{"id":10530,"date":"2011-08-23T09:36:53","date_gmt":"2011-08-23T07:36:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10530"},"modified":"2014-09-09T15:14:43","modified_gmt":"2014-09-09T13:14:43","slug":"kritik-an-der-zinskritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10530","title":{"rendered":"Kritik an der Zinskritik"},"content":{"rendered":"<p>Die Folgen der Finanzkrise haben auch dazu gef&uuml;hrt, dass Fundamentalkritik am Geldsystem immer popul&auml;rer wird. Auch die NachDenkSeiten bekommen regelm&auml;&szlig;ig Mails von Lesern, die uns fragen, warum wir der Zinskritik auf unserer Plattform keinen Raum bieten. Die Antwort auf diese Frage ist denkbar einfach: Wir halten die Zinskritik f&uuml;r einen Irrweg, der nur von den eigentlichen Problemen ablenkt.  Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\nDer Zins, so liest man auf einigen Internetseiten, sei der Konstruktionsfehler, ja geradezu die &bdquo;Erbs&uuml;nde&ldquo; unseres Geld- und Finanzsystems. Er sorge nicht nur daf&uuml;r, dass die Reichen reicher und die Armen &auml;rmer werden, sondern f&uuml;hre auch ganz direkt zu einem exponentiellen Wachstumszwang der Geldmenge und zur Zinsknechtschaft der Bev&ouml;lkerung. Finanz- und Wirtschaftskrisen seien somit die direkte Folge des Zinssystems. Diese Kritik ist nicht neu. Seitdem Geld gegen Zins verliehen wird, gibt es auch Kritik am Zins. Diese Kritik war und ist jedoch meist keine &ouml;konomische Kritik, sondern vielmehr eine Kritik an der ungleichen Verteilung des Verm&ouml;gens und der Macht der Verm&ouml;genden, oft durchmischt mit einem religi&ouml;sen, v&ouml;lkischen, ja antisemitischen Grundton. <\/p><p><strong>Zins aus Sicht des Kreditnehmers<\/strong><\/p><p>Um die Kritik am Zins einordnen zu k&ouml;nnen, muss man sich zun&auml;chst vergegenw&auml;rtigen, was Zins &uuml;berhaupt ist. Hierbei muss man auf Seiten der Kreditnehmer zwei Gruppen unterscheiden. Unternehmen nutzen Kredite meist dazu, Investitionen vorzunehmen, mit deren Hilfe sie bessere wirtschaftliche Ergebnisse erzielen. Der Zins ist aus Sicht dieser Kreditnehmer eine Pr&auml;mie daf&uuml;r, mit Hilfe von Fremdkapital Investitionen vorzunehmen, um die eigene Ertragssituation zu steigern. Privatleute ziehen mit Hilfe von Krediten meist Ausgaben vor, die ihnen einen wie auch immer gearteten Nutzen versprechen &ndash; sei es das neue Auto, f&uuml;r das man momentan noch nicht genug Geld hat oder das Eigenheim. Die Alternative zum Kredit ist das klassische Sparen. <\/p><p>Wer beispielsweise ein Haus bauen will, hat zwei M&ouml;glichkeiten &ndash; entweder er spart und kauft sich das Haus, wenn er den n&ouml;tigen Kapitalstock zusammengespart hat, oder er nimmt einen Kredit auf, mit dem er seine Investition vorzieht.  &bdquo;Kaufe jetzt, zahle sp&auml;ter&ldquo;. F&uuml;r viele Privatleute ist die Kreditfinanzierung dabei die einzig realistische Variante, will man sein Eigenheim nicht erst mit Beginn des Rentenalters beziehen. Die Abzahlung einer Hypothek erstreckt sich h&auml;ufig &uuml;ber einen Zeitraum von 28 Jahren. Nat&uuml;rlich ist das Vorziehen dieser Investition nicht kostenlos, ansonsten g&auml;be es wohl niemanden, der sein Geld &uuml;ber einen langen Zeitraum f&uuml;r eine solche Investition bereitstellt. F&uuml;r die M&ouml;glichkeit, sein Eigenheim bereits zu nutzen, lange bevor man es komplett bezahlt hat, muss man &ndash; ebenso wie