{"id":10518,"date":"2011-08-22T08:55:04","date_gmt":"2011-08-22T06:55:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10518"},"modified":"2024-09-29T05:09:23","modified_gmt":"2024-09-29T03:09:23","slug":"alle-errungenschaften-der-nachkriegszeit-stehen-zur-disposition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10518","title":{"rendered":"\u201eAlle Errungenschaften der Nachkriegszeit stehen zur Disposition\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ein Interview zur Finanzkrise mit dem fr&uuml;heren ekuadorianischen Wirtschaftsminister und Mitglied der &bdquo;Stiglitz-Kommission&ldquo; <strong>Pedro P&aacute;ez<\/strong>. Von <strong>Rolf-Henning Hintze<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em><strong>Frage: Sie haben k&uuml;rzlich auf dem Attac-Kongre&szlig; in Freiburg die Ansicht vertreten, es g&auml;be nicht nur eine riesige Finanzkrise, sondern diese Krise gef&auml;hrde unsere ganze Zivilisation. Wie begr&uuml;nden sie das?<\/strong><\/em><\/p><p><strong>Pedro P&aacute;ez:<\/strong> Was wir erleben, ist tats&auml;chlich nicht nur eine Finanzkrise sondern das Versagen der Gegenmittel f&uuml;r diese strukturelle Krise.<br>\nWir haben ein Problem der Lebensweise, das Verh&auml;ltnis von Mensch und Natur ist in Gefahr. Die einzige M&ouml;glichkeit, aus dieser Krise herauszukommen, besteht in einem qualitativen technologischen Sprung, speziell was die Energie angeht. Die Zeit, in der es billige Energie gab, ist vorbei. Wir ben&ouml;tigen riesige Investitionen in diesen Bereich, aber das ist dem Kapital im Vergleich zu M&ouml;glichkeiten der Spekulation und<br>\nder Finanzierung von Kriegen nicht profitabel genug. Wir haben jetzt die Situation, dass es anstelle von technologischen L&ouml;sungen und der Befriedigung von Grundbed&uuml;rfnissen der Menschen eine neue Art von Normalit&auml;t in einer reduzierten Gesellschaft gibt, auch in ethischer Hinsicht. <\/p><p><em><strong>Sie rechnen mit mehr Kriegen?<\/strong><\/em><\/p><p>Wenn wir nicht gemeinsam handeln, wenn die Gesellschaft nicht ihre Prinzipien verteidigt, wird uns dieses oligarchische Netzwerk von Spekulanten in mehr Kriege und immer mehr Spekulation verwickeln. Es wurde eine Situation geschaffen, wo die grundlegenden Mechanismen der Wirtschaft verzerrt worden sind.  Daf&uuml;r gibt es Beispiele noch und noch, etwa die Preisbildung auf internationaler Ebene. Sie korrespondiert nicht l&auml;nger mit der Entwicklung der Produktionskosten, noch nicht einmal mit den saisonbedingten Knappheiten, weil sie Gegenstand von Spekulation geworden sind, einschlie&szlig;lich der Lebensmittel. Selbst bei reichlichen Ernten steigen die Preise. Alle Akteure in dieser Kette handeln nach dieser Strategie, sie sagen sich, warum soll ich heute verkaufen, wenn die Preise morgen m&ouml;glicherweise h&ouml;her sind? Das hat zu h&ouml;heren Preisen bei k&uuml;nstlicher Knappheit gef&uuml;hrt. Das bedeutet eine krasse Verzerrung, die sich auf langfristige Investitionsentscheidungen auswirkt. Das kann Regionen, Staaten und ganze Kontinente betreffen.<\/p><p><em><strong>Was w&uuml;rde geschehen, wenn es bei dieser Politik des Westens bliebe?<\/strong><\/em><\/p><p>Es gibt den unsinnigen selbstm&ouml;rderischen Versuch, Europa und die USA zu lateinamerikanisieren und Lateinamerika zu afrikanisieren, das ist eine  Degradierung der Zivilisation.<\/p><p><em><strong>Was meinen Sie mit Afrikanisierung Lateinamerikas?