. Und den Politikwissenschaftlern, bei denen ich als Lehrbeauftragter t&auml;tig gewesen bin, m&ouml;chte ich einen Satz eines ihrer Nestoren, des linksradikaler Tendenzen unverd&auml;chtigen Prof. Karl-Dietrich Bracher, aus seinem Buch &bdquo;Die deutsche Diktatur&ldquo; &uuml;ber die Entstehung des Nationalsozialismus ins Stammbuch schreiben: &bdquo;Die Synkrisis des deutschen Geisteslebens mit der nationalen Revolution Hitlers war best&uuml;rzend nicht nur im Blick auf die Primitivit&auml;t des Ideenkonglomerats, aus dem die NS-Weltanschauung gespeist wurde, sondern mehr noch durch die blinde Unterwerfung unter ihren betont unduldsamen Ausschlie&szlig;lichkeitsanspruch. Aber dies demonstrierte nur den Vorgang der Selbstgleichschaltung, der von Staatsrechtlern zu National&ouml;konomen, von Historikern zu Germanisten, von Philosophen zu Naturwissenschaftlern, von Publizisten zu Dichtern, Musikern, bildenden K&uuml;nstlern reichte. Untrennbar griffen Byzantinismus, Manipulation und Zwang ineinander.&ldquo;<\/p><p><strong>Sie setzen aber nicht die Zeit von damals mit der Zeit heute gleich?<\/strong><\/p><p>Nein. Aber eine Selbstgleichschaltung von Universit&auml;ten mit einer Kriegspartei ist meiner Meinung nach auch heute zu beobachten. Dabei wirken die ideologischen Apparate &ndash; Universit&auml;ten, Medien, Kirchen, Schulen usw. &ndash; wie kommunizierende R&ouml;hren. Einer schafft die Vorlage f&uuml;r den N&auml;chsten. Gelingen kann dies nur, weil die Unterwerfung der gesamten &Ouml;ffentlichkeit jahrelang vorbereitet wurde: Mit mindestens 27.000 PR-Mitarbeitern sucht das Pentagon Medien, Unis und &Ouml;ffentlichkeit zu beeinflussen, und die NATO hat den Krieg um die K&ouml;pfe l&auml;ngst begonnen. Dabei ist dieser Krieg in der Ukraine nicht vom Himmel gefallen und war schon gar kein &bdquo;unprovozierter&ldquo; Angriffskrieg.<\/p><p><strong>Sondern?<\/strong><\/p><p>Zu einem Gesamtbild geh&ouml;ren eben auch die NATO-Osterweiterung, die systematische Hochr&uuml;stung der Ukraine, der Beschuss der Donbass-Bev&ouml;lkerung seit 2014, die bewusste Nichteinhaltung des Minsker Abkommens durch Kiew, die NATO-Man&ouml;ver auf dem Boden der Ukraine, die bilateralen Milit&auml;rabkommen von Kiew und Washington und der Versuch, die Ukraine in die NATO hineinzuziehen. Die Ausblendung von all dem, was in den Krieg gef&uuml;hrt hat, kann aber nur gelingen, weil die Bev&ouml;lkerung durch Propaganda geblendet und aufgehetzt ist, und hieran hat die Presse entscheidenden Anteil.<\/p><p><strong>Wie substantiiert waren denn aus Ihrer Sicht die Anschuldigungen?<\/strong><\/p><p>Das war Bl&ouml;dsinn, und das zeigt wieder, dass man die Wirklichkeit am Bildschirm nicht erkennen kann. Ich bin in russischen Medien als Wahlbeobachter dargestellt worden, obwohl ich ausgef&uuml;hrt habe, dass ich bei einer Pressekonferenz nicht als Wahlbeobachter spreche, sondern als Journalist, der f&uuml;r ein Buch recherchiert. Die Zivilkammer der russischen F&ouml;deration hat mich auch nicht als Wahlbeobachter gef&uuml;hrt, was leicht feststellbar gewesen w&auml;re. Zuvor sind wir lediglich mit dem Bus der Wahlbeobachter &uuml;ber die Grenze gefahren. Hintergrund war, dass wir gewarnt wurden: Wegen meines deutschen Passes w&uuml;rde ich wahrscheinlich an der Einreise gehindert. Also firmierten wir am