der Unternehmer &ndash; einen Preis bezahlen. Diese Pr&auml;mie ist jedoch keine &bdquo;Zinsknechtschaft&ldquo;, sondern die freiwillig entrichtete Zahlung f&uuml;r die den gewonnenen (vorgezogenen) Nutzen. Wer den Zins verbieten will und den Menschen somit die M&ouml;glichkeit auf einen Kredit nehmen will, nimmt ihnen auch die M&ouml;glichkeit, Investitionen, die ihnen sinnvoll erscheinen, zeitlich vorzuziehen. Der Besitz eines Eigenheims w&auml;re somit de facto ein Privileg f&uuml;r Erben und Spitzenverdiener &ndash; ein Zusammenhang, der von Zinskritikern gerne verschwiegen wird.<\/p><p><strong>Zins aus Sicht des Kreditgebers<\/strong><\/p><p>F&uuml;r den Kreditgeber stellt der Zins nicht nur einen Inflationsausgleich, sondern vor allem eine Risikopr&auml;mie und schlichtweg den Preis f&uuml;r das Warten dar. Sicherlich w&uuml;rde jeder B&uuml;rger seinen eigenen Kindern einen zinslosen Kredit geben, wenn sie dringend Geld br&auml;uchten. Die &bdquo;Bonit&auml;t&ldquo; und damit das Risiko, das Geld nicht in voller H&ouml;he zur&uuml;ck zu erhalten, sind dabei zweitrangig. Wer aber w&uuml;rde einem Unbekannten zinsfrei Geld leihen, ohne zu wissen, ob man das Geld auch wiederbekommt? Zum Wesen des Kredits geh&ouml;rt nun einmal auch der Kreditausfall. Die Investition des Unternehmers kann sich als unrentabel herausstellen, der H&auml;uslebauer kann seinen Job verlieren und den Kredit f&uuml;r das Eigenheim nicht mehr zur&uuml;ckzahlen k&ouml;nnen. Beide F&auml;lle sind keine Ausnahmen, sondern Berechnungsgrundlage des Zinses. <\/p><p>Es ist vollkommen normal, dass ein Teil der Kredite nicht bedient werden kann. Um diese Ausf&auml;lle zu kompensieren, erhebt der Kreditgeber daher einen risikoabh&auml;ngigen Aufschlag, der die Zinsh&ouml;he mitbestimmt.. G&auml;be es nur einen Einheitszins oder gar keinen Zins, w&uuml;rde wohl niemand sein Geld an ein ertragsschwaches Unternehmen oder eine Person mit Zahlungsschwierigkeiten verleihen. <\/p><p><strong>Irrt&uuml;mer der Zinskritiker<\/strong><\/p><p>Die meisten Argumente und Anekdoten, die von Seiten der Zinskritiker kommen, fallen bei n&auml;herer Betrachtung wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Sehr beliebt ist beispielsweise die Anekdote vom &bdquo;Jesuspfennig&ldquo; bzw. &bdquo;Josephspfennig&ldquo;. In dieser Anekdote, die auf den englischen Moralphilosophen Richard Price zur&uuml;ckgeht, legt Joseph f&uuml;r seinen Sohn Jesus einen Penny bei der Bank an. Durch Zins und Zinseszins w&auml;chst das Konto &uuml;ber die folgenden Jahre nat&uuml;rlich bis ins Unermessliche &ndash; eine Exponentialfunktion wie aus dem Lehrbuch. Diese Anekdote mag unterhaltsam sein, &ouml;konomisch betrachtet ist sie blanker Unfug. Beim &bdquo;Josephspfennig&ldquo; gibt es kein Risiko, keine politischen und wirtschaftlichen Krisen und keine Geldreformen. In der Realit&auml;t w&auml;re zumindest ein Teil des verliehenen Geldes durch Kreditausf&auml;lle &bdquo;vernichtet&ldquo; worden und was noch &uuml;brig bliebe, w&auml;re teilweise durch Inflation, W&auml;hrungsreformen oder politische Verwerfungen entwertet oder umverteilt worden. Und wenn die Nachkommen Jesu&acute; gesetzestreue B&uuml;rger gewesen w&auml;ren, h&auml;tten sie auf ihre Zinsertr&auml;ge selbstverst&auml;ndlich auch Steuern zahlen m&uuml;ssen. Die Geschichte vom &bdquo;Josephspfennig&ldquo; ist eben dies &ndash; eine Geschichte, nicht mehr und auch nicht weniger.