{"id":105340,"date":"2023-10-16T09:58:25","date_gmt":"2023-10-16T07:58:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105340"},"modified":"2023-10-18T16:23:00","modified_gmt":"2023-10-18T14:23:00","slug":"selbstgleichschaltung-auf-allen-kanaelen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105340","title":{"rendered":"Selbstgleichschaltung auf allen Kan\u00e4len"},"content":{"rendered":"<p>Kennen Sie das? Sie schalten im Auto das Radio ein, haben keine Lust auf den &uuml;blichen Dudelpop und schalten die sogenannten Infosender durch. Auf Deutschlandfunk &bdquo;debattieren&ldquo; hauseigene Journalisten mit mir namentlich nicht bekannten G&auml;sten aus der Welt der Thinktanks und der Wissenschaft; wobei heute ja nicht mehr immer klar ist, wo das Eine aufh&ouml;rt und das Andere anf&auml;ngt. Man ist sich einig. Israel m&uuml;sse jetzt im Gaza-Streifen ein Exempel in einem so noch nicht gekannten Ausma&szlig; statuieren. Der Begriff &bdquo;V&ouml;lkerrecht&ldquo; kommt in dem Gespr&auml;ch gar nicht vor. Klar, Israel ist ja nicht &bdquo;Putin&ldquo;. Zwischent&ouml;ne oder gar Gegenstimmen gibt es nicht. Mir wird es zu viel. Ich schalte um. Ein kleines Essay von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7567\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-105340-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231016_Selbstgleichschaltung_auf_allen_Kanaelen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231016_Selbstgleichschaltung_auf_allen_Kanaelen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231016_Selbstgleichschaltung_auf_allen_Kanaelen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231016_Selbstgleichschaltung_auf_allen_Kanaelen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=105340-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231016_Selbstgleichschaltung_auf_allen_Kanaelen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231016_Selbstgleichschaltung_auf_allen_Kanaelen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Auf <em>NDR Info<\/em> <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/epg\/Die-Korrespondenten-in-London,sendung1398390.html\">unterhalten<\/a> sich derweil drei hauseigene Journalisten &uuml;ber den Labour-Parteitag. Toll sei der gewesen. Labour sei endlich in der Mitte angekommen und habe die alten linken Kr&auml;fte marginalisiert. Das wurde auch Zeit. Dieser &bdquo;Burgfrieden&ldquo; sei jedoch gef&auml;hrdet, da die Partei ja unter Starmers Vorg&auml;nger Jeremy Corbyn ein &bdquo;echtes Antisemitismusproblem&ldquo; gehabt habe. Zu den Hintergr&uuml;nden <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56712\">der Kampagne gegen Corbyn<\/a> erf&auml;hrt man von den drei Journalisten nichts. Man ist sich einig. Zwischent&ouml;ne oder gar Gegenstimmen gibt es nicht. Mir wird es zu viel. Dann doch lieber Dudelpop.<\/p><p>Es ist zum Heulen. Egal ob in der Zeitung, im Radio oder im Fernsehen &ndash; die Debatten wirken wie gleichgeschaltet. Und es wird immer schlimmer. Das fing mit Corona an, setzte sich &uuml;ber den Krieg in der Ukraine fort und scheint nun beim Nahostkonflikt einen neuen H&ouml;hepunkt zu erreichen. In den &uuml;blichen Talkshows der &Ouml;ffentlich-Rechtlichen war es bei &bdquo;kontroversen Debatten&ldquo; ja immer so, dass vier G&auml;ste samt Talkmaster gemeinsam verbal auf den ein- oder besser vorgeladenen &bdquo;Andersdenkenden&ldquo; einpr&uuml;gelten. Heute gibt es noch nicht mal Andersdenkende unter den G&auml;sten. Zwischent&ouml;ne und Widerspr&uuml;che sind unerw&uuml;nschter denn je. <\/p><p>Als ich vor rund zwanzig Jahren als Quereinsteiger mit dem Journalismus anfing, war ich ein &Uuml;berzeugungst&auml;ter. Als kritischer &Ouml;konom regte ich mich f&uuml;rchterlich &uuml;ber die manipulative neoliberale Schlagrichtung in den Medien auf, die in Sendungen wie <em>Sabine Christiansen<\/em> damals ihren H&ouml;hepunkt hatte. R&uuml;ckblickend war sogar <em>Christansen<\/em> ausgewogen &ndash; zumindest im Vergleich zu dem, was einem heute bei ihren Nachfolgern wie <em>Anne Will<\/em>, <em>Markus Lanz<\/em> oder <em>Maybrit Illner<\/em> so geboten wird. Die Gleichschaltung hat ein groteskes Ma&szlig; erreicht.