Grenzposten als journalistische Begleiter. Auf der anderen Seite bewegten wir uns dann v&ouml;llig selbstst&auml;ndig. <\/p><p>Wie aufgehetzt und irrational die Reaktionen gewesen sind, zeigte sich auch daran, dass man mir vorgeworfen hat, ich rechtfertigte Putins Angriffskrieg. Das Urteil des Verwaltungsgerichts Schleswig nimmt auch dazu klar Stellung. In der Urteilsbegr&uuml;ndung hei&szlig;t es, man d&uuml;rfe einem Journalisten schlicht nicht verwehren, seine Arbeit zu machen, und eine negative Sanktionierung durch eine Universit&auml;t sei eben auch ein Versto&szlig; gegen die Meinungs- und Informationsfreiheit nach Artikel 5 Grundgesetz. Besonders d&auml;mlich haben sich die NDR-Leute von <em>Zapp<\/em> drangestellt. Es h&auml;tte gen&uuml;gt, einmal ein paar meiner Berichte und Reportagen im digitalen Filmarchiv zu schauen, in denen ich mich kritisch mit Putins Russland auseinandersetze. Dazu h&auml;tte man nicht einmal den Hintern hochkriegen m&uuml;ssen. Aber dieser grobe Unfug in der Sendung <em>Zapp<\/em> erfolgte ja offenbar auf Wunsch von F&uuml;hrungskr&auml;ften. Mein Anwalt sagte dazu: &bdquo;Dummheit ist leider nicht justiziabel!&ldquo;<\/p><p><strong>Ihre Reise hatte also schwerwiegende pers&ouml;nliche Konsequenzen f&uuml;r Sie. Wie sieht es heute aus? Sie sprachen es an, Sie sind vor Gericht gezogen.<\/strong><\/p><p>Das Verfahren gegen die Uni Kiel habe ich gewonnen. Das Urteil des Verwaltungsgerichts fiel eindeutig aus.<\/p><p>Das Verwaltungsgericht Schleswig-Holstein hat unter Vorsitz des Vizepr&auml;sidenten Dr. Malte Sievers diesen Schritt f&uuml;r illegal erkl&auml;rt. In der schriftlichen Urteilsbegr&uuml;ndung hei&szlig;t es w&ouml;rtlich: &bdquo;Der umfassende Schutz der Pressefreiheit beinhaltet alle Verhaltensweisen, die der Gewinnung, Aufbereitung und Verbreitung von Meinungen und Tatsachen f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit dienen. Tr&auml;gern der Pressefreiheit steht zudem ein subjektives Abwehrrecht auch gegen mittelbare Beeintr&auml;chtigungen zu. Das Verhalten des Kl&auml;gers f&auml;llt in diesen Schutzbereich, weil er w&auml;hrend der Zeit der Referenden in der Ostukraine reiste, als Journalist f&uuml;r ein Buchprojekt recherchierte und &ndash; zumindest auch &ndash; als Journalist auftrat.&ldquo; Damit hat die Kammer die Pressefreiheit nach Art. 5 Grundgesetz gest&auml;rkt.<\/p><p><strong>Ist das Urteil inzwischen rechtskr&auml;ftig?<\/strong><\/p><p>Ja. Die Uni Kiel hat auf den Instanzenzug verzichtet. Denn ich hatte deutlich gemacht, dass ich das Verfahren durch alle Instanzen treiben werde. Hintergrund ist, dass seit 2020 &ndash; also seit Beginn der Coronakrise und dann fortgesetzt mit dem Ukraine-Krieg &ndash; an Universit&auml;ten in Deutschland, &Ouml;sterreich und der Schweiz mindestens 49 ordentliche Professoren sanktioniert worden sind, weil sie von der staatlichen Propaganda-Linie abgewichen sind, und zwar in allen F&auml;llen unter Umgehung rechtsstaatlicher Verfahren. Dazu gibt es eine wissenschaftliche Studie. Hier ist von Professoren die Rede, nicht vom akademischen Mittelbau oder von den Lehrbeauftragten. Insgesamt k&ouml;nnten wir also auf Hunderte, wenn nicht gar Tausende F&auml;lle kommen. Die Universit&auml;ten wollen dieses Spiel, wie es sich auch gegen Frau Prof. Ulrike Gu&eacute;rot oder