<\/p><p>Ein weiteres beliebtes &bdquo;Argument&ldquo; der Zinskritiker ist, dass der Zins zu einer exponentiellen Steigerung der Geldmenge f&uuml;hrt. Dabei wird unterstellt, dass die durch Kredit gesch&ouml;pfte Geldmenge zwar nach der Tilgung wieder verschwindet, der Zins aber in der Welt bleibt und da Geld bekanntlich &uuml;ber Kredite gesch&ouml;pft wird, nur &uuml;ber neue Kredite bedient werden kann. So einfach und so popul&auml;r dieser Gedanke ist, so falsch ist er auch, da er gleich zwei elementare Faktoren unterschl&auml;gt. Die Geldmenge, die zur Bedienung der Zinsen ben&ouml;tigt wird, muss nicht gesch&ouml;pft werden &ndash; sie ist vielmehr bereits vorhanden. Die Zinskritiker gehen implizit davon aus, dass die kreditvergebenden Banken die Zinseinnahmen horten. Das ist aber nicht der Fall. Ein Teil der Zinseinahmen flie&szlig;t zum Beispiel in die L&ouml;hne und Geh&auml;lter der Bankmitarbeiter, ein Teil landet auf den Sparb&uuml;chern der Sparer, die der Bank ihr Eigenkapital zur Verf&uuml;gung stellen, ein weiterer Teil flie&szlig;t als Steuern an den Staat und die Gewinne werden entweder als Dividende an die Aktion&auml;re ausgesch&uuml;ttet oder reinvestiert. Aus volkswirtschaftlicher Sicht kreist das Geld &ndash; die Zinskosten des Kreditnehmers werden somit aus dem regul&auml;ren Geldkreislauf gedeckt. Es besteht keine Notwendigkeit, Zinsen und Zinseszinsen durch immer neue Kredite zu bedienen und die Geldmenge bleibt durch den Zins weitestgehend unber&uuml;hrt. <\/p><p><strong>Wachstumszwang?<\/strong><\/p><p>Ein weiterer popul&auml;rer Irrtum der Zinskritiker besagt, dass Zinsen zu einem &bdquo;Wachstumszwang&ldquo; f&uuml;hren und die Wirtschaft &bdquo;unnat&uuml;rlich&ldquo; aufbl&auml;hen. Der Denkfehler hinter dieser Annahme l&auml;sst sich bereits mit einem oberfl&auml;chlichen Blick auf die Zinspolitik der Notenbanken ausr&auml;umen. Nicht hohe, sondern niedrige Zinsen kurbeln die Konjunktur an. Wenn eine Notenbank den Leitzins senkt, werden vermehrt Kredite nachgefragt, was nicht nur die Geldmenge, sondern auch die Investitionssummen steigen l&auml;sst. Erh&ouml;ht eine Notenbank den Leitzins, wirkt dies wie eine Konjunkturbremse. <\/p><p>W&auml;hrend die genannten Irrt&uuml;mer lediglich auf simplen Denkfehlern beruhen, werden bei anderen Fragen munter Ursache und Wirkung vertauscht und Kausalit&auml;ten unterstellt, die bei n&auml;herer Betrachtung nicht vorhanden sind. So wird beispielsweise die Umverteilung von unten nach oben und die damit verbundene Verm&ouml;genskonzentration von den Zinskritikern urs&auml;chlich dem Zins zugeschrieben. Eine kausale Erkl&auml;rung f&uuml;r diese korrekt beobachtete Entwicklung liefern die Zinskritiker jedoch nicht. Empirisch l&auml;sst sich der Zusammenhang von Zins und Verm&ouml;genskonzentration jedoch relativ einfach widerlegen, wenn man sich die Periode von 1945 bis 1980 anschaut. Diese Periode wird auch als &bdquo;gro&szlig;e Kompression&ldquo; bezeichnet und zeichnete sich dadurch aus, dass sich nicht nur die Einkommens-, sondern auch die Verm&ouml;gensschere in allen westlichen Industriel&auml;ndern immer weiter geschlossen hat. W&auml;hrend dieser Periode hat sich jedoch kaum etwas am Geld- oder Zinssystem ver&auml;ndert. Was diese Periode auszeichnete, war vielmehr ein klares Bekenntnis seitens der Politik, mittels Gesetzen und des Steuersystems f&uuml;r eine