<\/strong><\/em><\/p><p>Die afrikanischen Staaten wurden nach der Dekolonisierung durch den Abbau von Institutionen sowie des sozialen und demokratischen Gef&uuml;ges besch&auml;digt, das hat transnationalen Unternehmen die systematische Ausbeutung nationaler Rohstoffe zu sehr g&uuml;nstigen Bedingungen erm&ouml;glicht. Dazu geh&ouml;ren niedrige L&ouml;hne &ndash; fast schon  Sklavenarbeit in einigen Gebieten -, kaum Steuern und wenig Umweltschutzauflagen. <\/p><p>Dies ist auch der Zweck der Freihandelsabkommen, die Europa jetzt mit verschiedenen lateinamerikanischen Staaten abzuschlie&szlig;en versucht, verpackt in s&uuml;&szlig;er Kooperationsrhetorik. Politik dieser Art versuchen sie jetzt auch in ihren eigenen L&auml;ndern anzuwenden, das hei&szlig;t, anstelle der fr&uuml;heren Teilung zwischen Metropolen und Kolonien kolonisieren sie jetzt  in ihren eigenen L&auml;ndern. Seit Beginn des Neoliberalismus ist eine Erosion des Wohlfahrtsstaates festzustellen. Sie befinden sich jetzt am Rande eines sehr schnellen Prozesses von Anpassungs- und Sparma&szlig;nahmen und das wird chronische Steuerdefizite zur Folge haben. Die Sparma&szlig;nahmen sind eine Spirale mit einer Art eigenem Leben, zivilisatorische Errungenschaften der europ&auml;ischen V&ouml;lker sind in Gefahr. Alle Errungenschaften der Nachkriegszeit seit dem Sieg &uuml;ber den Faschismus stehen zur Disposition, einschlie&szlig;lich des Abbaus produktiver und technologischer Kapazit&auml;ten. Dies geschieht  jetzt in Lateinamerika.   <\/p><p><em><strong>Meinen Sie, dass Entwicklungen wie in Griechenland auch auf Deutschland zukommen k&ouml;nnen?<\/strong><\/em><\/p><p>Es w&auml;re eine Illusion anzunehmen, dass der Kern Europas, Frankreich und Deutschland und Nordeuropa intakt bleiben k&ouml;nnten, wenn ihre Hauptabsatzm&auml;rkte besch&auml;digt werden. Wer soll die Europas Exporte kaufen, wenn S&uuml;deuropa in diese Spirale der Marktschrumpfung eintritt? Wie kann man Gesch&auml;fte machen, wenn es kein Einkommen gibt, wenn keine M&auml;rkte da sind?  Das ist ein Konstruktionsfehler, es wird eine vorprogrammierte Depression geben, die M&auml;rkte der Vereinigten Staaten werden stranguliert durch die Diskussionen &uuml;ber eine Schuldenobergrenze und durch Sparprogramme in den USA wie in Europa. Wer soll denn Waren kaufen? Notwendig w&auml;re die Schaffung einer nachhaltigen einheimischen Marktdynamik, sonst  verschlimmert sich die &Uuml;berproduktionskrise und vergr&ouml;&szlig;ert die Spekulation und die Gefahr neuer Kriege. <\/p><p><em><strong>Sie vertreten die Ansicht, der jetzige Kapitalismus sei einer der Ausgrenzung von Menschen, der sozialen Polarisierung und der Vertreibung vom angestammten Land. Halten Sie es f&uuml;r m&ouml;glich, den Kapitalismus zu z&uuml;geln oder geh&ouml;ren diese Merkmale nun einmal zu ihm?<\/strong><\/em><\/p><p>Diese Frage sollten wir unterteilen. Einerseits brauchen wir eine kapitalistische Produktion mit Unternehmen, das  ist seit langem Teil des Entwicklungsprozesses. Etwas ganz anderes ist Kapitalismus als systemischer Regulator, als Achse der Organisation der ganzen Gesellschaft. Diese Auspr&auml;gung des Kapitalismus ist jetzt in der Krise.<br>\nEs ist unm&ouml;glich, die gegenw&auml;rtige Form des Kapitalismus aufrechtzuerhalten, n&auml;mlich die des vom Finanzmarkt getriebenen, also den Kapitalismus der Spekulation und der Diktatur der Spekulation selbst bei Gro&szlig;unternehmen. Sogar Gro&szlig;unternehmen sind durch die Logik der Spekulation versklavt. Wir m&uuml;ssten aber umgekehrt alle Formen der Kreativit&auml;t freizusetzen. Neue R&auml;ume f&uuml;r Unternehmen, auch f&uuml;r mittlere und Kleinunternehmen, f&uuml;r Kooperativen, Selbsthilfeinitiativen und ethnische Gemeinschaften m&uuml;ssten er&ouml;ffnet werden, wir m&uuml;ssten Quellen sozialer Energie schaffen. Das System, das wir jetzt haben, ist nicht l&auml;nger eines das Initiative weckt, es beraubt uns der Initiative.