Herrn Prof. Michael Meyen richtet, weiter in einer Grauzone spielen. Ziel ist offenbar, ein Grundsatzurteil zu vermeiden und gleichzeitig weiter durch die Erzeugung von Angst bei Dritten vorauseilenden Gehorsam zu erzwingen. Ziel ist die Unterwerfung der Universit&auml;ten unter die staatliche Propaganda. <\/p><p>In meinem Fall sieht es derzeit so aus: Der Lehrauftrag galt immer nur f&uuml;r das kommende Semester. In Kiel war er schon ausgefertigt. Deshalb hatte ich ein Rechtsschutzbed&uuml;rfnis. Die HMKW hatte ihren Lehrauftrag noch nicht ausgefertigt, also gab es auch kein Rechtsschutzbed&uuml;rfnis und damit auch keine rechtliche Grundlage f&uuml;r eine Klage. Allerdings macht auch die Uni Kiel keine Anstalten, mir erneut einen Lehrauftrag anzubieten. Einen entsprechenden Wunsch hatte ich zweimal schriftlich signalisiert. Der Rechtsfrieden ist wiederhergestellt, aber man zeigt sich als schlechter Verlierer. Das zeigt wiederum, worum es in Wahrheit geht: die Aus&uuml;bung indirekter Zensur.<\/p><p><strong>Wie bewerten Sie die Rolle der Medien in Ihrem Fall?<\/strong><\/p><p>In meinem Buch &bdquo;Recherchieren&ldquo; habe ich geschrieben, dass sich die b&uuml;rgerliche &Ouml;ffentlichkeit gewandelt hat zu einer Zensur- und Denunziations&ouml;ffentlichkeit. Dieser Prozess ist nun vollzogen. B&uuml;rgerkinder in Redaktionen, die ausgesprochen ungebildet sind und lediglich die Vorurteile ihrer Klasse, also des gehobenen B&uuml;rgertums, unters Volk bringen wollen, ma&szlig;en sich in purer Selbsterm&auml;chtigung an, bestimmen zu wollen, wer am &ouml;ffentlichen Diskurs teilnehmen darf und wer nicht. Sie haben offenbar keinen Begriff von demokratischer &Ouml;ffentlichkeit. Dabei handelt es sich in meinen Augen um Journalisten-Darsteller, die deshalb den Mund so voll nehmen, weil sie sich ausrechnen k&ouml;nnen, dass sie selbst und ihre G&ouml;ren nie an der Front landen. Sie schauen lieber den Ukrainern beim Verrecken zu und bedienen ansonsten ihre transatlantischen Karriere-Netzwerke. Ich w&uuml;nsche diesen Leuten, dass sie mal 48 Stunden an der Front verbringen. Das w&auml;re heilsam.<\/p><p><strong>Worin liegen die Herausforderungen f&uuml;r Journalisten, die sich nicht mit den &bdquo;Wahrheiten&ldquo; der jeweiligen PR-Abteilungen der kriegsf&uuml;hrenden Parteien zufriedengeben wollen?<\/strong><\/p><p>Am Ende l&auml;uft es immer darauf hinaus, die Realit&auml;tsprobe zu machen. Es ist mir ja von journalistischen Schreibtischbewohnern vorgehalten worden, dass man im Kriegsgebiet zweifellos nur subjektive Eindr&uuml;cke und Stichproben machen k&ouml;nne. Meine Arbeit im Kriegsgebiet wurde von einem sachfremden Akademiker der Hochschule f&uuml;r Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Berlin als &bdquo;Scheinobjektivit&auml;t&ldquo; bezeichnet. Dies ist die Bankrotterkl&auml;rung jeder Wissenschaft und die Unterwerfung unter NATO-Propaganda.