Angleichung der Lebensverh&auml;ltnisse zu sorgen. <\/p><p>Erst die neoliberale Politik, die von Reagan und Thatcher in den 80ern eingef&uuml;hrt und in den Folgejahren von fast allen westlichen Industriel&auml;ndern kopiert wurde, f&uuml;hrte zum Ende der &bdquo;gro&szlig;en Kompression&ldquo; und zur erneuten &Ouml;ffnung der Einkommens- und Verm&ouml;gensschere. Am Geld- und Zinssystem hat sich jedoch seit Beginn der neoliberalen &Auml;ra ebenfalls relativ wenig ver&auml;ndert. Der Zins war immer da, die Einkommens- und Verm&ouml;gensentwicklungen, die zur heutigen Konzentration am oberen Ende gef&uuml;hrt haben, sind eine direkte Folge der neoliberalen Politik &ndash; vor allem der Steuerpolitik. Wer sich einmal die Entwicklung des Spitzensteuersatzes in den Vereinigten Staaten vor Auge f&uuml;hrt, findet die Erkl&auml;rung, warum sich die Einkommens- und Verm&ouml;gensschere seit 1980 &ouml;ffnet, von ganz allein. Um diese Entwicklung zu analysieren, braucht man keine Zinskritik &ndash; es reicht der gesunde Menschenverstand.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/Spitzensteuersatz-USA.gif\" alt=\"Abbildung: Spitzensteuersatz in den USA\" title=\"Abbildung: Spitzensteuersatz in den USA\"><br>\nAbbildung: Spitzensteuersatz in den USA &ndash; Quelle: Wikimedia Commons<\/p><p><strong>Verunglimpfung der Kritiker<\/strong><\/p><p>Wer die Zinskritik kritisiert, wird von den Vertretern dieser Ideologie gerne in einen Topf mit den Verteidigern des momentanen Banken- und Finanzsystems geworfen. Ganz nach dem Motto: Wer den Zins nicht kritisiert, hei&szlig;t damit automatisch den Casino-Kapitalismus gut. Nichts k&ouml;nnte falscher sein. Das globale Finanzcasino nutzt zwar Zinseffekte und Kredite bei seinen Spekulationen &ndash; Zins und Kredit sind jedoch auch f&uuml;r jeden H&auml;uslebauer, f&uuml;r seri&ouml;se Wirtschaftsunternehmen und Kleinsparer wichtig. Wer das Finanzcasino durch ein Zinsverbot schlie&szlig;en will, bek&auml;mpft damit ein Symptom aber nicht die Krankheit. Es gibt viele Mittel und Wege, Spekulationen zu unterbinden und die Banken wieder ihrer eigentlichen Aufgabe zuzuf&uuml;hren &ndash; ein Zinsverbot geh&ouml;rt jedoch ganz sicher nicht dazu. <\/p><p>Eine Hauptursache der Finanzkrise liegt &uuml;brigens in einem Denkfehler, den die Zinskritiker und die Finanzalchimisten der gro&szlig;en Investmentbanken teilen. Geradeso als h&auml;tten die Zinskritiker mit ihrer Geschichte vom &bdquo;Josephspfennig&ldquo; doch recht, versuchten die Mathematiker der Investmentbanken, synthetische Papiere zu entwickeln, die einen risikolosen Zinsertrag versprechen sollten. Risiko und Zins lassen sich jedoch nicht trennen, mit &bdquo;m&uuml;ndelsicheren&ldquo; Kreditverbriefungen kann man trotz AAA-Ratings keine garantierte Traumrendite erzielen. Um diese bittere Erfahrung zu machen, rissen die Finanzalchimisten das gesamte Finanzsystem in eine der schwersten Krisen seit Menschengedenken.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/0432a7719ce24d11aff233954425411f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Folgen der Finanzkrise haben auch dazu gef&uuml;hrt, dass Fundamentalkritik am Geldsystem immer popul&auml;rer wird. Auch die NachDenkSeiten bekommen regelm&auml;&szlig;ig Mails von Lesern, die uns fragen, warum wir der Zinskritik auf unserer Plattform keinen Raum bieten. 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