<\/p><p><em><strong>Eine Frage noch zu einem speziellen Problembereich, den Handelsabkommen der EU mit den mit den 78 fr&uuml;heren europ&auml;ischen Kolonien. Auf dem Attac-Kongress in Freiburg wurde ge&auml;u&szlig;ert,  diese Abkommen d&uuml;rften eigentlich nicht &bdquo;Europ&auml;ische Partnerschaftsabkommen&ldquo; (European Partnership Agreements\/EPA) hei&szlig;en, weil sie in Wirklichkeit Ausbeutungsabkommen seien.<\/strong><\/em><\/p><p>Das ist vollkommen richtig. Wenn die Menschen in Europa die Texte kennen w&uuml;rden, die die Europ&auml;ische Kommission jetzt verhandelt, w&auml;ren sie emp&ouml;rt, gleichg&uuml;ltig ob links oder rechts. Nehmen wir zum Beispiel das &ouml;ffentliche Beschaffungswesen (government procurement), also die Anschaffungen der St&auml;dte, der Gemeinden und der Regierungen. Im Falle Lateinamerikas bedeutet das bei &ouml;ffentlichen Anschaffungen die bedingungslose Unterwerfung gegen&uuml;ber transnationalen Unternehmen. <\/p><p><em><strong>Konkret hie&szlig;e das, das Erziehungsministerium in Ekuador d&uuml;rfte, wenn es Schulen oder Universit&auml;ten ausstattet, die Ausstattung nicht in Ekuador oder in Brasilien kaufen sondern m&uuml;sste Ausschreibungen bis nach Europa vornehmen?<\/strong><\/em><\/p><p>Sie m&uuml;ssten transnationale Unternehmen einbeziehen. Das l&auml;sst sich etwa am Beispiel der Milch verdeutlichen: Die Milchproduktion in Europa wird mit riesigen Subventionen gef&ouml;rdert. Jede Kuh in Europa erh&auml;lt mehr an Subventionen, als die der Mehrheit der Bev&ouml;lkerung des S&uuml;dens an Einkommen hat. Und nun verlangt Europa von uns, dass wir unsere Grenzen f&uuml;r Milchpulver &ouml;ffnen und damit die Milchproduktion in unseren L&auml;ndern zerst&ouml;ren! Bauern und ethnischen Gemeinschaften bringt das nur Elend.                               <\/p><p><em>Die Fragen stellte Rolf-Henning Hintze (fr&uuml;her Redakteur der Frankfurter Rundschau, des NDR, bei IPS und der Deutschen Welle, sp&auml;ter als freier Journalist u.a. in Namibia.)<\/em><\/p><p><em>Pedro P&aacute;ez: Er war 2007 bis 2008 Minister f&uuml;r die Koordination der Wirtschaftspolitik, ist derzeit Vorsitzender der ecuadorianischen Kommission f&uuml;r eine neue regionale Finanzarchitektur mit dem Ziel der Gr&uuml;ndung einer &bdquo;Bank des S&uuml;dens&ldquo; (Banco del  Sur) als regionale Alternative zum Internationalen W&auml;hrungsfonds (IWF). P&aacute;ez war Mitglied der Stiglitz-Kommission bei der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) 2009. Er ist &Ouml;konom und Autor mehrerer B&uuml;cher u.a. &bdquo;Risks and challenges of the dollarization of Ecuador&rdquo;.<br>\nP&aacute;ez hielt ein Referat auf dem von attac Deutschland organisierten Kongress &ldquo;European Network Academy for Social Movements&rdquo; vom 9. bis 14. August in Freiburg, an dem &uuml;ber 1.300 Teilnehmer aus 38 L&auml;ndern teilnahmen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview zur Finanzkrise mit dem fr&uuml;heren ekuadorianischen Wirtschaftsminister und Mitglied der &bdquo;Stiglitz-Kommission&ldquo; <strong>Pedro P&aacute;ez<\/strong>. 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