{"id":1052,"date":"2006-02-20T15:14:15","date_gmt":"2006-02-20T13:14:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1052"},"modified":"2016-02-17T11:34:47","modified_gmt":"2016-02-17T10:34:47","slug":"achim-trugers-buch-kritik-hans-werner-sinn-die-basar-okonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1052","title":{"rendered":"Achim Trugers Buch-Kritik: Hans-Werner Sinn, Die Basar-\u00d6konomie."},"content":{"rendered":"<p>Deutschland: Exportweltmeister oder Schlusslicht? Wie immer bei Achim Truger lohnend zu lesen. Die Besprechung erschien zuerst in der Frankfurter Rundschau.<br>\n<!--more--><br>\nHans-Werner Sinn ist ein einflussreicher Mann. Nach dem Erfolg seines Radikalreform-Bestsellers &bdquo;Ist Deutschland noch zu retten&ldquo;, h&ouml;rt man auf ihn. So war es zun&auml;chst auch mit seiner &bdquo;Basar-&Ouml;konomie&ldquo;-These. Kaum ausgesprochen geh&ouml;rte sie zu den Standard-Argumenten in den Talkshows.<\/p><p>Mit der &bdquo;Basar-&Ouml;konomie&ldquo;-These sieht sich seither konfrontiert, wer unter Verweis auf die unbestreitbaren Exporterfolge Zweifel an der angeblichen Wettbewerbsschw&auml;che der deutschen Wirtschaft durch zu hohe Lohnkosten anmeldet. Die Exporterfolge seien nicht echt, weil ein immer gr&ouml;&szlig;erer Teil der exportierten G&uuml;ter aus importierten Vorleistungen bestehe. Die Industrie verlagere immer gr&ouml;&szlig;ere Teile ihrer Produktion ins kosteng&uuml;nstigere &bdquo;Hinterland&ldquo; nach Osteuropa. Von dort importierten sie die dank geringer Lohnkosten g&uuml;nstigen Vorprodukte. In Deutschland w&uuml;rden sie nur noch zusammengesetzt oder mit dem Schwindel-Etikett &bdquo;made in Germany&ldquo; versehen. Da die wesentliche Wertsch&ouml;pfung im Ausland entstehe, verkomme Deutschland zu einer &bdquo;Basar-&Ouml;konomie&ldquo;, in der nur noch gehandelt werde, was zuvor anderswo produziert worden sei.<\/p><p>Aber dann hagelte es pl&ouml;tzlich Kritik: Wirtschaftspresse, Sachverst&auml;ndigenrat und selbst das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft stellten Sinns These &ouml;ffentlich in Frage. Daher legt er jetzt ein ganzes Buch &uuml;ber seine &bdquo;Basar-&Ouml;konomie&ldquo; vor.<\/p><p>Erf&auml;hrt man dort etwas Neues? Kaum. Zun&auml;chst muss man die bekannten Sinn&acute;schen Zumutungen &uuml;ber sich ergehen lassen: Krudeste Mikro&ouml;konomie, makro&ouml;konomischer Analphabetismus, merkw&uuml;rdiges nationales Pathos und rituelle Gewerkschafts- und Sozialstaatsbeschimpfung. In Sinns enger Gedankenwelt leidet Deutschland einfach unter zu hohen L&ouml;hnen. Einziger Beweis: Zweifelhafte Angaben &uuml;ber die H&ouml;he der deutschen Industriel&ouml;hne &ndash; die er auch noch unhinterfragt vom Institut der deutschen Wirtschaft &uuml;bernommen hat.<\/p><p>Deutschland habe kein Nachfrageproblem. Das gr&ouml;&szlig;te Nachfrageprogramm aller Zeiten &ndash; er meint die Aufwendungen f&uuml;r die Deutsche Einheit &ndash; habe der Bundesrepublik nichts gebracht. Dass die deutsche Finanzpolitik nach Angaben seines eigenen Institutes seit 1990 viele Jahre restriktiv war, verdr&auml;ngt er dabei. Ebenso wie die Tatsache, dass es unter US-amerikanischen Nobelpreistr&auml;gern und Star&ouml;konomen nicht wenige &bdquo;Exzessiv-Keynesianer&ldquo; (Sinn) gibt, die in Deutschland durchaus ernsthafte Nachfrageprobleme sehen.<\/p><p>Und die &bdquo;Basar-&Ouml;konomie&ldquo;? Doch, da hat er sich etwas H&uuml;bsches einfallen lassen. Gemeint mit dem &bdquo;Basar-Effekt&ldquo; ist ein R&uuml;ckgang der inl&auml;ndischen Fertigungstiefe, d.h. eine Verlagerung vorgelagerter Produktionsstufen eines Produktes ins Ausland. Dieser Vorgang l&auml;sst sich f&uuml;r Deutschland in den letzten 15 Jahren tats&auml;chlich feststellen. Obwohl damit pro exportierter Produkteinheit die inl&auml;ndische Wertsch&ouml;pfung zur&uuml;ckgeht, ist sie insgesamt &ndash; wie Sinns Kritiker aufzeigten &ndash;aufgrund enorm gesteigerter Exporte jedoch gestiegen. Dem stimmt Sinn auch zu, sieht in den enormen Exportzuw&auml;chsen jedoch eine Reaktion auf zu hohe und starre L&ouml;hne in Deutschland. Die hohen L&ouml;hne zw&auml;ngen die Unternehmen zu Investitionen im kapitalintensiven Exportsektor bei gleichzeitiger Verlagerung von Produktionsstufen ins billigere &bdquo;Hinterland&ldquo;. Dadurch komme es vor dem endg&uuml;ltigen Zusammenbruch noch zu einem pathologischen Exportboom bei gleichzeitig steigender Arbeitslosigkeit im Inland. <\/p><p>Sinn hat damit einen theoretisch kreativen &ndash; wenn auch etwas zwanghaften &ndash; Versuch vorgelegt, Deutschlands &bdquo;Exportweltmeister-&bdquo; und &bdquo;Schlusslicht&ldquo;-Status simultan zu erkl&auml;ren. Empirisch ist dieser Versuch jedoch unplausibel, da sich der &bdquo;Basar-Effekt&ldquo; auch f&uuml;r andere &Ouml;konomien nachweisen l&auml;sst und die Pr&auml;misse zu hoher L&ouml;hne in Deutschland extrem wacklig ist. Sinn selbst h&auml;lt seine Analyse f&uuml;r &bdquo;debattierbar&ldquo; und sieht empirischen und theoretischen Forschungsbedarf.<\/p><p>Sinns unertr&auml;gliche Anma&szlig;ung besteht darin, dass er sich mit einem immer noch unausgegorenen Gedankenspiel f&uuml;rs volkswirtschaftliche Seminar erneut &ouml;ffentlich als Retter von Deutschland aufspielt.<\/p><p>Econ-Verlag Berlin 2005, 252 Seiten., 14,95 Euro.<br>\nAchim Truger\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland: Exportweltmeister oder Schlusslicht? Wie immer bei Achim Truger lohnend zu lesen. 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