<\/p><p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Wissenschaft hat ihre Ergebnisse an der Realit&auml;t zu messen. All das sagt mehr aus &uuml;ber diejenigen, die da Weisheiten von sich geben, als &uuml;ber mich. In meinem Buch &bdquo;Recherchieren&ldquo; habe ich meine Arbeitstechniken dargelegt. Im Kern kommt es darauf an, sich gr&uuml;ndlich vorzubereiten, entlang der Fachliteratur, &uuml;ber pers&ouml;nliche Kontakte und Quellen, mit Menschen, die bei der Akkreditierung oder beim Beschaffen von Fahrzeugen, Funkger&auml;ten, Karten usw. helfen k&ouml;nnen. Das bedeutet: Sie kennen bereits im Voraus erste Ansprechpartner. Vor Ort gleichen Sie Ihre Eindr&uuml;cke mit anderen Kennern der Region und der Zust&auml;nde ab: Sehen die das &auml;hnlich &ndash; oder hat man versucht, Ihnen einen B&auml;ren aufzubinden? Nach der R&uuml;ckkehr gehen Sie wieder in die Fachliteratur, rufen Experten an, die wissenschaftlich &uuml;ber die Probleme gearbeitet haben, man setzt sich zusammen, &uuml;berlegt, tauscht Dokumente und Informationen aus. Es ist das, was Journalisten tun sollten.<\/p><p><strong>&bdquo;Tun sollten&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Die meisten Journalisten sitzen heute am Computer und halten das, was sie da sehen, f&uuml;r die Wirklichkeit. Sie bringen die Selbstdistanz gar nicht erst auf, sich klarzumachen, dass sie im Netz nur finden, was ein anderer nach eigenen &Uuml;berlegungen und Interessen hochgeladen hat. Sie sehen also bestenfalls einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Dieser kleine Ausschnitt ist interessengeleitet und damit gepr&auml;gt von Ideologie und Propaganda. Hier gilt es, solchen Netzfunden erst einmal gar nichts zu glauben, sondern heranzugehen mit Recherche-Methodik und Ideologiekritik. Jeder gute Journalist hat Quellen in der realen Welt. Aber diese Fertigkeiten sind im Journalismus weithin verlorengegangen.<\/p><p><strong>Sie sprachen &bdquo;Ideologiekritik&ldquo; an.<\/strong><\/p><p>Man glaubt den Propaganda-Narrativen der M&auml;chtigen, staatlichen Autorit&auml;ten wird grunds&auml;tzlich vertraut, man ist in das Propaganda-System tief verstrickt. Der Schriftsteller Upton Sinclair hat 1934 geschrieben: &bdquo;Es ist schwer, einen Menschen von etwas zu &uuml;berzeugen, wenn sein Gehalt davon abh&auml;ngt, dass er es nicht versteht.&ldquo; So wird der Journalismus selbst zum ideologischen Apparat, der &uuml;ber strategisches Framing die Bev&ouml;lkerung auf Kriegskurs trimmen will. <\/p><p>Ich habe das einmal anhand der Ukraine-Berichterstattung gepr&uuml;ft. Da werden journalistische Handwerksregeln schlicht nicht eingehalten. Die sieben W &ndash; Wer? Wo? Was? Wann? Wie? Warum? Woher die Meldung? &ndash; werden teilweise nicht beantwortet. Das Zwei-Quellen-Prinzip ist zum Fremdwort geworden. Der Grundsatz &bdquo;Et audiatur altera pars&ldquo; &ndash; auch die andere Seite soll geh&ouml;rt werden &ndash; wird nicht eingehalten. Noch im ersten Golfkrieg hatte die <em>ARD<\/em> mit Christoph Maria Fr&ouml;hder einen ausgezeichneten Korrespondenten in Bagdad, war also auf beiden Seiten vertreten. Im Ukraine-Krieg hat sie niemanden mehr im Donbass, fast so, als ob man f&uuml;rchte, Informationen zu erhalten, die auf eine Mitverantwortung der NATO hinweisen. Das alles macht aus einem Angriffskrieg keine Friedensmission, wirft aber ein Licht auf die Verkommenheit der heutigen Medien. <\/p><p>Der Journalismus ist im postfaktischen Zeitalter angekommen, er taugt nicht mehr als Informationsquelle, wohl aber als Mittel zur Mobilisierung und Monetarisierung von Ressentiments. Personalisieren, skandalisieren, denunzieren &ndash; das ersetzt Recherche und bedient die niedersten Instinkte der Nutzer. Wir sind angekommen in