<\/p><p>Gleichschaltung? Das ist doch Nazi-Vokabular. Bei diesem Vorwurf hei&szlig;t es dann immer, es sei unanst&auml;ndig, solche Vergleiche aufzustellen. Schlie&szlig;lich lebten wir ja in einer Demokratie und niemand schreibe den Journalisten vor, was sie zu denken und zu schreiben h&auml;tten. Zumindest Letzteres ist richtig, macht die Sache aber auch nicht besser. <\/p><p>Wann kamen denn beispielsweise in der letzten Woche zum Nahostkonflikt oder zum Krieg in der Ukraine kritische Stimmen zu Wort? Alle gro&szlig;en Medien wirken wie gleichgeschaltet. Und da ist er wieder, dieser &bdquo;b&ouml;se&ldquo; Begriff aus dem Dritten Reich. Doch bevor man seinen Pawlow&rsquo;schen Reflexen freien Lauf l&auml;sst, sollte man vielleicht erst einmal er&ouml;rtern, wie genau die Gleichschaltung damals aus Lesersicht empfunden wurde. Dazu hat der gro&szlig;e Publizist Sebastian Haffner in seinem empfehlenswerten Buch &bdquo;Von Bismarck zu Hitler&ldquo; einige bemerkenswerte S&auml;tze geschrieben.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Goebbels verbot die b&uuml;rgerlichen Zeitungen nicht. Verboten waren alle fr&uuml;heren sozialdemokratischen und kommunistischen Zeitungen. Man kann nicht einmal sagen, dass er die b&uuml;rgerlichen Zeitungen so richtig nazifizierte. [&hellip;] Sie schrieben auch, wie sie immer geschrieben hatten und sie sollten auch so schreiben. Es gab im Dritten Reich durchaus eine Art Pressevielfalt. Wer die Frankfurter Zeitung las, der bekam die Dinge in einem ganz anderen Ton und Stil dargestellt, als jemand, der den v&ouml;lkischen Beobachter las und auch der unterschied sich von den nationalsozialistischen Kampfbl&auml;ttern. Der Zeitungsleser hatte durchaus die Wahl, die Dinge so dargestellt zu sehen, wie er es sich w&uuml;nschte&ldquo;.<br>\naus Sebastian Haffner &ndash; Von Bismarck zu Hitler\n<\/p><\/blockquote><p>Gleichschaltung und Pressevielfalt waren also selbst im Dritten Reich kein Widerspruch. Und auch heute liest sich ein Kommentar in der <em>FAZ<\/em> ganz anders als ein Leitartikel in der <em>taz<\/em>. Die verschiedenen G&auml;ste der TV-Talkshows bringen die immer gleiche Linie ebenfalls durchaus mit verschiedenen Artikulationen vor. Und kritisch ist man in seinem eigenen Selbstverst&auml;ndnis ja auch. Wenn es beispielsweise um Waffenlieferungen in die Ukraine geht, positioniert man sich gerne &auml;u&szlig;erst regierungskritisch &ndash; man sagt, die Regierung tue zu wenig, und fordert mehr Waffen. So seltsam sich das anh&ouml;rt, im modernen Selbstverst&auml;ndnis des real existierenden Journalismus ist das Kritik. Den Vorwurf von au&szlig;en, man sei zu unkritisch, l&auml;sst man daher nicht gelten.<\/p><p>Der gr&ouml;&szlig;te Unterschied zum Medienwesen im Dritten Reich ist jedoch, dass heute kein Kollege mehr &bdquo;von oben&ldquo; gezwungen werden muss, irgendetwas zu schreiben, an das er nicht glaubt. Man glaubt heute, was man schreibt. Da ist kein Zwang n&ouml;tig. Politik und Medien befinden sich in einer toxischen R&uuml;ckkoppelung. In den entscheidenden Punkten ist man einer Meinung und kaum wer wagt es, aus diesem harmonischen Einheitskonzert mit gespielten Disp&uuml;tchen auszuscheren. <\/p><p>Und dabei steigert man sich selbst immer weiter in die Eskalationsspirale. Wir sind die Guten, und wer das anders sieht, ist ein Feind des Guten. Russland, China &hellip; wir m&uuml;ssen unsere Werte gegen diese Feinde verteidigen; noch defensiv, aber wahrscheinlich bald auch offensiv. Vielleicht sollte man dazu einmal Sebastian Haffner lesen. Wie es so weit kommen konnte, dass Teile des deutschen Volkes sich vor etwas mehr als 80 Jahren einen Krieg geradezu herbeigesehnt haben, beschreibt er in &bdquo;Von Bismarck zu Hitler&ldquo; sehr anschaulich. Wie viele andere Historiker schreibt auch Haffner dabei den Journalisten einen gro&szlig;en Teil der Verantwortung zu.<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105469\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Suradech Prapairat\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/c03ca20381ec4235b97c5a6ecd7fd8d3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kennen Sie das? Sie schalten im Auto das Radio ein, haben keine Lust auf den &uuml;blichen Dudelpop und schalten die sogenannten Infosender durch. 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