der &Ouml;ffentlichkeit bedingter Reflexe, in der Ressentiments zu Geld gemacht werden. Schauen Sie sich doch einmal diese Runden bei Lanz oder Will an. Da kommt es &ndash; zum Beispiel bei Ulrike Gu&eacute;rot oder Sahra Wagenknecht &ndash; zu journalistischen Entgleisungen, die eines geb&uuml;hrenfinanzierten Systems unw&uuml;rdig sind. Ich w&uuml;rde so weit gehen, zu sagen: Wenn die Journalisten in Deutschland ihre Arbeit gemacht h&auml;tten, w&auml;re es wahrscheinlich zu diesem Krieg in der Ukraine nicht gekommen.<\/p><p><strong>Wie kann man als kritischer Journalist diese Herausforderungen bew&auml;ltigen? Es scheint ja immer eine Art &bdquo;Grenzgang&ldquo; zu sein: sich einerseits &bdquo;einzulassen&ldquo; und dann aber andererseits eben doch gen&uuml;gend Distanz zu halten und der &Ouml;ffentlichkeit Informationen zu pr&auml;sentieren, die die jeweilige Seite nicht pr&auml;sentiert sehen m&ouml;chte.<\/strong><\/p><p>Das habe ich gerade beschrieben. Sie reden mit beiden Seiten, lassen sich mit beiden Seiten ein und verstehen als Erstes einmal, das unsere Lebenserfahrungen unseren Blick auf die Welt pr&auml;gen und deshalb Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen die Welt verschieden deuten. Ich kenne das aus dem deutsch-franz&ouml;sischen Grenzraum, wo ich herkomme. Wenn beide Seiten Tote in der Familie haben, dann wird es mehrere Generationen dauern, bis man sich wieder &uuml;ber den Weg traut. Erst die &uuml;bern&auml;chste oder die dritte Generation danach kommt mit den Traumata zurecht. Es hat keinen Sinn, Menschen mit traumatischen Erfahrungen mit Besserwisserei oder politischer Parteinahme, schon gar nicht mit identit&auml;rem Geschwafel zu kommen. Sie m&uuml;ssen akzeptieren, dass dieser Krieg auch dazu f&uuml;hrt, dass man h&uuml;ben und dr&uuml;ben in unterschiedlichen Welten lebt. Denn man neigt dazu, nur die eigenen Toten zu sehen. <\/p><p>In einem Land mit hybrider Kultur und mit verschiedenen Volksgruppen wie der Ukraine, in der es schon eine Herkules-Aufgabe gewesen w&auml;re, ohne B&uuml;rgerkrieg und Krieg eine Nation zu formen, wird dies zum Zerbrechen des Landes f&uuml;hren. Ich halte es hier mit der US-amerikanischen Historikerin Barbara Tuchman. Sie schreibt, die Engstirnigkeit, eine Situation nach vorgefassten, festen Anschauungen einzusch&auml;tzen und gegenteilige Anzeichen zu verleugnen, sei ein Zeichen politischer Torheit und f&uuml;hre zu einem Wunschhandeln, das sich von den Tatsachen nicht beirren l&auml;sst.<\/p><p><strong>&bdquo;Wunschhandeln&ldquo;, ein interessanter Begriff. Spiegel-Gr&uuml;nder Rudolf Augstein hat das Journalistenmotto &bdquo;Sagen, was ist&ldquo; gepr&auml;gt. Heute scheint aber zu gelten: &bdquo;Sagen, was sein soll&ldquo;.<\/strong><\/p><p>Das sehe ich genauso. Genau in diesem Sinne haben wir es heute mit einem Haltungsjournalismus zu tun, der sich von Fakten nicht beirren l&auml;sst. Die ganze Branche leidet an Realit&auml;tsverlust. Dies hat damit zu tun, dass &ndash; wie gesagt &ndash; &uuml;berwiegend Spr&ouml;sslinge aus dem gehobenen B&uuml;rgertum in Redaktionen ankommen, also Menschen, die ohne materielle Not gro&szlig; geworden sind. Deshalb treten Themen wie Arbeitslosigkeit, Armut, Wohnungsnot in der Berichterstattung in den Hintergrund, weil diese Leute so etwas nie erlebt haben. Sie schauen auf die Welt mit den Augen ihrer Klasse. <\/p><p>In diesen Kreisen wei&szlig; man, dass man einmal den Aktienfonds der Eltern erben wird. Wenn der Fonds gut gemanagt ist, dann werden die Aktien im Krieg steigen. Der Krieg bringt diesen Personen unter Umst&auml;nden also einen Zuwachs an Erbmasse. Das wird nat&uuml;rlich so nicht kommuniziert. Sondern man sagt: Wir m&uuml;ssen den armen Ukrainern gegen den b&ouml;sen Putin helfen. Die Grenz&uuml;berschreitung liegt also nicht bei mir, sondern bei denen, die vorgeben, objektiv zu informieren, aber die Interessen ihrer Klasse vertreten und deren Weltsicht unters Volk bringen.<\/p><p><strong>Wie sollten Medien eigentlich &uuml;ber diesen Krieg berichten?<\/strong><\/p><p>Von beiden Seiten der Front. Gut recherchiert. Nach den Handwerksregeln, die in jedem Lehrbuch stehen. Dann w&auml;re schon viel gewonnen.<\/p><p><em>Lesetipps: Patrik Baab: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/auf-beiden-seiten-der-front.html?noloc=1\">Auf beiden Seiten der Front: Meine Reisen in die Ukraine<\/a>. Westend. 9. Oktober 2023. 256 Seiten. 24 Euro.<\/em><\/p><p><em>Patrik Baab: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/medien\/recherchieren.html?noloc=1\">Recherchieren &ndash; Ein Werkzeugkasten zur Kritik der herrschenden Meinung<\/a>. Westend. 28. Februar 2022. 272 Seiten. 20 Euro<\/em><\/p><p><small>Titelbild: wellphoto\/shutterstock und Westend Verlag<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wenn die Journalisten in Deutschland ihre Arbeit gemacht h&auml;tten, w&auml;re es wahrscheinlich zu diesem Krieg in der Ukraine nicht gekommen&ldquo; &ndash; das sagt der Journalist und Autor <strong>Patrik Baab<\/strong> im zweiten Teil seines Interviews mit den NachDenkSeiten. W&auml;hrend der Fokus <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105026\">im ersten Teil des Interviews<\/a> auf Baabs <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/auf-beiden-seiten-der-front.html?noloc=1\">Reise an die Fronten im Ukraine-Krieg<\/a><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105114\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":80225,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,209,183,171],"tags":[2505,3028,1471,930,466,1415,408,2326,260,220],"class_list":["post-105114","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-interviews","category-medienkritik","category-militaereinsaetzekriege","tag-baab-patrik","tag-haltungsjournalismus","tag-investigativer-journalismus","tag-justiz","tag-nato","tag-pressefreiheit","tag-soziale-herkunft","tag-t-online","tag-ukraine","tag-zensur"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/shutterstock_1922231618-Kopie.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/105114","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=105114"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/105114\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":105145,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/105114\/revisions\/105145"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/80225"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=105114"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=105114"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=105114"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}